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30 Jahre „Deutsch – Ein Lehrbuch für Ausländer“ (1960 – 1990)

2011 15. Dezember
von Hans Lindner

Da in einigen Beiträgen des Herder-Blogs auch auf das Standard-Werk des Herder-Instituts Deutsch – Ein Lehrbuch für Ausländer eingegangen wurde, möchte ich als vermutlich letzter noch lebender Autor, der das Lehrwerk 1957 mit aus der Taufe gehoben und bis zur letzten Auflage im Jahre 1989 begleitet hat, einiges zur Entstehung und Entwicklung dieses Lehrwerkes sagen. Da Alter und Zeit manche Erinnerungen unscharf werden ließen, bin ich für Ergänzungen, Richtigstellungen und Korrekturen im Rahmen des Herder-Blogs dankbar.

Doch zuvor einige Bemerkungen zu meinem persönlichen Werdegang. Ich begann nach einem ‚Neulehrer-Lehrgang‘ am 1. September 1946 als Russischlehrer an einer Leipziger Grundschule. 1952 wurde ich an die Max-Klinger-Schule versetzt und erhielt Mitte Oktober 1954 von meinem Bezirksschulrat die Aufforderung, bei ihm zu einer Aussprache zu erscheinen. Bei dieser Aussprache saß ich plötzlich einer Kommission von fünf mir unbekannten Personen gegenüber. Es waren das zwei Vertreter des Staatssekretariats für das Hoch-und Fachschulwesen, Paul Leonhardt und Gertraud Hennlich (später: Heinrich) von der Abteilung Ausländerstudium der ABF und der Bezirksschulrat. Man fragte mich, ob ich bereit wäre, an der Abteilung Ausländerstudium der ABF zu arbeiten. Mein Hinweis, dass ich doch ausgebildeter Russischlehrer sei, entkräftete man damit, dass man besonders an meinen fremdsprachenmethodischen Kenntnissen interessiert sei, die man bei einem Teil der bisher eingesetzten Deutschlehrer vermisst habe. Die vielleicht fehlenden Kenntnisse im grammatikalischen Aufbau der deutschen Sprache könnte ich mir ja noch während meiner Unterrichtsarbeit aneignen. (Auf Neudeutsch also learning by doing. Nur das mir damals diese Redewendung noch völlig unbekannt war.) Ich bat um die Möglichkeit, an der Abteilung Ausländerstudium einige Tage hospitieren zu dürfen.
Nach drei Tagen war mir klar: Das ist dein neues Arbeitsgebiet, und Ende Oktober trat ich meine Stelle an der Abteilung Ausländerstudium als Dozent (an der ABF nannten sich alle Lehrkräfte Dozent) für Deutsch als Fremdsprache an. Am Beginn der Deutschausbildung ausländischer Studierender hatte man noch mit sowjetischen Deutschlehrbüchern gearbeitet. In der Zwischenzeit war aber bereits von einem Kollektiv unter der Leitung von Gertraud Hennlich im Manuskriptdruck ein Lehrbuch entstanden, das besser auf die Vorbereitung der ausländischen Studierenden auf das Studium einging. Mit diesem Lehrbuch, das ständig durch Übungsblätter ergänzt wurde, begann ich ab Oktober 1954 zu arbeiten. Als im August 1956 die Arbeiter-und -Bauern-Fakultät Leipzig aufgelöst wurde, entstand aus der bisherigen Abteilung Ausländerstudium das selbständige Institut für Ausländerstudium. Einige Lehrkräfte der ABF wurden von unserem Institut übernommen, unter ihnen auch der bisherige Studiendirektor für Gesellschaftswissenschaften an der ABF Alexander Porz. Er wurde an unserem Institut als Leiter der Abteilung Erziehung und Ausbildung eingesetzt.

Zu Beginn des Studienjahres 1957/58 schlug er der Institutsleitung vor, das Provisorium des Manuskriptdrucks zu überwinden und an die Erarbeitung eines bei einem Verlag erschienenen Lehrbuches zu gehen. Das machte sich auch vor allem deshalb notwendig, da von Oberschulen sozialistischer Länder verstärkt die Forderung an uns herangetragen wurde, sie mit Lehrmaterial für die Deutschausbildung ihrer Schüler zu unterstützen. Die Institutsleitung stimmte dem Vorschlag zu, und wir begannen unter der Leitung von Alexander Porz mit der Bildung eines Autorenkollektivs. Leider gelang es uns nicht, Gertraud Hennlich und Ursula Förster für die Mitarbeit zu gewinnen, da beide zu dieser Zeit an ihrer Promotion arbeiteten. (Der wahre Grund ihrer AbAutorenkollektivs, 7 Deutschlehrer lehnung war jedoch, dass sie nicht unter der Leitung von Alexander Porz arbeiten wollten.) Für alle 10 Mitglieder des Autorenkollektivs, 7 Deutschlehrer und 3 ehemalige Fremdsprachenlehrer, war die Erarbeitung eines Lehrbuches für Deutsch als Fremdsprache Neuland. Sie konnten sich bei dieser Arbeit nur auf die praktischen Erfahrungen stützen, die sie in ihrer bisherigen Unterrichtsarbeit gesammelt hatten. Theoretische Grundlagen lagen noch nicht vor bzw. waren gerade erst in Arbeit. Trotzdem gingen alle Mitglieder des Kollektivs mit einem Enthusiasmus an die Arbeit, der typisch für die damalige Zeit, der Zeit des Aufbruchs, in der DDR war. Die gesamte Lehrbucharbeit musste neben der eigentlichen Unterrichtsarbeit ohne bminderungsstunden geleistet werden. Einmal wöchentlich kam das Kollektiv zu einer gemeinsamen Arbeitsbesprechung zusammen, auf der die von den Kollegen ausgearbeiteten Vorlagen besprochen wurden. Für diese Besprechung war immer die Zeit von 15 bis 20 Uhr festgelegt. Doch oft verließen die Kollegen erst kurz vor 22 Uhr das Institut. Wir hatten festgelegt, dass nicht zwei Kollegen eine gesamte Lektion ausarbeiteten, sondern sie konnten sich das Arbeitsgebiet aussuchen, für das sie sich besonders interessierten: Texterarbeitung. Grammatikdarstellung, Übungen zum Text, zur Grammatik und zum Wortschatz. Nach einigen Wochen stellte sich ein Problem heraus, mit dem wir gar nicht gerechnet hatten. Wir fanden in Leipzig keinen Verlag, der bereit war, unser Lehrbuch in sein Verlagsprogramm aufzunehmen. Noch nie war in der DDR ein solches Lehrwerk zum Druck vorgelegt worden, und wir konnten auch keine Aussagen machen, wie hoch der genaue Bedarf dieses Lehrbuches sein wird. Deshalb war es verständlich, dass die Verlage bei dieser unsicheren Ausgangsposition,  ihren begrenzten Papierkontingenten und Druckkapazitäten kein Risiko eingehen wollten. Schließlich gelang es uns, in Halle den VEB Max Niemeyer Verlag für unser Unternehmen zu gewinnen, und so erschien die erste Auflage von „Deutsch -Ein Lehrbuch für Ausländer Teil I“mit bescheidenen 10 000 Exemplaren Ende 1959. Auf Grund der schlechten Papierqualität mussten wir uns mit grafischen Zeichnungen begnügen, an die Aufnahme von Fotos zur Illustration unserer Texte war gar nicht zu denken.

Wenige Wochen nach Erscheinen unseres Lehrbuches begannen Alexander Porz und Werner Kötz, ein Autor unseres Lehrbuchkollektivs, mit ihrer Promotion, wobei sie sich auf die Erfahrungen, die sie bei der Erarbeitung unseres Lehrbuches gesammelt hatten, stützten. Und ich, der nichts weiter vorweisen konnte als eine Mittlere-Reife-Prüfung aus dem Jahre 1941 und einer Attestation als Fachlehrer für Russisch der Mittelstufe begann mit einem Fernstudium im Fach Deutsch am Pädagogischen Institut Leipzig. Das war bitter, auch wenn man mich auf Grund meiner Lehrbucharbeit von der abschließenden Hausarbeit befreite. Gleich anschließend setzte ich mein Fernstudium an der Pädagogischen  Hochschule Potsdam fort. In meiner Staatsexamensarbeit beschäftigte ich mich mit „Untersuchungen zu analytischen Verbalverbindungen in der wissenschaftlichen Literatur“, wobei ein umfangreiches Kapitel auch auf die Rolle der Verbalverbindungen in den Lehrbüchern des Herder-Instituts einging. Als ich im August 1967 der Institutsleitung den erfolgreichen Abschluss meines Fernstudiums mitteilte, stand nach einer kurzen Gratulation gleich die Forderung im Raum: „Und nun geht’s mit der Promotion weiter“. Dieser Forderung musste ich allerdings eine Absage erteilen, denn sechs Jahre Fernstudium und das mit 42 Jahren hatten mich bis an die Grenzen meines Leistungsvermögens geführt.

Nach dem Abschweifen auf persönliche Probleme während meiner Lehrbucharbeit wieder zurück zum eigentlichen Thema dieses Blogs. Bereits im Sommer 1961 erschien die dritte Auflage unseres Lehrbuches. Die große Nachfrage bewies uns,  dass wir und auch der Verlag mit unserem Lehrbuch auf dem richtigen Wege waren. Wir erhielten viele Zuschriften aus dem In- und Ausland, die oftmals auch Anregungen und Hinweise zu möglichen Verbesserungen enthielten, die wir – soweit möglich – in den folgenden Auflage berücksichtigten. Inzwischen hatten wir einen Schlüssel und in Zusammenarbeit mit Studenten des Instituts folgende Glossare herausgegeben: Deutsch – Englisch – Albanisch Deutsch – Russisch – Polnisch Deutsch – Französisch – Rumänisch Deutsch – Tschechisch – Bulgarisch Später folgten noch: Deutsch – Arabisch – Indonesisch Deutsch – Finnisch – Schwedisch Deutsch – Englisch – Hindi Im Frühjahr 1963 erschien bereits die fünfte Auflage unseres Lehrbuches mit weiteren 15 000 Exemplaren, so dass wir eine Auflagenhöhe von 65 000 erreichten.  Inzwischen war zu dem Lehrbuch eine Mappe mit sechs Langspielplatten erschienen, auf denen die Texte des Lehrbuches in einwandfreier Aussprache in Lautung, Wort- und Satzintonation von geschulten Sprechern vorgetragen wurden. Damit erhielt das Lehrbuch eine wichtige und wertvolle Ergänzung: Bereits im Frühjahr 1965 erschien die siebente Auflage unseres Lehrbuches. In der Zwischenzeit war ein Verlagswechsel vor sich gegangen. Das Buch wurde ab dem Jahre 1965 vom VEB Verlag Enzyklopädie Leipzig herausgegeben, in dem ab 1964 alle in der DDR herausgegebenen Wörterbücher, Lehrbücher für Erwachsene usw.  erschienen.
Gleich nach der Abgabe des Manuskripts zum Teil I begann ein auf sechs Mann verkleinertes Autorenkollektiv mit der Arbeit an „Deutsch- Ein Lehrbuch für Ausländer Teil II“. Dieses Buch setzte die im Teil I begonnene Arbeit fort, d. h., die bisher erworbenen Grammatik- und Vokabelkenntnisse wurden durch einen umfangreichen Übungsteil erweitert und vertieft. Die Texte des Lehrbuches, leicht adaptierte und gekürzte Originaltexte, gaben einen Einblick in das politische, wirtschaftliche und kulturelle Leben der DDR und vermittelten auch einige Kenntnisse von der deutschen Geschichte. Wir holten z.B. die Genehmigung von Helene Weigel, der Chefin des Berliner Ensembles, ein, um Worte und Gedichte von Bertolt Brecht in unser Lehrbuch aufnehmen zu können. Wie erfreut waren wir, als sie sich so gar bereit erklärte, diese Worte selbst auf unsere Schallplatten zum Teil II zu sprechen. Zum besseren Verständnis der Texte ergänzten wir das Geschriebene durch Schwarz-Weiß-Fotografien. Ihre Wiedergabe war aber durch die schlechte Papierqualität so ungenügend, dass wir uns in den  nächsten Lehrbüchern wieder mit grafischen Zeichnungen begnügten. Beim Schreiben dieses Beitrages las ich noch einmal den letzten Text dieses Lehrbuches mit dem Titel „Rückblick und Ausblick“. In diesem Text heißt es: … Was wird das Jahr 2000 bringen? Der technische Fortschritt schreitet mit Siebenmeilenstiefeln vorwärts. Wir werden das Flugzeug nehmen wie heute das Fahrrad. Die Kontinente rücken zusammen, die Entfernungen schrumpfen. Die Menschen werden sich nahe kommen, sehr nahe, denn Entfernungen sind oft nur Fragen von zehn oder zwanzig Minuten. … Ganz Deutschland,…, wird ein reiches und blühendes Land der friedlichen Arbeit sein. Frankfurt am Main und Erfurt, zwei große deutsche Städte von vielen, sind längst wieder Städte in nicht nur einem Land, sondern auch in einem Staat geworden. Was wir heute noch schmerzlich empfinden, wird eine längst vergangene, traurige Geschichte sein, denn Hessen und Thüringen sind sich näher als sonst gekommen. … So wird es sein! Ja, so wurde es. Aber unter einem anderen Vorzeichen, als der Autor es sich vorgestellt hatte. Auch dieses Lehrbuch erreichte bis 1967 sieben Auflagen.
Parallel zu diesem Lehrbuch entwickelte ein Autorenkollektiv unter der Leitung von Lothar Kaiser „Deutsch – Ein Lehrbuch für Ausländer Teil II“, das Fachtexte zur Mathematik, Physik, Chemie und Biologie enthielt, die den Ausländer auf ein Studium dieser Fachrichtungen vorbereiten bzw. ihn befähigen sollte, auch in seiner Heimat deutsche Fachbücher und -zeitschriften zu lesen.
Relativ unbekannt ist, dass es auch ein „Deutsch – Ein Lehrbuch für Ausländer Teil III“ gab. Dieses Buch war eine Gemeinschaftsarbeit von Kollegen des Herder-Instituts und Mitgliedern der Fachkommission Deutsch für Ausländer an den Universitäten und Hochschulen. Zum Autorenkollektiv dieses Lehrbuches gehörten u. a. auch die Kollegen Hans-Joachim Buscha und Johannes Wenzel, damals noch Lehrkräfte am Deutschlektorat der Sprachabteilung der Karl-Marx-Universität Leipzig. Dieses Lehrbuch unterschied sich wesentlich von den Teilen I und II. Während in diesen Lehrbüchern Grammatik und Wortschatz systematisch vermittelt wurden, hatte Teil III den Charakter eines Lese-und Übungsbuches für Fortgeschrittene. Wir verzichteten auf einen besonderen Grammatikteil und beschränkten uns auf einen Text- und Übungsteil. Bei den Texten handelte es sich fast ausschließlich um teilweise gekürzte Originaltexte. Dieses Lehrbuch erreichte allerdings nur drei Auflagen, da Kollegen von den Hoch- und Fachschulen, so u. a. auch Hans-Joachim Buscha und Johannes Wenzel, bald eigene Lehrmaterialien veröffentlichten. 1966 wurde Alexander Porz als Prorektor für Studienangelegenheiten an die Karl-Marx-berufen berufen. Das hatte sein Ausscheiden aus unserem Autorenkollektiv als Leiter zur Folge. Das Kollektiv bat mich, die Leitung des Autorenkollektivs zu übernehmen, und nach Rücksprache mit der Institutsleitung stimmte diese dem Vorschlag zu. Vor uns standen große Aufgaben. Beide Lehrbücher waren bis jetzt mt jeweils nur gering veränderten sieben Auflagen erschienen. Die achte Auflage sollte eine völlig neue Fassung unseres Lehrbuches bringen. Um dies zu schaffen, wurden auch einige Veränderungen in der Zusammensetzung des Autorenkollektivs vorgenommen. Martin Löschmann konnte für die Mitarbeit gewonnen werden, und auch Gertraud Heinrich arbeitete bis zu ihrem frühen Tod aktiv im Autorenkollektiv mit. An Martin war ich aus zwei Gründen besonders interessiert: Erstens hatte er in der Zeitschrift Deutsch als Fremdsprache eine Reihe von Beiträgen zu unserem Fachgebiet veröffentlicht, und zweitens hatte er bisher unser Unternehmen immer sehr kritisch begleitet, und ich hatte einen solch kritischen Kollegen lieber im Boot als außerhalb. An den Anfang der achten Auflage unseres Buches stellten wir einen phonetischen Einführungskurs, erarbeitet von Helga Dieling, der den Lernenden mit der deutschen Lautung vertraut machen, ihn aber gleichzeitig auch zu ersten zusammenhängenden sprachlichen Äußerungen befähigen sollte. Das Lehrbuch umfasste 50. Lektionen, die anfangs wichtige Alltagssituationen wiedergaben, ab der 26. Lektion aber im Interesse der Vermittlung eines polytechnischen Wortschatzes auch über den engen Alltag hinausgingen. Vier Lektionen bildeten immer eine Einheit, wobei der erste Text der analytischen Erarbeitung des Sprachstoffes diente; die folgenden zwei Dialoge sollten die Konversationsfertigkeit entwickeln. Der vierte Text, der im Gegensatz zu den vorangegangenen keine neuen grammatischen Strukturen und nur wenige neue Wörter enthielt, diente der Entwicklung des verstehenden Lesens. In der Grammatik wurde das bewährte Minimum nur unwesentlich erweitert. Eine stärkere Berücksichtigung als bisher fand jedoch die Wortbildung. Da im Ausland nicht immer die Möglichkeit bestand, alle 50 Lektionen durchzunehmen, war die 25. Lektion eine Wiederholungslektion,  so dass bereits hier ein Sprachlehrgang beendet werden konnte. Neben den sechs Sprechplatten, die auch zu diesem Lehrbuch erschienen, wurde die achte Auflage noch durch ein Tonband ergänzt, dass die phonetischen Übungen des Lehrbuches enthielt. Es sollte vor allem den Deutsch Lernenden helfen, die im Ausland ohne Lehrer lernen, sich die deutsche Aussprache anzueignen. Das Tonband begann mit Übungen zu den Vokabeln. Daran schlossen sich Übungen zu den Diphthongen, zum Vokaleinsatz, zu den Konsonanten und Konsonantenverbindungen an. Besonderer Wert wurde auf die Konfrontierung bestimmter Laute gelegt, deren Differenzierung dem Deutsch lernenden Ausländer oft Schwierigkeiten bereitet.

Gleich nach der Abgabe des Manuskriptes für die überarbeitete Fassung des Teiles I gingen wir daran, auch Teil II völlig neu zu konzipieren. Martin Löschmann, der mit seiner Promotion „Zur Entwicklung des unmittelbaren Verstehenden Lesens im Deutschunterricht für Ausländer“ viel zur Text- und Übungsgestaltung eines modernen fremdsprachlichen Leseunterrichts beigetragen hatte, arbeitete jetzt mit mir an der Gesamtredaktion des Teiles II., dessen zentrales Anliegen war, auf der Grundlage eines Minimums an allgemeinwissenschaftlichem Sprachmaterial die Gesprächs- und Lesefähigkeit weiter zu entwickeln. Der Grammatikteil wurde um Strukturen erweitert, die den Sachstil der Wissenschaftssprache kennzeichnen. Zum ersten Mal wurde uns ein halber Bogen (8 Seiten) Kunstdruckpapier zugestanden. Aber wir erreichten beim Verlag nicht, diese Seiten dort einzubauen, wo sie zur Illustration der Texte beigetragen hätten. Sie kamen als geschlossener Block an das Ende des Lehrbuches. Diese achte Auflage, besonders sein erster Teil, wurde zum Renner des Verlages. Man sprach im Verlag und zum Teil auch im Institut auf Grund des blauen Einbandes des Buches oft auch vom ‚Blauen Wunder‘. Mitte der 70er Jahre erreichten wir die erste Millionen Auflage, Glossare und Schlüssel nicht mit eingerechnet. 1974 wandte sich der japanische Geirin-Shobo Verlag mit der Bitte an uns,Auszüge aus unserem Lehrbüchern Teil I und II zu übernehmen. Natürlich erteilten wir sofort die Genehmigung, und 1975 erschien in diesem Verlag unter dem Titel „Deutsch – Ein Lehrbuch für Studenten“ –  eine kleines bescheidenes Lehrbuch mit vielen Texten und Übungen aus unseren Büchern.

Es soll nicht verschwiegen werden, dass die Lehrbucharbeit auch finanzielle Vorteile für die Autoren brachte. Um auch das Institut an den Honoraren teilhaben zu lassen,schufen wir einen Fond, auf den das Institut bei besonderen Ausgaben für Institutsfeste, gemeinsame Exkursionen, runde Geburtstage, Auszeichnungen usw. zurückgreifen konnte. Er hieß am Institut nur der „Lindner-Fond“. Zweimal wurden auch 20 000 Mark auf das Solidaritätskonto der Universität überwiesen. Mitte der 70er Jahre schloss der Direktor des Instituts, Prof. Dr. Rößler, mit dem Verlag eine Vereinbarung ab, dass der Verlag nur noch 30% des Honorars an die Autoren und 70% des Honorars direkt auf ein Konto des Herder-Instituts überweist. Mit diesem Geld sollten Autoren, deren Verlagsveröffentlichungen nicht so hohe Auflagen erzielten bzw. nur als Hausdrucke erschienen, finanziell unterstützt und motiviert werden. Der so genannte „Lindner-Fond“ war damit aufgelöst und ein institutioneller Fond entstanden. Diese Maßnahme sollte sich Ende der 70er Jahre schwer rächen. Bei einer Finanzkontrolle am Institut stießen die Beamten auf dieses Konto, deklarierten es als ein „schwarzes, nicht erlaubtes Konto“, und der Fiskus strich das gesamte Geld ein.

In der Zwischenzeit hatte sich am Institut ein zweites Lehrbuchkollektiv gebildet, das ein Deutschlehrbuch entwickelte, das noch spezieller auf die Ausbildung ausländischer Studierender einging als das unsrige. Dadurch konnte es aber niemals die Auflagenhöhen erreichen wie „Deutsch – Ein Lehrbuch für Ausländer“. Wir aber hatten jetzt die Möglichkeit, noch besser auf die Wünsche unserer ausländischen Benutzer einzugehen. Ab 1980 nahmen wir eine völlige Neubearbeitung der beiden Lehrbücher Teil I und II vor. Vor allem wurde der doch sehr umfangreiche Teil I auf zwei Lehrbücher, Teil 1a (1.-20. Lektion) und 1b (21.- 40. Lektion) aufgeteilt. Dadurch wurden beide Lehrbücher benutzerfreundlicher.  Ein Problem konnten wir jetzt auch vorsichtig in Angriff nehmen: die einseitige Ausrichtung unserer Lehrbücher auf die DDR. Seit der 1. Auflage durften wir auf Anweisung des Ministeriums nicht auf die Existenz der BRD eingehen. In unseren Lehrbüchern existierte nur die DDR. Seit Anfang der 80er Jahre forderten unsere ausländischen Benutzer aber immer stärker, diese einseitige Ausrichtung aufzugeben, und bei der Neubearbeitung konnten wir zum ersten Mal diesen Wünschen etwas Raum geben. Das Lehrbuch setzte sich zum Ziel, Sprechen, Hören, unmittelbar verstehendes Lesen und Schreiben als die Hauptsprachtätigkeiten zu entwickeln, wobei der Entwicklung des Sprechens besondere Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Dafür wurde der Umfang der kommunikativen Übungen zu Gesprächssituationen wesentlich erweitert. Zum ersten Mal wurden zu dem Lehrbuch Unterrichtshilfen, ausgearbeitet von Rosemarie Freyer-Woynikowa, herausgegeben, die methodische Hinweise und landeskundliche Informationen zu den einzelnen Lektionen enthielten. Dabei verzichteten die Unterrichtshilfen aber bewusst auf detaillierte Vorschläge für die Unterrichtsgestaltung, denn sie wollten nur Anregungen geben, indem sie für den Lehrer ein Angebot von methodischen Möglichkeiten zur freien Auswahl enthielten. An die Stelle der Sprechplatten traten Mitte der 80er Jahre Tonbandkassetten, die sämtliche Dialogtexte sowie Lieder und Gedichte enthielten. Dabei kam es uns darauf an, dass die Kassetten das wirklich gesprochene Wort präsentierten und keine Idealnorm, die auch der Ausländer nie zu hören bekommt. Den Spaß erhöhen sollten Geräuschkulissen, die einige Stücke begleiteten. 1984 erschien „Deutsch – Ein Lehrbuch für Ausländer Teil 2â, das auf den Kenntnissen des Wortschatzes und der Grammatik der Teile 1a und 1b aufbaute. Den Texten lagen jetzt Originaltexte zugrunde, die leicht adaptiert und gekürzt wurden. Erfreut und auch ein wenig stolz waren wir, als 1985 ein weiterer japanischer Verlag um Genehmigung bat, aus unseren neuen Auflagen von „Deutsch – Ein Lehrbuch für Ausländer Teil 1a/1b und 2“ Nachdrucke vornehmen zu dürfen. Im Sommer 1989 gab der Verlag wieder eine hohe Auflage der Teile1a, 1b und 2 heraus. Damit überschritten wir die 2 Millionen Grenze des Lehrwerkes „Deutsch – Ein Lehrbuch für Ausländer“. Allerdings hatte der Verlag nicht mit dem Sieg der friedlichen Revolution im Oktober 1989 gerechnet. Bereits im Januar 1990 wurde die DDR, aber auch viele andere sozialistische Länder, mit westdeutschen Lehrmaterialien, alle auf Kunstdruckpapier und mit schönen bunten Bildchen versehen, überschwemmt. Da wurde erst einmal auf den schönen Schein geachtet und weniger auf den Inhalt des Buches. Der Verkauf unserer Bücher ging nurschleppend voran, und ein großer Teil der letzten Auflage ging wie so viele Bücher der DDR-Literatur in den Schredder. Damit fand die 30jährige Geschichte eines Lehrwerkes ein Ende, das jahrelang die Entwicklung des Herder-Instituts mit geprägt und zu dessen internationalem Ansehen beigetragen hat.

  1. Imke Wulff permalink
    Dezember 21, 2011

    Sehr geehrter Herr Lindner,
    koennen Sie mir sagen, ob das Lehrbuch noch irgendwo erwerbbar ist?
    Mit freundlichen Gruessen,
    Imke Wulff

  2. Hans Lindner permalink
    Januar 19, 2012

    Sehr geehrte Frau Wulff,

    bei Google werden unter „deutsch-einlehrbuchfürausländer“ besonders im ZVAB-Verzeichnis noch einige Bücher unserer Lehrbuchreihe angeboten. Natürlich sind es alles gebrauchte Exemplare. Auch http://www.buchfreund.de bietet noch einige Exemplare an, sogar Teil I – III der Auflagen von von 1967 – 1970 und die Teile 1a und 1b der Auflagen 1987/88. Natürlich sind auch alle Auflagen in der Deutschen Nationalbibliothek Leipzig einzusehen.

    Ein ruhiges und erholsames Weihnachtsfest sowie alles Gute für 2012 wünscht Ihnen

    Hans Lindner

  3. Martin Löschmann permalink*
    Januar 19, 2012

    Die Veranstaltung kurz nach der Wende (wahrscheinlich etwa ein Jahr danach), die DaF-Lehrbuchautoren aus West und Ost zusammenführen sollte, muss nicht erinnert werden, wohl ein Pausengespräch.

    Gerhard (Wazel, Jena) auf Martin (Löschmann, Leipzig) zugehend:
    „Du, Martin, die interessieren sich doch gar nicht für unsere Bücher.“
    „Gerhard, du merkst aber auch alles.“

  4. Nadeshda Kusnetsova (Himberg) permalink
    März 1, 2012

    Sehr geehrter Herr Lindner,

    ich möchte Ihnen herzlich zum 30-jährigen Jubiläum Ihrer Lehrbuchserie “Deutsch für Ausländer” gratulieren. Sie war und ist ein wichtiges Ereignis im Bereich der Fremdsprachendidaktik.

    Zu den Zeiten der Sowjetunion habe ich selber als Schülerin des Gymnasiums für Russlandsdeutsche in Tomsk Ihr „Blaues Wunder“ – so in Deutschland genannt – als Lehrbuch verwendet, später es als Germanistikstudentin im Fach Didaktik der deutschen Gegenwartssprache analysiert und auch jetzt noch als Professorin blättere ich gelegentlich gerne darin, auch wenn selbstverständlich heute manches veraltet ist. Solch ein bis in die Einzelheiten durchdachtes Übungssystem, wie es in “Deutsch für Ausländer” praktiziert wird, ist wegweisend gewesen. Wie viel Engagement Ihres Teams und mühsame Arbeit in jeder Seite Ihrer Lehrbücher steckt, versteht man wohl dann am besten, wenn man selber Lehr- und Lernmaterialien erarbeitet bzw. begutachtet hat.

    Der Erfolg der Lehrbuchserie “Deutsch für Ausländer” damals in der Sowjetunion war begründet. Und auch jetzt noch ist diese Lehrbuchserie in Russland nicht vergessen und wird immer noch als gelungenes Beispiel eines Lehrwerks für Deutsch angeführt.

    In Dankbarkeit für Ihren inhaltsreichen Artikel und mit freundlichen Grüßen
    Prof. Dr. habil. Nadeshda Himberg-Kusnetsova
    Tomsk, Russland

  5. Hans Lindner permalink
    März 4, 2012

    Hans Lindner
    März 4. 2012

    Sehr geehrte Frau Professor Kusnetsova,

    es tut gut, mit 87 Jahren solch anerkennende Worte über unsere damals geleistete Arbeit zu lesen. Herzlichen Dank.
    Ich wünsche Ihnen bei Ihrer wissenschaftlichen Arbeit auch weiterhin viel Freude und Erfolg.
    Viele Grüße aus Leipzig ins ferne Tomsk

    Hans Lindner

  6. A. Belkacem permalink
    April 23, 2015

    Ich habe von September 1977 bis Juli 1978 ein Deutschlehrgang zur
    Vorbereitung für ein Hochschullehrgang erfolgreich
    absolviert. Mir haben die 2 dicken Deutschlehrbücher sehr gefallen.
    Leider sind sie verschollen. Ich würde gern diese Bücher nochmal
    haben.
    Frage: Besteht für mich die Möglichkeit, die heutigen Lehrbücher zu
    erwerben? Wenn, ja, wie?
    Vielen Dank im Voraus für Ihre Unterstützung bei dieser
    Herzensangelegenheit.

    • Habs Lindner permalink
      April 24, 2015

      Sehr geehrter Herr Belkacem,

      leider muss ich Sie enttäuschen. Diese Lehrbücher sind auch antiquarisch nicht mehr zu erhalten. Bei http://www.buchfreund.de werden nur noch die Lehrbücher Deutsch 1b und Deutsch 2 (Auflage 1990) antiquarisch angeboten.
      Mit freundlichem Gruß
      Hans Lindner

  7. Timur Bamberger permalink
    Juni 22, 2015

    Liebes Herder-Institut-Team,
    moechte Ihnen einen herzlichen Dank fuer Ihr hervorragendes Lehrbuch und dessen unuebertreffliche „Sprachvermittlung“ sagen.
    Dies war und bleibt meiner Meinung nach das das Deutschlehrbuch ‚aller Zeiten“.
    Hochachtungsvoll Ihr Leser

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