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Antje Dombrowski und Martin Löschmann (Hrsg.): Zum 80. Todestag von Adam Kuckhoff. Ein kleines Familiengedenkbuch (2023) Leipzig: Engelsdorfer Verlag

2023 5. August
von Michael Thormann

Der Widerstand im Dritten Reich „war und ist kein populäres Thema – damals nicht und heute nicht“, schreibt Ralph Giordano in seinem Buch „Die zweite Schuld“ und das hat verschiedene Gründe. /1/ Zum einen vergleicht er den Widerstand mit einer Insel „im Meer der braunen Zustimmung“, was den Respekt für alle, die widerstanden, nur erhöht. Zum anderen erinnert Giordano an die verengte Wahrnehmung in der alten Bundesrepublik, wo der Widerstand „links von der SPD, vor allem der der Kommunisten“ meist unterschlagen wurde und auch nie „gesellschaftsfähig“ geworden sei. /2/ Während Giordano von einer „kleine(n) Minderheit“ /3/ spricht, ist in DDR-Publikationen von „großen Widerstandsorganisationen“ in Berlin, Leipzig und Thüringen die Rede, die, wie der antifaschistische Kampf überhaupt, von der KPD geführt wurden. /4/

Das Thema Widerstand im Dritten Reich war aber nicht nur Teil der Systemkonkurrenz im Kalten Krieg, sondern – auch deshalb ist es nicht ‚populär‘ – es reicht bis tief in die Familengeschichte, wirft Fragen auf, irritiert, provoziert Zustimmung oder Abgrenzung und berührt somit sowohl die kollektive als auch die individuelle Identität.

Dessen waren sich auch die Familienmitglieder bewusst, als sie beschlossen, den 80. Hinrichtungstag von Adam Kuckhoff zum Anlass zu nehmen, das Leben und den politischen Kampf ihres berühmten Vorfahren zu würdigen, der seine Überzeugung mit dem Leben bezahlte. Herausgekommen ist das vorliegende Gedenkbuch, in dem Vertreter aus vier Generationen ihre individuelle Beziehung zu Adam Kuckhoff beschreiben und das öffentliche Bild der „Roten Kapelle“ kritisch reflektieren.

Eingangs erhellt Marianne Löschmann die mitunter verwickelten und auch nicht immer harmonischen Familienverhältnisse, wobei ein angehängter Stammbaum überaus hilfreich ist.

Auf der Basis eines umfangreichen Quellenstudiums aus dem Nachlass rekonstruiert Mike Dombrowski im ersten Teil wesentliche Stationen von Kuckhoffs privatem und beruflichem Leben als Journalist, Schriftsteller und Dramaturg. Sein bewegtes, umtriebiges Leben, u.a. war er vier Jahre Dramaturg in einer Wanderbühne, erklärt zumindest teilweise, warum sein erster Sohn seine Kindheit überwiegend in Internaten verbringen musste, sodass er seinen Vater schmerzlich vermisste. Berufliche Höhepunkte waren seine Stellen als Chefredakteur der Zeitschrift „Die Tat“ und als Chefdramaturg am Preußischen Staatstheater in Berlin. Die Harnacks und Schulze-Boysens gehörten zu seinem Freundeskreis. Es ist bemerkenswert, dass Kuckhoffs Werke mit Ausnahme des „Scherry“-Romans aus verschiedenen Gründen in der DDR keine Neuauflagen erlebten, auch nicht sein Roman „Der Deutsche von Bayencourt“, der in der DDR-Literaturwissenschaft immerhin dazu diente, eine „Innere Emigration“ von Schriftstellern in der NS-Zeit nachzuweisen und zur Camouflage-Literatur gezählt wurde.

Eine alte Kommode aus dem Besitz von Adam Kuckhoff begleitet Antje Dombrowski schon ihr Leben lang. Ihre humorvolle Beschreibung verdeutlicht sinnbildlich, dass die Kommode mehr sein will als ein Gebrauchsgegenstand, denn so hartnäckig, wie sie ihren reibungslosen Dienst verweigert, fordert sie ihren Benutzer zur Erinnerung an den Erstbesitzer auf. In ihren vier Laden sind zudem symbolisch die generationsbezogenen Zugänge zu Adam Kuckhoff aufbewahrt. Damit beginnt der zweite Teil.

Nach der Kriegsgeneration, für die stellvertretend Briefe des ältesten Sohns Armin-Gerd stehen, in denen er sein schmerzvolles Verhältnis zum meist abwesenden Vater ausdrückt, reflektiert Martin Löschmann als Vertreter der dritten Generation, der sog. Kriegskinder, selbstkritisch seine lange Zeit zu oberflächliche Beziehung zu Adam Kuckhoff, obwohl es fachliche Berührungspunkte gegeben hätte. Diese Lücke schloss Wolfgang Brekle, ein Kommilitone Löschmanns, mit seiner Dissertation über die „Innere Emigration“ von Schriftstellern im Dritten Reich, zu denen Brekle auch Adam Kuckhoff zählte. Das Thema war Anfang der 70er Jahre noch neu und auch nicht unumstritten, denn im Fokus der DDR-Literaturwissenschaft stand die Exilliteratur. Erst die internationale Aufmerksamkeit für Brekles Arbeit ebnete den Weg für ihren Druck in Buchform und machte Kuckhoffs Romane in Fachkreisen bekannt.

In dieser dritten Generation machte sich bei der Enkelin Marianne bereits eine ambivalente Haltung im Verhältnis zu Adam Kuckhoff bemerkbar, die sich auch in den Generationen der Urenkel und Ururenkel wiederfinden wird. Allerdings waren die Motive unterschiedlich, was sicher auch durch die politische Wende von 1989 beeinflusst wurde, als sich das soziale und nationale Gedächtnis änderte. /5/ Ging es Marianne (Enkelin) und Katharina (Urenkelin) noch darum, den berühmten Namen nicht für die eigene Karriere zu benutzen, wollten sich die Ururenkel Julika und Janis nicht von einem Bild der „Roten Kapelle“ vereinnahmen lassen, das in der DDR die Rolle der KPD innerhalb dieser Widerstandsgruppe überbetonte und in der alten BRD die Mitglieder der Gruppe als Spione der Sowjetunion darstellte, was in jedem Fall einer „Geschichtsverzerrung“ /6/ gleichkam, aber nachwirkt, denn auch heute noch nennen Historiker diese Gruppe „die kommunistische Rote Kapelle“. /7/ Solche Zuschreibungen können die Identität einzelner Familienmitglieder und damit auch die Identität der Wir-Gruppe Familie als Ganzes gefährden. Deshalb ist es verständlich, wenn solche Zuschreibungen Unbehagen auslösen und kritisch hinterfragt werden, zumal auch heute noch gilt, was Julika in ihrem Beitrag schreibt: „History has repeatedly shown that it is often in the service of the ruling elites and their ideologies.“ /8/

Insgesamt bezeugen die in dem Band versammelten Beiträge den Respekt der Familie vor Adam Kuckhoff, der in der NS-Zeit zu jener kleinen Minderheit gehörte, die den Mut hatte, einen totalitären Staat aktiv zu bekämpfen und dafür hingerichtet wurde. Dass über dieses primäre gemeinsame Anliegen hinaus die Familienmitglieder ihre persönliche Beziehung zum gemeinsamen Vorfahren beschreiben und die geschichtlichen Kontexte, in die er gestellt wurde, teils unterschiedlich bewerten, macht den Band erst interessant und lesenswert.

(Michael Thormann, Leipzig)

Anmerkungen

1 Ralph Giordano: Die zweite Schuld oder von der Last, ein Deutscher zu sein. (2020) Köln: Kiepenheuer & Witsch, S. 106.

2 Ebenda, S. 99.

3 Ebenda, S. 101.

4 Joachim Streisand: Deutsche Geschichte in einem Band. (1968) Berlin: VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, S. 285.

5 Vgl. Aleida Assmann: Soziales und kollektives Gedächtnis. In:

https://www.landtag.sachsenanhalt.de/fileadmin/Downloads/Artikel_Dokumente/Aleida_Assmann_-_Soziales_und_Kollektives_Gedaechtnis.pdf, S. 6.

6 Antje Dombrowski/Martin Löschmann (Hg.): Zum 80. Todestag von Adam Kuckhoff. Ein kleines Familiengedenkbuch (2023) Leipzig: Engelsdorfer Verlag, S. 84.

7 Dorothee Meyer-Kahrweg/Hans Sarkowicz (Hg.): Unterwegs in der Geschichte Deutschlands. Von Karl dem Großen bis heute. (2014) München: C.H.Beck, S. 312.

8 Siehe Anm. 6, S. 99.

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