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Der letzte Prominente ist tot.

2019 15. August
von Martin Löschmann

Er starb am Sonntag, dem 25. Juli, mit 92 Jahren und hinterlässt ein Werk, das in rund 20 Sprachen übersetzt und durch etliche Preise gewürdigt worden ist; darunter der Heinrich-Mann-Preis (1969), der Kunstpreis der Stadt Leipzig (1970), der Alex-Wedding-Preis 1988, das Bundesverdienstkreuz am Band (1999).

In nicht wenigen Nachrufen, die ich einsehen konnte (11), nicht im Wikipedia-Eintrag wird erwähnt, dass Werner Heiduczek als „Dozent am Herder-Institut“ gearbeitet habe. Das ist in diesem Fall völlig korrekt, denn zu jener Zeit wurden die Sprach- und Fachlehrer als Dozenten bzw. Dozentinnen am Herder-Institut der Karl-Marx-Universität bezeichnet. Mir will es indes so scheinen, als hätte er selbst auf seine Zeit am Herder-Institut wenig Wert gelegt. Und dafür mag es verschiedene Gründe gegeben haben:

Ein schlichter Grund könnte sein, dass er ja nur eine kurze Zeit am Institut verweilte. Wenn ich mich recht erinnere, kam er 1961 zusammen mit seiner Dorle, wie sie auch von vielen am Institut genannt wurde, nach einem Einsatz als Deutschlehrer am Fremdspracheninstitut in Burgas (Bulgarien) zu uns. Frau Heiduczek wurde hier heimisch und machte sich u.a. als Bereichsleiterin verdient. Über sie, die durch kritisches Auftreten auffiel, erhielt sich ein lockerer Kontakt zu dem sich ab Mitte der 60er Jahre etablierenden freien Schriftsteller Werner Heiduczek. Als „unter Mitarbeit von Dorothea Heiduczek“ 1982 „Die schönsten Sagen aus Firdausis Königsbuch neu erzählt“ im Kinderbuchverlag erschienen, wurde hier und da vermutet, sie würde irgendwie in die Fußstapfen ihres Mannes treten.

Ein weiterer Grund mag die Anfang der 60er Jahre noch relativ starke Verschulung des Sprachunterrichts Deutsch als Fremdsprache gewesen sein. Es gab zu seiner Zeit noch keine Forschungsabteilung, keine wissenschaftlich begründete Landeskunde und noch keine gezielte sprachliche und fachliche Vorbereitung ausländischer Studierender auf ein Hochschulstudium in der DDR. Doch, was schreibe ich da. Um es salopp zu formulieren, schon mit der Schule, der Volksbildung hatte er letztlich wenig am Hute, obwohl er in den 50er Jahren nach einer Qualifizierung als Neulehrer, nach einem Studium der Pädagogik und Germanistik schnell Karriere machte: zwei Monate Dorfschullehrer, Lehrer für Latein und Geschichte an einer Oberschule, wo er bereits nach einem Jahr stellvertretender Direktor wurde, Referent für Oberschulen im Ministerium für Volksbildung des Landes Sachsen-Anhalt mit 24 Jahren, 1952 Kreisschulrat in Merseburg, danach (1953/54) noch einmal ein Erweiterungsstudium für Germanistik in Potsdam. Bevor er 1961 als Deutschlehrer nach Burgas an die Fremdsprachenschule ging, hatte er an der Kinder- und Jugendsportschule Friedrich Engels in Halle vier Jahre als Lehrer für Geschichte und Deutsch gewirkt. Alles in allem: beste Empfehlungen fürs Herder-Institut. Ein nicht geringer Teil der Lehrkräfte kam aus der Volksbildung ans Institut, der Schreiber übrigens auch.

Der entscheidende Grund für seine kurze Stippvisite 1962 bis 65 am Herder-Institut jedoch liegt auf der Hand: Er wollte unbedingt Schriftsteller werden, hatte bis dahin dies und jenes versucht, schon als Student „wie ein Besessener“ geschrieben und brauchte gerade noch die kurze Zeit am Herder-Institut, um sich klar darüber zu werden, ob er den Sprung ins freie Schriftstellerdasein wagen sollte bzw. konnte. Er hat ihn gewagt und sich zu einem beachteten und geachteten Schriftsteller entwickelt, der gelegentlich schon mal bei uns aus seinen Werken las, z.B. im Rahmen von Hochschulferienkursen für Deutschlehrer und Germanisten aus aller Welt im Sommer. 1972 zog Familie Heiduczek von Halle nach Leipzig, also an den Ort, wo seine Frau erfolgreich wirkte und Geld verdiente. Auch wenn er immer wieder als Grund angab, dem „ungeliebten Lehrerberuf entfliehen“ zu wollen, sein unerschütterliche Antrieb war unübersehbar der Schreibwille. Noch 2016 äußerte er sich ganz in diesem Sinne: „Ich hatte von diesem ganzen Lehrerkram, von dem Funktionärsdasein die Nase voll. Ich wollte da raus, ich wollte schreiben.“ Seine penetrante Abneigung dem Lehrerberuf gegenüber sei ihm verziehen.

So richtig bekannt machte ihn der Roman Tod am Meer, der 1977 erschien und in der DDR verboten wurde, weil der damalige Botschafter der UdSSR Pjotr Andrejewitsch Abrassimov stur und steif die angeblich antisowjetische Darstellung in einige Passagen beanstandet hatte. Es ging dabei vor allem um den Tabubruch: die Vergewaltigung durch Angehörige der sowjetischen Armee beim Einmarsch in Deutschland. „Habt ihr vergewaltigt?“, wird im Roman gefragt, die treffende Antwort des sowjetischen Offiziers:

„Ob Griechen oder Römer, Osmanen oder Chinesen, Amerikaner oder Russen, schick sie in den Krieg, und es wird Mord geben, Raub, Plünderung und Vergewaltigung. Ich finde es dumm, den Menschen in den Zustand des Tieres zu versetzen und dann über seine Unmoral zu meditieren.“

In meinen Unerhörten ‚Erinnerungen eines Sonstigen schreibe ich zu dieser heiklen Problematik, die mich mit zehn Jahren als Augenzeuge einwob: „Kein Geringerer als der bekannte sowjetische Schriftsteller Ilja Ehrenburg (1891-1967) hatte es in seinem Tagebuch bereits bestätigt. Gut ein Jahr vor Heiduczek hatte Christa Wolf in ihrem Roman Kindheitsmuster das Tabu-Thema gewissermaßen gestreift, indem sie von einem jungen russischen Offizier erzählt, den Flüchtlingsfrauen über ein eigens installiertes Alarmsystem regelmäßig gegen zudringliche Rotarmisten zu Hilfe rufen. Heiner Müller gab dem Thema in seinem letzten dramatischen Text Germania 3 Gespenster am toten Mann zudem eine neue Perspektive:

„Schlafzimmer mit Doppelbett. Ein russischer Soldat vergewaltigt eine deutsche Frau. Auftritt ein Mann in der gestreiften Uniform des Konzentrationslagers mit dem roten Winkel des politischen Häftlings. Er sieht eine Weile zu, dann erschlägt er den Soldaten. Hier beginnt die Befreiung, der Frieden mit einem Mord.“ Christa Wolfs Kindheitsmuster, durchaus kritisch aufgenommen, wurde nicht aus dem Verkehr gezogen, Heiduczeks Roman, als nach einem Jahr die 2. Auflage anstand. Das Verdikt trug natürlich nicht unwesentlich zum Bekanntwerden seines herausragenden Werkes bei. Rund 10 Jahre später durfte es zwar wieder erscheinen, was allerdings nur in einem der Nachrufe erwähnt wird. Freilich die dogmatische Kulturpolitik war damit nicht ungeschehen zu machen, sie signalisierte indes aber Aufweichungen ideologischer Tatbestände, Bewertungsveränderungen, Bewegungen zum Aufbruch.

Duplizität der Fälle: In Tod am Meer erleidet der Leipziger Schriftsteller Jablonski, der wie Heiduczek aus Oberschlesien  stammt, in Leipzig lebt, während einer Vortragsreise in Bulgarien einen Schlaganfall und stirbt Wochen später an den Folgen – wie viele Jahre danach Heiduczek selbst. Im Bezirkskrankenhaus in Burgas überschaut er sein bisheriges Leben und muss sich eingestehen, dass er als Künstler versagt hat, weil er zu einem Auftragsschriftsteller geworden ist, zu sehr fremdbestimmt geschrieben hat und so der Wahrheit gelegentlich ins Gesicht schlug. Seine erschütternde, zu Herzen gehende Beichte gegenüber einem Mitpatienten verbindet sich zugleich mit einer kritischen Auseinandersetzung mit seiner Partei, deren Fehlentwicklungen er an den Pranger stellt – ganz im Sinne von Heinrich Mann, der in seinem Essay Geist und Tat feststellt: „Ein Intellektueller, der sich an die Herrenkaste heranmacht, begeht Verrat am Geist.“

Ich muss gestehen, ich bin bei diesem und einem zweiten Werk, nämlich Abschied von den Engeln (1968), stehengeblieben, das bei weitem noch nicht das Niveau des hier kurz umrissenen Romans erreicht. Als ich von dem Tod des ehemaligen Mitarbeiters des Herder-Instituts hörte, stellte sich sofort ein Lesezwang ein, was kann dem verstorbenen Schriftsteller Besseres passieren: Bei meinen Lesenotizen, die immer weiter steigen, findet sich schnell Heiduczeks Lebenserinnerungen Im Schatten meiner Toten (2005), seine letzte große Arbeit. Hoffentlich komme ich noch dazu, sie nun endlich zu lesen.

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