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Auf zum Dorotheenstädtischen Friedhof – ein zweites und letztes Mal

2019 2. August
von Martin Löschmann

Bei Aufräumarbeiten – sie nehmen kein Ende! – fallen mir Memoiren-Entwürfe von H.Z. in buchstäblich in meine Hände, die vor vielen Jahren ins Haus geflattert waren. Auf einer Seite ist von mir vermerkt: Prof. Hans Mayer zum Vergleich. Die Notiz samt der Beschreibung meines geschätzten Lehrers, der in den „Unerhörten Erinnerungen eines Sonstigen“ an verschiedenen Stellen zu Wort kommt, kann ich doch nicht unreflektiert entsorgen. Im gegebenen Fall hätten dies die Zurückgelassenen tun müssen.

 
Hier der Auszug von H.Z., der von 1957 bis 1962 in Leipzig Slawistik und Germanistik studierte und in den 80er Jahren ans Herder-Institut kam, und wie andere Studierende zu Mayers Zeit nicht umhinkonnte, dessen Vorlesungen zu besuchen. In seinen Memoirenentwürfen findet sich die Begeisterung, die allenthalben schon an anderen Stellen kundgetan wurde, aber eben nicht in der individuellen Ausprägung. Solche Erinnerungen können helfen Prof. Hans Mayer ins rechte Licht zu rücken, denn was hat man nicht alles unternommen, ihn zu denunzieren, mundtot zu machen, ihn zu verleumden (vgl. auch Christioph Hein).

„ … Die Vorlesungen von Hans Mayer im berühmten Hörsaal 40 im alten Universitätsgebäude, vor dessen Hintereingang damals das heute an der Moritzbastei aufgestellte Leibnizdenkmal stand, waren Kult. Von allen Fakultäten kamen Studenten herbeigeströmt: Mediziner, Physiker, Chemiker, man musste sehr zeitig kommen, um noch einen Platz zu ergattern, die Studenten saßen z.T. auf dem Fußboden vor dem Katheder oder auf den Treppenstufen. Auch der unter dem Hörsaal 40 befindliche Senatssaal mit dem schönen Blick auf das steile Dach der Universitätskirche war überfüllt. Mayers Vorlesung wurde in den Senatssaal übertragen. Mayer war sehr temperamentvoll, mit Schwung kam er in den Hörsaal, begrüßt vom hundertfüßigen Getrampel der Studenten, knallte seine Tasche oder Mappe auf den Tisch und begann frei zu sprechen, rhetorisch hervorragend, mit geschliffenen Formulierungen, interessant, druckreif, mit Witz und Ironie, Hintersinn und Sprachgewalt auf hohem wissenschaftlichen Niveau. Ich habe nie wieder jemanden in dieser beeindruckenden Weise fast zwei Stunden frei, sehr lebendig, sprechen, eine lange Vorlesung, einen Vortrag halten hören. Er ging vor dem Pult auf und ab, unterstrich seine Ausführungen mit lebhafter Körpersprache.
Um Mayer kreisten verschiedene Anekdoten, er war ein gefürchteter Prüfer, ein ‚sehr gut’ bei ihm war fast ein Ding der Unmöglichkeit, ein ‚Gut‘ ein Ritterschlag, eine Erhebung in den literaturwissenschaftlichen, germanistischen Adelsstand. Als ein Student ihm mal ein Thema für die Diplomarbeit vorschlug, soll er gesagt haben: „Sie wollen wohl ein Pol.Ök.-Arbeit bei mir schreiben?“ und als ein Student in der mündlichen Prüfung bei ihm eine ‚Vier‘ bekam und der nächste Prüfling auf Mayers Frage, wie er sich den vorbereitet habe, antwortete dieser, er habe sich gemeinsam mit dem Vorgänger auf die Prüfung vorbereitet, soll Mayer gesagt haben: „Sie können gehen. Sie haben auch eine ‚Vier‘…

Es mag schon etwas dran sein, denn ich fühle mich durch H.Z. geadelt. Wer meine Erinnerungen gelesen hat, wird mitbekommen haben, dass mich meine ‚Zwei plus‘ für die Examensarbeit „Brechts Stellung zur deutschen Klassik“ schon gewurmt haben. In meinem Text heißt es: „Mayer bewertete die Arbeit mit einer ZWEI plus Sternchen. Doch das Sternchen wurde nicht auf der Urkunde abgebildet.“

Beim Lesen dieser Notiz beschleicht mich noch ein ganz anderer Gedanke. Mensch du wolltest doch deinen Professor auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof besuchen. Du bist zwar kein Friedhofsgänger, aber im Falle von Prof. Hans Mayer und bei dem Ruf, den dieser Friedhof genießt, wird es höchste Zeit. Eine Art Selbstverpflichtung, seit wir in Berlin leben, will endlich erfüllt werden. Gerichtsnotorisch ist meine Verpflichtung indes nicht. In meinen „Unerhörten Erinnerungen eines Sonstigen“ ist sie nicht zu finden. Dort heißt es nur lapidar: „Von seiner Bedeutung überzeugt, ließ sich der große Mayer auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof zur letzten Ruhe betten, neben Fichte und Hegel, Johannes R. Becher, Bertolt Brecht, Helene Weigel, Günter Gaus, Hans Eisler, John Heartfield, Herbert Marcuse, Heiner Müller, Anna Seghers, Christa Wolf und vielen anderen Persönlichkeiten.“

Mit meinem Klapprad auf dem Wege und es als Stütze während des Friedhofs benutzend, frage ich mich, was meinen Professor Hans Mayer bewogen haben mag, sich auf dem berühmten Dorotheenstädtischen Friedhof bestatten zu lassen? Berlin war ja alles andere als seine Wirkungsstätte, sieht man mal von seinem Studium 1926/27 und seiner Flucht zum zweiten Staatsexamen nach Berlin ab. 

Obwohl er schon daran gearbeitet hat, dass ihm die Nachwelt Kränze flicht. Eine Benennung einer Straße in Hannover ein Jahr nach seinem Tod wäre ihm womöglich zu wenig gewesen, wennschon sich der Hans-Mayer-Weg unweit von der Universität befindet.

Der Lehrstuhl in Hannover, von dessen Vergabe der Verfassungsschutz nachdrücklich abgeraten hatte, war nicht sein Zielort, eher schon Tübingen, genauer die Eberhard-Karls-Universität Tübingen, die sich heute als Universität mit Exzellenzstatus immer noch bestens empfiehlt. Nicht ohne Grund zog es ihn als Emeritus und Honorarprofessor dorthin. Doch Tübingen war ihm offensichtlich – ganz im Gegensatz zu Ernst Bloch, dem weltbekannten Philosophen aus Leipzig –, nicht Ort genug, sich dort zur letzten Ruhe betten zu lassen. Sein Freund Ernst Bloch wählte den Bergfriedhof in Tübingen – nahe der Universität gelegen, an der er seit seinem Weggang aus Leipzig 1961 gelehrt hatte.

Dagegen nimmt sich Mayers Allerwelts-Grabstein auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof konventionell, irgendwie angepasst, eingerahmt aus. Hans Mayer muss man bis in alle Ewigkeit kennen, ist es das? Auf jeden Fall wollte er zugeordnet werden. So findet man seine Gedenkstätte nicht weit von Hegels Grab, auch nicht weit entfernt von Bertolt Brecht. Mayer soll irgendwann am Ende seines Lebens, fast erblindet, gesagt haben, dass er sich auf ein Wiedersehen mit Brecht freue.

Irgendeine Führung, von denen es etliche gibt, endet am Grab von Christa Wolf und Hans Mayer. Er scheint hier angekommen und integriert zu sein.

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