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Beim Lesen von Christoph Hein: Gegen-Lauschangriff, Anekdoten aus dem letzten deutsch-deutschen Kriege. (Berlin: Suhrkamp 2018)

2019 12. Mai
von Martin Löschmann

Von Christoph Hein habe ich im Laufe der Jahre verschiedene Romane gelesen, den einen oder an-deren auch nur durchgeblättert. „Der fremde Freund“ hat sich im Gedächtnis besonders fest einge-graben, auch „Horns Ende“.
Nach der Wende verlor ich den Hein aus dem Auge, auch weil sich in dieser Zeit ein Bauchgefühl in den Vordergrund schob, das schwer zu orten sich nicht an einem bestimmten Text festzurren ließ. Auf der anderen Seite war das vage Gefühl dennoch schon in Worte zu fassen: ein exzellenter, mutiger Kritiker des DDR-Systems gewiss, seine Rede 1987 wider die Zensur in der DDR ein Meisterstück (vgl. die Anekdote ABSICHERUNG DER LINIE SCHRIFTSTELLER), die prophetische Warnung vor zu viel Euphorie über die Wende 1989, zugleich schien er dem bundesrepublikanischen Mainstream der Nachwendezeit nahezustehen: die DDR ein Unglücksfall der Geschichte, eine Diktatur. Pfui Teufel, ein Land ohne Geschichte, das Leben der Menschen im Hoheitsgebiet unwert, denn es gibt kein richtiges Leben im falschen.
Doch dann machte mich vor ein paar Tagen jemand, der von meinem ambivalenten Verhältnis zu Hein wusste, auf sein neuestes Werk, ein leserfreundliches schmales Bändchen, aufmerksam. Den Namen des Aufmerksammachers werde ich nicht nennen, Hein gibt auch nur ganz wenige Namen in seinen Anekdoten preis – sicher nicht nur aus ästhetischen Gründen. Wer indes in der DDR-Kulturszene umhergewandert, nicht umherstolziert ist, kommt schon bei dieser und jener Unkenntlichkeit dahinter, wer gemeint sein könnte. Im Übrigen braucht man die Namen auch nicht, um die Texte zu genießen.

Als ‚Ostergeschenk‘, das es in meinem hohen Alter eigentlich nicht mehr gibt, ich bin noch fast zehn Jahre älter als Hein, wird es zu meiner Osterlektüre 2019 erklärt und damit zu einem singulären Ereignis. Auch deshalb, weil der Germanist in mir aufgerufen ist: Bei Hein sind es „Anekdoten aus dem letzten deutsch-deutschen Kriege“ – in Kleists Anekdotensammlung findet sich eine „Anekdote aus dem letzten preußischen Kriege“. Der literarische Bezug ist gewollt und provozierend zugleich, vom Feuilleton entweder ignoriert oder unter Verharmlosung der DDR verbucht, nur weil der DDR eine Entwicklung gewährt wird, die DDR der 60er Jahre ist nicht die DDR der 80er Jahre, und Hein wagt sich, den Oscar prämiierten Film „Das Leben der Anderen“ von Florian Henckel von Donners-mark als wenig authentisch zu charakterisieren, um es vorsichtig auszudrücken, tatsächlich wird der Film ins Reich der Hollywood-Fantasie verwiesen (Vgl. MEIN LEBEN, LEICHT ÜBERARBEITET).
Der Geleitwort des Verlages macht mich, voreingenommen, wie ich vermutlich noch immer bin, erst einmal stutzig: Der „fulminante Geschichtenerzäh-ler“ „erzählt hier von seinen persönlichen Erlebnissen, von Zensur und Reise(un)freiheit – und schließlich davon, wie all das Geschichte wurde“. Bloß nicht irgendetwas vom Felde des „deutsch-deutschen Krieges“ benennen. DDR indes geht immer. Dazu steht mit Recht genügend drin, wenn natürlich auch nicht alles. Allein schon die Anekdotenform führt zu strenger Beschränkung. Aber gut, der Vorspann muss einen nicht interessieren, wer liest solche Vorboten. Überhaupt, wie dumm muss einer sein, der diese liest! Suhrkamp schützt vor Torheit nicht. Das Feuilleton hält sich dran und tut sich mit dem Genre Anekdote schwer, kann sich so gar nicht an den Pointen, die nicht nur am Ende stehen, erfreuen. „Dass einer lächeln kann und immer lächeln und doch ein Schurke sein.“ (Zitat von Shakespeare in DASS EINER LÄCHELN KANN UND LÄCHELN). Oder die Pointe aus der kauzigen Geschichte EINE SCHROTGEWEHR-HEIRAT, in der es um die Vereinigung von Parallelinstitutionen, z.B. der Schriftstellverbände PEN Ost und PEN West, auch der beiden Anglerverbände geht, und Heiner Müller nach einer ‚Vereinigungssitzung‘ zu Hein sagt: „Hast du gehört, Christoph? … wir haben Bewährung bekommen.“.

Also gut, das Buch aufgeschlagen, die erste Geschichte lesen: NACH MOSKAU; NACH MOSKAU. Die Abwesenheit von Reisefreiheit in der DDR in eine Anekdote kongenial überführt, die Sehnsucht nach unbeschwertem Reisen, die sich erst nach der Wende erfüllen konnte. Hier sind es die drei Schauspielerinnen, die in Tschechows „Drei Schwestern“ im Rahmen eines Gastspieles des Maxim Gorki Theaters zu Berlin in Düsseldorf auftreten und sich nacheinander beim Chefdramaturgen des Düsseldorfer Theaters erkundigen, ob und wie sie am aufführungsfreien Tage ohne Visum nach Paris gelangen könnten. Das Mögliche wird möglich gemacht, die drei kommen zurück von ihrem Tagesausflug nach Paris. Und „am darauffolgenden Tag, in der letzten Aufführung der ‘Drei Schwestern‘ hätten die Schauspielerinnen ihr ‚Nach Moskau, nach Moskau!‘ viel inniger, eindringlicher und ergreifender geseufzt als in den ersten Aufführungen … hatten sie doch endlich die Stadt ihrer Träume und ihrer Sehnsucht gesehen.“ Den drei Schwestern allerdings blieb ihr Sehnsuchtsort Moskau verschlossen.
Das leidige Reisethema taucht noch an anderer Stelle auf, in einer Anekdote, in der beschrieben wird, wie persönliche Reiseangebote aus dem Westen abgewiegelt werden mussten: aus gesundheitlichen Gründen, bin schwer erkrankt, bin ans Bett gefesselt usw.
Scham steigt auf, als ich die Geschichte EIN SEHR KRANKER MANN lese und daran erinnert werde, wie ich meinem Schwager mein Nichtkommen zur Beerdigung meiner Schwester in Dortmund begründe. Als Verwandter ersten Grades hätte mir die Teilnahme an der Bestattung zugestanden, doch im Sterbejahr meiner Schwester Renate waren mir als Nichtoppositionellem Reisen „ins nichtsozialistische Ausland“ von der Stasi untersagt. Ich hätte meinem Schwager den wahren Grund meiner Abwesenheit mitteilen können, ja müssen, habe es aber nicht getan, weil ich doch irgendwann mal wieder in den Westen reisen wollte. Nach dem strikten Westreiseverbot von über zehn Jahren erfuhr ich dann auch in der Tat die Gnade, wieder ins NSW reisen zu dürfen.

Angetan von der ersten wird die zweite Anekdote EINE ENTZWEIUNG zugleich gelesen. (Keine Angst, es werden nicht alle 28 Geschichten einzeln besprochen!) Doch, oh Schreck und Weh!, mein bereits umrissenes Bauchgefühl drängt sich wieder nach vorn.
Der Aufstieg des dumpfen Gefühls beginnt mit dem Pfarrerssohn, der er ist, und der „keinesfalls auf eine Oberschule des sozialistischen deutschen Imperiums gehen durfte“. Nicht, dass es in seinem Fall und in vielen anderen Fällen so war, wer wollte diese Ungerechtigkeit bestreiten, aber gab es keine Gegenbeispiele? Frau Dr. Merkel? Richtig, doch bloß hier kein Autoritätsbeweis! Schon deshalb nicht, weil sie eh ihre Raute je nach Bedarf dorthin lenkt, wohin der Wind gerade weht. Als es opportun war, bezeichnete sie positive Äußerungen über die DDR als Nostalgie, heute kann sie den „Frust der Ostdeutschen“ verstehen.
Und wurde die Ungerechtigkeit nicht später gemildert? Wie erstaunt war ich, als ich, schon in Berlin lebend, erfuhr, dass in den 80er Jahren an der Berliner Musikhochschule in Ostberlin fast 30 % der Studierenden Pfarrerskinder waren.
Ganz nebenbei: Großbauernsöhnen, von denen ich einer in der DDR war, wenn auch aus Hinterpommern Ausgesiedelter ohne Haus und Hof, ging es wie Pfarrerskindern. Und dennoch gelang es mir, das Abitur ohne jedwede Beziehungen zu erwerben und zu studieren. Aber gut, eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, und ich will beileibe – bescheiden wie ich bin – kein Gegenbeweis sein. Vielleicht habe ich auch einfach nur mein aufsteigendes Bauchgefühl falsch gedeutet, das sich in Wahrheit erst so richtig bei der dritten Geschichte ES WAR ALLES GANZ ANDERS schmerzhaft entfaltet.
Hein stammt aus Schlesien, ich Umsiedler, Neubürger, Vertriebener wie er. „Ich wurde in Schlesien geboren, und viele in meiner Familie und unter den Freunden meiner Eltern trauerten ihrer Heimat nach, hatten viele Jahre gehofft, in die Städte und Dörfer zurückkehren zu dürfen, in denen sie einst gelebt hatten.“ Und ich zitiere den Verursacher meines schmerzenden Bauchgefühls weiter: „Doch die Regierung der DDR hatte die Vertreibung durch Russen und Polen sanktioniert, bezeichnete die Grenze zu Polen als Oder-Neiße-Friedensgrenze und die aus Pommern und Schlesien Vertriebenen wurden unter der neutraleren Bezeichnung Umsiedler registriert.“ Wenn ich nicht vor kurzem die Bedeutung der „Oder-Neiße-Friedensgrenze“ einem guten Freund, der sein Leben am Beispiel Deutsch-Ossig nachzeichnet, erklärt hätte, wäre vielleicht mein Unbehagen nicht so grenzüberschreitend ausgefallen. Wie kann man so etwas unbesorgt hinschreiben, als existierten die Verträge der Großmächte, der Siegermächte nicht. Auch wenn die DDR zu den drei größten Ländern mit U gehörte – UdSSR, USA und Unsere Republik –, sie hatte nichts zu sanktionieren, was schon im Potsdamer Abkommen festgelegt worden war.
Ich muss keine Rücksicht nehmen auf irgendwelche Leserklientel und kann daher unbeschwert bekennen: Die DDR war gut beraten, einen Schlussstrich unter den 2. Weltkrieg zu ziehen, die Oder-Neiße-Linie anzuerkennen, auch wenn es dem ersten Kulturminister der DDR, Johannes R. Becher, und anderen nicht gefallen haben mochte, wie in der besagten Geschichte nachzulesen ist. Nicht weniger bemerkenswert, dass diese Friedensgrenze auch gegenüber der Bundesrepublik Deutschland vom Anfang der Existenz der DDR an zu verteidigen war. Ich bleibe dabei, zu den Positiva der Einvernahme der DDR durch die Bundesrepublik Deutschland, um mich der kühnen Terminologie Heins frei zu bedienen, gehört die Verankerung der östlichen Grenze im Zwei-plus-Vier-Vertrag von 1990. Ihre Nichtanerkennung hätte doch Tür und Tor für Rückeroberungsversuche offengehalten. Auf einem ganz anderen Blatt steht natürlich, dass es sich die DDR leichtmachte und die Verluste, den Verlust von Heimat, das Elend der Vertriebenen ignorierte, ein unmenschliches ‘Tabula Rasa‘ setzte, jegliche Entschädigungsforderung von sich wies. Seien wir doch mal ehrlich, Herr Hein, die wenigsten wollten später wieder zurück, jedenfalls meine vom Krieg geschundene Mutter und Bauersfrau nicht, meine Geschwister nicht, unsere ehemaligen Deputatsleute nicht, aber eine Entschädigung für Haus und Hof, für Erspartes und Gesammeltes schon.
Wie um Himmels willen soll ich meinen Enkeln und Enkelinnen erklären, warum die Schlesier und Schlesierinnen, die Hinterpommeraner und die Hinterpommeranerinnen, die Ostpreußen und Ostpreußinnen die Kriegsschuld allein tragen mussten. Und sollten sich die vom 2. Weltkrieg, was Haus und Hof anging, Verschonten nicht fragen, was sie berechtigte, die schon einmal „Vertriebenen“ in der Ostzone, der späteren DDR, ein zweites Mal von Haus und Hof, aus Festanstellungen, mühselig errichteten Existenzen zu verjagen. Wie anders soll man denn den Elitenaustausch, die Abwicklung der DDR-Institutionen, die volkseigenen Betriebe eingeschlossen, begreifen. Und wieder alles fast entschädigungslos. Dieses FAST muss ich der Wahrheit halber hinschreiben, denn ich erhielt als habilitierter Professor für Deutsch als Fremdsprache an der Karl-Marx-Universität in Leipzig – allerdings erst nach Gerichtsbeschluss – die allen entlassenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Uni Leipzig gewährten10.000 DM – nach fast 30jähriger erfolgreicher Berufstätigkeit. Ein vermeintlicher Treppenwitz der Wendegeschichte, oder muss ich mich bloß dafür schämen, dass ich das Almosen angenommen habe, oder wen müsste dieser mit Zynismus gespickter Vorgang beschämen?
In einem Interview mit Cornelia Geißler, Die Ostdeutschen akzeptieren sich heute mehr als Ostdeutsche (Berliner Zeitung v. 9./10. März 2019) spricht Hein in dieser Frage unumwunden Klartext, der mein Bauchgefühl nunmehr endgültig schwinden ließ, für unfehlbar hatte ich es ohnehin nicht gehalten. „Tausende Hochschullehrer wurden entlassen, und ein Nachwuchs, der eben noch chancenlos war, kam auf hohe und höchste Positionen. Einen solchen Elitewechsel gab es in der Bundesrepublik 1945 nicht, das hatte man vermieden. Der letzte Elitenwechsel, der Tausende und Zehntausende Hochschullehrer betraf, erfolgte im Januar 1935, als das ‚Gesetz zum Neuaufbau des deutschen Hochschulwesens‘ wirksam wurde und Juden, Sozialisten und Kommunisten aus den Universitäten entfernt wurden.“ Und er schließt an, mir zeigend, wie man zumeist hinkende historische Vergleiche schlüssig bemühen kann: „Diesen Elitewechsel von 1935 kann man überhaupt nicht mit dem von 1990 gleichsetzen, das wäre Geschichtsklitterung. Vergleichbar ist freilich der völlige Mangel an Empathie für die Ausgewechselten in diesen Jahren: Man ließ die Hinausgeworfenen gehen, verhöhnte sie und erfreute sich der sich plötzlich auftuenden Aufstiegschancen.“ Vgl. auch!
Im herderblog.net, in dem Sie sich gerade befinden, erfährt diese Kälte sogar mehrmals namentliche Personifizierung: Prof. G. Neuner (Kassel) z.B. hielt sich vornehm aus der Bewertung der Vorgänge im Osten heraus und schrieb mir so nebenbei, dass mein Problem darin bestände, dass ich „vom Herder-Institut und meiner Arbeit nicht loslassen“ könne. Die Kriminalisierungsversuche eines Professors von der Universität Hamburg, der später nach Wien ging, will ich an dieser Stelle – womöglich fahrlässig – unterschlagen.
Christoph Hein bekennt in dem besagten Interview, dass es ihm besser ergangen sei als vielen seiner Kollegen. „Viele Autoren verloren mit der Wende ihre Verlage, die standen auf der Straße – so wie die Arbeiter, deren Betriebe zumachten.“ Volker Braun stellt sich ein: „Das Volk gab sein Eigentum ab und ließ sich die Freiheit aushändigen.“
Auch wenn der Schriftsteller Hein nicht „arbeitslos“ wurde, musste er wie auch Freunde von ihm erfahren, wie versucht wurde, sein / ihr Wirken nach der Wende zu diskreditieren, in Frage zu stellen, zu verdächtigen, zu relativieren, einzugrenzen. Besonders eindrucksvoll nachzulesen in der ziemlich ausführlichen Schilderung seiner Ausbootung bei der Intendanz-Übernahme am Deutschen Theater, das er nach wie vor für eine exzellente Institution hält. Die weitgehend emotionsfrei erzählte Geschichte zeigt, dass der „deutsch-deutsche Krieg“ nicht mit der offiziellen Einverleibung am 4. Oktober 1990 beendet worden ist. Thomas Flierl, Berlins damaliger linker Kultursenator, will den Dramatiker Hein ins Amt bringen, doch der westdeutsche Kulturbetrieb verhindert es, zielsicher zig-zag-schlagend. Sie können halt das Siegen nicht aufgeben. Hein erwägt, das Gericht zu bemühen, um zu seinem Recht zu kommen, fühlt aber eine gewisse Aussichtslosigkeit und lässt es mit sich geschehen – in dieser Anekdote, überschrieben mit dem sarkastischen Titel DER NEGER.

Welche Anekdote ich auch lese, es stellen sich Assoziationen mit meinem Leben und Wirken ein. Nehmen wir nur mal die Geschichte mit der Vereinigung der Parallel-Institutionen, die nach der Wende zusammengefügt werden mussten. Zuletzt kam der Anglerverband dran. Der Vorsitzende des DDR-Anglervereins ist ein Freund von uns. Befreundet sind wir auch mit einem Paar, das während des Studiums die Aufführung des Furore machenden Stückes von Heiner Müller „Die Umsiedlerin oder das Leben auf dem Lande“ erlebt hatte. Die Internationale Studenten-Theaterwoche an der Hochschule für Ökonomie in Berlin Karlshorst bildete dafür einen würdigen Rahmen. „Die Uraufführung wurde ein Erfolg, der Autor und der Regisseur wurden umjubelt und das Ensemble feierte – nach den Monaten der Ungewissheit und der Furcht vor einem Verbot der Aufführung – ausgelassen und sehr erleichtert.
In der gleichen Nacht wurden jedoch alle Studenten, die in der Inszenierung auf der Bühne gestanden hatten, einbestellt, sie wurden genötigt, Selbstkritik zu äußern, sich von Autor und Regisseur zu distanzieren und das Stück als konterrevolutionär und antikommunistisch einzuschätzen. Die Parteiführung, wurde ihnen gesagt, vermute eine antisozialistische Verschwörung, der Autor ein Agent des Westens.“

Ach, und das immer wieder von Hein beobachtete Desinteresse am Osten, das ich erst kürzlich wieder in Dresden beobachten konnte: Ein Student aus Schwaben hat offensichtlich seine Eltern zu Besuch nach Dresden eingeladen. Er gibt sich redlich Mühe, ihnen Dresden näherzubringen. Es gelingt ihm nicht. Einfach uninteressiert. Wo werden wir Mittag essen?
In der letzten Anekdote VERWACHSEN werden zwei Damen beschrieben, die „bei jeder Mahlzeit über Autoren und Bücher sprechen“. Befragt, „ob sie auch ostdeutsche Autoren lesen würden, erwiderte eine von ihnen: „Nein, so etwas interessiert uns nicht.“ Und Heins bissiger Kommentar folgt zugleich: „Treffender lässt sich der gegenwärtige Zustand des deutsch-deutsch Verhältnisses – dreißig Jahre nach der Vereinigung – kaum auf den Punkt bringen.“
Die Ignoranz und Arroganz gegenüber ostdeutschen Bürgern, Intellektuellen, kirchlichen Würdenträgern, zeigt sich auch in der Geschichte DER DIAKON UNTER DEN BISCHÖFEN; in dem Gottfried Forck, Bischof der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg, ein Erinnerungsmal gesetzt wird, „ein unerschrockener Mann, der den staatlichen Organen die Stirn bot“. Dieser Mann, ein Kenner der DDR und erst recht ihrer Menschen, hielt die drakonische Einführung der Kirchensteuer in den neuen Bundesländern nicht für ein probates Mittel, weil er mit Recht befürchtete, dass dieses Gesetz dazu führen würde, dass viele Gläubige oder auch Nichtgläubige in der ehemaligen DDR aus der Kirche austreten würden, weil sie sich von keinem Staat mehr vorschreiben lassen wollten, ob und wie die Kirche finanziell zu unterstützen sei. Es kam, wie vom Bischof prophezeit: „Am meisten schmerzte Forck die nachlassende und dahinschwindende Bindung zwischen Kirche und Gemeinde, die Verbundenheit mit den Gläubigen und der gesamten Bevölkerung, die einst stark war und nun verblasst.“

Zu oft musste ich lesen, dass Hein ein Chronist der deutsch-deutschen Verhältnisse oder so was Ähnliches sei. Ein Dichter, ein Schriftsteller jedoch ist niemals ein Chronist, ja, wenn er sich als Stadtschreiber verdingte oder verdingen müsste, dann schon eher. Und Anekdoten eignen sich überhaupt nicht als Ausweis eines Chronisten, auch wenn sie aus unterschiedlichen Zeiträumen DDR – Wende-, Nachwendezeit – stammen. Liegt mit dieser Attribuierung womöglich eine Herabstufung des Dichters, des Schriftstellers vor? Hein als Person, als sein eigener Biograf, als Zeitgenosse, als Zeitzeuge wären für mich treffendere Dichter-als-Konstruktionen, wenn man nun mal nicht ohne sie auskommen mag. Wie immer man auch Christoph Hein bezeichnet, als Dichter, als Schriftsteller, als Zeitgenosse hat er das Zeug, den großen, immer noch ausstehenden deutsch-deutschen Roman zu schreiben. Die Anekdoten als Vorboten dieses Unterfangens. Freilich fehlen da noch einige, z.B. eine, die die DDR-Vorteilsnehmer ins Anekdotenmaß presst.

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