Skip to content

Verdiente Häme?

2018 28. Juni
von Martin Löschmann

Von all den WhatsApp-Sprüchen, die mich unmittelbar nach dem schmählichen Ausscheiden der deutschen Fußballmannschaft aus dem Kampf um den Weltmeistertitel 2018 erreichten, stimmten mich die folgenden zwei nachdenklich
In Russland nicht weiterkommen.
Deutsche Tradition seit 1943.

Putin: Keine Sorge, Deutschland hat noch nie in Russland gewonnen.

Eines steht fest, nach einer solchen Niederlage muss der Chef seinen Hut nehmen.
Dass er es nicht unmittelbar nach dem Ausscheiden getan hat, zeigt nur, dass er schon länger nicht mehr der richtige Trainer war.
Sich vor der Weltmeisterschaft sein stattliches Salär bis 2022 zu sichern, war ein Fingerzeig dafür, dass er sich seiner Sache nicht ganz sicher war.
Ob das der Mannschaft aufgefallen ist?

3.Juli 2018:
Die Nachricht des Tages:Joachim Löw macht weiter. Ich auch.
Er ein Spiegel dieser Gesellschaft. Ich eher einer, der – offensichtlich im Gegensatz zu ihm – nicht behaupten kann, noch Land zu sehen.

Mein Unmut muss sich hier Luft schaffen:
Den letzten Platz in der Vorrunde, was es noch nie in der deutschen Fußballgeschichte gegeben hat.
Und der Trainer, der dieses Debakel zu verantworten hat, soll es nun wieder richten, weil er und sein Verband es so wollen, und er natürlich auch.
Lässt da eine bestimmte Art von Korruption grüßen?

Ein Mann, der die Mannschaft Selbstgefälligkeit und Hochmut gelehrt und vorgelebt hat, was bekanntlich zum Fall führt.
Ein Mann, der gewiss seine Verdienste hat, sie aber im letzten Jahr fraglos verwirkt hat.
Ein Mann, der dem Kommerz erlegen und selbst in der ‚heißen‘ Vorbereitungszeit der Werbung zur Verfügung stand (und sicher gern weiter zu Diensten sein wird).
Ein Mann, der mit den Nationalspielern Gündogan und Özil über den gleichen Berater verbandelt ist.
Ein Mann, der einen hochbegabten und in England erfolgreichen Spieler nicht mitnimmt, offensichtlich,weil der nicht in das in die Jahre gekommene Spielsystem „Ballbesitz first“ passt.
Ein Mann, der stolz auf seine Fußballphilosophie ist, die nach allen Regeln der Kunst in Russland zerpflückt wurde, hat die Stirn,den Karren weiterziehen zu wollen.
Ein Mann, der das Fan-Volk schon über ein Jahr zum Narren hielt, einen Großteil der Medien auch und folgten dem Schellengeläute.
Die Mehrheit dieser Fangemeinde will seinen Rücktritt – doch er kehrt eigentlich satt zu den Futtertrögen zurück.
Weiter so: WIR SCHAFFEN ES!

Er, der Löw, wird es aber sicher auf die Dauer – und das heißt hier erst einmal nur bis zur Europameisterschaft – nicht mehr schaffen.
Zu Tief der Fall der Mannschaft. Sein Abtauchen wird ihn nicht retten, so hoffe ich jedenfalls.

21.07.2018
Haben sich schon alle Vertreter der Fußball-Oberschicht zum Fall der Nationalmannschaft geäußert?
Sicherlich nicht, aber die sich bisher zu Wort gemeldet haben, darunter die Bayern-Fürsten, eiern so um den Löw herum,
dass einem die Tränen kommen. Einem der Fürsten ist jetzt das Wort Dankbarkeit eingefallen: Man müsse ihm, dem Löw, dankbar sein für die
erzielten Erfolge. Wer meinen Text oben liest, wird feststellen, die Erfolge bleiben ihm unbenommen. Dafür können ihm die in München ein Denkmal setzen,
aber nach dem Reinfall kann es mit einem der Verursacher des Desasters keinen Neuanfang geben. Wahrscheinlich haben die gemeinten Herren kein Maß für die Fallhöhe und sind nicht mehr in der Lage das Leistungsmaß zu sehen. Halte ältere Männer, allerdings noch keine alten Männer wie ich einer bin.

  1. M.T. permalink
    Juni 29, 2018

    Ich weiß nicht, in welche Richtung Deine ‚Nachdenklichkeit‘ ging, aber mir fiel sofort Paul Auster ein, der Fußball als Kriegsersatz beschreibt: „Es soll ein Spiel sein und es soll Spaß machen, doch eine unheimliche Erinnerung an vergangene Feindschaften schwebt über jedem Spiel und bei jedem Tor hört man das Echo alter Siege und alter Niederlagen.“ Ein solches Echo ist auch Putins hämischer Kommentar zum deutschen WM-Aus, mit dem er bei seinen Fans ebenso punkten möchte wie mit seiner permanent inszenierten Virilität. Aber etwas anderes, als den Stalingrad-Mythos anzuhauchen, hat er offenbar nicht. Allerdings sind andere Nationen auch nicht besser. Wer Deutschland wirklich treffen will, greift immer wieder zu Vergleichen aus der NS-Zeit.
    Auster meinte es ja durchaus positiv, wenn er schreibt, immerhin hätten die Europäer mit dem Fußball einen Weg gefunden, „einander zu hassen, ohne einander in Stücke zu reißen.“ Aber mich tröstet der sublimierte Hass nicht, ganz im Gegenteil.

  2. H. König permalink
    Juli 15, 2018

    … Lange nichts von dir gehört, aber es gibt ja noch den Blog und da kann man sich kundig machen.

    Dein Beitrag zur Fußball-.WM gibt dem Herderblog mal eine neue Richtung. Gut, so!!!!
    Das Fazit sieht so aus, dass wir draußen sind. Bisschen wenig, wie?
    Alles in allem haben wir sehenswerte, spannende und auch überraschende Spiele gesehen. Auch das Zuschauerinteresse war hoch.
    Und das Endspiel kommt erst noch.
    Selbst die russische Mannschaft, der man vorher nicht wirklich viel zugetraut hat, spielte besser als es unsere vermochte. Immerhin hatte sie den Finalteilnehmer Kroatien am Rande des KO.
    Der Titelverteidiger unter der Regie von Löw, der vor vier Jahren Brasilien mit 7:1 in die Kabinen schickte, wurde Gruppenletzter der Vorrunde. Das ist mehr als blamabel!!! Die deutsche Nationalmannschaft hat in den Vorrundenspielen 1 Tor zustande gebracht und das nach einem Standard von Kroos, sicher perfekt gemacht, aber das war es dann aber auch.
    Schon seit etwa 2 Jahren konnte man erkennen, dass der Trainer keine neuen Akzente setzen konnte.
    Den Ball nur in den eigenen Reihen halten zu wollen, ohne den Gegner mit Pässen in die Tiefe zu
    überraschen, führt dazu, dass, wenn man Glück hat „hinten keinen fängt“ und wenn man kein Glück hat, vorn auch keines schießt.
    Dieses Spielsystem führt nicht mehr zum Erfolg, weil kein schnelles Umkehrspiel mit überraschenden Kontern und Abschlüssen sich anschließt. Andere Mannschaften haben das zur Freude des Zuschauers zelebriert.
    Ursachenforschung, die unser Desaster erklären könnten, möchte ich hier nicht vorschnell betreiben.

    Dennoch ist einiges zu benennen, das hinführend sein könnte.
    – Manuel Neuer ist ein Weltklassetorwart, ihn aber nach 8 Monaten Verletzungspause als Nummer „1“ zu nominieren, untergräbt das Leistungsprinzip. Zumal Ter Stegen eine hervorragende Saison gespielt hat.

    – Spieler, die für o.a. Überraschungen hätten Sorgen können wurden ausgesondert. Sie passten nicht zum Spielsystem, das am Ende erfolglos war.

    – Das leidige Thema Özil/Gündogan wurde nicht entsprechend geklärt und brachte Unruhe und Unbehagen ins Team, was der Aggressivität einzelner Spieler schadete.

    – Eine unkritische Einstellung bei Spieler und Trainer zur „zelebrierten“ Spielweise und eine gewisse Arroganz, die einer anderen Spielweise und mehr Aggressivität entgegenstand.

    – Versäumnisse der Verantwortlichen beim DFB, schon eher zu erkennen, dass so eine erfolgreiche WM nicht möglich sein wird. Löw die alleinige Schuld zu geben, griffe zu kurz. Die Verantwortlichen beim DFB
    werden dafür bezahlt, dass sie die Geschicke des deutschen Fußballs im Auge behalten.
    Das Verhalten einiger Offizieller unseres Fußballverbandes nach dem Schwedenspiel zeugt auch
    nicht gerade von Respekt und Fairness. Von der Vorbildwirkung muss man da gar nicht erst reden.

    -. Natürlich gehört hierher auch die vorherige Vertragsverlängerung Löws, die dem DFB jetzt auf die Füße fällt. Wenn Löw nicht selbst das Handtuch wirft, müssen sie mit einem erfolglosen Trainer den Umbruch in Angriff nehmen. Das wird nicht funktionieren.

    Noch zwei Anmerkungen:

    – Zu „Putinzitat“: Wenn er es so gesagt hat, zeugt das von wenig Feinsinn. Aber vergessen wir nicht, dass der „Westen“ , einschließlich Deutschland, mit ihm auch nicht gerade feinsinnig umgegangen ist.
    Ich persönlich würde das nicht überhöhen wollen.

    Zu Özil/Gündogan : Wenn beide Erdogan als ihren Präsidenten sehen, ist etwas aus dem Ruder gelaufen.
    Die Frage ist, können sie noch glaubhaft eine deutsche Nationalmannschaft vertreten?
    Andererseits ist es politische Realität, das über 60% der „Deutschtürken“ Erdogan bei der Wahl
    ihr Vertrauen ausgesprochen haben.
    Mit dem Slogan: „Wir schaffen das!“ ist es eben nicht getan. Auch bei unserem führenden politischen Establishment könnte man auf den Gedanken kommen, dass ein Umbruch erfolgen müsste. Da sind sie gar nicht so weit entfernt von unserem Nationalteam. Aber das ist ein anderes Thema.

  3. Martin Löschmann permalink
    Juli 15, 2018

    … bin dir dankbar, dass du meinen verengten Blick auf das Ausscheiden unserer Nationalmannschaft weitest.

    Das hast du ja auch in zurückliegenden Zeiten getan. Vgl. z.B. deinen Beitrag zum Doping-Problem in der DDR. Du bist in diesem Blog der Sport-Experte. Das soll die Welt ruhig zur Kenntnis nehmen.

    Das Putin-Zitat ist missverständlich. Ist jedoch eine reine Erfindung, mit anderen Worten: FAKE.
    Obwohl als Spaß gedacht, für mich halt aufschlussreich.

  4. G.M. permalink
    Juli 19, 2018

    Da ist noch einer, der dir zustimmt:
    „… Zuvor hatte Winkler* Kritik an der vorzeitigen Vertragsverlängerung von Bundestrainer Joachim Löw geübt. Dem ARD-Magazin „Fakt“ hatte Winkler gesagt, normalerweise zähle erst Leistung. „Der Vertrag war bis 2020 gültig. Warum diese Vertragsverlängerung gemacht werden musste, erschließt sich uns nicht. Auch solche Fragen müssen wir diskutieren“.

    *Präsident des Sächsischen Fußballverbandes

  5. Martin Löschmann permalink*
    Juli 19, 2018

    Das freut einen denn auch, zumal die Stimme aus Sachsen stammt.
    Die Kritik von Herrn Winkler geht ja noch weiter: Die krasse Verletzung des Leistungsprinzips erinnere ihn an die DDR, vielleicht auch der Versuch, seine Kritik zu unterbinden. Mehr unter https://www.mdr.de

    Ist doch seltsam, dass sich bis jetzt kaum einer an Löw heranwagt, obwohl schon hier und da eine relativ klare Ansprache erfolgt. Der gesunde Menschenverstand, erst recht der psychisch, auch der moralisch geprägte Verstand, wenn es so etwas gibt, sagt vielen Fußball-Fans, mit Löw gibt es keine Zukunft.

    Klar, schuld sind immer die anderen: Einmal sind es die jungen Spieler, die egoistisch gespielt haben, beim zweiten sind es die erfahrenen älteren Spieler, die Löw die Gefolgschaft verweigerten. Mal ist es ein einzelner Spieler, z.B. Özil.
    Wer hat den Mut zu sagen oder zu schreiben, was einfach sein muss?
    Gern zitiere ich denjenigen / diejenige, der / die den Stein aufhebt und wirft. Wie lange muss ich noch auf das passende Zitat warten?

  6. Peter Donhauser permalink
    Juli 21, 2018

    Hallo Marianne, hallo Martin,
    hier nun noch einmal einige Aspekte zu unserer gestrigen Diskussion über den deutschen Fußball.

    – ein Problem des deutschen Fußballs ist die Dominanz von Bayern München. Mit viel Geld sorgen sie dafür, dass keine anderen deutschen Mannschaften ihr spielerisches Niveau erreichen. Am meisten stört dabei, dass sie in Größenordnungen Nationalspieler und Nachwuchstalente anderer deutscher Klubs einkaufen, die in den Punktspielen oft nicht eingesetzt werden und auf der Auswechselbank versauern, dann aber in der Nationalmannschaft spielen sollen.

    – ein weiteres Problem ist die fehlende Mischung zwischen alten Kadern und neuen frischen Talenten. Nach dem Gewinn des Konfederationscup im vorigen Jahr hätte Löw eine gute Mischung aus gestandenen und neuen Spielern kreieren müssen. So spielten meistens die älteren, satten Millionäre, die teilweise ihren Leistungszenit überschritten haben (Gomez, Müller, Khedira). Der leider nur kurzfristige Einsatz von Brandt hat gezeigt , dass es auch anders geht.

    – wenn man Tore schießen will, muß man auch auf dasTor des Gegners schießen. Das Spielsystem mit dem hohen Ballbesitzanteil, der aus ewigem Quer- und Rückspiel 25 m vor dem gegnerischen Tor , ohne Temposteigerungen, Überraschungsmomente und Eindringen in den gegnerischen Strafraum ist vom Gegner leicht zu durchschauen.
    Außerdem fehlen Fernschützen, wie früher Toni Kroos, die auch aus 20 m das Tor treffen.

    – die Verteidigung , ein früheres Glanzstück deutscher Mannschaften, war z. B. gegen Mexiko mehrfach offen wie ein Scheunentor. Bei allem Offensivdrang der Außenverteidiger sind sie doch zuerst Verteidiger und in zweiter Linie eine Ergänzung für ein schwaches Mittelfeld. Andere Mannschaften stehen in der Verteidigung kompakt mit 5-6 Spielern in der Nähe des Elfmeter-Punkts und blocken die gegnerischen Angriffe ab und starten die Offensive aus einer kompakten Verteidigung.

    – das Spielsystem muß den eingesetzten Spielen angepasst werden. Wenn man schon Gomez einsetzt, kann man nicht das übliche Flachpassspiel beibehalten, hier fehlte die Flexibilität

    – es entstand der Eindruck, dass uns viele Mannschaften in der Athletik, der Schnelligkeit, der geistigen Frische und vor allem in der Einsatzbereitschaft überholt haben und hier große Defizite bei der deutschen Mannschaft bestanden.

    – die nicht konsequente Klärung der Özil-Gündogan-Affäre hat sicher viel zu einer unterschwellig schlechten Stimmung in der Mannschaft beigetragen

    – wahrscheinlich muß auch der Nachwuchsarbeit eine neue Bedeutung beigemessen werden, neue Talente sind bitter nötig, um so den deutschen Fußball wieder auf ein hohes Niveau zu bringen.

    Soweit einige Bemerkungen

    Mit freundlichen Grüßen

    Peter

  7. Martin Löschmann permalink*
    Juli 21, 2018

    Großartig, lieber Peter, danke dir
    Löw will in Kürze seine Analyse vorlegen,
    sie muss an deiner gemessen werden.

Kommentar schreiben

Info: Benutzung von einfachem XHTML (strong,i) erlaubt. Die E-Mail-Anschrift wird niemals veröffentlicht.

Kommentar-Feed abonnieren