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Hat die Erde Brot für alle?

2017 11. Juli
von Martin Löschmann

Raum für alle hat die Erde, behauptet der Berggeist in Schillers Gedicht „Der Alpenjäger“,
doch ist es so?

Bei der Bewertung von ECL-Arbeiten aus Ungarn (Niveau C1) mit wachem Interesse lesend, was vorwiegend junge Leute aus Ungarn zu dem Thema Überbevölkerung so schreiben, fällt mir mein Diskussionsbuch „Wir diskutieren“ ein, das in diesem Blog bereits gelegentlich erwähnt worden ist. In meiner Erinnerung spielte darin auch dieses für den DaF-Unterricht der 80er Jahren ewig aktuelle Thema eine Rolle. Pustekuchen, das Durchblättern des Lehrbuches ergab schnell eine Fehlanzeige. Wie konnte es sein, dass wir ein solches brisantes Diskussionsthema nicht aufgenommen hatten?

Die Erinnerungen kreisen und kreisen, und eines Morgens ist es dann soweit: Er fördert ein Zusatzlehr- und -lernmaterial mit dieser Fragestellung zutage, deren Beantwortung die landläufig geradezu kanonisierte Auffassung in der DDR relativierte. Bereits am Titel „Brot für alle hat die Erde“ von Horst Grienig, (Staatsverlag 1985) stakte die generalisierte Antwort heraus. Sie konnte sich auf Marx gründen, der davon ausging, dass nach Beseitigung des Kapitalismus jedermann auf Erden Arbeit und damit sein Auskommen haben werde. Im Grunde genommen stände der Beseitigung des Hungers auf der Welt nur die Unvollkommenheit von Weltpolitik und Weltwirtschaft im Wege. Es sei eigentlich kein Problem, die Produktion von Wirtschaftsgütern im gleichen Tempo zu steigern, wie die Bevölkerung sich vermehrt, und jederzeit jedem lebenden Menschen seinen angemessenen Anteil daran zu gewähren.

Obgleich die gebetsmühlenartig immer wieder vorgetragene Meinung vorherrschend in der DDR war, von der bis heute z.B. auch Gregor Gysi neben anderen nicht lassen kann, gab es schon vereinzelt Bedenkenträger. Einer davon: der prominente Max Steenbeck (1904-81), deutscher Physiker, Gasentladungsphysik, maßgeblich am Aufbau von Kernforschung und Kerntechnik in der DDR beteiligt, Vorsitzender des Forschungsrates der DDR, um nur einige seiner Aufgabengebiete zu nennen. Er fragte sich in einem Beitrag, der meines Erachtens im „ND“ der 80er Jahre zu finden sein müsste, wo steht denn geschrieben, dass sich die Menschheit so rasch vermehren wird, wie es allerorten zu hören und zu lesen war und ist. Mit seiner Frage durchbrach er ein Dogma und wünschte sich, dass man doch Bitteschön bei dem gängigen Optimismus, den er ja prinzipiell durchaus teile, nicht übersehen möge, dass es bei allen wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Bemühungen und womöglich sozialen Veränderungen nicht gelingen kann, den Hunger auf der Welt zu beseitigen, wenn sich die Bevölkerung derart rasant reproduziert. Er sah im Bewusstmachen der Notwendigkeit, das exponentielle Wachstum der Menschheit einzuschränken, einen entscheidenden Schritt zur nachhaltigen Beseitigung des Elends in der Welt, nicht durch Krieg, nicht durch inhumane Maßnahmen wie Zwangssterilisierung etc., sondern durch Aufklärung, bewusste Familienplanung, Bereitstellung von Verhütungsmitteln und zugleich durch Schaffung von Verhältnissen, die nicht dazu führen, dass es einer bestimmten Anzahl von Kindern bedarf, um den Lebensabend von Eltern zu sichern.

Wie es auch sei, inzwischen mehren sich die Stimmen, die mit denen von Steenbeck korrespondieren. Als Bestätigung will ich hier nur eine viel zu wenig bekannte Veröffentlichung aus dem Jahre 2014 nennen, die schon lange Zeit auf meinem Tisch liegt: Hartmut Köppen, Tipping Point. Der Weg in eine bessere Welt. Darin werden für mich überzeugend geradezu kompendiumartig Wege aufgezeigt, die in unserer Gesellschaft gegangen werden könnten und gar müssen. Zumindest verdienen sie, dass wir uns mit ihnen auseinandersetzen.
Keine Frage, dass in diesem Buch für eine „Beendigung des exponentiellen Wachstums der Menschheit“ (S. 247) plädiert wird. Köppen zeigt auf, wie der Mensch im Laufe seiner Geschichte „die Regeln der Evolution ausgehebelt“ und das Gleichgewicht in der Natur zerstört hat und dadurch bereits ein Zustand erreicht worden ist, der es nicht mehr erlaubt, „alle Menschen nachhaltig zu versorgen. In einer begrenzten Welt ist es letztendlich nur eine Frage der Zeit, wie lange eine Grenze überschritten werden kann, bis es aufgrund von Umwelteinflüssen und Überdünung zu einer verzögerten Reaktion und einem Einbrechen der Nahrungsmittelkette kommt. Da die Menschheit danach strebt, die Sterblichkeit zu senken, bleibt nur die Möglichkeit, das Wachstum zu bremsen.“ (S. 248f.)

Wenn sich heute besonders Menschen aus Afrika auf den gefahrvollen Weg nach Europa machen, so hängt das auf jeden Fall mit dem rasanten Bevölkerungswachstum auf dem afrikanischen Kontinent, besonders südlich der Sahara zusammen. Da hilft kein Verweis auf frühere Zeiten, in dem heutige Industrieländer mit einer hohen Fertilitätsrate vor ähnlichen Problemen standen. Auch in diesem Fall hinkt der Vergleich, denn damals lockte Amerika. Im 19. Jahrhundert fanden jedes Jahr Millionen Europäer in der Neuen Welt ihr Zuhause, wie man weiß oder nicht weiß. Heute lockt kein Kontinent, kein Land mehr, die Migrationsräume sind weitgehend geschlossen. Ein gewaltiger Unterschied zur damaligen gesellschaftlichen Situation. Das Tauziehen in der EU um die Aufnahme von Flüchtlingen spricht da Bände, Trumps Mauer an der mexikanisch-amerikanischen Grenze nicht weniger.

Man muss kein Prophet sein, aber wenn in den armen Ländern mit hohem Bevölkerungszuwachs, der nicht hinreichend durch ein entsprechendes Wirtschaftswachstum abgedeckt wird, nichts passiert, was das Leben sichtbar und erlebbar verändert, werden sich immer mehr auf den Weg machen und sie werden immer neue Wege finden. Und keine nachhaltige Förderung gerade der ärmsten Länder in Sicht. Das gerade absolvierte G20-Treffen in Hamburg, das sich auch dieser Problematik grundsätzlich annehmen wollte, fand kaum einen Erfolg versprechenden Lösungsansatz. Die armen und ärmsten Ländern jedoch im Glauben zu lassen, sie hätten eine Chance, sich ohne Rückgang der Geburtenrate aus dem Elend zu befreien, ist unverantwortlich. Wirtschaftlicher und sozialer Aufstieg sind auch an eine Begrenzung des Bevölkerungswachstums gebunden.

Als wir in China waren, konnten wir die Folgen der Ein-Kind-Politik studieren und miterleben, wie schmerzlich sie im Einzelnen empfunden wurde. Eines aber steht fest: Ohne die entsprechenden Maßnahmen wäre der wirtschaftliche Aufstieg des Landes nicht möglich gewesen, wobei zu ergänzen ist, dass diese Ein-Kind-Politik aufgrund bestimmter einschränkender Maßnahmen in keiner Phase zu einem Negativ-Wachstum geführt hat, im Gegenteil: die chinesische Bevölkerung wuchs bis in die Gegenwart stetig, nur eben verlangsamt.
Oder nehmen wir Südkorea, nach dem 2. Weltkrieg ein zurückgebliebenes Land mit einer Geburtenrate auf Augenhöhe mit afrikanischen Staaten von heute. Durch gezielte Familienplanung gelang es, die hohe Fertilitätsrate zu senken und damit eine notwendige Voraussetzung zu schaffen für die erstaunliche Entwicklung des Landes.
Oder man denke an Singapur: Der Stadtstaat zählt heute 4,8 Millionen Menschen und hat sich damit in seiner Einwohnerzahl seit Anfang der 50er Jahre beinahe verfünffacht. Das Reproduktionsniveau verringerte sich in 20 Jahren von 6,4 auf 2,1 Kinder je Frau. Der Rückgang der Geburtenrate wurde vor allem durch Familienplanungsprogramme der Regierung einerseits und einer erfolgreichen Bildungspolitik andererseits erreicht. So muss man sich nicht wundern, wenn man Singapur bei den Pisa-Studien immer unter den ersten zehn Ländern findet.

Und nun noch das negative Beispiel für alle diejenigen, die noch immer der These huldigen: Die Erde hat Brot für alle. Gegenwärtig ist Nigeria mit 174 Millionen das siebtgrößte Land, für 2050 wird damit gerechnet, dass es mehr Einwohner haben wird als die USA und dies bei einer Fläche, die etwa der Größe von Deutschland und Frankreich entspricht (vgl. ZeitOnline, 29. Juli 2015: „Weltbevölkerung wächst schneller als angenommen“). Es liegt auf der Hand: Nigeria wird trotz seines Ölreichtums ein Land mit großer Armut, Bildungsarmut eingeschlossen, bleiben, wenn das Bevölkerungswachstum nicht eingedämmt wird.

Freilich, wenn es um das Heute geht, dann könnte die gegenwärtige Weltproduktion bei entsprechender Koordinierung der internationalen Landwirtschaft und gerechter Verteilung der Nahrungsgüter alle Menschen auf Erden ernähren – natürlich idealiter gedacht. (Vgl. Köppen, S. 243) Das könnte uns Hoffnung geben, wären da nicht die 795 Millionen Menschen, die heute Hunger leiden müssen.

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