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Ein weiterer Beitrag zum Ungeist beim Umgang mit DDR- Intellektuellen

2017 16. April
von Martin Löschmann

Man muss kein Prophet sein, wenn man verkündet, das zum Himmel schreiende Unrecht, das vielen Intellektuellen an Akademien, Hochschulen und Universitäten der DDR angetan wurde, wird lange noch nicht aus dem Rand des gesellschaftlichen Diskurses in der Bundesrepublik verschwinden. So schreibt der Historiker Götz Aly in der Berliner Zeitung vom 30. März 2017: Wie „DDR-Universitäten, von westdeutschen Beutemachern heimgesucht wurden, darunter viele emsig netzwerkende Trantüten, die dort ihre letzte Karrieregelegenheit witterten.“

So war ich nicht überrascht, als mich ein guter Freund über eine Rezension im Neuen Deutschland zu Joachim Jahns: Die Kirschs oder Die Sicht der Dinge. Dingsda-Verlag (225 S., 24,90 Euro) aufmerksam machte. Es findet sich auch eine Besprechung in der Jungen Welt (März 2017). War ich also auch nicht sonderlich überrascht, so hat mich das Buch doch insofern sehr betroffen, als darin das Schicksal des Ehemanns einer von mir erfolgreich betreuten Promovendin nachgezeichnet wird, nämlich das des Professors für Latinistik und Direktors der Sektion Orient- und Altertumswissenschaften der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Dr. habil. Wolfgang Kirsch.

Ich kann mich noch gut an unsere letzte Begegnung anlässlich der Beerdigung seiner Frau, Dr. Erika Kirsch, wenige Jahre nach der Wende erinnern. Man kann, so man will, die Passage über die Begegnung in meinen Memoiren Unerhörte Erinnerungen eines Sonstigen nachlesen. Unfassbar für ihn der Tod seiner Frau, doch selbst an einem solchen Trauertag konnte er das nachwendische Geschehen nicht ausblenden, das für ihn durch seine missliche Evaluierung über eine der berüchtigten Personalkommissionen, die Infragestellung seiner Person, seiner Professur, seines Amtes zerstörerisch bestimmt worden war. Er konnte es einfach nicht fassen, dass man seine Integrität derart beleidigte. Man war nicht davor zurückgeschreckt, ihn als „Offizier der Stasi“ zu verdächtigen, streute vorsätzlich entsprechende Gerüchte an passender und unpassender Stelle aus. Ich halte es nicht für übertrieben, wenn seine zweite Frau Gertraude Clemenz-Kirsch, Picasso-Forscherin und Leiterin der inzwischen geschlossenen Saalkreis-Bücherei, schreibt, er habe noch auf dem Totenbett „von diesen für ihn so schlimmen Vorgängen phantasiert.“ Sie war es auch, die 2011 an den Autor und Verleger Jahns herantrat mit der Bitte, über ihren ein Jahr vorher verstorbenen Mann (72), den international und auch in der BRD anerkannten Altphilologen Wolfgang Kirsch, zu schreiben, um die Vertreibung aus Amt und Würden ans öffentliche Licht zu bringen. Erforderliche Aufzeichnungen und Dokumente, besonders über seine Entlassung aus dem Hochschuldienst, vom Verstorbenen mit der Überschrift Evaluierung versehen, stellte sie dem Verfasser zur Verfügung. Der Brief an Jahns ist in dem Buch gewissermaßen als Einleitung abgedruckt.

Auch wenn sich die Verleumdungskampagnen, die rechtsstaatlich mehr als fragwürdigen Evaluierungsprozesse, die Machenschaften ostdeutscher Helfershelfer mit individuellem Gesicht vollzogen, kommt ein Selbstbetroffener nicht umhin, allgemeingültige Strukturen zu erkennen, die die Vertreibung der DDR-Elite offensichtlich kennzeichnen: Bestellung von Evaluierungskommissionen, die im Westen undemokratisch zusammengestellt wurden. Um ihre Legitimation zu erhöhen, werden Hel-fershelfer aus der DDR integriert, denen angeblich Unrecht geschehen ist. Nicht, dass es solche Benachteiligten nicht gegeben hätte, doch nur zu oft schoben sich Leute in den Vordergrund, die es verstanden, Hochschulkräfte zu diffamieren und sich selbst über solche Schmutzarbeit in gewünschte Positionen zu rücken. Sie werden im Buch mit Namen und Adresse genannt und es wird aufgezeigt, wie sie ihre Biografien zurechtbogen. So behauptete ein Mehlig, er habe in der DDR 10 Jahre nicht publizieren dürfen. Jahns kann jedoch problemlos nachweisen, dass eben dieser Mehlig in dieser Zeit gar wohl publiziert hatte, beispielsweise in der universitätseigenen Zeitschrift. Seine frühere SED-Mitgliedschaft verschwieg die intrigante Person geflissentlich. Im herderblog.net sind derartige Vorteilsnehmer auch benannt und charakterisiert. Solche und andere Leute mögen das Mitglied der Evaluierungskommission des Wissenschaftsrates Manfred Fuhrman bewogen haben, in der Frankfurter All-gemeine zu schreiben: „Im Westen glaubt man manchmal mehr zu wissen als den unmittelbar Beteiligten bekannt ist.“
Wenn man nicht selbst bundesrepublikanische Schlamperei schwarz auf weiß dokumentiert hätte, würde man womöglich gar nicht glauben, dass in Kirschs Abberufungsurkunde vom 16. Oktober 92 seine Professur nicht einmal korrekt bezeichnet ist. Er, der noch ein Jahr vorher vom Bildungsminister Sachsen-Anhalts ein Dankesschreiben für konzeptionelle Erneuerungen des Lateinunterrichts erhalten hatte, musste von einem Tag zum anderen gehen. Mir bescheinigte der DAAD vor meiner Entlassung gelungene Projektarbeit.

Zwei 2 Jahre nach dem Rauswurf wurde Prof. Kirsch im Dienstzeugnis eine „internationale Anerkennung“ attestiert, auch, dass er sich „in außerordentlichem Maße für Belange des Instituts eingesetzt“ habe.“
Wie in meinem Fall gab es im Umkreis von Wolfgang Kirsch Solidaritätsbekundigungen aus dem Westen. Bei mir war es z.B. Prof. Hans-Eberhard Piepho, hier wird u.a. der bekannte Tacitus-Forscher Reinhard Häußler von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf genannt.

Es ist nachvollziehbar, dass der Autor den Kreis um Wolfgang Kirsch weiter zieht und andere Familienmitglieder einbezieht. Das sind einmal der Bruder, der Dichter Rainer Kirsch und dessen Frau, die Lyrikerin Sarah Kirsch. Sicherlich können solche berühmten Namen das Leseinteresse erhöhen, aber so recht stimmig ist das letztlich im gegebenen Zusammenhang nicht, weil die Verbindungsglieder wie existenzielle Zuspitzungen und Brüche, Berufsverbote, oppositionelles Verhalten nicht ausreichen, die Arbeit zusammenzuhalten.

Sosehr man das Verdienst des Verfassers der sachorientierten biografischen Dokumentation würdigen muss, sowenig kann ich verhehlen, dass ich mir wünschte, Wolfgang hätte sich selbst der subjektiven Authentizität wegen aufgerafft, die schmerzlich durcherlebten Vertreibungsvorgänge aufzuschreiben. Offensichtlich hatte die existenzielle Krise, in die ihn die Verleumdungskampagne stürzte, seine Kraft derart aufgezehrt, so dass ihm die Energie fehlte, sich durch Schreiben von dem erlittenen Trauma zu befreien. Einfach zu viel für einen, der sich in der DDR um die Pflege der Altertumswissenschaft, um den Fortbestand seines Fache bemüht hatte. Seine erschütternde Enttäuschung von unterlegenen Gegenspielern ließ ihn den Weg des Rückzugs wählen und nicht z.B. das Arbeitsgericht anrufen.

Diese persönliche Einschätzung soll auf keinen Fall die Bedeutung die akribische Arbeit des Autors herunterspielen. Zum einen sind die unrechtmäßigen Vertreibungen ostdeutscher Intellektuellen viel zu wenig bekannt, und zum anderen verlangen die entsprechenden ‚Vorkommnisse‘ eine wissenschaftliche Aufarbeitung, wozu solche biografisch bestimmten Arbeiten eine unabdingbare Quellenbasis bilden.
Überdies muss man neidlos anerkennen, dass Jahns gründlich recherchiertes Werk etwas bewirkt hat: Prof. Dr. habil. Wolfgang Kirsch ist rehabilitiert: Sein Porträt-Foto ist in die sogenannte Ahnengalerie der Martin-Luther-Universität aufgenommen worden. Leider erst nach seinem Tod – aber immerhin.

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