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Mag ich Gauck?

2015 4. November
von Martin Löschmann

Genau einen Tag bevor ich von der Fehlleistung erfuhr, also am 1. November, fragt mich meine Schwester (über 90) am Ende unseres Gesprächs: „Gauck magst du wohl nicht?“

Stolz teilte sie mir mit, dass sie meine „Unerhörten Erinnerungen eines Sonstigen“ ausgelesen habe. Eine erstaunliche Leistung, denn es sind immerhin 352 Seiten und sie ist immerhin über 90. Die Gauck-Bemerkung zeigte mir zudem, dass sie gründlich gelesen hatte. Der ehemalige Pastor aus Rostock spielt nur auf den Seiten 100 und 301 eine gewisse Rolle. Offensichtlich bezog sie sich auf die Passage, in der ich mich kurz mit dessen Plädoyer für Deutschlands neue Rolle in der Weltpolitik auseinandersetze:

„Auf der bald darauf stattfindenden Sicherheitskonferenz in München wird aller Welt vor Augen geführt, der Bundespräsident hatte buchstäblich alle Hände voll zu tun, denn er musste die Außenpolitik in neue Töne setzen, was schreibe ich da, eine ‚Wende in der Außenpolitik Deutschlands‘ ausbrüten. Deutschland müsse sich im internationalen Geschehen stärker einmischen, gegebenenfalls sogar militärisch, in seinen Worten: ‚in die internationale Ordnung angemessen investieren‘. Bei den Feiern zum Gedenken an den Beginn des Zweiten Weltkrieges auf der Westernplatte in Polen vertieft er seine neue Sicht auf Deutschland und die Welt und bläst zum ‚Generalangriff‘ auf Russland. Und ich frage mich, wird da nicht ein Saulus zum Paulus, der Christ auf dem allerbesten Wege zum kalten Krieger, kehrt da einer die von ihm einst in der DDR mitvertretene Forderung ‚Schwerter zu Pflugscharen‘ unheilvoll um? Ein Wendehals der besonderen Güte?“ (S. 301)

Da ich mit meiner Schwester schon ein halbes Stündchen über Gott und die Welt gesprochen hatte, vertröste ich sie auf unser nächstes Telefonat. „Du magst recht haben, aber es ist ein weites Feld, das da beackert werden müsste, wenn es um diesen Mann geht. Sprechen wir das nächste Mal drüber.“

Worüber wäre zu reden?

Ich will Irla so nebenbei fragen: Weißt du eigentlich, dass Gauck in der DDR über zwei Pässe verfügte? Da kann ja nun wirklich nicht von Widerstand die Rede sein.
Aber gut, ‚lass fahren dahin‘ (Na Irla, woher stammt die Zeile? Richtig: „Eine feste Burg ist unser Gott“ … Lass fahren dahin,/sie haben’s kein’ Gewinn,/ das Reich muss uns doch bleiben.
Und dann überdies das Dorn im Auge: seine prinzipielle Herabwürdigung der ‚DDR-Eliten‘, die hat mir schon seit der Wende missfallen. Ich meine, so ein Geistesriese ist er ja nun auch nicht, dass er sich über die Intellektuellen der DDR erheben könne.
Ich notiere mir zwei Zitate.
Das eine stammt aus Gaucks Vortrag „Freiheit“ und das andere aus Bruder Johannes Paulis „Schimpf und Ernst“ (1522!).
Gauck: „Frieden ist zweifellos eines der ganz großen politischen Ziele und eine große theologische Vision. In konkreten Situationen aber kann Verzicht auf Gewalt auch bedeuten, der Gewalt von Unterdrückten und Aggressoren den Weg zu ebnen oder ihren Terror zu dulden.“ (Gauck. J.: Freiheit. Ein Plädoyer. München: Kösel, 2012) Das lässt Kriege zu, gibt ihnen seinen Segen.
Wenn du mich fragst, Irla, Frieden ist nicht „eines der politischen Ziele“, sondern es ist für mich das Hauptziel. Ach, ich lese ihr einfach einen sehr alten, aber immer noch aktuellen Text von Bruder Pauli vor:

„Man zog einmal aus in einen Krieg mit großen Büchsen und mit viel Gewehren, wie es denn so Sitte ist;
da stund ein Narr da und frage, was Lebens das wäre? (Was für ein Leben das wäre? – nhd)
Man sprach: Die ziehen in den Krieg!
Der Narr sprach: Was tut man im Krieg?
Man sprach: Man verbrennt Dörfer und gewinnt Städte und verdirbt Wein und Korn und schlägt einander tot.
Der Narr sprach: Warum geschieht das?
Sie sprachen: Damit man Friede mache!
Da sprach der Narr: Es wäre besser, man machte vorher Frieden, damit solcher Schaden vermieden bliebe.
Wenn es nach mir nachginge, so würde ich vor dem Schaden Frieden machen und nicht danach; darum so bin ich witziger als eure Herren
.“ (Aus einem Konspekt der Studentenzeit, der mit anderen Papieren aus dieser Zeit nunmehr im Papiermüll landet.)

Just am nächsten Tag, Montag, dem 2. Nov., lese ich in Spiegel Online in einer Glosse von Stefan Berg etwas, was ich trotz all meiner Bedenken und Vorbehalte nicht für möglich gehalten hätte: „Gauck über Schabowski: Höchstpersönlich unterdrückt“.
Günter Schabowski, das ist das ehemalige Politbüro-Mitglied, also ein hoher SED-Funktionär, der den berühmt gewordenen Zettel hervorzog und am 9. November 89 die sofortige Öffnung der Mauer herausstotterte. Diesen Mann ordnet Joachim Gauck, unser Bundespräsident, in einem Kondolenzschreiben an die Witwe des Verstorbenen, in den „Kreis seiner Unterdrücker“ ein und suggeriert gewissermaßen, in vorderster Front eines Kampfes gegen die DDR gestanden zu haben. Doch abgesehen davon zeugt es nicht gerade von Mitgefühl, das der erst kürzlich verstorbene Psychologe Arno Gruen in unserer Gesellschaft so schmerzlich vermisst. Sich in einem Kondolenz-Brief zum Maß der Beurteilung und Verurteilung eines Menschen zu machen.

Gewiss, ich will nicht übersehen, dass Gauck für Schabowski durchaus würdigende Worte findet und besonders dessen spätere kritische Abrechnung mit dem DDR-System herausstellt. Sie führte ihn ja so weit, dass er sich der CDU annäherte.

Fazit: Meine Schwester werde ich im nächsten Telefonat, falls sie nichts von dem Kondolenzschreiben unseres Bundespräsidenten gehört hat, ins Bild setzen und sie fragen, ob sie es für richtig hält, dass ein Bundespräsident und ehemaliger Pastor der Witwe gegenüber den Verstorbenen – ihren Mann – als des Kondolierenden persönlichen Unterdrücker beschreibt. Ist es angesichts des Todes eines Mannes, ganz gleich, wie man zu ihm steht, nicht unangemessen, der Witwe von höchster Stelle aus mitzuteilen, was für ein böser Mensch ihr Mann gewesen sei. Mein Gott, was hat Schabowskis Frau damit zu tun?

August 2017:
Das muss ich meiner Schwester (siehe oben) im nächsten Telefonat unter die Nase reiben:
Dieser Gauck, jetzt Altbundespräsident, zeigt wieder einmal sein wahres Gesicht: Nichts da von bürgernah und Bescheidenheit, er reizt den finanziellen Rahmen und seinen Freiheitsbegriff voll aus. Neun Büros auf 197 Quadratmetern ließ er für seine Mitarbeiter üppig einrichten, für sich selbst z.B. einen Arbeitsraum für 35000 Euro und eine abschließbare Präsidentoilette für 52000 Euro. Eine staatlich begünstigte Großmanns- und Verschwendungssucht.
In der DDR hat dieser Joachim Gauck nicht anders gehandelt, aus dem Staat herausgepresst, was nur möglich war.

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