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Was uns bleibt

2015 16. Juli
von Martin Löschmann

Zu Dr. Jörg Löschmann

In den „Unerhörten Erinnerungen eines Sonstigen“ wird der Sohn des Autors 13mal erwähnt (S, 13, 17, 39, 64, 67 71ff., 131, 178, 190, 258f, 317, 319, 350).
Als das Buch geschrieben wurde, dachte keiner daran, dass Jörg schon kurz nach dem Erscheinen von uns gehen würde. Er starb am 13. Juni dieses Jahres.
Die untenstehende Trauerrede, von mir als dem Vater von Jörg verfasst und am 14. Juli von der Schauspielerin Corinna Harfouch vorgetragen, kann und soll das in den Memoiren entworfene Bild vervollständigen und Dr. Jörg Adam Löschmann ein würdiges Gedenken auch über diesen Weg sichern.

 

Martin Löschmann,
Vater, Großvater, Schwiegervater
mit Unterstützung aller Familienmitglieder
Ahrensfelde, am 14. Juli 2015

Jörg Löschmann

Unfassbar für alle. Das war das häufigste Wort in allen Texten, die in Reaktion auf Jörgs Ableben generiert wurden. Vor diesem Zeichen erstarren wir, die wir zusammengekommen sind und Abschied nehmen wollen, wie der Vorgang landläufig beschrieben wird, den wir hier und heute bewältigen wollen und müssen. Zu komplex, zu unterschiedlich ist die zu leistende Trauerarbeit: Suksan beklagt den Ehemann, Heike den Vater ihrer gemeinsamen Kinder, Julika und Janis den Vater, die Eltern ihren Sohn – nicht umgekehrt, nicht der Sohn Mutter oder Vater –, die jüngere Schwester, die zum älteren Bruder gern aufschaute, ihn zugleich aber auch kritisch begleitete, Nabil den brüderlichen Freund in Kindertagen. Wer wollte für sie, für uns alle einen gleichermaßen besinnenden, tröstenden, aufbauenden Text verfassen. Die im Anklang an den Philosophen Precht abgewandelte Frage: Wer war Jörg Adam und wenn ja, wie viele?, ist hier nicht zu beantworten; die Antwort darauf muss letztendlich jeder für sich im Laufe der Zeit finden.
„Dass wir erschraken, da du starbst,
nein, dass dein starker Tod uns dunkel unterbrach,
das bis dahin abreißend vom Seither: das geht uns an;
das einzuordnen wird die Arbeit sein, die wir mit allem tun.“ (Rainer Maria Rilke)

Auch nach unserer Zeremonie wird Jörgs Abschied vom Leben noch lange unfassbar bleiben, selbst wenn Jörg, der ja gern das letzte Wort behielt, möglicherweise gerade dieses in Frage gestellt haben würde. Was heißt hier unfassbar? Ist mein plötzlicher Tod nicht die Konsequenz meines Lebens? Immer hart am Wind. Zu hart am Wind gesegelt, fangen die Segel an zu killen. War ich nicht ein Grenzgänger von Kindes Beinen an, wie mich meine Mutter oft liebe- und verständnisvoll nannte? Oder?
Abglanz von Ikarus auf jeden Fall – in einem Gedichtentwurf aus seiner Jugendzeit wird das Bild verwendet – hat er sich bei hoher Sonneneinstrahlung auf einem Volleyballplatz am Ob, am Obstausee, in Novosibirsk am 13. Juni womöglich übernommen, vom Spiel hinreißen lassen, beim Schwelgen im Bad der strömenden Glückshormone den raschen Herzschlag nicht gehört; oder war einfach seine Uhr abgelaufen? Vor wenigen Wochen erst: Vater, was sprichst du mir vom Tod, für mich in weiter Ferne, und im Übrigen proben wir nicht jeden Abend, wenn wir zu Bett gehen, ein Sterben?

Gehen, Laufen, Hopsen
Springen, einfach nur springen,
hochspringen, weitspringen, hindurchspringen, herausspringen,
emporspringen, vorwärtsspringen, überspringen, verspringen –
über das Ziel hinausspringen
Zerspringen. (Mutter Marianne)

Ja, ein „schöner“ – kann es das geben? –, letztlich versöhnlicher Tod, wer würde ihn sich nicht wünschen. In Hochstimmung aus dem prallen, wenngleich womöglich sich schon neigenden Leben gerissen. Was hatte er nicht alles in diesen paar Sommerwochen vor? Eine Europareise mit seiner Frau Suksan, gemeinsame Tage mit seinem Sohn Janis in Novosibirsk und im Altai und und und …

Kurz, doch nicht schmerzlos war sein plötzlicher Tod, unter Umständen noch blitzartig die Erkenntnis: Dass könnte es gewesen sein. Allein, solch müßige Überlegungen sind ganz gewiss geprägt vom Suchen nach Trost Hinterbliebener, denn er ist zu früh, mit 55 zu früh von uns gegangen. Er entließ uns in den unvorbereiteten Schmerz, den der junge Augustinus vor vielen Jahrhunderten beim Tod seines Freundes so erlebte:
„Durch diesen Schmerz kam eine tiefe Finsternis über mein Herz, und wo ich hinsah, war der Tod. Die heimatliche Stadt ward mir zur Qual, das väterliche Haus zu einer sonderbaren Unglücksstätte, und jedwedes Ding, das ich mit ihm gemeinsam besessen hatte, wurde mir nun ohne ihn zu unendlicher Pein. Überall suchten meine Augen ihn und er wurde mir nicht gegeben; ich haßte alles, weil es ihn nicht hatte und mir nicht mehr sagen konnte: Siehe, er kommt, so wie es, als er noch lebte, war, wenn er einmal abwesend war.“

Obwohl Jörg Adam nicht ankommen wollte, drängt sich doch das in bestellten Trauerreden strapazierte Wort vom ‚erfüllten Leben‘ auf:
seine beiden Kinder, Julika, die nach einem sehr guten Bachelorabschluss in London noch nach ihrem Weg Ausschau hält, und Janis, auf dem Wege zur Promotion in Norwich – Enkel für ihre Eltern und Schwiegereltern;
seine Arbeitsfelder, die er im Goetheinstitut beackerte, über die Stationen Kairo, Berlin, Bangkok, München und dann als Leiter der Sprachabteilung des Goetheinstituts in Novosibirsk, wo er sich zuletzt der Einführung des Deutschen als Unterrichtssprache in ausgewählten Fächern an russischen Schulen widmete, ein Thema, das er sich hart erarbeiten musste und das ihm Spaß machte. Bei der offiziellen Totenfeier in Novosibirsk fand man diese Worte für ihn:
„Mit Offenheit und anhaltender Neugier begegnete Jörg den Menschen in seiner Umgebung.“ Er betrieb die Pflege und Verbreitung der deutschen Sprache in Sibirien „voller Leidenschaft und Engagement. Immer hatte er neue Ideen, und er bewahrte auch in schwierigen Situationen seine Leichtfüßigkeit und seinen Humor.“
Nicht von ungefähr werden im zentralen Nachruf des Goetheinstituts in der „Süddeutschen“, die er las und sicherlich nicht mit der Erwartung, dort einst seine Todesanzeige zu finden, seine „Sachkenntnis“ und seine weltweit geschätzte „Kollegialität“ herausgehoben. Wer immer mit Jörg zusammenkam, war über sein enormes Weltwissen erstaunt, das er, wie Janis es formuliert hat, sowohl handlungs- als auch diskussionsstrategisch oft bestechend einzusetzen wusste; seinen Kunstverstand und nicht zuletzt seinen ästhetisch geprägten Lebensstil, der sich äußerlich auch in bevorzugter Designer-Kleidung signalisierte. Wo er sich niederließ, ob in Berlin, München, Chiang Mai, Bangkok und eben zuletzt in Novosibirsk, richtete er sich im Kreise seiner ihm Anvertrauten nach für ihn strengen ästhetischen Kriterien ein und empfand Stolz, andere – Familienmitglieder, auserwählte Freunde, Mitstreiter und Mitstreiterinnen – zu gegebener Zeit an seinem Werk teilnehmen zu lassen. Beim Besuch seiner Eltern in Novosibirsk waren es eine Installation von Lieblingssachen und Spielzeugen seiner Kinder und kunsthandwerkliche Arbeiten aus Birkenrinde, einer russischen Spezialität.
Seine verschiedenen Sammlungen gehörten unabdingbar zum ästhetisch arrangierten Inventar, denn Jörg war ein Sammler und Jäger vor dem Herrn. Was hat er nicht alles gesammelt?
Eine anspruchsvolle Erotiksammlung steht zu Buche, sie führte ihn nach Amsterdam, Kopenhagen, Stockholm, um sich anregen zu lassen für die nach der Wende ins Auge gefasste Errichtung eines eigenen Erotikmuseums mit Lesecafé, Filmvorführungen wertvoller erotischer Filme. Natürlich hätte er darin seine erotischen Geschichten platziert, die er einst für das einzige DDR-Magazin schrieb, das die Wende überlebte.
Einige typische Produkte aus der DDR-Zeit, mit Humor präsentiert, vor allem Keramik von Hedwig Bollhagen, deren einzelne Stücke vor der Wende durch langes Anstehen in den frühesten Morgenstunden ergattert werden mussten und einem nach 89 einfach in den Schoß fielen, wenn man das nötige Kleingeld hatte.
Seine Musiksammlung gehört dazu, die ihn stets begleitete, Bob Dylan, Pink Floyd, John Lennon (zu dem eine Betrachtung vorliegt) und die Puhdys vielleicht vorne weg. In der Jugendzeit versuchte er, sich selbst das Gitarrenspiel anzueignen und sang dazu mit bewusst krächzender Stimme. Als dann eine Mundharmonika zum Gitarrenspiel dazugehörte, musste die entsprechende Halterungsvorrichtung plus Mundharmonika her. Beides gab es natürlich nur, ja wo denn nur? Eine seiner zwei Tanten im Westen, die etwa in seinem Alter starb, erbarmte sich seiner. Auch klassische Musik war in seiner Sammlung nicht ausgeschlossen. Eines Tages setzte er sich an sein überquellendes Repertoire und schnitt sie sich auf sein Maß zusammen. „Findest du nicht auch, in dieser Symphonie von Mozart sind doch nun wirklich Längen drin?“ Des Sammlers Leid zeigt sich in seiner DVD-Sammlung, die durch das Genre „der besondere Film“ ursprünglich geprägt war, aber in Novosibirsk irgendwie zu überborden schien, weil sich Buntheit auf einmal Bahn gebrochen hatte. Zu seinem Nachlass zählen 15mal je drei Meter DVD-Regale.

XIEJC7AX

Cuong: Time and Us

 

 

 

 

 

 

Indes über all seinen Sammlungen steht die Kunstsammlung, vor allem Bilder, die zusammen mit Heike im wahrsten Sinne des Wortes erfahren, von Reisen mitgebracht, nach Gesprächen mit Künstlern und Künstlerinnen erworben. Ihr Haus in Chiang Mai, wunderschön gelegen an einem der vielen Kanäle, verwandelte sich in ein kleines Privatmuseum, in dem es sich wunderbar und glücklich leben ließ. Die im Hause ermöglichte künstlerische Entdeckungsreise wurde durch seine „wunderschönen“ Begleittexte (Heike) geleitet, vorwiegend burmesische, kambodschanische und thailändische Künstler galt es zu besichtigen. Zum Bleibenden gehören die ebenfalls mit Heike entwickelten international beachteten thematisch angelegten Wanderausstellungen südostasiatischer Künstler und Künstlerinnen, von der Böll-Stiftung organisiert und von Dr. Jörg Löschmann kuratiert: The End of Growth? Ways of Development into a Sustainable Future, 2001 in Chiang Mai und Bangkok, und knapp drei Jahre später dann Identities versus Globalisation? Wieder in Chiang Mai und Bangkok gezeigt, aber dieses Mal auch in Berlin. Der Vorgang ist in den Unerhörten Erinnerungen eines Sonstigen ausführlich beschrieben:
„Bei der Eröffnungsveranstaltung im Ethnologischen Museum tritt uns Dr. Jörg Löschmann als Kurator entgegen und gibt eine Einführung in die zeitgenössische Kunst aus Südostasien. Nach dem offiziellen Teil raunt uns eine Expertin ungefragt zu, die uns in Chiang Mai bei einer Party kennen gelernt hatte: „Brillant, was Ihr Sohn da vorgetragen hat, sie können stolz auf ihn sein.“
Ja, als Kurator schien er wirklich angekommen zu sein, keine Frage: ‚Kulturmanagement‘ war seine Berufung und ‚Kulturmanager‘, was immer das im Einzelnen bedeutet hätte, wäre sein Beruf gewesen. Allerdings musste er erkennen und er erkannte es, dass dafür ein zusätzliches Studium erforderlich gewesen wäre. Er hatte keine Illusionen über die Chancen von Quereinsteigern – ohne Glück, Förderung, Protektion und Geld ist da im Allgemeinen wenig zu machen. Und wiederum charakteristisch für ihn: Einmal von einer Idee besessen, ließ er lange nicht locker. Wenn der Einstieg in den Kunstausstellungsbetrieb für mich nicht möglich ist, dann vielleicht in ein nicht weniger interessantes Museumsunternehmen, in das er sich als begeisterter Autofahrer und nunmehr ausgewiesener Kurator hätte einbringen können: Seine Initiativ-Bewerbung, in der er sich als Mitarbeiter des 2007 eröffneten BMW-Museums empfahl, belegt diesen festen Willen. Dass es dann nicht klappte, hat ihn nicht etwa aus der Bahn geworfen. Ihm blieb der erlebnisreiche Besuch von großen Kunstmuseen in aller Welt mit ihren Weltausstellungen. Ob in Berlin, Kassel, Kopenhagen, London, New York, Paris, Petersburg, Venedig, Jörg war immer dabei. Nicht überraschend: In den letzten Jahren begann er sich mit Museumsarchitektur zu beschäftigen. Und nun wohin mit den vielen wertvollen Bänden?

Ja, Jörg blieb zeit seines Lebens ein allseitig Interessierter, auch politisch Interessierter, mit dem es sich wacker und fundiert streiten ließ, ein ständig Neugieriger, ein unermüdlich Suchenden, der weniger – vor allem nach der Wende – wissen wollte, was die Welt im Innersten zusammenhält, sondern eher, was die Welt bietet und wie man das Gebotene jenseits des RTL-Niveaus sich und mit Nahestehenden aneignet. Immer war er für Überraschungen gut und konnte sich über die überraschungslose Gesellschaft ärgern, wie eine nicht veröffentlichte Betrachtung von ihm unter diesem Titel zeigt.
Nicht nur in den Überraschungen machte er seine Großzügigkeit kenntlich. Jörg wollte einfach lieb sein.
Janis, hast du schon…/ Julika, da müssen wir unbedingt hin…/ Rate mal, was ich in der Hand habe,
Suksan …/ Kati, warst du denn schon in dem neuen Museum Gunzenhauser in Chemnitz?/
Papa, Mama, ihr wart noch nicht im Tanztheater von Sascha Waltz! Morgen gehen wir hin, ihr seid eingeladen.

Hatte er auf seinen Eroberungs- und Erarbeitungszügen etwas für sich Wertvolles entdeckt, kniete er sich hinein, verkündete: Das ist es! Und genoss es bis zur Neige. Herausgeholt, was für ihn herauszuholen war, wandte er sich Neuem zu, ohne das soeben noch im Zentrum seiner Aufmerksamkeit Stehende völlig zu vernachlässigen. So entging er der akuten Gefahr, den vielen Optionen im neuen Gesellschaftssystem zu erliegen.

Jörg fasste das Leben gewissermaßen als Spiel auf und spielte selbst gern leidenschaftlich. „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ (Schiller) Julika hält überdies das folgende Zitat für erhellend: „Brot und Spiel braucht der Mensch. Brot um zu wachsen und zu existieren, Spiel um diese Existenz zu erleben.“ (Frederik Buytendijk) Glückliche Zeiten für die Familie, wenn gespielt wurde. Schach, später Monopoly, dann vor allem Siedler waren die Favoriten, nichtdestotrotz schleppte er immer wieder neue Spiele an, die gemeinsam ausprobiert wurden. Bestimmt war er enttäuscht, dass sich seine auf die Kinder projizierte Spielbegeisterung seinen Eltern nicht in gleichem Maße mitteilte, seine Sportbegeisterung – vor allem Fußball und eben Volleyball – schon eher. In den letzten Jahren in Novosibirsk verfiel er fast dem Grepolis, einem inter-netbasierten Strategiespiel. Millionen Spieler verteilen sich weltweit auf diversen Welten, und Jörg erfolgsorientiert wie immer dabei, lernte interessante Personen über das Spiel kennen, gewann sogar einmal 3000 Euro. Allerdings musste er Tag und Nacht auf der Hut sein, um seinen Gewinn, seine Inseln zu sichern und neue zu erobern. Da konnte schon mal passieren, dass der Nachtschlaf unterbrochen wurde. Ein Grenzgänger halt.

Was Jörg auch aufgriff und angriff, er wollte der Beste, der Erfolgreiche, der große Zampano aus „La Strada“ sein, dessen Regisseur Federico Fellini er eine lange Zeit hoch schätzte und bewunderte. Spielen, spielen und nochmals spielen war Teil seiner Erziehungsphilosophie, antiautoritär auf jeden Fall, die Kinder sollen eine sorglose, eine unbekümmerte, eine glückliche Kindheit haben, und dazu gehört eben vor allem das Spielen. Für seine Kinder war er immer da. Er wollte es besser machen als seine Eltern und machte es geradezu rührend besser, ohne allerdings die goldene Mitte zu treffen. Er litt darunter, als er sich von Heike schied und seine beiden aus dem Kreis der sog. wohl behüteten Kinder traten. Was uns außerhalb Stehende besonders berührte, war der im Ganzen einvernehmliche Umgang miteinander, sicherlich nicht nur der Kinder wegen. In der Stunde des Todes machte sich Heike auf den Weg nach Novosibirsk und regelte zusammen mit Suksan, was zu regeln war, weil es nicht geregelt war, nun aber geregelt werden musste. Die Urne nach offizieller Abschiedsfeier in Novosibirsk mit rund 50 Trauernden aus dem Kreis der Freunde und Kollegen nach Berlin zu bringen, Jörgs letzter Station nun der Baumfriedhof in Ahrensfelde, an der Grenze zu Berlin.

Berlin war einer seiner Sehnsuchtsorte, die anderen Leipzig, nicht seine Geburtsstadt, wohl aber die Stadt seiner Kinder- und Jugendzeit, und Bangkok. Zwischen diesen Städten pendelnd, stellten sich Jörg mit Suksan seine Pensionszeit vor.
Berlin hat er aus ganz unterschiedlichen Perspektiven erlebt: als Hauptstadt zur DDR-Zeit, als Machtzentrale, die auch das Leben seiner Eltern wesentlich bestimmt hatte; der Weg nach Finnland, wo er – noch als Kind – zum ersten Male das andere Gesellschaftssystem mit allen Segnungen kennen lernte und es genoss, führte über Berlin und nur über Berlin. Die in Berlin ermöglichten ihm im Internat des Außenministeriums in Königs Wusterhausen ein halbes Schuljahr zu überbrücken, weil die kleine DDR-Schule in Helsinki nur bis zur sechsten Klasse reichte. Nicht ohne Blessuren kam er hier einigermaßen zurecht und musste sich danach wieder in Leipzig an seiner ehemaligen Schule, der Leibniz-Schule, durchsetzen, weil im Land der Planwirtschaft jede Schule nur ein stark begrenztes Kontingent an Abiturplätzen bekam. Da tobte natürlich der Wettbewerb, den er beinahe verloren hätte, nicht wegen seiner fachlichen Leistungen, die waren sehr gut, sondern weil man eine seiner Stärken systemisch zur Schwäche herabstufte: Er zeige noch „individualistische Tendenzen“ hieß es in seiner Beurteilung im Zeugnis der 11. Klasse, was alles andere als eine Empfehlung für einen Studienplatz war. Und weil sie es, obschon im Kern durchaus richtig, nicht war, musste der Passus gestrichen werden und er wurde gestrichen.
Jörg studierte zunächst an der Hochschule für Ökonomie Berlin ein Jahr Volkswirtschaft, als es mit dem begehrten Fach Außenwirtschaft nicht klappte, obwohl ihm dies zugesichert worden war, als er sich nicht zuletzt unter dem Druck der Eltern, was die später bereuten, zum dreijährigen Dienst in der Volksarmee verpflichtet hatte. Ein Jahr an dieser Hochschule reichte ihm zu erkennen, dass das Wirtschafts-studium zu wenig für ihn brachte, und er setzte einen Fachrichtungs- und Hochschulwechsel durch, der in der DDR eigentlich generell nicht vorgesehen war. Von 1982 bis 87 studierte er dann – sicher auf dem Hintergrund des unmerklichen Einflusses von Nabil, – „durchaus mit heißem Bemühn“ Islamwissenschaften, Geschichte und Arabistik an der Humboldt Universität zu Berlin. Fand nicht nur Heike während des Studiums, sondern auch so Gefallen an seinen neuen Fächern, dass er im Rahmen eines Forschungsstudiums innerhalb von drei Jahren mit großem Erfolg promovierte, so dass er als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich Islamwissenschaften der Humboldt-Universität übernommen wurde. Die Wende schnitt auch seine vorgezeichnete Karriere an der Uni abrupt ab. Er hielt sich aber nicht lange bei der Vorrede auf, zumal er sich vom abgewirtschafteten DDR-Regime schon vorab abgewandt hatte, sondern bewarb sich beim Goetheinstitut in München, stellte sich dem strengen Auswahlverfahren; von mehr als einhundert aussichtsreichen Bewerbern gehörte er zu den rund 30 Ausgewählten und absolvierte erfolgreich das erforderliche 10monatige Ausbildungsprogramm. Seine ersten Sporen als Dozent am Goetheinstitut verdiente er sich wiederum in Berlin.
Bangkok schließlich war für ihn das ganz ANDERE, zunächst ein Arbeitsort, an dem er zu schnell zu viel verändern wollte, ein Fundort mit Blick auf Suksan, ein Zufluchtsort, eine Möglichkeit zu einem Neuanfang.

Der Tod machte den Ausbau der Lebensachse Berlin – Leipzig – Bangkok erbarmungslos zunichte, versetzte uns alle in eine Extremsituation, die Trauerarbeit unabdingbar macht. Jörgs ‚pass away‘ macht einmal mehr deutlich, dass der Tod in unser Leben hineinragt, und wir erkennen, ‚erleben‘ müssen, dass wir sterblich sind und ‚abschiedlich‘ existieren. Zugleich kann er den Blick für das wirklich Wesentliche im Leben frei machen und uns zwingen, uns zu verändern, ob wir es wollen oder nicht. Es mag abwegig klingen, aber der Tod eines geliebten Menschen ist zugleich eine große Herausforderung zur eigenen Selbstverwirklichung, indem wir uns mit dem Vonunsgegangenen auseinandersetzen. Wir können in Erinnerung an ihn Mut fassen, den eigenen Weg, weiterzugehen, denn von nun an werden immer irgendwo Spuren seines Lebens um uns, mit uns und in uns sein – Gedanken, Anregungen, Empfehlungen, Ratschläge, Bilder, seine Sammlungen, Augenblicke des Glücks, Gefühle, sein Charme, seine Liebe. Das ist was uns bleibt.

10 Kommentare Kommentar schreiben →
  1. Michael Thormann permalink
    Juli 20, 2015

    Lieber Martin,

    ich habe Deinen bewegenden Nachruf auf Deinen Sohn gelesen, in den Du all Deine Liebe und Anerkennung für sein intensives und wohl auch unruhiges Leben gelegt hast. Viele, die Deinen Sohn persönlich gekannt haben, werden manche liebevoll herausgearbeitete Facette seiner Persönlichkeit bestätigen können, aber ihn vielleicht nach Deinem vielschichtigen Porträt auch mit ganz neuen Augen sehen, weil ihnen die Totalität seiner Individualität verborgen geblieben sein mag. Es ist jedenfalls eine wunderbare Trauerrede, die selbst Teil der Trauerarbeit ist, die Du leisten musst, die alle leisten müssen, die ihn schmerzlich vermissen. Und das werden nicht wenige sein. Die Evokation dieser Rede macht Deinen Sohn für die Nachwelt kenntlich und den großen Verlust umso fühlbarer. So kann man nur schreiben, wenn die Liebe einem die Feder führt. Nicht nur Du kannst stolz auf Deinen Sohn sein, auch Dein Sohn wäre stolz auf Dich. Da bin ich sicher.

    Ich wünsche Dir und Deiner Familie Kraft.

    Herzliche Grüße

    Michael

  2. H.K. permalink
    Juli 25, 2015

    Lieber Marianne, lieber Martin,

    es ist unfassbar, was ich hier lese. Ich bin echt erschüttert!!! Wie kann so etwas sein, denkt man sich. Ich fühle mit euch und habe Tränen in den Augen, weil ich weiß, was so ein furchtbares Ereignis mit einem selbst anrichtet.
    Natürlich bin ich sofort wieder mit meinen Gedanken auch bei meinem Sohn. Ich weiß, wie ihr euch fühlt, möchte Trost spenden, aber wie soll man das anstellen angesichts eines solchen furchtbaren Ereignisses.

    Meine Frau und ich wünschen euch die Kraft, die ihr brauchen werdet, um dies zu verarbeiten. Es heißt immer so „schön“, dass die Zeit die Wunden heilen wird. Aber daran glaube ich nicht so recht. Wir gewöhnen uns eher an den unsäglichen Schmerz.

    Bleibt mit mir in Kontakt und meldet euch, wenn euch danach ist.

    Herzliche Grüsse
    U. und H.

  3. S.E. permalink
    Juli 25, 2015

    Lieber Martin, liebe Marianne,

    oh, mein Gott, wie soll man bei solch einer Nachricht Worte des Trostes finden!
    Ich kann mir nicht vorstellen, dass es für solche Momente überhaupt Worte des Trostes geben kann. So umarme ich euch in Gedanken einfach schweigend.
    Ich sehe euren Sohn noch ganz deutlich vor mir, welche Fröhlichkeit und Lebensfreude er bei deiner Geburtstagsfeier versprüht hat, lieber Martin.
    Und dann so etwas. Völlig aus heiterem Himmel. Ohne Vorankündigung.
    Mir bleibt nur, euch zu sagen, dass meine Anteilnahme unendlich groß ist. Ich liebe meine Kinder auch sehr und die Vorstellung, eines davon zu verlieren, ist schrecklich. Daher glaube ich gern, dass es furchtbar ist, wenn ein Kind vor den Eltern stirbt. Aber zwischen der Vorstellung und dem Gefühl der Erschütterung, dass man dann in der Realität hat, ist sicher nochmal ein meilenweiter Unterschied. Es tut mit soo leid und ich fühle mit euch.
    Ich wünsche euch ganz viel Kraft und ein gutes Eingebundensein in der Familie für das, was jetzt noch vor euch liegt.

    Herzlichst
    S.

  4. B. u. S. L permalink
    Juli 30, 2015

    Liebe Marianne, lieber Martin,

    schrecklich, unfassbar. Der Tod ist immer schlimm, aber wenn er dann noch die natürliche Ordnung aushebelt! Wir wünschen Euch viel, viel Kraft zur Bewältigung der Trauer. Als wir die Nachricht lasen, fühlten wir uns wie vor den Kopf gestoßen. Wenn Ihr aus dem tiefsten Wellental des Schmerzes wieder auftaucht, wird Euch vielleicht etwas trösten, dass da viele Freunde sind, die mit Euch fühlen und Euch gern beistehen.

    Wir trauern mit Euch
    B. und S.

  5. A.R. permalink
    August 6, 2015

    Lieber Martin,
    das ist ja wirklich unfassbar, was fuer ein schrecklicher Schock! Joerg war doch wesentlich juenger als ich, und sah voellig gesund aus, fit und schlank und Nichtraucher – wie kann das bloß sein?!
    Ich habe mich auf eurer Brunchparty noch so nett mit ihm unterhalten…

    A.

  6. M.F. permalink
    August 16, 2015

    “ … Kein Vater sollte am Grab seines Sohnes weinen müssen“,
    lässt Tolkien König Théoden sagen,
    und diese Szene, die mich vor Jahren im Film schon sehr berührt hatte,
    geht mir jetzt immer wieder durch den Kopf.“

    Eure M.

  7. M. u. L. W. permalink
    August 17, 2015

    … Jörgs Laudatio zu Martin 80. Geburtstag hat uns tief berührt.
    Wir werden sie in guter Erinnerung behalten:

  8. G.R. permalink
    August 22, 2015

    … Der Höhepunkt dann Dein 80. & das Wiedersehen mit Jörg. Das Plaudern mit ihm über die Kindheits – & Jugendtage in Suomi ließen die Zeit -sich wie gestern anfühlen-, welch bereichernde Erinnerung erweckte sie in uns.
    Welch Freude dies erlebt haben zu dürfen, besser: welch Freude dies zu erleben.

    In Erinnerung an Jörg & in Gedanken an Euch …

    G.R.

  9. Kati permalink
    September 23, 2015

    … meines Bruders Lieblingsmusik?

    „Kehrt nicht wieder zurück“ und „Spiel mir das Lied vom Tod“

    https://www.youtube.com/watch?v=zIlT0wkW9Vg

  10. I.K permalink
    Januar 17, 2017

    Ist es ein Teil der Trauerarbeit, wenn ich bei der Nachricht über den Tod von
    Ulf Ulfkotte an euren Sohn gedacht habe?
    56 Jahre alt, Herzinfarkt.

    Erst vor einem halben Jahr waren wir auf seine Arbeit aus dem Jahre 2014 gestoßen:
    „Käufliche Journalisten“. Im offiziellen Sprachgebrauch ein ’sehr strittiges Werk‘.
    Wir fanden es mutig, selbstkritisch, vor allem aber kritisch. So weit wir es beurteilen konnten, schien uns vieles unstrittig.
    Besonders gefiel uns damals eine zitierte Untersuchung:
    In einer „interessante Münchner Bachelor- Studie“ wurden „für die Jahre 2000 bis 2012 bei 80 ausgewählten Artikeln der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu den
    Staatsführern Obama (USA) und Putin (Russland) einmal die Adjektive und Adverbien zusammengestellt“, „also Worte in Zusammenhang mit Obama oder Putin,
    welche in den Artikeln an eine wertende Beschreibung herankommen. Bei Putin sind die von der FAZ verwendeten Adjektive und Adverbien eindeutig negativ belegt, etwa: drohend, rau, angriffslustig, konfrontativ, antiwestlich, machtpolitisch, wahrheitswidrig, kühl, kalkuliert, berechnend, zynisch, harsch,
    barsch, nicht stichhaltig (Argumente) und nicht glaubwürdig (Argumente).
    Ganz anders der Ton gegenüber Obama: engagiert, frenetisch begrüßt, begeistert, konziliant, gelobt, hoffnungsvoll und entschlossen.“

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