Skip to content

50 Jahre Herder-Institut. Eine Rede anlässlich des Jahrestages der Namensgebung

2011 12. Juni
von Martin Löschmann

Herder-Büste in der Anna Amalia Bibliothek in Weimar Wo stand eigentlich die Büste von Herder am Herder-Institut? Meine Damen und Herren, verehrte Zelibritäten, liebes hochansehnliches Publikum, liebe Freunde des Herderblogs in Ost und West, Nord und Süd, sehr geehrte Freunde und Sponsoren des Deutschen als Fremdsprache, hochgeschätzte virtuelle Festgemeinde, liebe ehemalige Kolleginnen und Kollegen! Vor Ihnen steht ein Mann, ordnungspolitisch genauer formuliert, ein ehemaliger Mitarbeiter des Herder-Instituts, der vor nunmehr 50 Jahren an dieses Institut kam, in dem Jahr also, in dem das Institut für Ausländerstudium an der Leipziger Universität den Namen Herder erhielt und ihn von nun an in die Welt trug. Der heutige Festredner geriet in all den 50 Jahren nie in Verlegenheit, aus welchen Gründen auch immer, sich irgendeinen Jubiläumstext ausdenken zu müssen. Reden aus Anlass von Jubiläen sind wohl immer vorbereitet und aufgeschrieben. Ich mache da keine Ausnahme –  wie auch? Könnte es aber sein, dass ich mich irre und mich nur nicht mehr an eigenes Festrede-Wortgekräusel erinnere, das aus irgendeinem Anlass irgendwann und irgendwie aufgedröselt werden musste? Freilich in jedem Fall unter Beachtung des berühmten Hutes, der in Wilhelm Tell auf dem Markt zu Altdorf mit dem Gebot aufgestellt ist, damit sich ein jeder vor ihm verneige. Dass feste ideologisch determinierte Versatzstücke in solchen Reden in der DDR unabdingbar und so schnell der Vergessenheit ausgeliefert waren, wird niemand abstreiten, schon eher, dass derart markierte Stanzen auch in nachwendischen Fest-Reden auftreten. Offizielle Redner anlässlich von Jubiläen sind meistens Gewinner, die sich auf dem richtigen Pfad befinden, die wahren Erben von irgendwas und irgendwem. Ich fühle mich weder als Gewinner noch als Verlierer, im gegebenen Kontext ohnehin eine triviale Gegenüberstellung, niemand hat mich gebeten, halte diese Rede aus eigenem Antrieb, meine Idee, auf keinen Fall ein Ideenplagiat, möchte den Rednern, die nach mir kommen, auch nichts wegnehmen. Das Internet, der Blog macht diese Rede möglich. Beim Schreiben der Einleitung, die Sie so eben gehört haben, fiel mir ein, es war wohl im Jahr der Wende oder ein Jahr davor, ein westdeutsches Kamerateam, ein ZDF-Team durfte zum ersten Male das Herder-Institut betreten, als damaliger Forschungsdirektor hatte ich Rede und Antwort zu stehen. Die am Institut betriebenen Forschungen und Entwicklungen sollten im geschichtlichen Kontext beschrieben und ihre Ergebnisse möglichst medienwirksam kurz und bündig vorgestellt werden. Trotz zweier Pannen (ein Bandriss, eine volle Spule) und anfänglicher Unsicherheit gelang es, vor den sorgfältig ausgewählten und durchaus wirksam aufgebauten Anschauungsstücken ein instruktives Bild unserer Arbeit zu entwerfen. Das kleine Team schien sichtlich beeindruckt, so dass ich mich an einer Stelle ein wenig kokettierend bemüßigt fühlte zu sagen: Na ja, den Nürnberger Trichter hätten wir auch nicht erfunden. Dieser Bezug wurde hergestellt, das weiß ich genau, denn ich musste ihn auf Wunsch des Regisseurs nach dem Bandriss noch einmal wiederholen. so etwas prägt sich ein. Die Spannung war hoch: Das Herder-Institut im Westfernsehen, das wäre ein bedeutsames Ereignis. Die verkrampfte Abgrenzungspolitik schien sich zu lösen. Der Sendetermin wurde zwar nicht offiziell verkündet (oder doch?), sprach sich aber in Windes Eile herum. Welch eine Enttäuschung, als sich herausstellte, der Beitrag würde nun doch nicht gesendet. Wie gern wüsste ich, ob er noch im ZDF-Archiv aufzufinden ist und warum er damals nicht über den Sender lief. Wäre doch eine Überraschung, wenn ihn jemand anlässlich eines Jubiläums auskramte. Ein flüchtiger Blick auf die Liste bisheriger Festredner lässt vorwiegend die Direktoren des Herder-Instituts aufziehen – natürlich als Gralshüter des Herder-Schatzes, auch Stellvertreter. Ich war zum Ende des alten Herder-Instituts hin ja auch ein Stellvertreter, aber ohne Mandat keine offizielle Rede. Und das große Jubiläumsfest war erst nach der Wende zu haben. 2006 – 50jähriges Bestehen des Instituts für Ausländerstudium. Ein großer Teil derjenigen, die am Glanz und Elend des Instituts mitgewirkt hatten, blieb ausgeschlossen. In einem Telefongespräch vor ein paar Wochen mit Dieter Herrde, promovierter Dozent und ehemaliger Leiter des Wissenschaftsbereiches Landeskunde, fragte sich dieser so ganz nebenbei, warum er wohl nicht geladen worden war. Um es unumwunden zuzugeben: in meinem Fall frage ich mich das auch. Wie auch immer man zur Landeskunde in der DDR stehen mag, sie gehörte zum Fach Deutsch als Fremdsprache und hat die international geführte Diskussion durchaus befruchtet. Das Ringen um die Interpretationshoheit bei der Namensgebung und den Namensvergebungsjubiläen resümierend, erlaube ich mir, schon an dieser Stelle mal die Frage zu stellen, die als herder-populistisch abgetan werden könnte: Waren Einseitigkeiten, die Ausschlussverfahren, die Abgrenzungen und Ausgrenzungen, ganz gleich in welchem System vorkommend, je mit dem Geiste Herders zu vereinen? Wie immer die Antwort ausfällt, eines ist gewiss, meine virtuelle Rede soll Schluss machen mit diskriminierender Ein- und Ausgrenzung und wendet sich an die gesamte DaF-Gemeinde mit ihren Freunden und Förderern im In- und Ausland.   Johann Gottfried Herder (Anton Graff) Dazu Herder im Originalton: „Wer für andere nur weiß, der trägt wie ein Blinder die Fackel, leuchtet voran und geht selber in ewiger Nacht.“ Die Verdienste des Herder-Instituts um die deutsche Sprache und ihre Verbreitung sollten nicht allein einigen Auserkorenen zugeschrieben werden. Ich bleibe so naiv und sage: An diesem Erfolg, den ja letztlich niemand bestreitet, waren alle ehemaligen und nichtehemaligen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen beteiligt – selbstverständlich in unterschiedlichem Maße, nach individuellem Vermögen, Engagement, Aufgabe und Platz. Wie auch immer, die Erklärungsnot ist groß, denn die Geister, die sie riefen, werden sie nun nicht los. Kann mir mal einer erklären, wieso die Einrichtung eines DaF-Studienganges, den es an den verschiedensten deutschen Universitäten – selbstredend in unterschiedlicher Ausprägung – gibt und der letztlich nach gleichem Strickmuster in Leipzig etabliert wurde, unter dem Namen Herder firmieren musste. Man hätte es vermutlich einfacher gehabt, wenn man den Fachbereich Deutsch als Fremdsprache der Sektion Germanistik und Literaturwissenschaft der Universität Leipzig zum Ausgangspunkt gewählt hätte, der ja ab 1988 unter Leitung des vom Herder-Institut dorthin gewechselten Dozenten Dr. habil. Joachim Buscha stand. Eine ernst zu nehmende Begründung kann doch nur in der schließlich aus DDR-Zeiten stammenden internationalen Bekanntheit und Wertschätzung des Herder-Instituts im In- und Ausland gesucht werden. Die neuen Erben Herders können sich mithin eigentlich glücklich schätzen, dass es das Herder-Institut schon gab. Warum sich nicht klar zur Vorteilsnahme bekennen? Allein Respekt und auch Kollegialität gegenüber den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des ehemaligen/des alten/eben des Herder-Instituts hätten die Fortsetzer, deren Bemühen um die Weiterentwicklung von DaF nicht bestritten wird, bewegen sollen, den Neuanfang – in welchem Rahmen auch immer – mit einem Attribut zu kennzeichnen. Das Neue Herder-Institut, Neu großgeschrieben, wäre z.B. eine angemessene Lösung gewesen. Indes, es gibt auch Stimmen, die eine solche nähere Bestimmung für nicht erforderlich halten, weil die Übernahme des Namens in welchem Format auch immer für sich spräche, halt für das Herder-Institut. Ich aber stutze auch in dieser Rede, wenn ich gezwungen bin, vom ehemaligen, damaligen oder vom alten Herder-Institut sprechen zu müssen, wo es sich doch eindeutig nur um das Herder-Institut handelt, eine originäre Erfindung der DDR. Aber offensichtlich kann auch ich mich daran gewöhnen, denn sonst hätte ich ja Helmut König vorgeschlagen, die Überschrift seines Beitrages „Studentensport am ehemaligen Herder-Instituts“ zu ändern. Ganz abgesehen davon, dass sich bei einer Attribuierung des Herder-Instituts eine neue Jubiläumsreihe erschlösse, 10 Jahre, 15, 20, 25 Jahre Neues Herder-Institut. Die große Jubiläumsfeier zum 100jährigen Bestehen 2056 wäre damit keineswegs in Abrede gestellt, denn die prinzipielle Kontinuität ist bei aller Diskontinuität durch den Namen Herder-Institut gegeben. Reizvoll, sich zu fragen, unter welchen Rahmenbedingungen das hundertjährige Bestehen des Herder-Instituts begangen werden wird. Doch wird es dann das Herder-Institut noch geben? Inwieweit überhaupt noch DaF? Jochen Schröder jedenfalls, der über die Perspektiven des Faches in der Festschrift für seine ehem. Kollegin Barbara Wotjak zu deren 65. Geburtstag nachsinnt, macht dem Orakel zu Delphi alle Ehren, indem er den Grundtenor anschlägt: „Schwanken zwischen Bedenken und Hoffen“. Allein warum sollten wir in unserer Rede den Blick so weit vorauseilen lassen, gebrannte Kinder, die viele von uns nun mal sind, weil wir dem gebetsmühlenartig vorgetragenen Spruch vom Rad der Geschichte, das sich nicht zurückdrehen ließe, nicht widerstanden. Zwei Dinge aber sollen festgehalten werden: Die Herausbildung und Konsolidierung von DaF als Lehr- und Forschungsgegenstand ist letztlich auch ein Produkt der Systemauseinandersetzung von Ost und West, und es ist gewissermaßen folgerichtig, wenn DaF nach Wegfall dieser Systemauseinandersetzung auf ein anderes Maß zurückgefahren wurde und wird. Wehe dem Sieger! „Ohne Osten kein Westen“ betitelte Daniela Dahn ihr Buch über Ost und West, das vor zwei Jahren bei Rowohlt erschien. Ach, schauen Sie doch mal nur ins Inhaltsverzeichnis, Sie werden das Buch nicht gleich aus der Hand legen und sich an seinen Thesen reiben können. Einfach etwas herausgepickt, rein zufällig und doch mit Bezug auf unser Thema, wenn auch leicht provozierend zugespitzt: „Der Westen hat seinen Konkurrenten verloren“. „Wettbewerb contra Konkurrenz“, „Vom Verlierer nicht lernen heißt verlieren lernen“. Und ein zweites ist ebenso ganz sicher, auch wenn es euphemistisch ausgedrückt wird, nicht alle heutigen Blogleser und -leserinnen werden das ‚Jahrhundertereignis‘ erleben, und das ist kein Trost – auch die nicht, die heute womöglich mit markigen Reden so tun, als ob sie noch nicht wüssten, wie unberechenbar der Tod eintritt und wie schnell die Toten reiten. Als ich mich Anfang 2011 entschloss, den herderblog zu initiieren, ergab sich zufällig und glücklich das Zusammentreffen mit dem 50. Jahrestag der Namensverleihung. Eine Rede musste her, schon deshalb, weil in der Blogidee jede mögliche Textsorte willkommen geheißen ist. Wir können nicht anders, wir sind programmiert: Jahrestage, Jubiläen müssen bedacht, erwähnt, begangen, gegeneinander ausgespielt, bewertet werden. Was jährt sich 2011 nicht alles zum 50sten Male: Im Januar 1961 wird das vielbändige (32), von den Brüdern Grimm 1838 begonnene Deutsche Wörterbuch nach 123 Jahren vollendet. (Wieso hat man den Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Preis der DDR, der seit 1979 für hervorragende wissenschaftliche und pädagogische Leistungen bei der Förderung der deutschen Sprache und der Germanistik im Ausland verliehen wurde, nicht Herder-Preis genannt? Das hätte auch sehr gut gepasst, aber eine Herder-Medaille hatten wir schon; sie wurde seit 57 an verdienstvolle Russischlehrer und für besondere Leistungen im Fach Russisch vergeben.) –  Am 23. April wird die Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen eingeweiht. – Am 17. Juni das erste deutsche Kernkraftwerk Kahl am Main errichtet. – Am 13. August wird die Berliner Mauer gebaut, der Anfang des Endes der DDR? – Am 27. November wird das Schmerzmittel Contergan vom deutschen Markt genommen, das zu Missbildungen bei zahlreichen Neugeborenen geführte. – Am 17. Dezember wird in Berlin (West) die neue Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche eingeweiht: Angesichts dieser und anderer sich jährender Ereignisse nimmt sich unsere Namensverleihung bescheiden, sehr bescheiden aus. Aber ich denke, Gesellschaftswissenschaften brauchen mikroanalytische Untersuchungen ebenso wie großbogige Generalisierungen. Zum anderen möchte ich der Vorstellung von „wüsten-Forschungslandschaften“ in der DDR entgegentreten. Wie schrieb doch der renommierte Professor Arnulf Baring 1991: „Das Regime hat fast ein halbes Jahrhundert die Menschen verzwergt, ihre Erziehung, die Ausbildung verhunzt … Ob sich heute einer dort Jurist nennt oder Ökonom, Pädagoge, Psychologe, Soziologe, selbst Arzt oder Ingenieur, das ist völlig egal. Sein Wissen ist auf weite Strecken unbrauchbar.“ Wie habe ich nur denken können die Blogwelt mit dem 50. Jahrestag der Namensverleihung überraschen zu können. Jedenfalls erwähnt ihn doch mein Studienfreund und irgendwie auch späterer Mitstreiter Dozent Dr. habil. Lothar Kalb in seinem Beitrag zu Kooperationsbeziehungen. Er gibt allerdings nicht das genaue Datum preis, den 12. Juni 1961, an dem das Institut für Ausländerstudium auf den Namen Herder-Institut verkürzt wird, aber durch den folgenden Zusatz genauer definiert wurde: Vorstudienanstalt für ausländische Studierende in der DDR und Stätte zur Förderung deutscher Sprachkenntnisse im Ausland. Die Definition schloss die Entwicklung des Instituts zum DaF-Zentrum in der DDR ein und wie aus der Dissertation von Frau Wilma Gramkow zu erfahren ist, hat ein Mitarbeiter des Herder-Instituts, Johannes Joppich, bis zur Wende Redakteur der Zeitschrift DaF, den Begriff Deutsch als Fremdsprache erfunden. Damit hat er sich einen Platz verdient in der ‚Hall of Fame‘ des Herder-Instituts. Über die spätere Begriffsbildung InterDaF hätte er sich in seiner zurückhaltenden Art wegen der Zusammenfügung zweier Abkürzungen bestimmt mokiert. Man kann Kalbs Fingerzeig indes auch ganz anders sehen, als Aufbau eines Spannungsbogens, der sich an der Frage entwickelt, wie wird die Bloggemeinde auf dieses Ereignis reagieren. Es lässt sich ja über das ganz Jahr hinweg würdigen. Das wäre doch spannend, um ein eher abgewetztes Wort zu verwenden, wenn sich z.B. der nachwendische Direktor Prof. Dr. Johannes Wenzel zu Wort meldete, ganz zu schweigen von den verschiedenen geschäftsführenden Direktoren oder Direktorinnen, die das neue weitgehend auf den DaF-Studiengang heruntergebrochene Herder-Institut bisher geleitet haben bzw. leiten. Doch damit wird ja nicht zu rechnen zu sein. Prof. Dr. Claus Altmayer kann zumindest nicht nur auf seine eigenen Herder-Forschungen verweisen, sondern auch seine denk- und diskussionswürdige Rede anlässlich des 50. Jahrestages der Gründung des Instituts für Ausländerstudium vorweisen. Natürlich weiß auch ich, die Namensgebung des Instituts kann in ihrer Bedeutung nicht mit der Gründung des Instituts für Ausländerstudium mithalten, insofern nun ist meine Rede von vornherein in ihrer historischen Einordnung von geringerem Wert, auch wenn man bedenkt, dass die Wahl des Namens, die – es ist kaum zu glauben – „aus unzähligen Vorschlägen der Lehrkräfte des Instituts“ (Worte von Frau Gramkow) getroffen wurde, eine glückliche genannt werden kann – und das nicht nur wegen seiner Zweisilbigkeit. Aus dem humanistischen Erbe musste der Namenspatron schon kommen, darüber war man sich von Anfang an im Klaren, nach dem Krieg war die Rückbesinnung auf Aufklärung und Klassik, auf die großen humanistischen Dichter und Denker ein Gebot der Stunde. Doch der Name Goethe war vergeben, der von Schiller ebenfalls, seit 1934 Namenspatron der Universität zu Jena, eigentlich der von Herder auch, denn bereits elf Jahre vor der Namensverleihung in Leipzig wurde in Marburg ein Herder-Institut gegründet, das sich zu einer zentralen Einrichtung der historischen Ostmitteleuropa-Forschung entwickelte, in der DDR allerdings weniger bekannt. An eine Frau war nicht gedacht (oder doch und ich weiß es nur nicht, nein, so weit ging der Emanzipationsvorsprung in der DDR auch wieder nicht!). Johann Gottfried Herder war also unter den gegebenen Umständen der Suche Lösung und auf Grund seiner herausragenden Stellung in der Aufklärung durchaus in der Lage, das Wirken des Instituts für Ausländerstudium programmatisch zu legitimieren. Aber konnte man auf Herders internationalem Ruf bauen? Abgesehen von Studierenden aus Polen, der Sowjetunion, besonders den baltischen Ländern, war Herder bei den ausländischen Lernern an unserem Institut zunächst kaum bekannt, will sagen, das Herder-Institut hat zu seiner internationalen Bekanntheit beigetragen. In dieser Hinsicht musste sich das Goethe-Institut, also keine Sorgen machen, wenngleich auch ich der funktionalen Gleichsetzung beider Institutionen widersprechen muss. Allerdings wäre man mit Blindheit geschlagen, wenn man die Bezogenheit zwischen Goethe- und Herder-Institut nicht sähe. Sie soll späterhin in diesem Blog Gegenstand von Erörterung sein, wobei es wohl darauf ankäme zu zeigen, dass das Herder-Institut fraglos in mancher Beziehung auch als Gegengewicht zum Goethe- Institut konzipiert worden war und sich manch einer daran verbiss und nicht sehen konnte oder wollte, wie sich auch das Goethe-Institut als Nachfolgerin der Deutschen Akademie, die 1925 gegründet und 1945 einschließlich des 1932 in München etablierten Goethe-Instituts aufgelöst worden war, im Zuge der 68er Bewegung an den demokratischen Erneuerungsprozessen aktiv teilnahm. Es sei nur an die vom Goethe-Institut 1974 in London unterstützte Plakatausstellung von Klaus Staeck erinnert, die sich kritisch mit deutscher Geschichte und Gegenwart auseinandersetzte. Die schwierige Beziehungsgemeinschaft  zwischen den Instituten – ein kompliziertes und für uns ein durchaus heikles Thema, das an sich schon eine Dissertation wert wäre –  und das nur nebenbei: abzuschreiben gäbe es da wenig. Sowenig Sinn es machte, Herder und Goethe gegeneinander ausspielen zu wollen, indem man den einen als den Großen und den anderen als den Kleinen betrachtet, sowenig sinnvoll ist es, Herder-Institut und Goethe-Institut in puncto Funktionen und Aufgabenstellung gleichsetzen zu wollen. Vergleichen schon, denn erst dadurch werden Unterschiede sichtbar. Das Institut für Ausländerstudium war in erster Linie eine Sprach-, eine Landeskunde-, eine Lehr-, eine Kulturinstitution und da bot sich als Namenspatron schon ein Mann eben wie Herder an, Philosoph, Dichter, Theologe, Philologe, Übersetzer, auch Historiker, Volkskundler, Psychologe und, soll ich es wagen und sagen, Kulturwissenschaftler, gar ein Vorläufer der interkulturellen Kommunikation? .

 Zum 230. Geburtstag, 1974 herausgegeben von der DDR; den 250. hatte man wohl nicht abwarten wollen.  Die Marke dazu erschien 1994, im vierten Jahr nach der deutschen Einheit.

 

Entscheidend für die Namensbeleihung waren selbstverständlich die großen Gedanken, die in seinen beiden Hauptwerken Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit und Briefe zur Beförderung der Humanität/ niedergelegt waren, der tief verwurzelte Humanitätsgedanke, den sich die DDR auf die Fahne geschrieben hatte: – Frieden als Vorbedingung für die Entwicklung des menschlichen Geschlechts, wenngleich er sich keinen Illusionen hingab, was den ‚ewigen Frieden‘ angeht: „Wenn ich fest glaube, ein ewiger Friede förmlich erst am jüngsten Tage geschlossen werden wird, so ist dennoch kein Grundsatz, kein Tropfen Oel vergebens, der dazu auch nur in der weitesten Ferne vorbereitet.“ – Anerkennung der Völker und ihre gegenseitige Achtung, der Gedanke der Völkerfreundschaft, das Recht auf nationale Freiheit, der sich in solchen von Herder geprägten Komposita wie Völkerfreiheit Völkerkunde Völkerliebe, Völkerverbindung, Völkerverkehr zeigt -Wertschätzung der Kultur anderer Völker in ihrer Einmaligkeit, wie sie sich in der jeweiligen Sprache und Kultur spiegelt -Toleranz, die sich gegen religiöse Bekehrungsversuche beweisen müsse, was ihn aber nicht hinderte, das Christentum als die ‚reinste Humanitätsreligion‘ zu halten (wie man bei Anne Loechte, S. 16, nachlesen kann) -Bildung auf Humanität gerichtet, Bildung des Volkes Diese sein Werk tragenden Gedanken sind in der Tat in den verschiedenen Festreden herausgearbeitet worden, so dass Sie mir ruhig die schlagwortartige Auflistung verzeihen mögen. Auf sie aber nicht hingewiesen zu haben, könnte unnötige Kommentare provozieren, denn bei allen Brechungen, wenn Sie so wollen, bestimmten Verbiegungen, wurde am Herder-Institut versucht, das humanistische Gedankengut bis hinein in die tägliche Kleinarbeit zu verwirklichen. Man fühlte sich schon verpflichtet, bei Herder nachzuschlagen. In meiner Monografie zur Wortschatzarbeit z.B. findet sich Herders Auffassung vom Wortschatz als „Vorratshaus, von zu Zeichen gewordenen Gedanken und somit als Gedankenschatz eines ganzen Volke“. Bei Wortschöpfungen wie Volkslied, Zeitgeist, Weltmarkt ist in Seminaren und Vorlesungen auf den Ursprung dieser Prägungen hingewiesen worden. Der Bezug zu Herder hat auch dazu geführt, meinen ersten Blockbeiträgen Herder-Zitate voranzustellen, nicht als formaler Akt, sondern im Sinne von Referenz. Und das Lernen höret nimmer auf. In Vorbereitung auf die Rede stieß ich auf Herders Überlegungen zu Vorurteilen. Sie werden von ihm fast bis in sein Spätwerk positiv bewertet, gewissermaßen als „tradierte Welterklärungsmuster“ (Loechte, S. 136) verstanden. In unserem Sprachgebrauch sind Vorurteile eher negativ aufgeladen und so auch in meinen Arbeiten zu Stereotypen im Fremdsprachenunterricht. Diese resümierend kann festgestellt werden, eine tiefer gehende Auseinandersetzung mit Herders Auffassung hätte ihnen durchaus gut zu Gesicht gestanden. Man hätte natürlich Herders Auffassung von Vorurteilen für sich genommen und unhistorisch betrachtet gegen die Namensgebung verwenden können. Ebenso relativiert sich die Antwort auf die Frage, ob nicht der Theologe Herder der Namensgebung im Wege hätte stehen müssen, doch das wiederum würde den Widerstand Herders gegen die orthodoxe Theologie übersehen. Und warum sollte der Adelstitel der Namensbeleihung entgegenstehen? Er war ein Adliger, der sich gegen ‚Erbregierungen‘ ausgesprochen hat. Überdies: Goethe war es schließlich auch und erfreute sich uneingeschränkter Aufnahme. Ja, ich bleibe dabei, Herder war eine gute Wahl, wenngleich ich persönlich Bertolt Brecht bevorzugt hätte, die Diplomarbeit Brechts Stellung zur deutschen Klassik, bei Prof. Hans Mayer geschrieben, arbeitete noch in mir, als ich ans Institut kam. Brecht, der den Nobelpreis für Literatur verdient hätte, jedoch niemals bekommen hatte, war international anerkannt, das Brecht-Ensemble weltberühmt, seine Werke gespeist aus der Weltkultur, sein Blick auf das Volk gerichtet, ein Sprachgewaltiger, ein kritischer Geist und 1961 bereits gestorben, denn schon damals war mir klar, ein Lebender käme als Namensgeber nicht in Frage. Da hätte sich keine Mehrheit gefunden. Kurt Klein z.B., unser Oberstudienrat, Goethespezialist, er kam aus einer Gegend, wo der stinkende blaue Böhl seinen Ausgangspunkt nahm (in dem Ort Böhlen bei Leipzig stand eine große Braunkohlenkokerei), schlug die Hände über dem Kopf zusammen: Um Gottes willen nicht Brecht, über ihn wird ja noch viel zu sehr gestritten. Und wie Brecht mit seiner Klassik umging. Meine Arbeit wollte er unbedingt lesen, indes sie bestärkte ihn nur in seiner Ablehnung. Wie kann man Wandrers Nachtlied parodieren, was Brecht in der Liturgie vom Hauch in seiner Hauspostille (1927) getan hatte, beschreibend den Hungertod einer Frau, der im Refrain mit Goethes schlichtem Gedicht kommentiert wird: „Darauf schwiegen die Vöglein im Walde.“ Und in der letzten Strophe kommt ein „großer roter Bär einher und fraß die Vöglein im Walde/Da schwiegen die Vögelein nicht mehr/über allen Wipfeln ist Unruh/In allen Gipfeln spürest du/Jetzt einen Hauch.“ Martin, verabschiede dich vom Brecht-Institut. 50 Jahre später bewegt mich die Erinnerung an Kurt Klein zu der Frage: Hätte man denn den Namen Brecht-Institut übernommen? Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit

Benutzte Quellen Allgemein: http://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Gottfried_Herder. Die beiden Briefmarken wurden mir von Peter Glamann überlassen. Die anderen Fotokopien sind wikipedia entnommen.

S. 2 30 Jahre. Studienvorbereitung am Herder-Institut. Erfahrungen, Probleme und Aufgaben. Leipzig: Karl-Marx-Universität, 1987.

S. 4

– Schröder, Jochen, DaF/DaZ – Aufgaben, Probleme, Perspektiven. In: A. Heine/M. Hennig/E. Tschirner (Hg), Deutsch als Fremdsprache. Konturen und Perspektiven eines Faches. München: iudicium, 2005.

– Dahn, Daniela, Wehe dem Sieger! Reinbek bei Hamburg: rowohlt, 2009 – Die Toten reiten schnell, heißt es in der Ballade Lenore von Gottfried August Bürger.

S. 5

– Baring, Arnulf, Deutschland, was nun? Ein Gespräch mit Dirk Rumberg und Wolf Siedler. Berlin: Siedler, 1991, S. 59.
– Altmayer, Claus, 50 Jahre Herder-Institut, 50 Jahre Deutsch als Fremdsprache. Traditionen und Grenzüberschreitungen. Festvortrag gehalten aus Anlass des 50jährigen Bestehens des Herder-Instituts der Universität Leipzig am 08.12.2006. In: Deutsch als Fremdsprache 2/2007, S. 67-74.

S. 6

Gramkow, Wilma, Das Herder-Institut in Leipzig im Wandel der Zeiten. 1961-1990. Ein Beitrag zur Geschichte des Herder-Instituts an der Karl-Marx-Universität Leipzig (Diss.), Hamburg, 2006, S. 39.

S. 7

– Loechte, Anne, Kulturtheorie und Humanitätsidee in Ideen, Humanitätsbriefe und Adrastea. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2005, S. 16 u. 136. Sie erinnerte mich auch an die beiden Herder-Zitate.
– Löschmann, Martin; Effiziente Wortschatzarbeit. Alte und neue Wege. Frankfurt: Peter Lang, 1993, S. 3.

S. 8 – Ders., Brechts Stellung zur deutschen Klassik (Staatsexamen), Leipzig 1960, Brechtarchiv Berlin. – Ders. / Stroinska, Magda (Hg.), Stereotype im Fremdsprachenunterricht. Frankfurt: Peter Lang, 1998

  1. Peter Glamann permalink
    Juni 14, 2011

    Habe bei der Aufzählung der Jubiläen, die in diesem Jahr stattfinden, das von der großen alten Dame des Jazz, Ruth Hohmann, vermisst, das umso mehr, als wir schon zusammen so manche ihrer Auftritte nach der Wende miterlebt haben, zuletzt gestern im Pankower Bürgerpark, und es scheint mir fast sicher, dass wir zu ihrem 50. Bühnenjubiläum am 19. November dabei sein werden, schon um wieder einmal ihre Interpretation von Mackie Messer zu erleben. Erstaunlich, mit welcher Jazz-Power sich diese körperlich kleine Frau immer wieder in die Herzen der Zuhörer jazzt. Kaum zu glauben, sie feiert in ihrem Jubiläumsjahr außerdem noch ihren 80. Geburtstag – am 19. August d.J.

  2. Marianne Löschmann permalink
    Juli 16, 2011

    Durch ein Jubiläum an Wolfgang Brunner erinnert

    Wie viele Jubiläumsfeiern hat man nicht über sich ergehen lassen müssen, aber es geht auch anders, wie ich erst kürzlich feststellen konnte, als ich auf das Bändchen stieß „30 Jahre Studienvorbereitung am Herder-Institut – Erfahrungen, Probleme, Aufgaben“, in dem die Beiträge der internationalen wissenschaftlichen Konferenz am Herder-Institut der Karl-Marx-Universität Leipzig am 18. und 19.06.1986 veröffentlicht sind. (Hausdruck der Uni 1987) Wissenschaftliche Rück- und Vorschau aus Anlass
    eines Jubiläums, das feierliche Bla-Bla-Bla auf ein erträgliches Minimum reduziert. Beim Durchblättern hielt ich bei der Zusammenfassung eines Diskussionsbeitrages von Wolfgang Brunner inne, einem Lehrer in E/A, der sich vor allem der Landeskunde verschrieben hatte. Er hätte sich bestimmt am Blog beteiligt, wenn ihn nicht der Tod kurz nach dem Treffen anlässlich des ‚Goldenen Examens’ in Leipzig im vergangenen Jahr aus dem Leben gerissen hätte. Ich war zu dieser Veranstaltung zwar nur in Begleitung von Martin, aber seine Seminargruppe kannte ich gut, besonders aber eben Wolfgang Brunner, der wie ich im Louis-Fürnberg-Ensemble unserer Uni mitgewirkt hatte. Als ich ans Institut kam, war er schon ein erfahrener Kollege, ein aktiver Landeskundler, der mir manchen Tipp für die landeskundliche Arbeit in meinen ersten Gruppen geben konnte. Für mich ein Lehrer im besten Sinne des Wortes, ein liebenswerter, eigenwilliger, gelegentlich eigensinniger Kollege.
    Bei dem Leipziger Treffen sprühte sein erinnerungsstarker ‚landeskundlicher‘ Geist wie eh und je. Ich bin mir sicher, er hätte bestimmt nichts dagegen, dass ich die Seite über die Exkursionen (S. 52) – 25 Jahre später – hier einstelle.

    Wolfgang Brunner, Leipzig
    Exkursionen und ihre Effizienz in der Studienvorbereitung

    Die Exkursion ist eine besondere Form des Unterrichts. Sie dient
    sowohl zum direkten Kenntniserwerb und Erkenntnisgewinn aus Anschauung
    und Praxis als auch der Übung und Anwendung von Gelerntem.
    Sie ist differenziert gestaltbar, aber in Zielstellung, Auswahl des Gegenstandes
    und in den Verfahren sinnvoll zu beschränken. Unterricht wird fast stets
    in einem Fach betrieben, folgt damit dessen Gesetzmäßigkeiten: Er wird spezifisch,
    qualifiziert und – einseitig. Die Exkursion hat die Potenz, Fächer zusammenzuführen,
    Kenntnisse zu vertiefen, zu verknüpfen. Solche Tendenz zur Allgemein- und
    Lebensbildung macht sie erzieherisch wertvoll. Alles leisten kann sie nicht.
    Die fachliche Systematisierung muß vor- oder nachher erfolgen.

    „Der Mensch sieht nur, was er weiß.“ Der Erklärer erreicht nur soviel an Verständnis,
    wie angebahnt ist, wofür eine Erwartung geweckt ist. Hier kann er einzelne oder
    Gruppen mit Teilaufgaben und selbständiger Vorbereitung aktivieren.
    Der Lehrer muß eine offenere Situation beherrschen als im Normalunterricht.
    Das bedeutet erhöhte Anforderung an Verhalten und Persönlichkeit.

    Man orientiert sich gern an sog. Sehenswürdigkeiten. Was aber ist sehenswert?
    Wie soll es gesehen werden? Der kommerzielle Tourismus bietet etliches Gute:
    Aufgearbeitete Historie, technisch-organísatorische Hilfen u.a.m. Der Lehrende
    will aber etwas Bestimmtes, das in den Lehr-Gang paßt, das der Lernende erwirbt.
    Er wird also nur nutzen, was er selber nicht vermitteln kann.
    Eine gemietete Stadtrundfahrt z. B. entlastet den Leiter, ist jedoch
    selten „maßgeschneidert“, sondern hat ein routinemäßig ablaufendes Programm.
    Ein Lehrer geht auf seine Gruppe ein; das Objekt kann eindringlicher und besser
    gefaßt/erfaßt werden.

Kommentar schreiben

Info: Benutzung von einfachem XHTML (strong,i) erlaubt. Die E-Mail-Anschrift wird niemals veröffentlicht.

Kommentar-Feed abonnieren