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Studentensport am ehemaligen Herder-Institut

2011 28. April
von Helmut König

Zentralbild Gahlbeck 18.9.1968 Leipzig: Studienbeginn am Herder-Institut Sie verstehen sich gut, die jungen Ausländer aus Syrien, Sierre Leone, Irak, Nigeria, Kamerun und ihr Lehrer Heinrich Christianus (Mitte), der Deutsch- und Sportunterricht erteilt. In diesen Tagen hat für sie das neue Studienjahr begonnen. Die Studenten erhalten am Herder-Institut vor ihrem Fachstudium eine Ausbildung in Deutsch, Mathematik, Physik und Chemie. Zur Zeit studieren am Herder-Institut 400 junge Menschen aus 40 Ländern Europas, Asien, Afrikas und Lateinamerikas. (Original historical description, Haus A)

Immer noch unter dem Eindruck der Katastrophe in Japan, den Ereignissen in der arabischen Welt, einschließlich der kriegerischen Auseinandersetzungen in Libyen, fällt es mir schon schwer, etwas zur Darstellung der Sportarbeit am alten HI beizutragen, obwohl ich es angekündigt hatte. Vorab eine kurze Episode, die mich zu meinem Thema führen soll. Noch bevor ich vom Herderblog Kenntnis hatte, läutete ein mir unbekannter Mann meines Alters an der Wohnungstür und stellte sich als Lehrkraft der ehemaligen DHfK vor. Wie sich herausstellte, suchte er einen Sportlehrer, der am HI beschäftigt war. Dr. Köpf, ein ehemaliger Mitarbeiter, hatte ihn auf mich aufmerksam gemacht. Was wollte er von mir? Er recherchierte im Auftrag des Sportmuseums über alte Sporthallen in Leipzig und war dabei auf die Sporthalle der ehemaligen Gaudig-Schule gekommen. Eingeweihte wissen sofort, dass es sich um das Haus B des HI handelte (heute hochwertige Wohnanlage mit Eigentumswohnungen). über die materielle Ausstattung, die Ausmaße der Halle (heute nicht mehr als Sporthalle existent) u.ä. waren sie schon informiert, und nun hätten sie gern gewusst, ob und wie in dieser Halle Sport getrieben wurde und vor allem, in welchem Umfang ausländische Studierende daran Anteil hatten. Es gibt schon manchmal wundersame Fügungen, denn ich hätte nicht geglaubt, über meine Arbeit und die meiner Sportkollegen noch einmal auf diese Weise zu resümieren. Grundsätzlich möchte ich vorausschicken, dass es für die Studierenden nicht obligatorisch war, am Sportunterricht teilzunehmen, so wie etwa für deutsche Studierende an den Hoch- und Fachschulen der DDR. Diese Tatsache stellten uns drei Sportlehrer vor zwei wichtige Aufgaben: Erstens mussten wir wegen der ungenügenden Bereitstellung von Hallenzeiten durch die Universität, vertreten durch das Institut für Körpererziehung (weil Sport für Ausländer nicht so wichtig sei), eine hauseigene Lösung finden, und zweitens mussten wir nicht nur attraktive Angebote finden, sondern auch intensiv für sie werben, was nicht selten von Sportlehrerkollegen anderer Einrichtungen belähelt wurde. Aus beiden Aufgaben ergab sich die Frage, wie die Sportarbeit am Institut zu organisieren ist, um möglichst viele Studierende zu erreichen. Die entscheidende und immer wieder diskutierte Frage war natürlich, was wir überhaupt anbieten sollten. Dass wir hierbei flexibel sein mussten, versteht sich von selbst. Es gab ja kaum Vorgaben, praktisch waren wir allein auf uns selbst angewiesen, allerdings fanden wir bei der Leitung, aber auch bei den Gruppenleitern Verständnis ü unsere Anliegen. Ich will aber hier auch nicht verschweigen, dass schon gelegentlich die Frage im Raum stand, wozu überhaupt Sport für ausländische Studierende? Also warum Sport an einem solchen Institut? Da könnte ich es mir als Sportfachmann einfach machen und sagen: „Weil es zur Ausbildung von jungen Menschen dazugehört!“mens sana in corpere sano. Stimmt in dieser Verknappung immer. Neben der von Martin Löschmann bereits dargelegten sozialen Komponente, die dem Sport im weiteren Sinne immanent ist, sollte man auch in Betracht ziehen, dass die Studierenden täglich ca. 6 Stunden intensiv die deutsche Sprache (im ASU u. FSU) lernen mussten. Das hieß immer auch 6 Stunden in sitzender Position zu verbringen und eine hohe Konzentration aufzubringen. Und das täglich! Da sollte doch ein physischer Ausgleich gleichsam folgerichtig sein. Welche Auswirkungen eine solche sitzende Tätigkeit über Jahre haben kann, wenn nichts Ausgleichendes unternommen wird, ist mir nach der Wende in meiner therapetischen Arbeit erst so richtig aufgegangen. Also konnte die Etablierung des Studentensports für unsere Studierenden kein Fehler gewesen sein. Außerdem war es gängige Praxis, an unseren Bildungseinrichtungen dem Sport einen entsprechenden Raum einzuräumen. Die Forderung unserer ersten Direktorin, Prof. Katharina Harig, nach außerunterrichtlicher Betreuung beförderte natürlich unsere Arbeit. Die gesamte Sportarbeit verstand sich als ein Bestandteil der Betreuungsarbeit, eingebettet in andere vielfältige Aktivitäten für unsere Studierenden und mit ihnen. Dafür gab es ja auch einen Bereich für außerunterrichtliche Betreuung unter der Leitung des bereits verstorbenen Kollegen Gerhard Hartung. M. Löschmann sieht die Betreuungsarbeit bei aller Wertschätzung auch kritisch. Einer pauschalen Verurteilung dieser Tätigkeit aber könnte auch ich nicht zustimmen. Was für den Einen womöglich durchaus als Gängelei empfunden wurde, war für andere Studierende eine Hilfestellung, eine willkommene Unterstützung beim Zurechtfinden in dem fremden Land. Das habe ich mehrfach selbst erfahren können. Es war immer auch ein bisschen eine Gratwanderung, denn die Studierenden hatten eben sehr unterschiedliche Vorstellungen und kamen mit differenzierten Fähigkeiten und Fertigkeiten zu uns, wiesen ganz unterschiedliche Lernerbiografien auf, wie man heute sagen würde. Die Interessenlage war folglich sehr uneinheitlich, denn es waren vom Nachwuchskader für die Nationalmannschaft des betreffenden Landes bis hin zum einfachen Straßenfußballer alle Facetten vertreten. Dieser Heterogenität mussten wir Rechnung tragen und sind auf die Belange junger ausländischer Studentinnen und Studenten differenziert eingegangen, die sich mit ihrer Anreise in einem für sie völlig andersartigen Umfeld befanden. Hätten wir sie da einfach sich selbst überlassen sollen? Das hätte eben nicht unserer Auffassung von Erziehung und Ausbildung entsprochen. Mag sein, dass diese oft tendenziös beschriebene Betreuungsarbeit heute verpönt ist, ich aber kann das nicht so sehen. Schon deshalb nicht, weil uns viele ehemalige Studierende immer wieder beteuert haben, wie wichtig für sie gerade diese persönliche Betreuungsarbeit war. Wie haben wir die sportliche Tätigkeit organisiert und was konnten wir den Studierenden unter den gegebenen Bedingungen anbieten? Da die studienvorbereitende Sprachausbildung auf Gruppenbasis erfolgte und wir bei der gegebenen Studentenzahl eine zu geringe Anzahl an Hallenzeiten im Haus B hatten, um dort gruppenorientiert arbeiten zu können, suchten wir nach Formen, die es möglich machten, möglichst allen Studierenden etwas anzubieten. könig2 Studentengruppe beim Schwimmen So machten wir uns auf, auch außerhalb des Instituts nach Möglichkeiten zu suchen und fanden sie im nahe gelegenen Stadtbad (heute leerstehend und nahezu ungenutzt). So wurde es möglich, jeder Gruppe eine Schwimmzeit anzubieten und gleichzeitig in der Halle im Haus B Studierenden, die sich dafür nicht interessierten, weitere Angebote zu eröffnen. Viele Studierende erlernten bei uns das Schwimmen bzw. erwarben Grundlagen dafür, so dass sie sich auch nach dem Aufenthalt am HI selbstständig im Schwimmen vervollkommnen konnten. Schwimmen zu können, ist immer noch eine Fertigkeit, die Leben retten kann. Vor allem, wenn es das eigene ist. Insofern hat es uns immer aufs Neue mit Freude und Stolz erfüllt, wenn es wieder ein Student geschafft hatte, auch wenn wir hin und wieder einmal ins Wasser mussten, um den einen oder anderen wieder sicher ans Ufer zu geleiten. Sie konnten auch bei uns etwas für sich selbst mitnehmen, das sie nicht mehr vergessen würden. Von den Hallensportarten boten wir vor allem Sportspiele an, weil sie bei den Interessen der Studierenden ganz weitoben standen. Vor allem natürlich Fußball, Basketball, Volleyball und Tischtennis. In den Sommermonaten nutzten wir dafür auch die Sportanlage hinter dem Haus A, die wir teilweise mit erbaut hatten (heute weitgehend Parkplatz). Einen kleinen Kellerraum bauten wir selbst mit Holz- u. Fliesenarbeiten zu einem Kraftraum um und boten dort Kraftsport an, wofür sich immer eine bestimmte Anzahl von Studierenden interessierte. Eine Hallenzeit hatten wir für Studentinnen reserviert, in der je nach Interessenlage, abhängig vom jeweiligen Jahrgang, Sport getrieben wurde; von Tischtennis, Federball, Basketball über Aerobic bis zur allgemeinen Sportgruppe mit Gymnastik war vieles vertreten. Hier erinnere ich mich nicht ohne Grund an eine besondere Basketballgruppe von afghanischen Studentinnen, die aus bekannten Gründen dem Schwimmen fern blieben, aber nach anfänglicher Zurückhaltung im Basketball ganz schön ‚auftauten‘. Da ging einem als Sportlehrer schon das Herz auf. Was wohl aus ihnen geworden sein mag? Was haben wir erreicht? Seit Ende der 70er Jahre hatten wir regelmäßig Anwesenheitskontrollen durchgeführt, um überhaupt einen Anhaltspunkt für unsere Arbeit, eine gewisse quantitative Verifizierbarkeit zu erhalten. Die Auswertungen zeigten, dass wir immerhin bis zu 55% unserer Studierenden (jährliche Abweichungen natürlich inbegriffen) dazu bewegen konnten, sich einmal oder mehrmals wöchentlich sportlich im Rahmen unserer Angebote zu bewegen. 30% konnten wir nicht dafür interessieren (darunter eine Vielzahl weiblicher Studierender). Die restlichen 15% kamen recht unregelmäßig bzw. sporadisch zu unseren Veranstaltungen. Außenstehende würden die 30% Nichtteilnahme vielleicht als Indiz für einen unzureichenden Erfolg abtun, aber vergessen wir nicht, aus welchen Ländern unsere Studierenden anreisten, welche unterschiedlichen Bildungswege sie durchliefen und welchen Stellenwert eine regelmäßige sportliche Ausbildung dabei gehabt haben mag. Die oben genannten 55% regelmäßiger Teilnahme am Sport hätten wir ohne die Lehrkräfte, die für die sprachliche Arbeit in den jeweiligen Gruppen zuständig waren, nicht erreichen können. Obwohl in jedem Bereich in E/A ein Sportlehrer für die Belange des Sports zuständig war und Kontakt zu den Gruppen hielt, konnten wir nicht auf deren Mitwirkung verzichten und wollten das auch gar nicht. Dafür auch an dieser Stelle unseren Dank, auch wenn wir manchmal ’nervten‘. Nach außen wirksam, weil öffentlich stark beachtet, waren die in jedem Jahr organisierten und durchgeführten institutsinternen Turniere und Wettbewerbe, aber erst recht die sportlichen Vergleiche über den Institutsrahmen hinaus mit Betriebsmannschaften, Sportvereinen und deutschen Studentengruppen. Dafür war es jedes Jahr aufs Neue entsprechende leistungsfähige Institutsmannschaften zu bilden, was nur mit zusätzlicher Kraftanstrengung zu bewältigen war. Als Beispiele sollen hier nur unser jährliches Fußballturnier am Institut und die Teilnahme einer Institutsmannschaft an den Spielen um die Bezirksmeisterschaft des Bezirkes Leipzig im Basketball genannt sein. Natürlich haben diese Aktivitäten so manches Wochenende gekostet, aber das war es wert und die beteiligten Studenten hatten Spaß dabei. Einen absoluten Höhepunkt stellte der Auftritt unserer Sportler in Prag dar. Wie viele ehemalige Mitarbeiter vielleicht noch wissen, bestand zwischen dem HI und der Universität des 17. November in Prag ein langjähriger Freundschaftsvertrag, abgeschlossen unter unserem zweiten Institutsdirektor, Prof. Dr. Rößler, der u. a. vorsah, dass ährlich einmal in Prag und Leipzig (Frühjahr und Herbst) Wettbewerbe zwischen Studentenmannschaften beider Einrichtungen im Basketball, Fußball und Volleyball stattfinden sollten. Ich glaube, diese Wettbewerbe im Ausland waren ein besonderer Magnet für viele Studierende, interessiert waren viele, aber nach Prag konnten nur die Besten reisen. Ja, ein sportlicher Höhepunkt, der allerdings mit viel organisatorischem Aufwand verbunden war. Nicht vergessen werden dürfen die jährlichen Winterlager, bei denen den Sportlehrern vor allem die technische Vorbereitung (Bereitstellung intakter Skier und Schuhe) und die sportliche Arbeit vor Ort zufielen. Wenn ich mich richtig erinnere, sollte diese unterrichtsfreie Woche den nachfolgenden Start in den FSU vorbereiten helfen, der die Studierenden vor eine neue schwere Aufgabe stellte, ihnen gewissermaßen eine Atempause für die kommenden Aufgaben verschaffen. Die Bekanntschaft mit dem Winter und dem Wintersport, z. B. mit, Skifahren und Rodeln, war für viele Studierende ganz bestimmt ein unvergessliches Erlebnis und für ein Luftholen gut geeignet. Unsere ausländischen Studenten und Studentinnen waren in den meistens mehr oder weniger schneesicheren Orten im Erzgebirge, im Thüringer Wald und im Lausitzer Gebirge auch gern gesehene Gäste. Nicht unerwähnt möchte ich lassen, dass das HI (als eine der wenigen Einrichtungen der Uni) auch seinen Mitarbeitern zweimal wöchentlich die Mö¶glichkeit bot, sich im Schwimmen als auch in einer allgemeinen Sportgruppe (mit Gymnastik, Volleyball und Prellball) sportlich zu fordern. Wer teilgenommen hat, der wird sich sicher gern daran erinnern. Schließlich möchte ich in diesem Zusammenhang auch an die über lange Zeit unter Federführung der Gewerkschaft initiierten und von den Sportlehrern organisierten Mitarbeitersportfeste erinnern. Bis Ende der 70er Jahre spielte eine Lehrerfußballmannschaft des HI im Rahmen der Universität mit um die Meisterschaft gegen andere Mitarbeitermannschaften, auf Großfeld wohlgemerkt. Später, als die Akteure in die Jahre kamen und nur wenig interessierte Mitabeiter nachrükten, reichte es dann nur noch zu einem alljährlichen Vergleich gegen eine Studentenauswahl unseres Instituts anlässlich des 1. Mai auf Kleinfeld. Diese Spiele und die Länderausstellungen der Studierenden am Institut, von Kollegen der Landeskunde E/A mit initiiert, waren wohltuend anders als das obligate Defilee vorbei an der Tribüne mit unseren Stadt-und Parteioberen. Nebenbei bemerkt waren die Spiele und Ausstellungen gut besucht und öffentlich. Die Volleyball-mannschaft der Lehrer und Mitarbeiter, die ja auch mehrere Jahre bestand, erreichte bei ihren Spielen um die Uni-Meisterschaft sogar einmal den Siegerpokal. Ach, was gäbe es noch alles zu berichten, aber der Überblick soll erst einmal genügen. Ich habe meine Erinnerungen an die Arbeit am HI mit einer kleinen Episode eingeleitet und möchte sie auch mit einer abschließen: In manchen Jahren nahmen wir auch das Luftgewehrschießen für Studierende in unser Programm auf, wenn es dafür Interesse gab. So auch in den Wendejahren. Wir mussten das aussetzen, weil befürchtet wurde, die Bildzeitung könnte eine Titelzeile über militärische Ausbildung am HI verfassen. Damals fand ich das absurd, was es eigentlich natürlich auch war. Heute weiß ich, es hätte durchaus passieren können. Den Niedergang des Instituts allerdings hätte das Schießen mit Luftgewehren sicher nicht weiter beeinflusst, der war ohnehin beschlossene Sache.

  1. Marianne Löschmann permalink
    April 29, 2011

    1. Mai 2011

    Der Text von Helmut König hat mich an den 1. Mai erinnert, wie wir ihn immer erlebten. Und was haben wir dieses Jahr nicht für einen tollen Maianfang. Und wie haben wir nicht manchmal gefroren – am 1. Mai, den wir mit der Teilnahme an der großen Maidemo – nein nicht so, wir sagten noch: Demonstration – durch die Innenstadt von Leipzig ehrten. Unsere ausländischen Studierenden und die möglichst alle Institutsangehörigen nahmen daran teil. Kalt oder nicht, das war da nicht die Frage. Wir schritten gemeinsam – gemäß dem alten sozialdemokratischen Arbeiterlied „Wann wir schreiten Seit‘ an Seit'“ (http://www.youtube.com/watch?v=uMpBXpMboas) – genau das richtige Wort – vom Herder-Institut/Haus A, in späteren Jahren vom Studentenwohnheim in der Straße des 18. Oktober zum Stellplatz, der uns vom Org-Komitee zugewiesen war, um uns dann im breiter werdenden Strom zusammen mit Mitarbeitern und Studenten anderer Universitätseinrichtungen und den Werktätigen aus Leipziger Betrieben neben/vor/hinter ihnen, marschmusikmäßig unterstützt, vorbeizudrängen an der zentralen Tribüne, bestückt mit den Ehrenvollsten der Ehrenvollen, die uns dort oben vertraten, eben den ‚Volksvertretern’ im weitesten Sinne des Wortes, die Auserwählten nach Nomenklatur und gerade aktuellen Verdiensten, die Veteranen des Sozialismus – und das waren viele. Man konnte auch rote Fähnchen schwenken oder ihnen mit der bloßen Hand zuwinken. Alles gern gesehen. Eine rote Nelke hatte eh jeder anstecken.
    Aber noch davor hatten wir den Tag schon mit einer Kundgebung, mit Reden vom Direktor, vom Vorsitzenden der Gewerkschaftsleitung – habe ich wen vergessen? – eingeleitet. Rote Fahnen und DDR-Fahnen rechts und links sowie das Maiengrün der Birken allüberall. Ach und in früheren Jahren, in den 60ern, ging’s noch früher los, wenn auch nicht für alle. Die Parteigenossen machten sich schon um 6 Uhr morgens auf, um mit frohem Gesang und Sprechchören durch Wohngebiete in Leutzsch marschierend, der Arbeiterklasse ihre Verbundenheit auszudrücken. Um sie zu wecken und an ihre Demo-Verpflichtung zu erinnern?
    Der Demonstrationszug war lang und die Standzeiten waren es auch. Erst mit den Jahren kriegten es die Verantwortlichen für die Organisation besser hin, dass wir nicht mehr so lange herumstehen und warten mussten, bis wir endlich dran waren. Und kalt war es natürlich auch nicht jedes Jahr. Es war ja nicht alles schlecht in der DDR! Wir fanden die Demo zum Teil öde, erstarrt, meckerten darüber, die Zeit hätte man anders besser verbringen können usw. usf., aber wir gingen hin und mit und viele fühlten sich auch mehr oder minder wohl in der Gemeinschaft, man gehörte dazu. Zunehmend aber störte uns in den letzten Vorwendejahren das falsche Bild von Einig-hinter-der-Partei-und Staatsführung-stehend, das wir dadurch stützten.
    Dann anschließend zogen einige ins Astoria, gleich am Hauptbahnhof, unten in die Kellerbar des Hotels oder man traf sich schon mal bei unserer lieben Marianne (Pönisch), der langlangjährigen Hausmeisterin, die quasi das Institut zusammenhielt. Denn am Nachmittag ging auf dem Institutsgelände in der Lumumbastraße der willkommene Mai-Rummel los: Auf dem Sportplatz lief das Fußballspiel, in den Gruppenräumen waren von den Studenten liebevoll Länderausstellungen aufgebaut, wurden auch erklärt, im Keller, glaube ich, konnte man Bockwurst mit Brötchen und was zu trinken kriegen, am Abend gab’s Tanz im Treppenhaus. So feierten wir gemeinsam mit unseren Studenten diesen Tag, den Kampftag der Werktätigen in aller Welt.

    Ich bin froh, dass ich zu keiner Demo mehr muss, nur wenn ich will, mich einreihen kann. Und trotzdem denke ich jedes Jahr am 1. Mai an den 1. Mai.

  2. Helmut König permalink
    Mai 30, 2011

    „Stecher ja, Schur nein“,
    titelte die LVZ vom 12.5.11 auf Seite 24, gemeint war die Verwehrung der Aufnahme Gustav-Adolf Schurs, genannt Täve, in die virtuelle „Hall of Fame“ für verdienstvolle deutsche Sportler. Schur war und ist der
    unstrittig beliebteste und bekannteste ostdeutsche Sportler, zweimal
    Weltmeister, zweimal Gewinner der Friedensfahrt, des international be-
    deutendsten Amateurrennens. Der Volksmund würde sagen: Der ist noch
    fürn Appel und ein Ei gefahren. Ganz im Gegensatz zu den heutigen „Pe-
    dalrittern“, die Millionen einsacken und man nicht einmal sagen kann,
    ob gedopt wurde oder nicht.

    Will man wirklich vergessen machen, dass Tausende und Abertausende
    Jahr für Jahr an den Straßen standen, oftmals meilenweit angereist,
    um ihren Täve bei der Friedensfahrt live, wie man heute zu sagen pflegt, zu erleben und ihm zujubelten?
    Auch Leipzig war in manchen Jahren Etappenziel und ich erinnere mich
    noch gut daran, dass sogar viele unserer ausländischen Studierenden es
    sich nicht nehmen ließen, die Springerstraße zu säumen, die am Herder-
    Institut vorbeiführt, um die Friedensfahrer lautstark anzufeuern.
    War es nicht gerade Täve Schur, der vielen jungen Menschen als Vor-
    bild galt und sie motivierte, ebenfalls Sport zu treiben? War es nicht
    seine Bescheidenheit auch im Erfolg, die ihn so berühmt machte? Er war
    ein Mann des Volkes, der mit seinen sportlichen Leistungen und seinem
    konsequenten Eintreten für fairen Wettbewerb, für Frieden und Völker-
    freundschaft und soziale Gerechtigkeit immer glaubhaft war und ist?
    Als vorbildlicher Sportler fand er auch, wenn ich nicht irre, Eingang
    in Lehr- und Lernmaterialien des Herder-Instituts.

    Unfassbar, dass man diesem verdienstvollen Sportler die „Hall of Fame“
    zu seinem 80. Geburtstag verweigerte. Deshalb wunderte ich mich auch
    nicht, dass am 13.5.11 am Lesertelefon der LVZ „Täve“ das bestimmende
    Thema war. Das hat sich auch in zahlreichen Leserbriefen danach bestä-
    tigt.
    Bis heute sind Roland Matthes (Schwimmen), Helmut Recknagel (Ski-
    springen), Ingrid Krämer-Gulbin (Wasserspringen), Karin Büttner-Janz
    (Turnen), Katarina Witt (Eiskunstlauf) und Renate Stecher (Leichtath-
    letik) als ehemalige DDR-Sportler in der „Hall of Fame“ zu Ehren ge-
    kommen. Da drängt sich einem geradezu die Frage auf, warum verwehrt man
    gerade dem bekanntesten und beliebtesten Sportler der DDR Gustav-Adolf
    Schur diese Ehrung. Man kann ihm kein Doping vorwerfen, er hat auch nicht für die Stasi gearbeitet. War er vielleicht zu lange in der fal-
    schen Partei? Liegt es an seinem Engagement für die Linke? Es gibt ja keine offizielle Begründung. Für mich steht aber fest: Eine rein poli-
    tische Entscheidung der Jury, da kann man es drehen und wenden, wie man
    will. Dass die Jury sich vorwiegend aus Vertretern der ehemaligen BRD
    zusammensetzt, könnte eine Erklärung sein. Aber das wirft schon wieder
    weitere Fragen auf, die zu deuten wären.

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