Skip to content

Eine geborgte Zusammenfassung über das Ende der Welt

2019 17. Juli
von Martin Löschmann

Vor ein paar Tagen ereignete sich wie aus heiterem Himmel ein Gespräch mit einem jungen Mann über die allerorten heraufbeschworene Klimakatastrophe und das mögliche Ende der Welt. Ich wehre ab und höre mich sagen: „Sie sind zu jung, um so pessimistisch zu sein. Alte Leute dürfen sich schon mal in Endzeitgedanken verlieren, aber Sie doch nicht.“ Und ich hole zwei, drei Gedanken hervor, die begründen sollen, warum alte Leute ihr absehbares bevorstehendes Ende mit dem unserer Welt verbinden.

Zu Hause angekommen, lese ich das letzte Kapitel aus Carlos Rovellis „Sieben kurze Lektionen über Physik“ und finde ganz am Ende – welch ein Zufall! – eine aufschlussreiche, klar formulierte, bewunderungswürdige bündige Zusammenfassung unserer kurzen, dahingestolperten Gedankengänge

Um Missverständnissen vorzubeugen, in diesem Buch geht es nicht vordergründig um diese heiter-düstere Perspektive, sondern eher um die großen Entdeckungen der modernen Physik des 20. Jahrhunderts: die Relativitätstheorie von Einstein,die Quantenmechanik von Max Planck, die weiterführenden Einsichten in die Entstehung des Universums, die Elementarteilchen-Theorie, die Loop-Theorie (Schleifen-Quantengravitation), des Autors Kernbeackerungsfeld.

„Ich denke, unsere Spezies wird nicht lange überleben. Sie scheint aus anderem Stoff gemacht als die Schildkröten, die immer gleichbleibend über Hunderte Millionen von Jahren fortexistiert haben, Hunderte Male länger als wir. Wir gehören einer eher kurzlebigen Spezies an. Unsere Vettern sind bereits alle ausgestorben. Und wir richten Schaden an. Die Klima- und Umweltveränderungen, die wir ausgelöst haben, sind brutal und werden uns schwerlich verschonen. Für die Erde wird es nur ein belangloser kurzer Augenblick sein, wir aber werden die Folgen wohl nicht unbeschadet überstehen; zumal die öffentliche Meinung und die Politik es vorziehen, die drohenden Gefahren zu ignorieren und den Kopf in den Sand zu stecken. Vielleicht sind wir die einzige Spezies auf der Erde, die sich der Unausweichlichkeit ihres individuellen Todes bewusst ist. Ich fürchte, wir werden bald auch die Spezies sein, die bewusst ihr eigenes Ende kommen sieht oder doch zumindest das Ende ihrer Zivilisation.

So wie wir uns mehr oder weniger gut unserem eigenen Tod stellen, so werden wir auch dem Zusammenbruch unserer Zivilisation begegnen. Da gibt es keinen großen Unterschied. Und es ist ja auch nicht die erste Zivilisation, die zusammenbricht. Schon die Maya und die Kreter haben das durchgemacht. Wir werden geboren und sterben, ebenso wie die Sterne geboren werden und sterben, sowohl individuell als auch kollektiv. Das ist unsere Realität. Gerade wegen seiner Vergänglichkeit ist uns das Leben kostbar. Denn, wie Lukrez sagt:

«… immer gleicher Durst nach Leben beherrscht uns, ständig steht uns der Mund begehrend offen.» (De rerum natura, III, 1084)

Aber in dieser Natur, die uns geschaffen hat und uns erhält, sind wir keine unbehausten Wesen, die zwischen zwei Welten hängen, nur teilweise Teil der Natur mit der Sehnsucht nach etwas anderem. Nein. Wir sind zu Hause.

Die Natur ist unser Zuhause, und in der Natur sind wir zu Hause. Diese sonderbare, bunte, erstaunliche Welt, die wir erforschen, wo der Raum zerbröselt, die Zeit nicht existiert und die Dinge zuweilen nirgends sind, ist nichts, was uns von uns selbst entfernt. Es ist nur das, was unsere natürliche Neugier uns von unserem Zuhause zeigt, von dem Stoff, aus dem auch wir gemacht sind. Wir bestehen aus dem gleichen Sternenstaub wie alle Dinge, und ob wir in Schmerz versinken oder lachen und vor Freude strahlen, wir sind immer nur das, was wir einzig und allein sein können: ein Teil unserer Welt.

Lukrez sagt es in wunderbaren Worten:

«Letztlich sind wir doch alle himmlischen Samen entsprossen, alle haben wir den gleichen Vater, von ihm empfängt die gütige Mutter die feuchten Tropfen des Regens, sie nimmt die Erde auf und bringt aufblühend schimmernde Früchte hervor, üppige Bäume, auch der Menschen Geschlecht, gibt Lebenskraft den wilden Tieren aller Arten, stillt, für Nahrung sorgend und für Futter, den Hunger aller, lässt sie ein wohl ausgestattetes Leben führen und ihren Nachwuchs aufziehen …» (II, 991–997)

Von Natur aus lieben wir und sind ehrlich und anständig. Von Natur aus wollen wir immer mehr wissen und immer weiter lernen. Unser Wissen über die Welt wächst. Uns treibt der Drang nach Erkenntnis, und lernend stoßen wir an Grenzen. In den tiefsten Tiefen des Raumgewebes, im Ursprung des Kosmos, im Wesen der Zeit, im Schicksal der Schwarzen Löcher und im Funktionieren unseres eigenen Denkens.

Hier, an den Grenzen unseres Wissens, wo sich das Meer unseres Nichtwissens vor uns auftut, leuchten das Geheimnis der Welt, die Schönheit der Welt, und es verschlägt uns den Atem.“

(Die italienische Originalausgabe erschien 2014 unter dem Titel «Sette brevi lezioni di fisica» bei Adelphi Edizioni, Mailand.), in Deutschland veröffentlicht in deutscher Sprache im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, September 2015)

Beim Lesen von Christoph Hein: Gegen-Lauschangriff, Anekdoten aus dem letzten deutsch-deutschen Kriege. (Berlin: Suhrkamp 2018)

2019 12. Mai
von Martin Löschmann

Von Christoph Hein habe ich im Laufe der Jahre verschiedene Romane gelesen, den einen oder an-deren auch nur durchgeblättert. „Der fremde Freund“ hat sich im Gedächtnis besonders fest eingegraben, auch „Horns Ende“.
Nach der Wende verlor ich den Hein aus dem Auge, auch weil sich in dieser Zeit ein Bauchgefühl in den Vordergrund schob, das schwer zu orten sich nicht an einem bestimmten Text festzurren ließ. Auf der anderen Seite war das vage Gefühl dennoch schon in Worte zu fassen: ein exzellenter, mutiger Kritiker des DDR-Systems gewiss, seine Rede 1987 wider die Zensur in der DDR ein Meisterstück (vgl. die Anekdote ABSICHERUNG DER LINIE SCHRIFTSTELLER), die prophetische Warnung vor zu viel Euphorie über die Wende 1989, zugleich schien er dem bundesrepublikanischen Mainstream der Nachwendezeit nahezustehen: die DDR ein Unglücksfall der Geschichte, eine Diktatur. Pfui Teufel, ein Land ohne Geschichte, das Leben der Menschen im Hoheitsgebiet unwert, denn es gibt kein richtiges Leben im falschen.
Doch dann machte mich vor ein paar Tagen jemand, der von meinem ambivalenten Verhältnis zu Hein wusste, auf sein neuestes Werk, ein leserfreundliches schmales Bändchen, aufmerksam. Den Namen des Aufmerksammachers werde ich nicht nennen, Hein gibt auch nur ganz wenige Namen in seinen Anekdoten preis – sicher nicht nur aus ästhetischen Gründen. Wer indes in der DDR-Kulturszene umhergewandert, nicht umherstolziert ist, kommt schon bei dieser und jener Unkenntlichkeit dahinter, wer gemeint sein könnte. Im Übrigen braucht man die Namen auch nicht, um die Texte zu genießen.

Als ‚Ostergeschenk‘, das es in meinem hohen Alter eigentlich nicht mehr gibt, ich bin noch fast zehn Jahre älter als Hein, wird es zu meiner Osterlektüre 2019 erklärt und damit zu einem singulären Ereignis. Auch deshalb, weil der Germanist in mir aufgerufen ist: Bei Hein sind es „Anekdoten aus dem letzten deutsch-deutschen Kriege“ – in Kleists Anekdotensammlung findet sich eine „Anekdote aus dem letzten preußischen Kriege“. Der literarische Bezug ist gewollt und provozierend zugleich, vom Feuilleton entweder ignoriert oder unter Verharmlosung der DDR verbucht, nur weil der DDR eine Entwicklung gewährt wird, die DDR der 60er Jahre ist nicht die DDR der 80er Jahre, und Hein wagt sich, den Oscar prämiierten Film „Das Leben der Anderen“ von Florian Henckel von Donners-mark als wenig authentisch zu charakterisieren, um es vorsichtig auszudrücken, tatsächlich wird der Film ins Reich der Hollywood-Fantasie verwiesen (Vgl. MEIN LEBEN, LEICHT ÜBERARBEITET).
Der Geleitwort des Verlages macht mich, voreingenommen, wie ich vermutlich noch immer bin, erst einmal stutzig: Der „fulminante Geschichtenerzäh-ler“ „erzählt hier von seinen persönlichen Erlebnissen, von Zensur und Reise(un)freiheit – und schließlich davon, wie all das Geschichte wurde“. Bloß nicht irgendetwas vom Felde des „deutsch-deutschen Krieges“ benennen. DDR indes geht immer. Dazu steht mit Recht genügend drin, wenn natürlich auch nicht alles. Allein schon die Anekdotenform führt zu strenger Beschränkung. Aber gut, der Vorspann muss einen nicht interessieren, wer liest solche Vorboten. Überhaupt, wie dumm muss einer sein, der diese liest! Suhrkamp schützt vor Torheit nicht. Das Feuilleton hält sich dran und tut sich mit dem Genre Anekdote schwer, kann sich so gar nicht an den Pointen, die nicht nur am Ende stehen, erfreuen. „Dass einer lächeln kann und immer lächeln und doch ein Schurke sein.“ (Zitat von Shakespeare in DASS EINER LÄCHELN KANN UND LÄCHELN). Oder die Pointe aus der kauzigen Geschichte EINE SCHROTGEWEHR-HEIRAT, in der es um die Vereinigung von Parallelinstitutionen, z.B. der Schriftstellverbände PEN Ost und PEN West, auch der beiden Anglerverbände geht, und Heiner Müller nach einer ‚Vereinigungssitzung‘ zu Hein sagt: „Hast du gehört, Christoph? … wir haben Bewährung bekommen.“.

Also gut, das Buch aufgeschlagen, die erste Geschichte lesen: NACH MOSKAU; NACH MOSKAU. Die Abwesenheit von Reisefreiheit in der DDR in eine Anekdote kongenial überführt, die Sehnsucht nach unbeschwertem Reisen, die sich erst nach der Wende erfüllen konnte. Hier sind es die drei Schauspielerinnen, die in Tschechows „Drei Schwestern“ im Rahmen eines Gastspieles des Maxim Gorki Theaters zu Berlin in Düsseldorf auftreten und sich nacheinander beim Chefdramaturgen des Düsseldorfer Theaters erkundigen, ob und wie sie am aufführungsfreien Tage ohne Visum nach Paris gelangen könnten. Das Mögliche wird möglich gemacht, die drei kommen zurück von ihrem Tagesausflug nach Paris. Und „am darauffolgenden Tag, in der letzten Aufführung der ‘Drei Schwestern‘ hätten die Schauspielerinnen ihr ‚Nach Moskau, nach Moskau!‘ viel inniger, eindringlicher und ergreifender geseufzt als in den ersten Aufführungen … hatten sie doch endlich die Stadt ihrer Träume und ihrer Sehnsucht gesehen.“ Den drei Schwestern allerdings blieb ihr Sehnsuchtsort Moskau verschlossen.
Das leidige Reisethema taucht noch an anderer Stelle auf, in einer Anekdote, in der beschrieben wird, wie persönliche Reiseangebote aus dem Westen abgewiegelt werden mussten: aus gesundheitlichen Gründen, bin schwer erkrankt, bin ans Bett gefesselt usw.
Scham steigt auf, als ich die Geschichte EIN SEHR KRANKER MANN lese und daran erinnert werde, wie ich meinem Schwager mein Nichtkommen zur Beerdigung meiner Schwester in Dortmund begründe. Als Verwandter ersten Grades hätte mir die Teilnahme an der Bestattung zugestanden, doch im Sterbejahr meiner Schwester Renate waren mir als Nichtoppositionellem Reisen „ins nichtsozialistische Ausland“ von der Stasi untersagt. Ich hätte meinem Schwager den wahren Grund meiner Abwesenheit mitteilen können, ja müssen, habe es aber nicht getan, weil ich doch irgendwann mal wieder in den Westen reisen wollte. Nach dem strikten Westreiseverbot von über zehn Jahren erfuhr ich dann auch in der Tat die Gnade, wieder ins NSW reisen zu dürfen.

Angetan von der ersten wird die zweite Anekdote EINE ENTZWEIUNG zugleich gelesen. (Keine Angst, es werden nicht alle 28 Geschichten einzeln besprochen!) Doch, oh Schreck und Weh!, mein bereits umrissenes Bauchgefühl drängt sich wieder nach vorn.
Der Aufstieg des dumpfen Gefühls beginnt mit dem Pfarrerssohn, der er ist, und der „keinesfalls auf eine Oberschule des sozialistischen deutschen Imperiums gehen durfte“. Nicht, dass es in seinem Fall und in vielen anderen Fällen so war, wer wollte diese Ungerechtigkeit bestreiten, aber gab es keine Gegenbeispiele? Frau Dr. Merkel? Richtig, doch bloß hier kein Autoritätsbeweis! Schon deshalb nicht, weil sie eh ihre Raute je nach Bedarf dorthin lenkt, wohin der Wind gerade weht. Als es opportun war, bezeichnete sie positive Äußerungen über die DDR als Nostalgie, heute kann sie den „Frust der Ostdeutschen“ verstehen.
Und wurde die Ungerechtigkeit nicht später gemildert? Wie erstaunt war ich, als ich, schon in Berlin lebend, erfuhr, dass in den 80er Jahren an der Berliner Musikhochschule in Ostberlin fast 30 % der Studierenden Pfarrerskinder waren.
Ganz nebenbei: Großbauernsöhnen, von denen ich einer in der DDR war, wenn auch aus Hinterpommern Ausgesiedelter ohne Haus und Hof, ging es wie Pfarrerskindern. Und dennoch gelang es mir, das Abitur ohne jedwede Beziehungen zu erwerben und zu studieren. Aber gut, eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, und ich will beileibe – bescheiden wie ich bin – kein Gegenbeweis sein. Vielleicht habe ich auch einfach nur mein aufsteigendes Bauchgefühl falsch gedeutet, das sich in Wahrheit erst so richtig bei der dritten Geschichte ES WAR ALLES GANZ ANDERS schmerzhaft entfaltet.
Hein stammt aus Schlesien, ich Umsiedler, Neubürger, Vertriebener wie er. „Ich wurde in Schlesien geboren, und viele in meiner Familie und unter den Freunden meiner Eltern trauerten ihrer Heimat nach, hatten viele Jahre gehofft, in die Städte und Dörfer zurückkehren zu dürfen, in denen sie einst gelebt hatten.“ Und ich zitiere den Verursacher meines schmerzenden Bauchgefühls weiter: „Doch die Regierung der DDR hatte die Vertreibung durch Russen und Polen sanktioniert, bezeichnete die Grenze zu Polen als Oder-Neiße-Friedensgrenze und die aus Pommern und Schlesien Vertriebenen wurden unter der neutraleren Bezeichnung Umsiedler registriert.“ Wenn ich nicht vor kurzem die Bedeutung der „Oder-Neiße-Friedensgrenze“ einem guten Freund, der sein Leben am Beispiel Deutsch-Ossig nachzeichnet, erklärt hätte, wäre vielleicht mein Unbehagen nicht so grenzüberschreitend ausgefallen. Wie kann man so etwas unbesorgt hinschreiben, als existierten die Verträge der Großmächte, der Siegermächte nicht. Auch wenn die DDR zu den drei größten Ländern mit U gehörte – UdSSR, USA und Unsere Republik –, sie hatte nichts zu sanktionieren, was schon im Potsdamer Abkommen festgelegt worden war.
Ich muss keine Rücksicht nehmen auf irgendwelche Leserklientel und kann daher unbeschwert bekennen: Die DDR war gut beraten, einen Schlussstrich unter den 2. Weltkrieg zu ziehen, die Oder-Neiße-Linie anzuerkennen, auch wenn es dem ersten Kulturminister der DDR, Johannes R. Becher, und anderen nicht gefallen haben mochte, wie in der besagten Geschichte nachzulesen ist. Nicht weniger bemerkenswert, dass diese Friedensgrenze auch gegenüber der Bundesrepublik Deutschland vom Anfang der Existenz der DDR an zu verteidigen war. Ich bleibe dabei, zu den Positiva der Einvernahme der DDR durch die Bundesrepublik Deutschland, um mich der kühnen Terminologie Heins frei zu bedienen, gehört die Verankerung der östlichen Grenze im Zwei-plus-Vier-Vertrag von 1990. Ihre Nichtanerkennung hätte doch Tür und Tor für Rückeroberungsversuche offengehalten. Auf einem ganz anderen Blatt steht natürlich, dass es sich die DDR leichtmachte und die Verluste, den Verlust von Heimat, das Elend der Vertriebenen ignorierte, ein unmenschliches ‘Tabula Rasa‘ setzte, jegliche Entschädigungsforderung von sich wies. Seien wir doch mal ehrlich, Herr Hein, die wenigsten wollten später wieder zurück, jedenfalls meine vom Krieg geschundene Mutter und Bauersfrau nicht, meine Geschwister nicht, unsere ehemaligen Deputatsleute nicht, aber eine Entschädigung für Haus und Hof, für Erspartes und Gesammeltes schon.
Wie um Himmels willen soll ich meinen Enkeln und Enkelinnen erklären, warum die Schlesier und Schlesierinnen, die Hinterpommeraner und die Hinterpommeranerinnen, die Ostpreußen und Ostpreußinnen die Kriegsschuld allein tragen mussten. Und sollten sich die vom 2. Weltkrieg, was Haus und Hof anging, Verschonten nicht fragen, was sie berechtigte, die schon einmal „Vertriebenen“ in der Ostzone, der späteren DDR, ein zweites Mal von Haus und Hof, aus Festanstellungen, mühselig errichteten Existenzen zu verjagen. Wie anders soll man denn den Elitenaustausch, die Abwicklung der DDR-Institutionen, die volkseigenen Betriebe eingeschlossen, begreifen. Und wieder alles fast entschädigungslos. Dieses FAST muss ich der Wahrheit halber hinschreiben, denn ich erhielt als habilitierter Professor für Deutsch als Fremdsprache an der Karl-Marx-Universität in Leipzig – allerdings erst nach Gerichtsbeschluss – die allen entlassenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Uni Leipzig gewährten10.000 DM – nach fast 30jähriger erfolgreicher Berufstätigkeit. Ein vermeintlicher Treppenwitz der Wendegeschichte, oder muss ich mich bloß dafür schämen, dass ich das Almosen angenommen habe, oder wen müsste dieser mit Zynismus gespickter Vorgang beschämen?
In einem Interview mit Cornelia Geißler, Die Ostdeutschen akzeptieren sich heute mehr als Ostdeutsche (Berliner Zeitung v. 9./10. März 2019) spricht Hein in dieser Frage unumwunden Klartext, der mein Bauchgefühl nunmehr endgültig schwinden ließ, für unfehlbar hatte ich es ohnehin nicht gehalten. „Tausende Hochschullehrer wurden entlassen, und ein Nachwuchs, der eben noch chancenlos war, kam auf hohe und höchste Positionen. Einen solchen Elitewechsel gab es in der Bundesrepublik 1945 nicht, das hatte man vermieden. Der letzte Elitenwechsel, der Tausende und Zehntausende Hochschullehrer betraf, erfolgte im Januar 1935, als das ‚Gesetz zum Neuaufbau des deutschen Hochschulwesens‘ wirksam wurde und Juden, Sozialisten und Kommunisten aus den Universitäten entfernt wurden.“ Und er schließt an, mir zeigend, wie man zumeist hinkende historische Vergleiche schlüssig bemühen kann: „Diesen Elitewechsel von 1935 kann man überhaupt nicht mit dem von 1990 gleichsetzen, das wäre Geschichtsklitterung. Vergleichbar ist freilich der völlige Mangel an Empathie für die Ausgewechselten in diesen Jahren: Man ließ die Hinausgeworfenen gehen, verhöhnte sie und erfreute sich der sich plötzlich auftuenden Aufstiegschancen.“ Vgl. auch!
Im herderblog.net, in dem Sie sich gerade befinden, erfährt diese Kälte sogar mehrmals namentliche Personifizierung: Prof. G. Neuner (Kassel) z.B. hielt sich vornehm aus der Bewertung der Vorgänge im Osten heraus und schrieb mir so nebenbei, dass mein Problem darin bestände, dass ich „vom Herder-Institut und meiner Arbeit nicht loslassen“ könne. Die Kriminalisierungsversuche eines Professors von der Universität Hamburg, der später nach Wien ging, will ich an dieser Stelle – womöglich fahrlässig – unterschlagen.
Christoph Hein bekennt in dem besagten Interview, dass es ihm besser ergangen sei als vielen seiner Kollegen. „Viele Autoren verloren mit der Wende ihre Verlage, die standen auf der Straße – so wie die Arbeiter, deren Betriebe zumachten.“ Volker Braun stellt sich ein: „Das Volk gab sein Eigentum ab und ließ sich die Freiheit aushändigen.“
Auch wenn der Schriftsteller Hein nicht „arbeitslos“ wurde, musste er wie auch Freunde von ihm erfahren, wie versucht wurde, sein / ihr Wirken nach der Wende zu diskreditieren, in Frage zu stellen, zu verdächtigen, zu relativieren, einzugrenzen. Besonders eindrucksvoll nachzulesen in der ziemlich ausführlichen Schilderung seiner Ausbootung bei der Intendanz-Übernahme am Deutschen Theater, das er nach wie vor für eine exzellente Institution hält. Die weitgehend emotionsfrei erzählte Geschichte zeigt, dass der „deutsch-deutsche Krieg“ nicht mit der offiziellen Einverleibung am 4. Oktober 1990 beendet worden ist. Thomas Flierl, Berlins damaliger linker Kultursenator, will den Dramatiker Hein ins Amt bringen, doch der westdeutsche Kulturbetrieb verhindert es, zielsicher zig-zag-schlagend. Sie können halt das Siegen nicht aufgeben. Hein erwägt, das Gericht zu bemühen, um zu seinem Recht zu kommen, fühlt aber eine gewisse Aussichtslosigkeit und lässt es mit sich geschehen – in dieser Anekdote, überschrieben mit dem sarkastischen Titel DER NEGER.

Welche Anekdote ich auch lese, es stellen sich Assoziationen mit meinem Leben und Wirken ein. Nehmen wir nur mal die Geschichte mit der Vereinigung der Parallel-Institutionen, die nach der Wende zusammengefügt werden mussten. Zuletzt kam der Anglerverband dran. Der Vorsitzende des DDR-Anglervereins ist ein Freund von uns. Befreundet sind wir auch mit einem Paar, das während des Studiums die Aufführung des Furore machenden Stückes von Heiner Müller „Die Umsiedlerin oder das Leben auf dem Lande“ erlebt hatte. Die Internationale Studenten-Theaterwoche an der Hochschule für Ökonomie in Berlin Karlshorst bildete dafür einen würdigen Rahmen. „Die Uraufführung wurde ein Erfolg, der Autor und der Regisseur wurden umjubelt und das Ensemble feierte – nach den Monaten der Ungewissheit und der Furcht vor einem Verbot der Aufführung – ausgelassen und sehr erleichtert.
In der gleichen Nacht wurden jedoch alle Studenten, die in der Inszenierung auf der Bühne gestanden hatten, einbestellt, sie wurden genötigt, Selbstkritik zu äußern, sich von Autor und Regisseur zu distanzieren und das Stück als konterrevolutionär und antikommunistisch einzuschätzen. Die Parteiführung, wurde ihnen gesagt, vermute eine antisozialistische Verschwörung, der Autor ein Agent des Westens.“

Ach, und das immer wieder von Hein beobachtete Desinteresse am Osten, das ich erst kürzlich wieder in Dresden beobachten konnte: Ein Student aus Schwaben hat offensichtlich seine Eltern zu Besuch nach Dresden eingeladen. Er gibt sich redlich Mühe, ihnen Dresden näherzubringen. Es gelingt ihm nicht. Einfach uninteressiert. Wo werden wir Mittag essen?
In der letzten Anekdote VERWACHSEN werden zwei Damen beschrieben, die „bei jeder Mahlzeit über Autoren und Bücher sprechen“. Befragt, „ob sie auch ostdeutsche Autoren lesen würden, erwiderte eine von ihnen: „Nein, so etwas interessiert uns nicht.“ Und Heins bissiger Kommentar folgt zugleich: „Treffender lässt sich der gegenwärtige Zustand des deutsch-deutsch Verhältnisses – dreißig Jahre nach der Vereinigung – kaum auf den Punkt bringen.“
Die Ignoranz und Arroganz gegenüber ostdeutschen Bürgern, Intellektuellen, kirchlichen Würdenträgern, zeigt sich auch in der Geschichte DER DIAKON UNTER DEN BISCHÖFEN; in dem Gottfried Forck, Bischof der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg, ein Erinnerungsmal gesetzt wird, „ein unerschrockener Mann, der den staatlichen Organen die Stirn bot“. Dieser Mann, ein Kenner der DDR und erst recht ihrer Menschen, hielt die drakonische Einführung der Kirchensteuer in den neuen Bundesländern nicht für ein probates Mittel, weil er mit Recht befürchtete, dass dieses Gesetz dazu führen würde, dass viele Gläubige oder auch Nichtgläubige in der ehemaligen DDR aus der Kirche austreten würden, weil sie sich von keinem Staat mehr vorschreiben lassen wollten, ob und wie die Kirche finanziell zu unterstützen sei. Es kam, wie vom Bischof prophezeit: „Am meisten schmerzte Forck die nachlassende und dahinschwindende Bindung zwischen Kirche und Gemeinde, die Verbundenheit mit den Gläubigen und der gesamten Bevölkerung, die einst stark war und nun verblasst.“

Zu oft musste ich lesen, dass Hein ein Chronist der deutsch-deutschen Verhältnisse oder so was Ähnliches sei. Ein Dichter, ein Schriftsteller jedoch ist niemals ein Chronist, ja, wenn er sich als Stadtschreiber verdingte oder verdingen müsste, dann schon eher. Und Anekdoten eignen sich überhaupt nicht als Ausweis eines Chronisten, auch wenn sie aus unterschiedlichen Zeiträumen DDR – Wende-, Nachwendezeit – stammen. Liegt mit dieser Attribuierung womöglich eine Herabstufung des Dichters, des Schriftstellers vor? Hein als Person, als sein eigener Biograf, als Zeitgenosse, als Zeitzeuge wären für mich treffendere Dichter-als-Konstruktionen, wenn man nun mal nicht ohne sie auskommen mag. Wie immer man auch Christoph Hein bezeichnet, als Dichter, als Schriftsteller, als Zeitgenosse hat er das Zeug, den großen, immer noch ausstehenden deutsch-deutschen Roman zu schreiben. Die Anekdoten als Vorboten dieses Unterfangens. Freilich fehlen da noch einige, z.B. eine, die die DDR-Vorteilsnehmer ins Anekdotenmaß presst.

Schon an zwei Details könnt ihr sie erkennen

2019 7. April
von Martin Löschmann

Ich gestehe, auf das Dokudrama, den Zweiteiler über Brecht Die Liebe dauert oder dauert nicht und Das Einfache, das schwer zu machen ist, von Heinrich Breloer erst durch die Rezension in Spiegel Online aufmerksam geworden zu sein. Allein schon die deftig formulierte Überschrift: Misslungener Brecht-Zweiteiler Dichter, Denker, Schwein von Wolfgang Höbel (21.03.2019) musste einen, der sich im Studium intensiv mit Brecht beschäftigt hatte und der ihn seither nicht mehr losließ, stutzig machen.

Das letzte Wort im Dreierklang – Schwein – initiierte, ohne die Rezension überhaupt gelesen zu haben, eine bestimmte Assoziation. Wie oft habe ich nicht in meinem Leben gehört: Goethe ein großer Dichter gewiss, wer wollte das bestreiten, aber als Mensch – ein Schwein. Ich dächte, ich hätte auch in meinen Unerhörte Erinnerungen eines Sonstigen (2016) über diese Erfahrung geschrieben. Doch Fehlanzeige. Assoziationen stellen sich weiter unkontrolliert ein, durch bestimmte Reizwörter, bestimmte Kommunikationssituationen. Nach Goethe kommt Heinrich Heine – gewiss ein großer Dichter, nicht zu vergleichen mit Goethe natürlich, aber dennoch auch ein Dichter und Schwein, das an seiner Syphilis elendig – selber schuld – zugrunde ging. Um keine üble Kolportage zu betreiben: Die bösartige Nachrede hält ernsthafter Nachforschung nicht stand, ganz abgesehen davon ist sie in meinem Zusammenhang auch unwichtig, will ich doch einfach nur schreiben, wohin mich die Überschrift der zitierten Rezension treibt:
Mit Breloers Dokudrama scheint das deutsche Dichter-Schwein des 20. Jahrhunderts Bertolt Brecht ausgemacht zu sein. Nachdem ich die beiden Teile gesehen habe, erhärtet sich der über die bloße Kritik gewonnene Eindruck. Der Dichter, der Stückeschreiber, der Regisseur kommen in Breloers Werken eindeutig zu kurz, man könnte fast sagen: so gut wie kaum/nur äußerst fragmentarisch vor. Während indes solche und ähnliche despektierliche Äußerungen von Vertretern des Bildungsbürgertums auf ihre Weise das dichterische Werk anerkennen, gelingt es Heinrich Breloer über weite Strecken nicht, Brechts dichterische und sein Theater prägenden Leistungen ins Bild zu setzen oder sollte ich besser schreiben: in seinem Dokudrama umzusetzen. So gut wie nichts vom epischen Theater, von Verfremdung, dem Aufräumen mit dem Illusionstheater seinen neuen Wegen des Theaterspielens, der internationalen Ausstrahlungskraft, die sich ja keineswegs auf die Gastspiele in Paris und London beschränkte, nichts von der kreativen Diskurskultur bei der Regiearbeit, aber auch nichts von der Spezifik seiner Dichtung, die sich ja durchaus nicht in der ‚Liebeslyrik‘ erschöpft. Dass Brechts neues revolutionierendes Theater nicht plausibel gemacht werden kann, mag auch an der Fehlbesetzung mit Burghart Klaußner als Brecht nach seiner Rückkehr aus der Emigration liegen. Er vermag weder die Persönlichkeit Brechts mit ihrer hohen Strahlkraft, den gewitzten, verschmitzten, anregenden, durchaus widerspruchsvollen, aber immer auch humorvollen vielschichtigen kreativen Menschen Brecht zu verkörpern, schon gar nicht seine offensichtlich magische Anziehungskraft auf Frauen, die sich ihm – wohl mehr oder minder allesamt – zur Mitarbeit anboten und im Umfeld des Theaters ihr Geld und – auch das mehr oder minder – in einem gewissen Maße Respekt verdienten, auf keinen Fall hat er auch nur eine von ihnen vergewaltigt! Helene Weigel dagegen wird von Frau Adele Neuhauser in bestechender Weise verkörpert.

Man merkt schnell, dass es dem Regisseur eigentlich nicht darum ging, Brechts dichterische Erfindungen, Entdeckungen, kreative Schöpfungen, seine intellektuelle Durchsetzungskraft zu erfassen und angemessen darzustellen, darstellen zu lassen, sondern er sich wohl eher im niederen Niveau bestimmter Bildungsbürger und im heutigen Mainstream wohlfühlt. Brecht wird nachträglich der „Me-too-Bewegung“ ausgeliefert. So wie Breloer die für Brechts Leben und Werk nicht unwesentliche Emigrationszeit so gut wie kaum der Berücksichtigung für wert erachtet, sowenig gelingt es ihm, Brechts Frauengeschichten ausgewogen differenziert und vorurteilsfrei zu erzählen. Wozu eigentlich braucht Breloer den ganzen oder fast den ganzen Reigen? Zumal er ja mit den von ihm inszenierten Frauengeschichten nichts Neues ans Licht bringt, sondern sich eher der landläufigen, ätzenden Klischees bedient.

Aber ich will hier keine Rezension schreiben, denn sie könnte auf keinen Fall die von Wolfgang Höbel übertreffen. Die trifft für mich in der Tat den Nagel auf den Kopf, weil er aufzeigt, dass und auch wie Brechts Wirken (vor allem in der DDR-Zeit) kleingemacht und er sogar, nicht zuletzt durch die Konzentration auf seine Liebesgeschichten, aber auch durch die Art, wie sein sicher an bestimmten Punkten diskussionswürdiges Verhalten in der DDR in Szene gesetzt ist, kompromittiert wird. Wie die Inszenierung des Stückes Katzgraben (1953) von Erwin Strittmatter, die sicherlich nicht zu Brechts großen Taten gerechnet werden kann, elegant heruntergezerrt wird, macht das z.B. deutlich. Mag sein, dass der große Brechtschüler Peter Palitzsch die Regie dieses Stücks ablehnte, weil das Werk nicht seinen Ansprüchen genügte, doch Helmut Baierls Frau Flinz, ebenfalls ein Gegenwartsstück, inszenierte er als Co-Regisseur ein paar Jahre später zusammen mit Manfred Wekwerth. Wozu also die Verunglimpfung von Brechts Arbeit an einer womöglichen Schwachstelle, ohne sie näher zu charakterisieren. Ein Schüler Brechts – zugegebenermaßen ein bedeutender – wird als Zeuge für ein unzumutbares Brecht’sches Unterfangen aufgerufen. Er wird allein schon durch die Tatsache legimitiert, dass er 1961 die DDR verließ. Nichts gegen eine kritische Betrachtung, aber sie muss die Kirche im Dorf lassen, Strittmatters Katzgraben, im Blankvers geschrieben, ins Schaffen Brechts einordnen. Auch bei Brecht reiften nicht alle Blütenträume.

Letztlich lässt sich Breloers tendenziöses Walten und Schalten schon an den zwei schlagartig erhellenden Details zeigen, die mich bei seinem Zweiteiler und der begleitenden Dokumentation Brecht und das Berliner Ensemble – Erinnerung an einen Traum jenseits der erwähnten Kritik ansprangen. Bezeichnenderweise erfasst die Dokumentation auch nicht die Emigrationszeit, was ja Sinn machen würde, da sie im Dokudrama kaum vorkommt, sondern die Zweitspanne von 1948 bis 1956. Ganz abgesehen davon, wozu bedarf es einer Dokumentation, wenn der Zweiteiler schon ein Dokudrama ist. Eine Dokumentation der Dokumentation? Gut, diese Spitzfindigkeit lassen wir mal beiseite. Und Geld verdienen will jeder und Breloer offensichtlich viel.

Sowohl im Dokudrama als auch in der Dokumentation wird die unglaubliche Mär verbreitet, das Theater am Schiffbauerdamm habe Brecht nur deshalb erhalten, weil die SED-Führung dem unbequemen Brecht gewissermaßen in dem Sinne ein Bein stellen wollte, dass sich seine neue Art, Theater zu spielen, in einem derart großen Haus totlaufen würde. Die wenigen Zuschauer und Zuschauerinnen würden sich einfach in dem riesigen Gebäude verlieren, so dass Brecht schon einsehen werde, dass sein Theater keine Zukunft hat. Nichts vom Haus in diesem Zusammenhang, in dem Brecht mit der Dreigroschenoper 1928 seinen ersten großen Erfolg gefeiert hatte, nichts von Brechts vermutlichen Ambitionen bei der Bestimmung des Theaters. Ein räumlich großes Theater wäre doch auch die wiederaufgebaute Volksbühne gewesen. Warum wurde die nicht Brecht und seiner Frau Helene Weigel zugewiesen? So aber musste der Intendant Fritz Wisten aus dem Haus am Schiffbauer Damm aus- und in das am Rosa-Luxemburg-Platz einziehen. Was also wird hier dokumentiert?
Auf keinen Fall der tatsächliche Vorgang, aufgezeichnet von Werner Hecht, der im Breloer’schen Werk als Brechtchronist aufgerufen wird. Danach gab es 1953 einen Beschluss des Zentralkomitees der SED, wonach das Theater am Schiffbauer Damm dem Ensemble der Kasernierten Volkspolizei, dem späteren Erich-Weinert-Ensemble, übergeben werden sollte. Brecht erfuhr davon und legte bei Otto Grotewohl, dem damaligen Ministerpräsidenten, Einspruch ein. Dem wurde, wie wir wissen, stattgegeben. (Vgl. Werner Hecht: Brecht-Chronik 1898–1956, Ergänzungen. Suhrkamp, Frankfurt/M 2007, ISBN 3-518-41858-0, S. 118)

Das zweite für mich aufschlussreiche Detail ist persönlicher Art. Da wird in der Dokumentation der Name Professor Kuckhoff, Professor der Theaterwissenschaft, zitiert, ohne näher auf ihn einzugehen, aber unterstellt, dass er Studenten zum Praktikum ans Berliner Ensemble mit dem Ziel geschickt hätte, Brechts-Theater auszuspionieren. Hätte man es nicht selber gehört und gesehen, man würde nicht glauben, dass ein so renommierter Mann wie Breloer auf so plumpe Art und Weise arbeiten würde.
Ich war Student bei Professor Mayer an der Leipziger Universität, der Brecht für so bedeutend hielt, dass er ihm eine ganze Vorlesungsreihe noch zu dessen Lebzeiten widmete, und kam im 2. Studienjahr in den Genuss, ein Praktikum am Berliner Ensemble absolvieren zu dürfen. Auch wenn man hätte etwas
ausspionieren wollen, es gab dazu gar keine Möglichkeiten, alles war bis ins Einzelne geregelt: Das Archiv war nicht zugänglich, man konnte Wünsche äußern, aber Verschlusssachen waren nicht zu haben. Beobachtung von Proben nur von ganz oben – weit weg und lautlos. Man konnte nachlesen, was eigentlich bekannt war. Dennoch, für einen Studenten gab es genug zu entdecken, und man konnte schon das Theater, das aufregende und anregende Fluidum und Brecht mit seinen Jüngern erleben – es wurde wohl Galilei geprobt, einfach großartig, ein prägendes authentisches Erlebnis. In meinen „Unerhörte Erinnerungen eines Sonstigen“ stellt sich mein Praktikum so dar:

„Ich fühlte mich auserkoren und erhoben, als ich am weltberühmten Theater ein Praktikum absolvieren durfte. Etwa ein Jahr zuvor hatte sich eine kleine Gruppe Diplomgermanisten, begeisterte Brecht-Anhänger, dem Meister genähert und sich als Mayer-Schüler empfohlen. Brecht fühlte den Studenten auf den Zahn und stellte offenbar seine Hohlheit fest, denn sie erwiesen sich weder als bibel- noch als antikefest. Der Stückeschreiber hatte offensichtlich nichts Besseres zu tun, telefonierte mit Mayer und beklagte sich bitter über die Unzulänglichkeit der humanistischen Bildung seiner Studenten. Beiden zu unterstellen, sie hätten die Studenten nicht wegen fachlicher Fehlstellen, sondern wegen ‚ideologischer Schieflage‘ behelligt, ist schlichtweg unlauter. Kann es wirklich jemanden verwundern, dass Professor Mayer, der großen Wert auf gesellschaftliche Hintergründe, geistig-kulturelle Zusammenhänge, Einflüsse der Antike, auch der Bibel auf die deutsche Literatur legte, aufgebracht war. Er bestellte die betreffenden Studenten nächsten Tages zu sich, putzte sie runter und verdonnerte sie zu einem Extrakolleg. Wie dieses Warnbeispiel, das Mayer genüsslich ausweidete, jemanden dazu führen konnte, seine Verdienste um Brecht zu schmälern, ja wegzuwischen, kann nur Gerhard Kluge selbst erklären, ihm war durch den Vorfall „mitsamt Mayer“ auch „Brecht verleidet“. Ganz gleich, wie man die Episode erinnert, sie kann kaum herhalten, sich Brecht verleiden zu lassen, schon gar nicht, wenn man sich einen Namen als Literaturwissenschaftler machen will und gemacht hat.
… Das Praktikum hatte für mich weitergehende Konsequenzen: Prof. Mayer hatte ein verdammt schwieriges, nichtsdestoweniger interessantes Diplom-Thema für mich vorgesehen: Brechts Stellung zur deutschen Klassik. Zu dem Thema, das Ausmaße für eine Dissertation hatte, gab es kaum Sekundärliteratur. Eine Konsultation beim Meister war über alle Maßen kurz, es blieb keine Zeit, mehr als eine Frage zu stellen. Vielleicht auch hatte ich meine Frage falsch gesetzt, eingeschüchtert war man Mayer gegenüber ohnehin. Und Armin-Gerd Kuckhoff hatte kein Ohr für meine Sorgen mit Brechts Beziehung zur deutschen Klassik, ein damals für ihn völlig abwegiges Thema.“
Armin-Gerd Kuckhoff war in der Tat ein Stanislawki-Anhänger, über den in meinen Erinnerungen geschrieben steht:
„Armin-Gerd hatte sich mit Beginn seiner theaterwissenschaftlichen Laufbahn dem psychologisch-naturalistischen Illusionstheater von Konstantin Serge-jewitsch Stanislawski verschrieben, genauer gesagt: der Stanislawski-Methode, die fraglos den europäischen und auch amerikanischen Aufführungsstil nach dem New Yorker Gastspiel Stanislawskis mit dem Moskauer Künstlertheater 1923 nachhaltig beeinflusste. Uns Studenten und Studentinnen schien diese Methode zu stark ideologisch motiviert, jedenfalls in der Form, wie sie in der DDR damals gehandhabt wurde. Später öffnete sich auch die Leipziger Theaterhochschule dem großen Theatermann Brecht. Er war, gerade weil er sich vom Illusionstheater abwandte, unser Mann, das Berliner Ensemble ein Wallfahrtsort, eine Kultstätte, um ein abgegriffenes Wort unserer Gegenwartssprache zu gebrauchen.“
So ging es auch vielen Theaterstudenten und -studentinnen, die u.a. bei Kuckhoff studierten. Da gab es für sie nichts auszuspionieren. Keine Frage, sie werden Beobachtungsaufgaben zur neuen Art des Theatermachens gestellt bekommen haben, vielleicht sogar die Aufforderung, Unterschiede im Vergleich zur Methode des russischen Regisseurs und Theatertheoretikers Konstantin S. Stanislawski, die vor allem auf völlige Identifikation des Schauspielers/der Schauspielerin mit der Rolle beruhte, herauszufinden. Ich weiß natürlich nicht, welche Aufgaben die Studierenden von der Theaterschule im Reisegepäck hatten, aber eines weiß ich ganz gewiss, Prof. Dr. Armin-Gerd Kuckhoff hat keine Spione ins Berliner Ensemble geschickt, mag er in der fraglichen Zeit noch so sehr an einem Stanislawski-Katechismus gehangen haben. Und es bleibt dabei, was in meinen unerhörten Erinnerungen geschrieben steht. Nicht zuletzt unter dem Einfluss von Prof. Mayer, bei dem er später promovierte, fand Armin-Gerd auch zu Brecht, wenn auch kritisch.

Herr Breloer, ich gebe zu, die ausgewählten zwei Details, die mir besonders aufgefallen sind, mögen für Sie vielleicht Lappalien sein. Für mich nicht, weil sie sich einreihen in die befangenen Darstellungen von DDR-Wirklichkeiten. Ich weiß nicht, ob Sie das „große Porträt eines großen Intellektuellen“ anstrebten, wie es Wolfgang Höbel mutmaßt, „herausgekommen ist“, um noch einmal Höbel zu zitieren, in der Tat ein „wackliges TV-Stück über einen eitlen Geck und ewiggeilen Dichterfürsten“, der sich – und das sind jetzt meine Worte – in der DDR zu seinem kreativen Nachteil hat verbiegen lassen.

Ja, Ostdeutschland findet mal wieder statt

2019 24. März
von Helmut König

Vorbemerkung von Martin Löschmann:
Der diesem Blog bekannte Beiträger Helmut König hat vor Kurzem einen Kommentar zu Löschmanns Beitrag „Nachtigall, ich hör dir trapsen“ geschrieben. Da Königs Kommentar grundlegende Ausführungen zu der von ihm aufgeworfenen Problematik enthält, wird er in den Rang eines selbständigen Beitrags gehoben.

… Ich beziehe mich auf die von dir erwähnte Studien „Wer beherrscht den Osten“, vom MDR an die Leipziger Uni in Auftrag gegeben. Sie liegt mir vor. Ich habe sie auch durchgelesen. Große Neuigkeiten waren nicht zu erwarten, da wir ja mit diesem Blog eigentlich immer wieder auf die Problematik verwiesen haben. Jetzt so zu tun, als wäre die ostdeutsche „Elite“ nicht verfügbar, wie es auch andere Veröffentlichungen immer wieder zum Thema gemacht haben, ist schon bemerkenswert scheinheilig. Wenn dieser Umstand aber auch noch Verwunderung hervorruft, fehlen einem die Worte.
Du hast den Elitenwechsel und die Verdrängungsstrategie der ostdeutschen “ Elite“ durch westdeutsche „Helfer“ erwähnt, und wir haben dies alles hautnah erleben dürfen. Es ergibt sich die Frage, warum dieses Dilemma immer noch besteht, und wenn man der Studie glauben schenken darf, hat sich dieses ‚Manko’in einigen Bereichen sogar weiter vertieft. Auch das bezeugt die Studie, wenn sie die Jahre 2004 und 2015 vergleicht. Es ist kaum ein wesentlicher Erfolg hinsichtlich einer umfangreicheren Beteiligung ostdt. Eliten an der Gestaltung und Führung wesentlicher gesellschaftlicher Prozesse erreicht worden.
Meiner Meinung nach gibt es dafür mehrere Gründe:
Einer liegt darin, dass man vor allem Anfang der neunziger Jahre ostdeutschen Intellektuellen bzw. ostdeutschen “ Eliten“ politisch eliminieren wollte, weil sie eben zu lange loyal zur DDR stand.
Die in den Universitäten und Hochschulen z.d.Z. stattgefundenen Evaluierungsvorgänge waren ein Mittel, Führungspersonal auszutauschen.
Das war in erster Linie von der Politik genauso gewollt, wobei sogenannte „rote Listen“ bereits vorher „evaluierten“, wer auf keinen Fall weiter zu beschäftigen ist. Da spielten fachliche Eignungen eine zumindest untergeordnete Rolle. Auch das war gewollt, dass bestehende westdt. System des Hochschulwesens der ehemaligen DDR überzustülpen, ohne zu überlegen, wie man vielleicht auch neue Wege hätte gehen können.
Die Studie bescheinigt, dass es darüber „keinen gesellschaftlichen Diskurs“ gab.
Wie dieser Elitentausch stattfand, hat ein Beteiligter ziemlich selbstkritisch in der „Zeit“ vom 7. April 95 unter dem Titel „Verschleudert und verschludert. Ein Mittäter zieht selbstkritisch Bilanz“ dargelegt, wenn er von den „Minderbemittelten, Fußkranken und Bedächtigen, die am Wegesrand lagern, den müden Wiederkäuern und Uninspirierten“ spricht.. „Sie alle haben mit der Wende die große Chance erhalten. Häufig war sie zu groß für die geringe Fassungskraft der Begünstigten. …Unhabilitierte Sitzenbleiber eigneten sich von heute auf morgen den Habitus des Großordinarius von vorgestern an. …Ausgebrannte Heimwerker kostümierten sich als Fackelträger der Freiheit und berechneten den Ossis die Kosten“. Dieses Zitat von Prof. Dieter Simon, von 89 bis 92 Vorsitzender des Wissenschaftsrates, der maßgeblich an der Evaluierung ostdt. Hochschulen beteiligt war, trifft ziemlich genau das Problem, wenn auch etwas drastisch, aber er muss es ja wissen.
Wenn auch viele Osdt. geglaubt haben, dass eine Durchmischung von Personal stattfindet, wobei Ideen und Konzepte entwickelt werden, die die Gesellschaft voranbringen und in allen Teilbereichen „blühende Landschaften“ gemeinsam schaffen, so machte sich Mitte der neunziger Jahre immer mehr Resignation in der Bevölkerung breit, weil jetzt deutlich wurde, dass es eine Durchmischung unter dem Vorzeichen der Gemeinsamkeit nicht gab. Das führte u.a. dazu, dass die Ostdt. die Deutungshoheit über die weitere eigene Entwicklung verloren und sie sich fremdbestimmt fühlen. Was nicht zu weit hergeholt ist, wenn man in den neunziger Jahren durchaus von einer „Ostkolonisierung“ in Westdtl. sprach. Jürgen Agelow geht in seinem Büchlein „Entsorgt und ausgeblendet“ davon aus, dass „ca. 60% des Personals der ostdt. Hochschulen und ebensoviel der außeruniversitären Akademieforschung …sowie durch das Wirken der Treuhandanstalt- etwa 85% der Industrieforschung abgebaut“ wurden. (S.105)
Wenn die o.g.Studie feststellt: „Eine adäquate Repräsentanz der ostdt. Wohnbevölkerung in den ostdt. Eliten findet sich nirgends. Nur etwa 23% beträgt der Anteil Ostdt. innerhalb der ostdt. Elite – bei 87% Bevölkerungsanteil.“
Die Feststellung, dass man bundesweit nur 1,7% ostdt. Führungspersonal bei 17% Bevölkerungsanteil bundesweit findet, ist dann natürlich wenig überraschend.
Wenn man die gesamte mediale Veränderung im osdt. Einflussgebiet näher betrachtet, erkennt man klar, dass ein eigenständiger neuer medialer Aufbruch gar nicht zur Debatte stand. Was die betroffenen Ostdt. dachten und fühlten, wurde nur über die „westliche Brille“ vermittelt. So konnte beim besten Willen kein Miteinander – übrigens bis heute nicht – entstehen. Dazu Angelow: „Zwar hatte es im Herbst 89 Versuche gegeben, aus der Konkursmasse der DDR…eine eigenständige ostdt. Medienkultur mit eigenen Deutungsangeboten zu etablieren, doch diese Ansätze wurden von den westdt. Medienkonzernen postwendend unterbunden.“(S.119) Damit verloren die Ostdt. die Chance, einen adäquaten „professionellen Gegendiskurs“ (Angelow S.119) zu entwickeln.
Ohne auf die massive Deindustrialisierung durch die Treuhand im Osten näher einzugehen, ist zu fragen, was noch übrigblieb? Angelow präzisiert dies mit dem Hinweis, dass „parallel zur fast vollständigen Umverteilung der materiellen Güter, Liegenschaften und Vermögen sich ein ebenso massiver sozialer Enteignungsprozess der Ostdt. vollzog.“ Es nimmt also nicht Wunder, dass so viele Biografien ehemaliger Entscheidungsträger und ostdt. Intellekueller jäh
unterbrochen und sie so in vielen Fällen um ihre Lebensleistung betrogen wurden. Auch deshalb, weil sie keinen Einstieg mehr in den „ersten Arbeitsmarkt“ fanden. Die durch die wesdt. „Helfer“ besetzten Stellen waren für Ostdt. auf lange Zeit verloren und sollten es bis heute bleiben. Die „Helfer“ bildeten natürlich im Laufe der Jahre selbst Netzwerke, die für Ossis nur selten zu durchdringen waren und sind. Das trifft auch auf den ostdt. Nachwuchs zu, der im Zweifelsfall der westdt. Konkurrenz hintenangestellt wird. Auch in der besagten Studie geht man davon aus, dass dieser Prozess noch viele Jahre Bestand haben wird. Das heißt nichts anderes, als dass die Meinungsführerschaft in allen gesellschaftlich relevanten Fragen von Westdt. beansprucht wird. Die Ostdt. werden so marginalisiert und die Westdt. bleiben unter sich, eine Integration findet kaum statt. Da darf man sich nicht wundern, dass die Zustimmung der Ostdt. zu den Fragen, die die „Meinungsführer“ in den Medien und den politischen Institutionen anregen und beschließen, nicht euphorisch ausfällt. Der Graben wird so nur noch vertieft! Das ist das Ergebnis nach 30 Jahren des gesellschaftlichen Umbruchs auf dem Gebiet der ehemaligen DDR.

Nicht zuletzt wurde dieser Prozess durch die politische und moralische Überheblichkeit der westdt. Politik bzw. der Medien nach der Vereinigung begleitet, indem man den Ostdeutschen bescheinigte, nicht die anstehenden Veränderungen mit gestalten zu können, ihnen fachliche Kompetenz absprach und unterstellt, es mangele ihnen an Entscheidungskraft. Ich erinnere hier an unseren gemeinsamen, kürzlich verstorbenen „Freund“ Arnulf Baring, der sich über die „Verzwergung“ und „Verhunzung“ der Ostdeutschen in seinem Buch „Deutschland was nun“ breit ausließ. Mit seinem Zitat: „Ob sich heute einer dort Jurist nennt oder Ökonom, Pädagoge, Psychologe, Soziologe, selbst Arzt oder Ingenieur, das ist völlig egal. Sein Wissen ist auf weite Strecken völlig unbrauchbar“(S.59) hat er sich ein zweifelhaftes Denkmal gesetzt. Einen Aufschrei gegen dieses Elaborat jedoch, habe ich nirgendwo vernommen. A.a.O. lässt Baring Jobst Siedler folgende Aussage machen: „Mein Vergleich (gemeint war die DDR) läuft darauf hinaus, dass man nach 1945 im Westen nur Hitler und seine Herrschaftsinstrumente, die Spitzen der Partei und der SS beiseite räumen musste, und hinter all den Zerstörungen des Krieges kam eine wesentlich intakte Gesellschaft zum Vorschein.“ (S. 57) Im Umkehrschluss heißt das, dass es im Osten dagegen gar keine intakte Gesellschaft gab. Die musste man erst durch westdt. Helfer aufbauen, so der Tenor. Das geschah dann mit dem Beitritt der DDR nach Artikel 23 GG. Einen Gestaltungsspielraum für diesen Umbruch gab es für die Ostdt. damit nicht mehr, da die Rahmenbedingungen des Einigungsvertrages dies auch gar nicht vorsahen. Wie sagte Schäuble so treffend: „Aber hier findet nicht die Vereinigung zweier gleicher Staaten statt. Wir fangen nicht ganz von vorn bei gleichberechtigten Ausgangspositionen an.“

Auch Angelow geht in seinen Buch auf den Umgang mit den NS-Eliten in beiden dt. Staaten ein, in dem er schreibt: „In der Bundesrepublik war der Grad der Verquickung der alten NS-Eliten mit dem neuen System viel größer. …Viele der ehemaligen Nazis haben die Gesellschaft der BRD mit ihrer antikommunistischen Grundstimmung verseucht, …dass sie bis heute in der Gesellschaft nachwirkt, sodass man auf dem „rechten Auge“ oft etwas blinder ist als auf dem linken“ (S.63). Dies hat zweifellos das Misstrauen gegenüber den Ostdt. und ihrer Eliten verstärkt.
Inwieweit sich solche Ressentiments durch die wesdt. „Helfer“ in den östlichen Bereich auswirken, ist nicht quantifizierbar, aber wahrnehmbar schon. Dass eine DDR-Sozialisation per se jedoch dazu führt, rechtem Gedankengut zu verfallen, ist für mich nicht nachvollziehbar. Ohne Pegida oder AfD zu unterschätzen, meine ich, dass viele ihrer Anhänger enttäuscht von der 30jährigen „Erfolgsgeschichte“ des Einigungsprozesses sind. Und vergessen wir nicht, dass die Spitzenleute der AfD im Bundestag ebenfalls Westimporte sind.

Nachtigall, ick hör dir trapsen

2019 5. Februar
von Martin Löschmann

Nein, ich fange nicht an zu berlinern. Aber diese, auf ein altes, heute kaum noch bekanntes Volkslied „Frau Nachtigall“ zurückgehende Wendung (wie mich Wikipedia belehrt), drängte sich irgendwie auf. Immerhin soll es in Berlin 1500 Nachtigall-Reviere mit rund 3000 Exemplaren geben. „Das sind mehr als in ganz Bayern.“ (Morgenpost)

Ist Ihnen auch aufgefallen, der Osten, der Osten Deutschlands, die neuen Bundesländer, die Neufünfländer, Ostdeutschland, die östlichen Länder finden mal wieder in der offiziellen Politik und damit in den Medien größere Aufmerksamkeit als normalerweise?

Wie sich das zeigt?

Auf einmal – wie aus heiterem Himmel – wird festgestellt: „von aktuell 14 Unterabteilungen (in der Bundesverwaltung) werde lediglich eine von einem Ostdeutschen geleitet. (Klar zudem: ein Mann – ML). Außerdem kamen dem Sprecher zufolge seinerzeit von insgesamt 101 Referats-, Fachbereichs- und Sekretariatsleiterinnen und -leitern nur vier aus Ostdeutschland.“ *

Oh Schreck und kein Weh, die Präsidenten der obersten Ostgerichte sind sogar zu 100 Prozent Westdeutsche. Immer noch! Klar: Nur Männer.
Es gäbe noch -zig Beispiele, aber wozu sich um Details kümmern, wenn man doch weiß, zwei Drittel der Spitzenpositionen in Politik, Verwaltung, Justiz und Wirtschaft in Ostdeutschland werden von Westdeutschen besetzt. (Nach einer Untersuchung, die die Leipziger Universität im Jahr 2015 im Auftrag des Mitteldeutschen Rundfunks durchführte.*)

Das aber soll nun, ab jetzt, ab 2019 anders werden:
– Die Grünen fordern, mehr Bundesbehörden und Forschungseinrichtungen nach Ostdeutschland. Bravo – nach 30 Jahren endlich. Was Besseres ist Ihnen nicht eingefallen. Gegenrede: Besser als gar nichts!
– Die SPD will für die Ostdeutschen mehr soziale Gerechtigkeit durchsetzen. Oh, das klingt gut, mehr soziale Gerechtigkeit, aha, denn „Grundgerechtigkeit“ ist ja schon da. Herz, was willst du mehr, nur noch ein Luxusproblem: mehr, mehr, mehr Gerechtigkeit – und das schon nach 30 Jahren!
– Die Linke will die Ungerechtigkeit im Osten nicht hinnehmen. Klingt schon besser. Man kann von der Linken sagen, was man will, sie hat sich von Anfang an gegen den Kahlschlag ostdeutscher Eliten gewehrt. In dem Buch Gregor Gysi, Ausstieg Links* lässt sich Gregor Gysi fragen, was in der Geschichte von ihm eines Tages geblieben sein wird. Stolz hebt er seinen Anteil an der Überführung der Eliten aus der DDR in die Bundesrepublik Deutschland hervor. Wie wahr: „Es gab keine andere Partei, die sich dieser Aufgabe stellte. Übrigens zunächst auch kein Medium. Das war äußerst schwierig, und ich glaube, dass es einigermaßen gelungen ist.“ Nur Letzteres est dubitandum.

Sie fragen mich doch bestimmt nicht, warum in diesem Jahr solch auffällige Geschäftigkeit gen Osten?

Die Antwort liegt zu offensichtlich auf der Hand: Es ist nicht Showtime, das auch, im Herbst 2019 wählen Sachsen, Brandenburger und Thüringer neue Landtage.
Es ist geradezu unabdingbar, man muss sich in Position bringen, anders geht es nicht. Aber ob man durch solche ad hoc-Enthüllungen, Forderungen und Versprechungen punkten kann, ob man auf diese Weise die Wähler zuhauf gewinnt und etliche von der AfD zurückholt, möchte ich bezweifeln. Nicht zuletzt deshalb, weil die westdeutsche Fremdbestimmung, die Nichtanerkennung in der DDR entstandener Biografien, die sich jenseits der verhältnismäßig kleinen Opposition, die nicht genug gewürdigt werden kann, entwickelten, haben tiefe Spuren hinterlassen. Und die können nicht allein durch vermeintlich gute Forderungen 30 Jahre später beseitigt werden. Schon gar nicht, wenn man sich nicht ehrlich damit beschäftigt, wie sich das Wahlverhalten in den ostdeutschen Ländereien und warum es sich so entwickelt hat. Solange man hinter vorgehaltener Hand DDR mit „der dumme Rest“ identifiziert, wird sich die ‚Flüchtlingsbewegung‘ nicht nur weiter in Richtung Westdeutschland bewegen, sondern auch hin zur AfD.
Es muss einfach zu denken geben und es gibt inzwischen, wenn auch offensichtlich nicht genügend Menschen, die sich fragen, warum die westdeutsche Elitendominanz nach 30 Jahren immer noch herrscht. Darüber lässt sich freilich trefflich streiten. Einer der Gründe scheint mir plausibel der folgende zu sein:
Der zum Teil staatlich sanktionierte unlautere Verdrängungskampf im Prozess der Wende, der bekanntermaßen dazu führte, dass sogar international anerkannter Vertreter und Vertreterinnen der DDR-Elite ausgeschaltet, an die Peripherie gedrängt wurden oder sich gezwungen sahen, neue, andere Wege zu beschreiten. Die, die sich im Osten mit rabiater Gewalt und kräftigem Ellenbogen durchsetzten, besser: festsetzten, waren dabei mit Verlaub häufig nicht gerade die Besten. Sie sicherten ihre Pfründe mit aller Macht und allen Raffinessen. Bei Ausschreibungen z.B., die unverzichtbar sind, lassen sich die Vergaben unter der Hand oft nicht nachweisen. Ein westdeutscher Intelligenzler macht doch keinem ostdeutschen Platz, den hat er ja womöglich vor Jahr und Tag höchstpersönlich in die Wüste gejagt.
Überdies: Der Vergleich mit Kolonialherren hinkt, hinkt sehr, aber zu einem Teil dann wiederum auch nicht: Die sich aus der bewussten, mit viel Geringschätzung, auch Diffamierung ostdeutscher Eliten verbundene bewusste Etablierung westdeutscher Eliten zweiter Klasse ohne Ansehen der Person im Geläuft der Wende erneuert sich aus sich selbst.
In diese Vorgänge muss man hineinleuchten, ohne Besinnung auf die historischen Vorgänge, die zu Enttäuschung, Verzweiflung, Negierung der Verbesserung der Lebensbedingungen im Osten führten, wird es kaum gehen. Fehlersuche allein hilft da noch nicht weiter, denn es handelte sich um die klar erkennbare Strategie der CDU/CSU zur Verteuflung der DDR-Eliten, die leider von der SPD mitgetragen wurde.

Wie sie sich im Falle des Herder-Instituts in Leipzig auswirkte, kann man in diesem bescheidenen Blog nachlesen, Sie liegen nicht falsch, wenn mein letzter Satz noch einmal die Nachtigall aufruft, und Sie sie trapsen hören.

Nachtrag:
Und wie passt mein Kommentar vom 4. Februar 2019 zu den obigen Ausführungen?

Ich gebe zu, das Thema Plagiate ist für mich abgehakt, wohlwissend, die Vorwürfe und Aberkennungen von Doktorgraden werden vorerst nimmer aufhören. Doch das Spiel mit der Raterei, wer ist der nächste Kandidat, ist aus, aus, aus.
Indes: Spiegel online überfliegend, stoße ich am 4. Februar auf die Meldung und kann es nicht lassen, sie in den Blog zu transformieren:
FU Berlin entzieht dem durchaus bekannten Berliner CDU-Politiker Frank Steffel wegen Plagiate den Doktortitel.
Es sind vor allem Politiker und Politikerinnen aus dem Westen, die es trifft. Doch mal eine erfreuliche Nachricht.
———————————————————————————————————————-

*http://www.ostsee-zeitung.de/Nachrichten/Politik/Neue-Abteilungsleiter-der-Bundestagsverwaltung-sind-ausschliesslich-Westdeutsche)
*http://www.ostsee-zeitung.de/Nachrichten/Politik/Neue-Abteilungsleiter-der-Bundestagsverwaltung-sind-ausschliesslich-Westdeutsche
*Gegor Gysi, Ausstieg Links? Eine Bilanz. Nachgefragt und aufgezeichnet von Stephan Hebel. Frankfurt/Main: Westend 2015, Ebook Edition, S. 31f.

Die Suche geht weiter – Jetzt geht es um die Zweigstelle Radebeul

2018 18. September
von Martin Löschmann

sehr geehrte damen und herren,

ich lebe in radebeul und lernte hier durch zufall herrn ali showkat
(ehemals bangladesch, jetzt kanada) kennen, der im rahmen einer
rundreise durch europa auch das ehemalige herder-institut radebeul
aufsuchte, an dem er 1976 drei monate lang deutsch gelernt hatte. er
wollte bei dieser gelegenheit auch frau ingrid und herrn günter
(günther? gunter? gunther?) rosenkranz besuchen, die damals in diesem
radebeuler instutut gearbeitet und auch in der hiesigen borstraße
gewohnt haben. leider konnte keiner der heutigen nachbarn sich an diese
familie erinnern. herr showkat bat mich inständig, die suche fortzusetzen.

nun stieß ich auf ihren blog und hoffe, dass sich jemand an herrn
und/oder frau rosenkranz erinnert und einen hinweis geben kann, wo die
beiden heute wohnen (bzw. ob sie noch leben).

für ihre unterstützung bedanke ich mich in herrn showkats namen ganz
herzlich im voraus.

kerstin zimmermann

Wer kann helfen?

2018 7. September
von Martin Löschmann

Sehr geehrter Prof. Löschmann,

ich bin so glücklich, diesen Blog (http://herderblog.net) zu finden und Sie zu kontaktieren.
Mein Name ist CHANG und werde in naher Zukunft eine Doktoratsstudie in Berlin an der FU Universität beginnen.
Mein Dissertationsthema bezieht sich auf das „Herder-Institut, Ausländerstudium (1952 ~ 1962)“ in der DDR-Zeit und
besonders über „Nordkoreaner“ unter den Ausländern, die zu dieser Zeit in der Universität Leipzig studiert haben.

Zurzeit suche ich nach damaligen Dozenten in der Karl-Marx-Uni, Leipzig oder den Leuten,
die mit nordkoreanischen Studenten etwas zu tun haben (1952 ~ 1962).
Auch sammle ich zu dieser Zeit die Daten über nordkoreanischen Studenten.

Vielleicht kennen Sie die Leute, die mir in dieser Hinsicht helfen können?
oder haben Sie irgendwelche Informationen, die Sie mir geben können?
Als Referenz wohne ich im Moment in Berlin.

Vielen Dank!
Ich warte auf Ihre Antwort.

Mit freundlichen Grüßen

NamJu

Löws zweite große Niederlage

2018 25. Juli
von Martin Löschmann

Nun endlich hat sich Özil geäußert und das gleich gut strukturiert, dreimal an einem Tage, am für Christen heiligen Sonntag. Die letzte Wortgruppe meines Auftaktsatzes könnte in diesen Tagen schon als Ausgrenzung gelesen werden: Die Rede ist von einem Moslem, der unseren Sonntag für seinen Auftritt missbraucht. Doch nicht desgleichen ist gemeint, einfach eine leicht ironische Wendung, die womöglich im Falle von Özil jetzt und hier auch nicht angebracht ist.
Solche Skrupel hat der grobschlächtige Hoeneß, seines Zeichens Chef der besten Fußballmannschaft Deutschlands, nicht: Er nennt Özil einen „Alibi-Kicker, der seit Jahren Dreck spielt“. Das ist AFD-Jargon der übelsten Sorte und verdeckte Wahlhilfe für die CSU obendrein. Özil zum Abschuss freigegeben, Özil nunmehr ein verlorener Sohn der Integration, Özil ein Unangepasster, Özil einer mit zwei Herzen, das eine für die Türkei, das andere für Deutschland, Özil ein Instrumentalisierter, ein Ankläger. Ein Aufräumer vielleicht, leider noch nicht, auf jeden Fall aber wird sein Auszug aus der Nationalmannschaft Fol-gen haben, auch personelle im Fußballverband hoffentlich. Das gehört doch zum Spiel des Systems, in dem es zu solchen Eklats kommen kann. Ölzis Botschaften treffen den deutschen Profisport und damit pars pro toto die deutsche Gesellschaft, die beherzte, mitten ins Herz.

Ich will Ölzis Einspruch und Widerspruch nicht im Einzelnen kommentieren, zumal ich den Eindruck habe, seine Äußerungen sind Ausdruck einer ins Mark gehenden Instrumentalisierung seiner Person, die sich fraglos auf ihn diskriminierende Gegebenheiten stützen kann. Da ist ein gezielter Schlag ausgeteilt worden, der sorgfältig vorbereitet worden ist. Der Vater hatte ja schon vor Tagen empfohlen, der Nationalmannschaft Ade zu sagen. Und Herr Joachim Löw will wie Mackie Messer von all dem nichts gewusst haben.

Der Schlag hat gesessen. Der internationale Image-Schaden ist immens, noch wird er kleingeredet, um Schadensbegrenzung bemüht. Doch er ist bereits sichtbar und wird nachhaltig sein. Es ist einfach zu offensichtlich, dass Özil zum Sündenbock gemacht werden soll. Was war denn geschehen?
Gut, dieses Foto mit dem Präsidenten der Türkei ist durchaus problematisch, meinetwegen auch kritikwürdig. Deswegen jedoch ein solches Fass aufzumachen. Kann/muss ich von jedem Mitglied der Nationalmannschaft erwarten, dass es politisch ist. Dass Özil vielleicht unüberlegt gehandelt hat, dass er den Kodex des Verhaltens während eines Wahlkampfes nicht beachtet hat, u.U. auch nicht kennen wollte? Bitte, die Türkei ist immer noch Mitglied der NATO. Reicht das zur Legitimation von Özil nicht?

Mir kommt die ganze Özil-Geschichte bekannt vor: ein Sündenbock muss her. Bierhoff und Grindel sind dafür beredte Beispiele. So wie die Weltmeisterschaft für Deutschland gelaufen war, konnte die Herausnahme seines Führungsspielers durch Löw beim zweiten Spiel gegen Schweden als Verstärker der Sündenbock-Zuweisung verstanden werden. Allein, die Herausnahme könnte auch sportlich begründet gewesen sein. Dass der Trainer, der ja auf jeden Fall auch Pädagoge und Psychologe sein sollte, nicht in der Lage war, seinen Lieblings-Spieler, seinen Führungsspieler, seinen Schlüsselspieler davor zu bewahren, sich derart zu verrennen und missbrauchen zu lassen, ist für mich ein weiteres Indiz dafür, dass Löw auf der ganzen Linie gescheitert ist. Es ist seine zweite schwere Niederlage, die keinen Revanche-Kampf zulässt.

Verdiente Häme?

2018 28. Juni
von Martin Löschmann

Von all den WhatsApp-Sprüchen, die mich unmittelbar nach dem schmählichen Ausscheiden der deutschen Fußballmannschaft aus dem Kampf um den Weltmeistertitel 2018 erreichten, stimmten mich die folgenden zwei nachdenklich
In Russland nicht weiterkommen.
Deutsche Tradition seit 1943.

Putin: Keine Sorge, Deutschland hat noch nie in Russland gewonnen.

Eines steht fest, nach einer solchen Niederlage muss der Chef seinen Hut nehmen.
Dass er es nicht unmittelbar nach dem Ausscheiden getan hat, zeigt nur, dass er schon länger nicht mehr der richtige Trainer war.
Sich vor der Weltmeisterschaft sein stattliches Salär bis 2022 zu sichern, war ein Fingerzeig dafür, dass er sich seiner Sache nicht ganz sicher war.
Ob das der Mannschaft aufgefallen ist?

3.Juli 2018:
Die Nachricht des Tages:Joachim Löw macht weiter. Ich auch.
Er ein Spiegel dieser Gesellschaft. Ich eher einer, der – offensichtlich im Gegensatz zu ihm – nicht behaupten kann, noch Land zu sehen.

Mein Unmut muss sich hier Luft schaffen:
Den letzten Platz in der Vorrunde, was es noch nie in der deutschen Fußballgeschichte gegeben hat.
Und der Trainer, der dieses Debakel zu verantworten hat, soll es nun wieder richten, weil er und sein Verband es so wollen, und er natürlich auch.
Lässt da eine bestimmte Art von Korruption grüßen?

Ein Mann, der die Mannschaft Selbstgefälligkeit und Hochmut gelehrt und vorgelebt hat, was bekanntlich zum Fall führt.
Ein Mann, der gewiss seine Verdienste hat, sie aber im letzten Jahr fraglos verwirkt hat.
Ein Mann, der dem Kommerz erlegen und selbst in der ‚heißen‘ Vorbereitungszeit der Werbung zur Verfügung stand (und sicher gern weiter zu Diensten sein wird).
Ein Mann, der mit den Nationalspielern Gündogan und Özil über den gleichen Berater verbandelt ist.
Ein Mann, der einen hochbegabten und in England erfolgreichen Spieler nicht mitnimmt, offensichtlich,weil der nicht in das in die Jahre gekommene Spielsystem „Ballbesitz first“ passt.
Ein Mann, der stolz auf seine Fußballphilosophie ist, die nach allen Regeln der Kunst in Russland zerpflückt wurde, hat die Stirn,den Karren weiterziehen zu wollen.
Ein Mann, der das Fan-Volk schon über ein Jahr zum Narren hielt, einen Großteil der Medien auch und folgten dem Schellengeläute.
Die Mehrheit dieser Fangemeinde will seinen Rücktritt – doch er kehrt eigentlich satt zu den Futtertrögen zurück.
Weiter so: WIR SCHAFFEN ES!

Er, der Löw, wird es aber sicher auf die Dauer – und das heißt hier erst einmal nur bis zur Europameisterschaft – nicht mehr schaffen.
Zu Tief der Fall der Mannschaft. Sein Abtauchen wird ihn nicht retten, so hoffe ich jedenfalls.

21.07.2018
Haben sich schon alle Vertreter der Fußball-Oberschicht zum Fall der Nationalmannschaft geäußert?
Sicherlich nicht, aber die sich bisher zu Wort gemeldet haben, darunter die Bayern-Fürsten, eiern so um den Löw herum,
dass einem die Tränen kommen. Einem der Fürsten ist jetzt das Wort Dankbarkeit eingefallen: Man müsse ihm, dem Löw, dankbar sein für die
erzielten Erfolge. Wer meinen Text oben liest, wird feststellen, die Erfolge bleiben ihm unbenommen. Dafür können ihm die in München ein Denkmal setzen,
aber nach dem Reinfall kann es mit einem der Verursacher des Desasters keinen Neuanfang geben. Wahrscheinlich haben die gemeinten Herren kein Maß für die Fallhöhe und sind nicht mehr in der Lage, das Leistungsmaß zu sehen. Halt ältere Männer, allerdings noch keine alten Männer wie ich einer bin.

Ein Schelm, wer Arges dabei denkt

2018 3. Mai
von Martin Löschmann

Ich weiß, der authentische Spruch ersetzt Arges durch Böses.
„Honi soit qui mal y pense.«, heißt er bei Google. Nur bei mir hat sich halt Arges festgesetzt.

Wer hätte das gedacht, eine wirklich abgewetzte Wendung, die mir wieder einmal einfiel, als ich davon hörte, dass China der Geburtsstadt von Karl Marx, zu dessen 200. Geburtstag am 5. Mai eine über 5 Meter hohe Karl-Marx-Statue schenkt, schon geschenkt hat, denn sie ist am 1. Mai, an dem diese kargen Zeilen geschrieben werden, schon am Bestimmungsort. So richtig witzig fand ich dabei, der Künstler Weishan Wu wird befragt, ob der nachdenkliche Marx im Gehrock auf einem runden oder eckigen Sockel stehen soll. Der Künstler antwortete, ohne zu zögern: ein runder Sockel. Ich selbst hätte traditionsgemäß für einen eckigen plädiert, aber ich werde die Entscheidung des Künstlers respektieren, schließlich hat sich der Trier Stadtrat mehrheitlich für das Monument ausgesprochen, das unweit der Porta Nigra mit dem runden Sockel als Eigenleistung aufgestellt werden soll.

Karl-Marx-Denkmäler gibt es in Deutschland wie auch anderswo, aber von einem Chinesen konzipiert nur in der Porta-Nigra-Stadt.
Ich erinnere mich noch gut an die Wende, da wurde Marx zum Unrat erklärt. Man durfte den Namen nicht in den Mund nehmen. Marx ein Anlass zur Stigmatisierung. Das musste auch Sahra Wagenknecht erfahren, die sich zu dieser Zeit an der Uni mit Marx wissenschaftlich beschäftigte und ihre Abschlussarbeit über Hegel und Marx am Ende des Studiums nicht an der Humboldt-Universität verteidigen durfte. Die Reichsuniversität in Groningen indes machte es möglich. Übri-gens, haben Sie das gewusst? Frau Wagenknecht durfte in der DDR nicht studieren. (Einen Tag später bietet Spiegel Online ein Quiz anlässlich des Geburtstages von Marx an: Kennen Sie Ihren Marx?. Ich beantworte alle 16 Fragen richtig und bekomme einen mitteilenswerten, weil humorvollen Kommentar, wonach man gar nicht erwartet habe, dass sich Frau Wagenknecht diesem Quiz unterziehen würde.)

Jahrzehnte bin ich am Bronze-Relief „Aufbruch“, in das Karl Marx integriert ist vorbeigegangen, -gelaufen, -gehastet, -gerannt, -geschlichen. Es gab eigentlich keinen triftigen Grund gerade die Leipziger Universität mit dem Namen dieses Philosophen zu beschweren. Ich hätte schon Verständnis gezeigt, wenn das Kunstwerk in irgendeinem Archiv verschwunden wäre. Doch nein, seit 2008 kann man es mit einem Erläuterungstext am Campus Jahnallee beachten, besichtigen, betrachten, bewundern, bestaunen, beurgrunzen – beschmieren, besudeln. Also noch einmal: Wer hätte das gleich nach der Wende gedacht.

Karl Marx lässt sich nicht vom Sockel stoßen, zum toten Inventar in Archiven totschweigen. Braucht es noch weiterer Belege? Vielleicht doch:
die mit Sockel über 13 Meter hohe Plastik (‚Nischel‘) in Chemnitz mit dem bekannten Text aus dem „Kommunistischen Manifest“ Proletarier aller Länder vereinigt euch!, das Kuriosum in Fürstenwalde: erst Bismarck, dann Marx, die Gedenktafel wird gestohlen, was tun? – zurück zu Bismarck? Nein, seit 2003 ist wieder Marx zu sehen.

Wie viele Male mag ich inzwischen am Marx-Engels Denkmal mit dem Fahrrad, heutzutage mit einem Faltrad, vorbeigefahren sein. Gut, das interessiert keinen, aber vielleicht, dass es 2010 versetzt wurde und seither schauen MARX und ENGLS gen Westen, nicht wie noch zu DDR-Zeiten nach Osten.
Man kann Arges dabei denken, muss es aber nicht.

Zweiter Schluss. Marx und Engels schauen in Berlin nunmehr gen Westen und verkünden mit Elmar Altvaters Arbeit: „Das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen“*.

* Verstarb im Jahr des 200. Geburtstages von Marx