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Es wird weiter gegraben

2017 18. Oktober
von Martin Löschmann

Beinahe wären mir diese zwei Veranstaltungen entgangen. Sie befassen sich mit Vorgängen,
die in diesem Blog ausführlich behandelt werden. Das Thema der DDR-Intellektuellen nach der Wende
ist keinesfalls ausgereizt. Das beweist Dan Bednarz mit seinem Buch.
Im Folgenden kopiere ich die Einladung für eine Veranstaltung in Potsdam.

Wir werden die Lesung am 24. 10.2017, 16.00 bis 18.00 Uhr in Berlin besuchen.
Sie findet statt im Institut für Ethnologie, Mohrenstraße 40/41, Raum 311

Über die Lesung werde ich natürlich berichten.

Einladung
Am Sonntag, den 22. Oktober 2017 wird von 15.00 bis 18.00 Uhr Dan Bednarz
im Fraenger-Haus, Tschaikowskiweg 4, 14480 Potsdam-Babelsberg, sein kürzlich erschienenes Buch

DDR-Intellektuelle und die Vereinigung Deutschlands:
Eine ethnographische Aufnahme

vorstellen.

Dan Bednarz ist Assistant-Professor für Soziologie am Bristol Community College Fall River, Massachusetts, USA (nahe Boston). Im Sommer 1990 weilte er zu einem Studienaufenthalt am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, um an einem Projekt über soziologische Aspekte, die sich für Organisationen durch die (damals erstmals massenweise) Einführung von Computern ergeben, zu arbeiten.

Sein Interesse für das Schicksal Intellektueller in der DDR in der Wendezeit war aber stärker, und so überzeugte er seinen Auftraggeber, sein Studienobjekt ändern zu dürfen. Er führte bis zum Sommer 1991 Interviews mit 106 Intellektuellen aus verschiedensten Bereichen: Gesellschafts- und Naturwissenschaft der Akademie der Wissenschaften und der Humboldt-Universität, aus Kunst und Kultur.
Niemand seiner Landsleute hat sich sonst mit den Verlierern des Kalten Krieges auf diesem Niveau befasst. Es fehlte nicht nur Interesse, sondern es gab auch kaum Soziologen, die die für vertrauensvolle Interviews nötige Empathie mit den häufig pauschal als staatsnah Stigmatisierten aufbrachten.

Dan Bednarz ist dies in der Zeit der Evaluierungen und Abwicklungen ostdeutscher Institutionen und Wissenschaftsbiographien auf eindrucksvolle Weise gelungen. Es interessierte sich allerdings damals in den USA kein Verlag dafür – die Ergebnisse dieser soziologischen Studien blieben unveröffentlicht.

Im Jahre 2014 war Dan Bednarz wieder in Deutschland. 28 Interviewpartner von damals konnte er wiederfinden. Er hat sie fast 25 Jahre nach der Wende erneut interviewt. Das Ergebnis stieß auf Interesse von 12 Verlagen in den USA.

Veröffentlicht wurde es schließlich von Palgrave/Macmillan 2017 (ISBN 978-3-319-42950-9, 269 Seiten) mit dem Titel East German Intellectuals and the Unification of Germany: An Ethnographic View.

Einer der zweimal Interviewten, der marxistische Philosoph und Wissenschaftshistoriker Prof. Herbert Hörz, schrieb in der Zeitschrift der Leibniz-Sozietät e.V. eine mehrseitige Rezension zum Buch:

https://leibnizsozietaet.de/wp-content/uploads/2017/03/Hoerz.pdf

Hörenswert ist die Vorlesung von Dan Bednarz über sein Buch, die er an seinem College in Massachusetts hielt:

Was fang‘ ich an mit der Liste der 1000 reichsten Deutschen?

2017 11. Oktober
von Martin Löschmann

In Anlehnung an Theodor Storm:
Was fang ich an mit sechsundfünfzig Katzen?

Seit Wochen liegt auf meinem Schreibtisch „Das deutsche Wirtschaftsmagazin Bilanz“ vom September 17. Eine sicherlich reich betuchte Dame, mit einem womöglich mit Diamanten bestückten schwarzen Halsband hoch dekoriert, lächelt mich an. Ihr mich süffisant anmutendes Lächeln interpretiere ich als Aufforderung, das Magazin aufzuschlagen und mir die Reichen und Schönen Deutschlands näher anzusehen. Ohne eine Schönheit auf dem Titelblatt geht es wohl mehr. Doch auf den betreffenden Seiten 10 bis 79 findet sich in der Auflistung der 1000 Reichsten kein vergleichbares „Objekt der Begierde“. Die wenigen Fotos Hausmannskost, vorwiegend langweilige Familienfotos, die natürlich aufgewertet werden durch das enorme Kapital, das hinter ihnen steckt. Doch das sieht man nicht, obwohl die Zahlen eine deutliche Sprache sprechen. (Wie heißt es bei Brecht so treffend: „Doch die Zähne sieht man nicht“!)

Klaus Boldt, der Autor der mühevollen Recherchen in Registern, in Archiven, Dokumentensammlungen, bei Vermögensverwaltern, Finanzexperten und Ökonomen hat das Werk vollbracht. Ich zweifele nicht daran, dass die vorgenommenen Schätzungen des jeweiligen Vermögens der Realität zumindest nahe kommen. In verschiedensten Zusammenhängen sind die Vermögensbestände einzelner Personen in den letzten Jahren immer wieder exponiert worden, so dass mein Bedarf an solcherart Informationen eigentlich gedeckt sein müsste. Aber ich habe das Magazin auch nicht sofort weggetan. Warum bloß nicht? Willst du im Papiermüll ersticken, fragt meine innere Stimme.
Nein, nein, das ist es nicht, jeden Tag trage ich genügend Papier, natürlich vor allem Werbung, zum Container. Was also hält dich ab, dich auch von diesem Magazin zu befreien. Die Frage stellt sich umso dringlicher, als ich partout nicht weiß, wie dieses Magazin ins Haus gekommen ist. Ich hab’s nicht bestellt, gekauft, aus dem Briefkasten genommen. Da fällt mir ein, vor Jahr und Tag, nicht doch: genau am 11. Juli 2017 hat mein Freund G. mich so nebenbei überraschen wollen mit der Nachricht: In Deutschland gibt es 123 Milliardäre, vielleicht will ich ihn übertrumpfen mit den 1000 Milliardären und Millionären. Doch er wüsste mit denen auch nichts anzufangen und will das Magazin nicht haben. Und wenn ich ihm gar mit dem Stern käme und ihm verriete: „Eine Analyse der Superreichen zeigt, dass ein Großteil dieser Gruppe sich den Reichtum nicht selbst erarbeitet hat und dass Deutschlands Geldadel nicht in Ostdeutschland leben will“, hätte er auch nur Lächeln für mich. Denn wer hätte schon gedacht, man käme durch eigene redliche Arbeit zu solchem Reichtum. Das passiert schon, aber wie oft? Wer so etwas schreibt und eine solche Erkenntnis auf seine Fahne schreibt, will doch nur verbrämen oder gar vertuschen, in was für einer Gesellschaft wir leben. Oder will jemand diese Liste zu einem Transparenz versprühenden Text deklarieren? Die Millionäre und Milliardäre gehören zur kapitalistischen Gesellschaft wie gebratener Speck zum Rührei, wie Donner zum Blitz, wie das Ei zum Huhn, wie Demut zur Vollkommenheit (Kant).

Martin, wenn du alles schon weißt, wieso lächelt dich die Frau auf der Titelseite rechts neben dir immer noch an? Warum bloß? Es könnte sich ja eine Situation ergeben, wo man sich aus unerfindlichen Gründen fragt, wieviel hat denn der oder die zusammengescharrt, -gerafft, -getragen, natürlich auch einfach nur geerbt oder ehrlich angehäuft. Was werd‘ ich die alle in einen Topf werfen und womöglich für ihre Abschaffung plädieren. Die Liste im Sinne einer Handlungsaufforderung interpretieren, sie zu enteignen oder nur ansatzweise auszutrocknen durch entsprechende Besteuerung, sie in ihrer kapitalen Macht zu begrenzen durch die sich entfaltenden Commens zum Beispiel? Ist das die Intention solcher Veröffentlichungen? Wohl kaum, man müsste sie da erst einmal sortieren, denn es sind ja nicht nur solide Unternehmer, Fabrikanten, Händler, Aktionäre, Manager, Verleger, Rüstungsgewinnler, anderweitig Beteiligte, Spekulanten u.a.m. dabei, sondern auch Künstler wie der Maler und Bildhauer Anselm Kiefer (0,10 Mrd.) oder wie Neo Rauch, der Maler aus Leipzig (0,15 Mrd.).

Als Nachschlagewerk kann die Auflistung erst einmal nicht benutzt werden, denn sie ist nicht alphabetisch geordnet, sondern nach dem Prinzip: reich, reicher, am reichsten. Also mir reicht’s. Es frustet immer wieder lesen und hören zu müssen: die Besten, die zehn Besten, das Beste, wo gibt, der Beste, die Beste, die Allerbesten. Und nun endlich die 1000 Reichsten, nach der Devise: immer größer, höher, stärker. Die Reichsten waren lange Zeit Theodor und Karl Albrecht, Besitzer der Aldimärkte, jetzt ist es Dieter Schwarz, Besitzer von Lidl und Kaufland. Wer wird es morgen, übermorgen sein? Allein muss ich das wissen, wenn ich einkaufen gehe. Verdirbt es einem die Laune, wenn man bei Aldi oder Lidl wieder einmal seine Schnäppchen gemacht hat. Reich geworden trotz der vielen Angebote. Sind die Angebote, die Schnäppchen Teilhabe an deren Reichtum? So naiv kann niemand sein, und doch werden Reiche in unserem Leben oft als Wohltäter, Unentbehrliche, Helfer, als Ermöglicher für alles Mögliche wirksam. Brauch ich, um mir solche Gedanken zu machen, die Auflistung? Und genügen diese 1000 überhaupt? In der Einführung zur Auflistung lese ich: „Den Superreichen geht es nicht nur gut – dies liegt in der Natur der Sache –, es geht ihnen besser und besser“ – nicht am besten oder doch? – „Das vergangene Jahr gestaltete sich erfreulich, dies zeigt ein Blick auf die Vermögensentwicklung der führenden 750 Vertreter in der Bilanz“ (S. 10) Wer wollte das bezweifeln. Richtig, hier sind es nur 750 Vermögende. 1000 klingt besser.

Also fort mit der Liste, wenn da nicht das Berufsgedächtnis anklopfte. Man könnte doch einzelne Millionäre und Milliardäre in den Integrationskursen vorstellen. Müsste man nicht einige der reichsten Bürger dieses Landes kennen und will man sich immer nur auf Vertreter der Mittelschicht in den Deutschlehrbüchern beschränken? Eine adaptierte Liste für unsere Lernenden. Von den Namen her gäbe es keine Schwierigkeiten. Man fände unter den 1000 Namen schon einfache authentische deutsche: Kohl, Meyer, Otto, Wagner, Wolf u.a. Was sollen die Flüchtlinge, die in den Sprachkursen sitzen, nicht alles lernen, um sich integrieren zu können. Ist man genügend vorbereitet für den Einstieg in die neue Gesellschaft, wenn man nicht wenigsten zehn der Reichsten von den Reichen kennt, wenigstens vom Papier her? Sie spielen doch in unserer Gesellschaft als Bestimmer, Lobbyisten, Experten, Berater, als Vorbilder, als Stifter, als Hersteller und Verkäufer von Rüstungsgütern eine wichtige Rolle. Kann man sich diese Republik ohne diese 1000 Reichsten vorstellen?

Oder könnte einen das Wort Stifter uns nicht auf den Gedanken bringen, für unseren gemeinnützigen Verein IIK Berlin Spenden einzutreiben, damit dies und das noch besser gemacht vor allem die soziale Betreuung der Flüchtlinge verbessert werden kann. Mal abgesehen davon, dass andere auf diesen Gedanken längst gekommen wären und es sich herumgesprochen hätte, enthält die Liste keine Anhaltspunkte für solche Bittstellerei. Stiftungen dieser Reichen gibt es noch und nöcher, aber unspektakuläre Spenden an kleine Vereine, da wäre ich eher skeptisch. So mir nichts dir nichts an eine reiche Familie herantreten und sie gewissermaßen um einen finanziellen Beitrag zu bitten, nein, das geht so nicht. Da könnte ja jeder kommen. Ich werde nicht vergessen, wie der bekannte Fachsprachenforscher aus Leipzig Prof. Dr. habil. Lothar Hoffmann, dessen Standardwerk Kommunikationsmittel Fachsprache mein Bücherregal noch heute ziert, nach der Wende mit Entsetzen das Ansinnen von sich wies, Drittmittel bei den Reichen einzubetteln, womöglich gar noch bei Rüstungsgewinnlern. Mit ihm sei das nicht zu machen, zudem sei er auch zu alt dafür.
Dabei kann und will ich durchaus nicht verhehlen, dass mir genügend Beispiele bekannt sind, die gar nicht mal so wenige Reiche im Glanze segensreicher Stiftungen und humanitärer Hilfeleistungen erstrahlen lassen.
Allerdings lässt sich nicht zugleich der Verdacht unterdrücken, dass in vielen Fällen die humanen Taten den angereicherten Besitz, das Vermögen irgendwie rechtfertigen sollen.

Sei es wie es sei, wie soll man sich erklären, dass die Kluft zwischen Arm und Reich immer tiefer wird? Vielleicht ist der überzeugendste Beitrag zu dieser ‚allgemein interessierenden‘ Frage in letzter Zeit im Buch des französischen Ökonomen Thomas Piketty Das Kapital im 21. Jahrhundert zu finden. „Gerade in jüngster Zeit konnten die Reichen ihre Vorzugsstellung noch einmal kräftig ausbauen: Der Oberschicht, den reichsten 10 Prozent in Deutschland, gehören laut dem Global Wealth Databook der Schweizer Großbank Credit Suisse inzwischen fast zwei Drittel des gesamten Privatvermögens. Vor sechs Jahren waren es noch keine 50 Prozent. Die untere Hälfte der Bevölkerung hingegen geht nahezu leer aus, die ärmsten 10 Prozent haben nur Schulden“ (Herz: In der Wohlstandsfalle/in: Cicero, April 2017, S. 33) Diese Entwicklung scheint unaufhaltsam. Sie würde nur gebremst, wenn die Reichen sich bequemten, z.B. mehr in die Bildung zu investieren. Die 10, 100, 10000, 10000 Reichsten sorgen fraglos dafür, dass Ihresgleichen und ihre Nachkommen höchste Bildung erwerben können, und die Kinder von Eltern mit geringem Bildungsabschluss und niedrigem Verdienst eben gerade in Deutschland eher nicht. Glück oder Pech gehabt bei der Wahl seiner Eltern.
Je länger ich so über die Liste nachdenke, umso mehr wird mir klar, ich kann auf derartige Listen verzichten und befördere das Magazin nun endlich in den Müllcontainer, wohl wissend, andere werden es anders sehen und die Transparenz, die Beschreibung eines gegebenen gesellschaftlichen Zustands rühmen, die Befriedigung von Neugier exponieren, das Lostreten von vielleicht neuen Diskursen loben. Wie viel Reiche verträgt dieses Land? Gibt es vielleicht eine Obergrenze für den Reichtum einzelner? Ab welchem Reichtum wird der ungleich verteilte Wohlstand zum gesamtgesellschaftlichen Ärgernis, um nicht zu schreiben zur sozialen Sprengkraft? Wer muss wie besteuert werden?

Oh Gott, die Wahrheit ist konkret lesen wir bei Brecht, und wir wissen, der Teufel steckt im Detail. Ich hole das Magazin aus dem Container zurück. Man kann ja nie wissen.

Hat die Erde Brot für alle?

2017 11. Juli
von Martin Löschmann

Raum für alle hat die Erde, behauptet der Berggeist in Schillers Gedicht „Der Alpenjäger“,
doch ist es so?

Bei der Bewertung von ECL-Arbeiten aus Ungarn (Niveau C1) mit wachem Interesse lesend, was vorwiegend junge Leute aus Ungarn zu dem Thema Überbevölkerung so schreiben, fällt mir mein Diskussionsbuch „Wir diskutieren“ ein, das in diesem Blog bereits gelegentlich erwähnt worden ist. In meiner Erinnerung spielte darin auch dieses für den DaF-Unterricht der 80er Jahren ewig aktuelle Thema eine Rolle. Pustekuchen, das Durchblättern des Lehrbuches ergab schnell eine Fehlanzeige. Wie konnte es sein, dass wir ein solches brisantes Diskussionsthema nicht aufgenommen hatten?

Die Erinnerungen kreisen und kreisen, und eines Morgens ist es dann soweit: Er fördert ein Zusatzlehr- und -lernmaterial mit dieser Fragestellung zutage, deren Beantwortung die landläufig geradezu kanonisierte Auffassung in der DDR relativierte. Bereits am Titel „Brot für alle hat die Erde“ von Horst Grienig, (Staatsverlag 1985) stakte die generalisierte Antwort heraus. Sie konnte sich auf Marx gründen, der davon ausging, dass nach Beseitigung des Kapitalismus jedermann auf Erden Arbeit und damit sein Auskommen haben werde. Im Grunde genommen stände der Beseitigung des Hungers auf der Welt nur die Unvollkommenheit von Weltpolitik und Weltwirtschaft im Wege. Es sei eigentlich kein Problem, die Produktion von Wirtschaftsgütern im gleichen Tempo zu steigern, wie die Bevölkerung sich vermehrt, und jederzeit jedem lebenden Menschen seinen angemessenen Anteil daran zu gewähren.

Obgleich die gebetsmühlenartig immer wieder vorgetragene Meinung vorherrschend in der DDR war, von der bis heute z.B. auch Gregor Gysi neben anderen nicht lassen kann, gab es schon vereinzelt Bedenkenträger. Einer davon: der prominente Max Steenbeck (1904-81), deutscher Physiker, Gasentladungsphysik, maßgeblich am Aufbau von Kernforschung und Kerntechnik in der DDR beteiligt, Vorsitzender des Forschungsrates der DDR, um nur einige seiner Aufgabengebiete zu nennen. Er fragte sich in einem Beitrag, der meines Erachtens im „ND“ der 80er Jahre zu finden sein müsste, wo steht denn geschrieben, dass sich die Menschheit so rasch vermehren wird, wie es allerorten zu hören und zu lesen war und ist. Mit seiner Frage durchbrach er ein Dogma und wünschte sich, dass man doch Bitteschön bei dem gängigen Optimismus, den er ja prinzipiell durchaus teile, nicht übersehen möge, dass es bei allen wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Bemühungen und womöglich sozialen Veränderungen nicht gelingen kann, den Hunger auf der Welt zu beseitigen, wenn sich die Bevölkerung derart rasant reproduziert. Er sah im Bewusstmachen der Notwendigkeit, das exponentielle Wachstum der Menschheit einzuschränken, einen entscheidenden Schritt zur nachhaltigen Beseitigung des Elends in der Welt, nicht durch Krieg, nicht durch inhumane Maßnahmen wie Zwangssterilisierung etc., sondern durch Aufklärung, bewusste Familienplanung, Bereitstellung von Verhütungsmitteln und zugleich durch Schaffung von Verhältnissen, die nicht dazu führen, dass es einer bestimmten Anzahl von Kindern bedarf, um den Lebensabend von Eltern zu sichern.

Wie es auch sei, inzwischen mehren sich die Stimmen, die mit denen von Steenbeck korrespondieren. Als Bestätigung will ich hier nur eine viel zu wenig bekannte Veröffentlichung aus dem Jahre 2014 nennen, die schon lange Zeit auf meinem Tisch liegt:
Hartmut Köppen, Tipping Point. Der Weg in eine bessere Welt. Darin werden für mich überzeugend geradezu kompendiumartig Wege aufgezeigt, die in unserer Gesellschaft gegangen werden könnten und gar müssen. Zumindest verdienen sie, dass wir uns mit ihnen auseinandersetzen.
Keine Frage, dass in diesem Buch für eine „Beendigung des exponentiellen Wachstums der Menschheit“ (S. 247) plädiert wird. Köppen zeigt auf, wie der Mensch im Laufe seiner Geschichte „die Regeln der Evolution ausgehebelt“ und das Gleichgewicht in der Natur zerstört hat und dadurch bereits ein Zustand erreicht worden ist, der es nicht mehr erlaubt, „alle Menschen nachhaltig zu versorgen. In einer begrenzten Welt ist es letztendlich nur eine Frage der Zeit, wie lange eine Grenze überschritten werden kann, bis es aufgrund von Umwelteinflüssen und Überdünung zu einer verzögerten Reaktion und einem Einbrechen der Nahrungsmittelkette kommt. Da die Menschheit danach strebt, die Sterblichkeit zu senken, bleibt nur die Möglichkeit, das Wachstum zu bremsen.“ (S. 248f.)

Wenn sich heute besonders Menschen aus Afrika auf den gefahrvollen Weg nach Europa machen, so hängt das auf jeden Fall mit dem rasanten Bevölkerungswachstum auf dem afrikanischen Kontinent, besonders südlich der Sahara zusammen. Da hilft kein Verweis auf frühere Zeiten, in dem heutige Industrieländer mit einer hohen Fertilitätsrate vor ähnlichen Problemen standen. Auch in diesem Fall hinkt der Vergleich, denn damals lockte Amerika. Im 19. Jahrhundert fanden jedes Jahr Millionen Europäer in der Neuen Welt ihr Zuhause, wie man weiß oder nicht weiß. Heute lockt kein Kontinent, kein Land mehr, die Migrationsräume sind weitgehend geschlossen. Ein gewaltiger Unterschied zur damaligen gesellschaftlichen Situation. Das Tauziehen in der EU um die Aufnahme von Flüchtlingen spricht da Bände, Trumps Mauer an der mexikanisch-amerikanischen Grenze nicht weniger.

Man muss kein Prophet sein, aber wenn in den armen Ländern mit hohem Bevölkerungszuwachs, der nicht hinreichend durch ein entsprechendes Wirtschaftswachstum abgedeckt wird, nichts passiert, was das Leben sichtbar und erlebbar verändert, werden sich immer mehr auf den Weg machen und sie werden immer neue Wege finden. Und keine nachhaltige Förderung gerade der ärmsten Länder in Sicht. Das gerade absolvierte G20-Treffen in Hamburg, das sich auch dieser Problematik grundsätzlich annehmen wollte, fand kaum einen Erfolg versprechenden Lösungsansatz. Die armen und ärmsten Ländern jedoch im Glauben zu lassen, sie hätten eine Chance, sich ohne Rückgang der Geburtenrate aus dem Elend zu befreien, ist unverantwortlich. Wirtschaftlicher und sozialer Aufstieg sind auch an eine Begrenzung des Bevölkerungswachstums gebunden.

Als wir in China waren, konnten wir die Folgen der Ein-Kind-Politik studieren und miterleben, wie schmerzlich sie im Einzelnen empfunden wurde. Eines aber steht fest: Ohne die entsprechenden Maßnahmen wäre der wirtschaftliche Aufstieg des Landes nicht möglich gewesen, wobei zu ergänzen ist, dass diese Ein-Kind-Politik aufgrund bestimmter einschränkender Maßnahmen in keiner Phase zu einem Negativ-Wachstum geführt hat, im Gegenteil: die chinesische Bevölkerung wuchs bis in die Gegenwart stetig, nur eben verlangsamt.
Oder nehmen wir Südkorea, nach dem 2. Weltkrieg ein zurückgebliebenes Land mit einer Geburtenrate auf Augenhöhe mit afrikanischen Staaten von heute. Durch gezielte Familienplanung gelang es, die hohe Fertilitätsrate zu senken und damit eine notwendige Voraussetzung zu schaffen für die erstaunliche Entwicklung des Landes.
Oder man denke an Singapur: Der Stadtstaat zählt heute 4,8 Millionen Menschen und hat sich damit in seiner Einwohnerzahl seit Anfang der 50er Jahre beinahe verfünffacht. Das Reproduktionsniveau verringerte sich in 20 Jahren von 6,4 auf 2,1 Kinder je Frau. Der Rückgang der Geburtenrate wurde vor allem durch Familienplanungsprogramme der Regierung einerseits und einer erfolgreichen Bildungspolitik andererseits erreicht. So muss man sich nicht wundern, wenn man Singapur bei den Pisa-Studien immer unter den ersten zehn Ländern findet.

Und nun noch das negative Beispiel für alle diejenigen, die noch immer der These huldigen: Die Erde hat Brot für alle. Gegenwärtig ist Nigeria mit 174 Millionen das siebtgrößte Land, für 2050 wird damit gerechnet, dass es mehr Einwohner haben wird als die USA und dies bei einer Fläche, die etwa der Größe von Deutschland und Frankreich entspricht (vgl. ZeitOnline, 29. Juli 2015: „Weltbevölkerung wächst schneller als angenommen“). Es liegt auf der Hand: Nigeria wird trotz seines Ölreichtums ein Land mit großer Armut, Bildungsarmut eingeschlossen, bleiben, wenn das Bevölkerungswachstum nicht eingedämmt wird.

Freilich, wenn es um das Heute geht, dann könnte die gegenwärtige Weltproduktion bei entsprechender Koordinierung der internationalen Landwirtschaft und gerechter Verteilung der Nahrungsgüter alle Menschen auf Erden ernähren – natürlich idealiter gedacht. (Vgl. Köppen, S. 243) Das könnte uns Hoffnung geben, wären da nicht die 795 Millionen Menschen, die heute Hunger leiden müssen.

Ein Mirakel nach fast 30 Jahren

2017 3. Juni
von Astrid Zeven

Erinnern Sie sich, worauf sich dieser Bericht bezieht?
Ja richtig, auf die in diesem Blog angekündigte Lesung von der Autorin Zeven
 

Es war schon ein eigenartiges Gefühl: Vertraut und zugleich fremd. Vertraut, da  junge, ausländische Studenten mit erwartungsvollen Augen mein Publikum waren.

Fremd, weil  sich fast 30 Jahre, die seit meiner Tätigkeit am alten Herder-Institut vergangen sind, nicht einfach ignorieren lassen.

Ich kam nicht mit leeren Händen – unter dem Arm mein Erstling „Die Mitläuferin – Ein Leben in zwei Deutschländern“.

Organisiert hatte die Lesung in der Lumumbastr 4 am 18.05.2017 ein Geschichtslehrer des heutigen Studienkollegs Sachsen der Universität Leipzig.

Anwesend waren ca. 60 ausländische Studenten und rund  20 deutsche Gäste.

Die Lesung dauerte 40 Minuten und  war, wie mir bestätigt wurde,  lebendig, gut strukturiert  und für ausländische Studenten verständlich vorgetragen.

Interessante Fragen gab es eine Menge in den sich anschließenden 50 Minuten, z.B. über die Spezifik einer Meinungsfreiheit in der DDR,  reale Lebensumstände , aber auch über Ost-West Verhältnisse (so z.B. Vorbehalte zwischen Ost und West). Auch über  die Besonderheiten eines Lehrauftrags am Goethe-Institut wurden Fragen gestellt sowie über  das  Schulsystem in der DDR (z.B. Abitur mit Berufsausbildung). Herausgehoben war die Veranstaltung durch das hohe Maß an Sachlichkeit und Neugier.

So war es interessant, dass weder die „Stasikeule“ geschwungen  noch der „Unrechtsstaat DDR“ beschworen wurde. Das interessiert offenbar  wohl  nur die Deutschen,  im besonderen Maße – jene, welche als Indikatoren des Zeitgeistes gelten.

Die dezidierte Frage eines Mitarbeiters des Studienkollegs nach dem Titel „Mitläuferin“,  als auch der von Martin Löschmann in seinem letzten Kommentar zitierte Fischborn („Ich komme nicht vor….“) war Anlass, mich noch einmal mit dem Begriff „Mitläufer“ zu beschäftigen. Dabei fiel mir „Die Schuld der Mitläufer“ von Roman Grafe in die Hände, wo genau den von Fischborn zitierten Menschen suggeriert wird, sie hätten sich alle  schuldig gemacht, dass die DDR 40 Jahre existieren konnte. Als hätte es nie die Frage „Wie weiter mit Deutschland?“ nach dem Faschismus gegeben.                      

Dem lässt sich ein Satz von Martin Buber entgegensetzen, der 1953 gesagt hat: „Mein der Schwäche des Menschen kundiges Herz  weigert sich, meinen Nächsten zu verdammen, weil er es nicht über sich vermocht hat, Märtyrer  zu werden“.

Wenn man von gewissen technischen  Schwierigkeiten absieht, sicher  eine gelungene Veranstaltung, für die man den Initiatoren nur danken kann.

 

In fünfzig Jahren werden die Archäologen nach uns graben

2017 22. Mai
von Martin Löschmann

Schon seit Wochen, ja Monaten liegt das autobiografische Werk von Gottfried Fischborn „Vorkommen. Vor kommen. Ein Jahr Lebenszeit“, erschienen im Schkeuditzer Buchverlag, 2016, auf meinem Schreibtisch. Ausgelesen, mit Gewinn gelesen, erlesene Erinnerungen und Sprache. Reflexionen zu Politik, Zeitgeschehen, Kunst, Literatur, die eigene Erinnerungsschübe bewirken, die belebend sind und zur weiterführenden Denkarbeit anregen. Es gäbe viele produktive Anknüpfungspunkte, letztlich blieb für den Blog gewissermaßen die Einleitung übrig, die das Erinnerungsbuch auf den Punkt bringt, der auch einen Großteil der Blogtexte in eine bewegende Perspektive führt.

Fischborn (geb. 1936, also ein Jahr jünger als der Schreiber/Blogbetreiber) war Theaterwissenschaftler an der Leipziger Theaterhochschule „Hans Otto“, an der mein Schwiegervater, Prof. Dr. Armin-Gerd Kuckhoff, von 1961 bis 1969 Rektor war. Er spielt in Fischborns Erinnerungen allerdings kaum eine Rolle.
Wie dem auch sei, hier kommt der aus meiner Sicht relevante Auszug, der auch auf der Rückseite des Bandes nur leicht verändert nachzulesen wäre. Der zitierte Text findet sich unter dem Datum: 20. Mai 2014

Vorkommen. Vor kommen „Ich komme nicht vor. Ich finde mich nirgendwo wieder“. So die Aussage einer engen Freundin. Sie meint: Unseresgleichen erkennt sich nirgendwo in der Literatur, im Film, in allen Fernseh-Dokumentationen und Talkshows, in den Zeitungen, im öffentlichen Diskurs insgesamt. Wir, unseresgleichen: Das ist eine große, mit Sicherheit ins Millionenfache gehende Zahl ehemaliger DDR-Bewohner der heute mittleren und älteren Generationen, Menschen, die das Land aus Überzeugung mit auf- und ausgebaut haben, die sich der sozialistischen Idee verpflichtet fühlten (und zumeist noch heute verpflichtet fühlen) und lange daran glaubten, zumindest „im Prinzip“ werde sie in der DDR verwirklicht. Die versuchten, trotzdem keine Dogmatiker zu sein, vielmehr – in der Regel trotz zunehmender Irritationen und Zweifel – sich als kritische Patrioten zu verstehen, die auch die unkritisch-hemmungslose Hingabe ihrer Jugendjahre hinterfragten. Gregor Gysi oder Lothar Bisky, Hans Modrow oder Markus Wolf, Christa Wolf, Heiner Müller und Volker Braun, Werner Tübke und Bernhard Heisig, Frank Beyer und Konrad Wolf, Werner Mittenzwei und Rudolf Münz waren und wurden solche kritische Patrioten auf der politischen und kulturellen „Königsebene“, doch es gab sie in allen Schichten. Wirklich, wir finden uns nicht wieder so, wie wir dachten und fühlten und heute denken und fühlen, da wir viel dazugelernt und das Urteil der Geschichte gründlich bedacht und dann auch angenommen haben.
„in fünfzig jahren werden die archäologen nach uns graben‘, schrieb Volker Braun am 26. September 2007 in sein Arbeitsbuch.

Noch einmal: Die Mitläuferin

2017 7. Mai
von Martin Löschmann

Wie der geneigte Leser und die geneigte Leserin wissen, wurde der autobiografische Roman „Die Mitläuferin“ in diesem Blog besprochen, weil darin das Herder-Institut eine Rolle spielt. Vgl. http://herderblog.net/2016/02/02/die-mitlaeuferin/

Wie aus unterrichteten Kreisen bekannt wurde, wird Frau Astrid Zeven als ehemalige Dozentin des Herder-Instituts Leipzig am

* 18. Mai 2017 am Studienkolleg Sachsen der Universität Leipzig, Lumumbastr. 4, 14.00 Uhr bis 15.30 Uhr

eine Lesung zu diesem autobiografischen Roman „Die Mitläuferin – Ein Leben in zwei Deutschländern“ durchführen.

Die Lesung, obwohl ursprünglich für Studierende und Lehrende gedacht, ist aber beileibe keine geschlossene Veranstaltung, sondern Interessenten ans Nah und Fern, ob jung oder alt, Mann oder Frau, erst recht diesen Blog Lesende, sind herzlich eingeladen.

Es kann hier verraten werden, dass die Autorin auf jeden Fall Passagen über ihre Leipziger
Zeit vortragen wird. Bekanntlich (wer die Rezension gelesen hat!) war ja Astrid Zeven viele Jahre als Deutschdozentin des Herder-Instituts tätig und hat ihre Erlebnisse und Erfahrungen in der DDR verarbeitet, die letztlich dazu führten, dass sie 1989 flüchtete und im ‚Westen‘ ankam.

Man darf ganz gewiss gespannt sein und der Ankündiger dieser Lesung verhehlt nicht den Hintergedanken, dass er sich über Stimmen, Berichte, Stimmungsbilder, Kritiken … freuen würde. Und sei es: Just for fun.

Ein weiterer Beitrag zum Ungeist beim Umgang mit DDR- Intellektuellen

2017 16. April
von Martin Löschmann

Man muss kein Prophet sein, wenn man verkündet, das zum Himmel schreiende Unrecht, das vielen Intellektuellen an Akademien, Hochschulen und Universitäten der DDR angetan wurde, wird lange noch nicht aus dem Rand des gesellschaftlichen Diskurses in der Bundesrepublik verschwinden. So schreibt der Historiker Götz Aly in der Berliner Zeitung vom 30. März 2017: Wie „DDR-Universitäten, von westdeutschen Beutemachern heimgesucht wurden, darunter viele emsig netzwerkende Trantüten, die dort ihre letzte Karrieregelegenheit witterten.“

So war ich nicht überrascht, als mich ein guter Freund über eine Rezension im Neuen Deutschland zu Joachim Jahns: Die Kirschs oder Die Sicht der Dinge. Dingsda-Verlag (225 S., 24,90 Euro) aufmerksam machte. Es findet sich auch eine Besprechung in der Jungen Welt (März 2017). War ich also auch nicht sonderlich überrascht, so hat mich das Buch doch insofern sehr betroffen, als darin das Schicksal des Ehemanns einer von mir erfolgreich betreuten Promovendin nachgezeichnet wird, nämlich das des Professors für Latinistik und Direktors der Sektion Orient- und Altertumswissenschaften der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Dr. habil. Wolfgang Kirsch.

Ich kann mich noch gut an unsere letzte Begegnung anlässlich der Beerdigung seiner Frau, Dr. Erika Kirsch, wenige Jahre nach der Wende erinnern. Man kann, so man will, die Passage über die Begegnung in meinen Memoiren Unerhörte Erinnerungen eines Sonstigen nachlesen. Unfassbar für ihn der Tod seiner Frau, doch selbst an einem solchen Trauertag konnte er das nachwendische Geschehen nicht ausblenden, das für ihn durch seine missliche Evaluierung über eine der berüchtigten Personalkommissionen, die Infragestellung seiner Person, seiner Professur, seines Amtes zerstörerisch bestimmt worden war. Er konnte es einfach nicht fassen, dass man seine Integrität derart beleidigte. Man war nicht davor zurückgeschreckt, ihn als „Offizier der Stasi“ zu verdächtigen, streute vorsätzlich entsprechende Gerüchte an passender und unpassender Stelle aus. Ich halte es nicht für übertrieben, wenn seine zweite Frau Gertraude Clemenz-Kirsch, Picasso-Forscherin und Leiterin der inzwischen geschlossenen Saalkreis-Bücherei, schreibt, er habe noch auf dem Totenbett „von diesen für ihn so schlimmen Vorgängen phantasiert.“ Sie war es auch, die 2011 an den Autor und Verleger Jahns herantrat mit der Bitte, über ihren ein Jahr vorher verstorbenen Mann (72), den international und auch in der BRD anerkannten Altphilologen Wolfgang Kirsch, zu schreiben, um die Vertreibung aus Amt und Würden ans öffentliche Licht zu bringen. Erforderliche Aufzeichnungen und Dokumente, besonders über seine Entlassung aus dem Hochschuldienst, vom Verstorbenen mit der Überschrift Evaluierung versehen, stellte sie dem Verfasser zur Verfügung. Der Brief an Jahns ist in dem Buch gewissermaßen als Einleitung abgedruckt.

Auch wenn sich die Verleumdungskampagnen, die rechtsstaatlich mehr als fragwürdigen Evaluierungsprozesse, die Machenschaften ostdeutscher Helfershelfer mit individuellem Gesicht vollzogen, kommt ein Selbstbetroffener nicht umhin, allgemeingültige Strukturen zu erkennen, die die Vertreibung der DDR-Elite offensichtlich kennzeichnen: Bestellung von Evaluierungskommissionen, die im Westen undemokratisch zusammengestellt wurden. Um ihre Legitimation zu erhöhen, werden Hel-fershelfer aus der DDR integriert, denen angeblich Unrecht geschehen ist. Nicht, dass es solche Benachteiligten nicht gegeben hätte, doch nur zu oft schoben sich Leute in den Vordergrund, die es verstanden, Hochschulkräfte zu diffamieren und sich selbst über solche Schmutzarbeit in gewünschte Positionen zu rücken. Sie werden im Buch mit Namen und Adresse genannt und es wird aufgezeigt, wie sie ihre Biografien zurechtbogen. So behauptete ein Mehlig, er habe in der DDR 10 Jahre nicht publizieren dürfen. Jahns kann jedoch problemlos nachweisen, dass eben dieser Mehlig in dieser Zeit gar wohl publiziert hatte, beispielsweise in der universitätseigenen Zeitschrift. Seine frühere SED-Mitgliedschaft verschwieg die intrigante Person geflissentlich. Im herderblog.net sind derartige Vorteilsnehmer auch benannt und charakterisiert. Solche und andere Leute mögen das Mitglied der Evaluierungskommission des Wissenschaftsrates Manfred Fuhrman bewogen haben, in der Frankfurter All-gemeine zu schreiben: „Im Westen glaubt man manchmal mehr zu wissen als den unmittelbar Beteiligten bekannt ist.“
Wenn man nicht selbst bundesrepublikanische Schlamperei schwarz auf weiß dokumentiert hätte, würde man womöglich gar nicht glauben, dass in Kirschs Abberufungsurkunde vom 16. Oktober 92 seine Professur nicht einmal korrekt bezeichnet ist. Er, der noch ein Jahr vorher vom Bildungsminister Sachsen-Anhalts ein Dankesschreiben für konzeptionelle Erneuerungen des Lateinunterrichts erhalten hatte, musste von einem Tag zum anderen gehen. Mir bescheinigte der DAAD vor meiner Entlassung gelungene Projektarbeit.

Zwei 2 Jahre nach dem Rauswurf wurde Prof. Kirsch im Dienstzeugnis eine „internationale Anerkennung“ attestiert, auch, dass er sich „in außerordentlichem Maße für Belange des Instituts eingesetzt“ habe.“
Wie in meinem Fall gab es im Umkreis von Wolfgang Kirsch Solidaritätsbekundigungen aus dem Westen. Bei mir war es z.B. Prof. Hans-Eberhard Piepho, hier wird u.a. der bekannte Tacitus-Forscher Reinhard Häußler von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf genannt.

Es ist nachvollziehbar, dass der Autor den Kreis um Wolfgang Kirsch weiter zieht und andere Familienmitglieder einbezieht. Das sind einmal der Bruder, der Dichter Rainer Kirsch und dessen Frau, die Lyrikerin Sarah Kirsch. Sicherlich können solche berühmten Namen das Leseinteresse erhöhen, aber so recht stimmig ist das letztlich im gegebenen Zusammenhang nicht, weil die Verbindungsglieder wie existenzielle Zuspitzungen und Brüche, Berufsverbote, oppositionelles Verhalten nicht ausreichen, die Arbeit zusammenzuhalten.

Sosehr man das Verdienst des Verfassers der sachorientierten biografischen Dokumentation würdigen muss, sowenig kann ich verhehlen, dass ich mir wünschte, Wolfgang hätte sich selbst der subjektiven Authentizität wegen aufgerafft, die schmerzlich durcherlebten Vertreibungsvorgänge aufzuschreiben. Offensichtlich hatte die existenzielle Krise, in die ihn die Verleumdungskampagne stürzte, seine Kraft derart aufgezehrt, so dass ihm die Energie fehlte, sich durch Schreiben von dem erlittenen Trauma zu befreien. Einfach zu viel für einen, der sich in der DDR um die Pflege der Altertumswissenschaft, um den Fortbestand seines Fache bemüht hatte. Seine erschütternde Enttäuschung von unterlegenen Gegenspielern ließ ihn den Weg des Rückzugs wählen und nicht z.B. das Arbeitsgericht anrufen.

Diese persönliche Einschätzung soll auf keinen Fall die Bedeutung die akribische Arbeit des Autors herunterspielen. Zum einen sind die unrechtmäßigen Vertreibungen ostdeutscher Intellektuellen viel zu wenig bekannt, und zum anderen verlangen die entsprechenden ‚Vorkommnisse‘ eine wissenschaftliche Aufarbeitung, wozu solche biografisch bestimmten Arbeiten eine unabdingbare Quellenbasis bilden.
Überdies muss man neidlos anerkennen, dass Jahns gründlich recherchiertes Werk etwas bewirkt hat: Prof. Dr. habil. Wolfgang Kirsch ist rehabilitiert: Sein Porträt-Foto ist in die sogenannte Ahnengalerie der Martin-Luther-Universität aufgenommen worden. Leider erst nach seinem Tod – aber immerhin.

Vergleiche, die zum Himmel stinken II

2017 13. April
von Martin Löschmann

Ja, die Überschrift gibt es bereits in diesem Blog und muss doch noch einmal herhalten für einen aktuellen verantwortungs-, respekt- und würdelosen Vergleich. Im ersten Beitrag zu stinkenden Nazivergleichen – einem Neologismus der 80er Jahre – ging es um Hillary Clintons Gleichsetzung von Hitler mit Putin in einer ihrer Wahlreden. Mein Fazit dort: Kein Aufschrei der westlichen Welt, ist ja nur Putin, mit dem man es machen kann. Keinen Respekt vor einem Land und seinem Repräsentanten, obwohl es ganz wesentlich dazu beitragen hat, das Nazi-Regime unter Millionen von Opfern zu zerschlagen. Welch ein Zynismus der mit Recht untergegangenen Wahlkämpferin! Zu welchem Preis ist natürlich eine ganz andere Frage.
Nun kommt der Erdogan daher und übersät Deutschland mit eben solchen Vergleichen, die nicht weniger zum Himmel stinken. Mit Recht wehrt sich die sogenannte westliche Welt gegen seine Nazi-Vergleiche, seien sie auf Deutschland oder Holland bezogen. Fraglos, Erdogan betreibt mit seinen Nazivorwürfen ein schmutziges würdeloses Geschäft. Extrem, äußerst extrem, was sich dieser türkische Präsident – sich selbst entlarvend – erlaubt. Da gibt es kein Wenn und Aber, das darf man einfach nicht hinnehmen.
Offensichtlich ist das auch die Meinung des F.A.Z. Artikels vom 7. März 2017 „Erdogans Nazi-Vergleich ‚absurd‘ und ‚deplatziert‘“. Ich gestehe, dass ich selten die Frankfurter Allgemeine lese. Aber am 22. 03. 2017 stoße ich mehr oder weniger zufällig auf eine Leserzuschrift von Hans-Jürgen Georgi, Berlin: „In den Spiegel schauen“, in dem er – offensichtlich eine generelle Einordnung derartiger Vergleiche vermissend – schreibt: „Es hat viel Heuchlerisches, wenn sich unisono die deutschen Politiker und die ganze Presse darüber erregen, dass der türkische Präsident das adaptiert, was in Deutschland tagtäglich passiert: die politisch Unliebsamen als Nazis zu bezeichnen.“
Diese Leserzuschrift wurde mir erneut zum Schreibanlass in dieser Sache, spät, aber sicherlich nicht zu spät, denn man kann getrost davon ausgehen, dass diese Vergleiche in absehbarer Zeit nicht aufhören werden. Sie sind über die Jahrzehnte einfach in der Politik, aber auch in vorwiegend rechts orientierte historische Betrachtungen gekommen und derart eingeschliffen, dass, wenn womöglich nichts mehr zieht, zu dieser scheinbar probaten Keule gegriffen wird, um den politischen Gegner zu diffamieren. Nazivergleich schaffen immer Aufmerksamkeit, ganz gleich, wo immer die Nazi-Karte gespielt wird.
Neo-Nazis, die sich zum faschistischen System bekennen, müssen selbstverständlich als solche bezeichnet und bekämpft werden. Das versteht sich.

Meine Güte, wie oft habe ich nicht von bundesrepublikanischen Größen beleidigende Nazi-Vergleiche in Bezug auf die DDR lesen müssen. Im Kalten Krieg war die Gleichsetzungen des „real-existierenden Sozialismus“ mit dem NS-Staat ein weit verbreitetes antikommunistisches Propagandamittel der politischen Rechten in der westlichen Welt, gewissermaßen ein entscheidendes Totschlagargument gegen die DDR. Umgekehrt scheute sich die DDR nicht, sich gegenüber der Bundesrepublik dieser propagandistischen Keule ebenfalls zu bedienen. Man müsse sich gegen den Faschismus durch eine Mauer schützen und einen antifaschistischen Wall errichten. Was für eine plumpe Verdrehung der wahren Gründe. Ich gebe zu, dieser unseligen DDR-Propaganda erst kurz vor der Wende öffentlich energisch entgegengetreten zu sein, obwohl ich seit meiner Oberschulzeit vehement gegen derartige Vergleiche, in welcher Form sie sich auch zeigten, aufgetreten bin. Mein Antrieb dabei: Man darf dieses verbrecherische System der Nazis nicht relativieren und damit enthistorisieren, ihm das Merkmal des verbrecherisch Einmaligen nehmen. Deshalb hilft es überhaupt nicht weiter, wenn man sich durch Erdogan provozieren lässt, ihn nunmehr selbst mit Hitler und seinem Ermächtigungsgesetz in Verbindung bringt.
Überdies weisen Erdogans abwegige abstruse Schmähungen auf eine Gefahr der Gewöhnung an solche Nazi-Vergleiche hin – nach dem Motto: Man gewöhnt sich an allem, auch an den Dativ. Was dieser erste Mann der Türkei von sich gibt, ist so abwegig, dass es wirkungslos bleibt. Muss uns also nicht sonderlich interessieren. Doch es wäre verheerend, wenn dergestalt die Misse-, Schand-, Gräueltaten, die Verbrechen der Nazis obendrein noch verharmlost würden.

Nach der Beerdigung von Dr. Hans-Georg Jank

2017 6. Februar
von Martin Löschmann

Den eignen Tod, den stirbt man nur,
doch mit dem Tod der andern muss man leben.

(Mascha Kaléko)

Es gibt unterschiedliche Erzählungen vor und nach Beerdigungen. Die Bestattung unseres Freundes und Kollegen Dr. Georg Jank an einem kalten, aber sonnigen Tag im Januar vor einer Woche hallt noch nach. Sie ist eher eine Erzählung des DANACH. Ach, schreib doch ein paar Worte des Gedenkens und der Erinnerung, höre ich eine Stimme oder war es gar die eigene?

In der Trauerrede des Enkels, der wie sein Vater, dem ältesten Sohn von Schorsch, so wurde er genannt, Arzt geworden ist, wird liebevoll nachgezeichnet, wie wichtig die Familie für den Verstorbenen war. Die Arbeit ist wichtig, entscheidend, wirklich wichtig ist die Familie, hat er dem Sinne nach nicht nur einmal gesagt. Die literarisch oft gestaltete Enkelperspektive ist gegeben: der Großvater mit seinen Erzählungen in der Familie. In der Tat Schorsch zeigte sich, wo auch immer wir zusammen waren, stolz auf seine Familie, die auch zu bewundern ist: zwei Söhne, 6 Enkel, bis 9 Urenkel bis dato, und natürlich nicht zu vergessen die hinterbliebene Ehefrau Inge, Mutter, Großmutter und Urgroßmutter, die sich in diesem Blog mit einem Beitrag Wie war das damals eigentlich? eingeschrieben hat. Unter der Trauergemeinde ein Urenkel, erst wenige Monate alt, symbolträchtig, das Leben geht weiter. Und so ganz nebenbei die Frage, welches Bild wird er von seinem Urgroßvater aufbauen und mit sich tragen. Oder wird ihm der zu Grabe Getragene schon in weiter Ferne erscheinen und irgendwie fremd bleiben. In dieser Familie kaum denkbar, aber wer weiß das so genau? Was können wir wissen? Aber ich denke schon, der Janksche Familiensinn wird sich weitertragen. Die Tradition ist da, und wir haben sie sogar in unserem literarischen Lesebuch Einander verstehen (Peter Lang in New York 1997 erschienen), durch das Schwarz-Weiß-Foto Familie Jank um 1870 dokumentiert. Für die Rubrik Generationen in diesem Lesebuch brauchten wir genau so ein Familienbild. Und Hans-Georg wusste Rat und stellte uns das besagte Foto zur Verfügung.

Gewiss, die Zukunft ist ungewiss. Was wir indes unwiderruflich wissen, hier wurde ein Mensch zur letzten Ruhe gebettet, dessen Leben sich vollendet hatte. Mit fast 90 Jahren kann man das getrost und zum Troste der Familienangehörigen sagen. Dennoch, wenn ein Mensch für immer geht, ist es schrecklich, ein Verlust, ein Riss in der Familie. Auf einmal ist da eine Lücke, eine Leere, die bleibt. Aus der Zweisamkeit mit seiner Ingeburg wird Einsamkeit, die durch die Söhne, Schwiegertöchter, Enkel, Urenkel, auch Freundinnen und Freunde aufgefangen, gemildert, aber nicht aus der Welt geschafft werden kann. Denn der Tod ist unwiderruflich. Bei Hemingway in Death in the Afternoon lesen wir: „Madame, alle Geschichten enden, wenn man sie weit genug erzählt, mit dem Tod, und der ist kein echter Geschichtenerzähler, der Ihnen, das vorenthält.“
Die Geschichte Dr. Hans-Georg Jank hat sich zu Ende erzählt. Jedoch, er hat Erzählungen hinterlassen, die noch lange im Gedächtnis haften bleiben werden. Nach dem Ende des Krieges beginnt die Ausbildung als Neulehrer, die ich in den Unerhörten Erinnerungen eines Sonstigen beschrieben habe, weil nicht wenige Neulehrerinnen und -lehrer ihren Arbeitsplatz später am Herder-Institut fanden. Seinen Namen hatte ich nicht erwähnt, obwohl er genau in diesen Passus gepasst hätte. „Wie sehr diese Neulehrerbewegung ein Kind der Nachkriegszeit und zeitlich begrenzt war“, so schrieb ich, „wurde mir so recht deutlich, als ich erst vor kurzem auf die klare Bestimmung stieß, dass diese Neulehrer, die kurz nach dem Krieg im Eilverfahren ausgebildet worden waren, bis 1954 eine dreijährige Lehrerausbildung erfolgreich bestanden haben mussten, anderenfalls wurden sie entlassen.“ Die Gewinnung und Ausbildung von Neulehrern sowie die besondere Förderung der Arbeiter- und Bauernkinder gehören für mich zu den nicht wegzudiskutierenden Leistungen des Landes, in dem sich sein Arbeitsleben erfüllte.

Mit der sprachlichen und fachlichen Vorbereitung ausländischer Studierender am Herder-Institut der Karl-Marx-Universität Leipzig stand der einstige Neulehrer und Chemielehrer vor Neuland, das nicht nur in der täglichen praktischen Arbeit, sondern auch wissenschaftlich beackert werden musste. Einmal die Notwendigkeit erkannt, packte er die wissenschaftliche Arbeit mit voller Kraft an und ließ sich nicht aufhalten. Es traf sich dabei sicherlich gut, dass seine Frau Ingeburg, die einige Jahre nach ihm ans Institut kam, am gleichen Strang zog und beide sich neben anderen den Mühen einer Promotion unterzogen, die dazu beitrug, die spezifische Ausbildung zu grundieren, die in der fachsprachlichen Vorbereitung der Studierenden auf ein Studium bestand. „Zur Erhöhung der Qualität des Chemieunterrichts bei ausländischen Studienbewerbern unter Berücksichtigung des polytechnischen Aspekts“, so lautet der Titel seiner Dissertationsschrift. Anhand der Ammoniak-Synthese erklärte er uns Nichtfachleuten leidenschaftlich seine gewonnenen Erkenntnisse. Mit Fug und Recht kann festgehalten werden: Die Qualifizierung der fachsprachlichen Ausbildung im Laufe der Jahre gehört auch zu den bleibenden Verdiensten des Herder-Instituts. Nicht von Ungefähr, unter den wenigen Trauergästen vom Herder-Institut – es sind ja viele vor Schorsch gegangen: Renate Riedel, die ehemalige Fachgruppenleiterin für medizinisch – biologische Fachrichtungen, und Dr. Manfred Pudszuhn, der nach der Wende ein Buch Fachunterricht versus Sprachunterricht zum Thema Fachsprachenunterricht am Herder-Institut vorgelegt hat. Sie alle, ich meine die Fach- und Fachsprachenlehrer, und Schorsch unter ihnen, mussten zudem ein aufwändiges Zusatzstudium am Herder-Institut absolvieren, auf dass sie ihre Lehraufgaben qualifiziert erfüllen konnten. Hans-Georg hatte bestimmt Freude am philologisch ausgerichteten Zusatzstudium. Knifflige Sprachanwendungsbeispiele gab er jedenfalls gern zum Besten: Na, wann heißt es derselbe/dieselbe/dasselbe und wann der gleiche, die gleiche, das gleiche …?
Als nach der Wende sich ein gewisser Kollege Scholz, Helmut Scholz, darüber beklagte, dass man ihn gewissermaßen gezwungen habe, die Leitung des Lehrbuches für den Fachsprachunterricht Chemie aufzugeben, wurde ihm u.a. entgegengehalten, wäre nicht das Ehepaar Drs. Inge und Hans-Georg Jank, inzwischen erfahrene Lehrbuchautoren, zu dieser Zeit im Ausland gewesen, hätten auf jeden Fall sie die Leitung übernommen. Sie waren nun mal höher qualifiziert. Das galt auch für Dr. Schaar, der in der Tat im Gegensatz zu dem besagten Scholz die Promotion vorweisen konnte und Leiter des Lehrbuchkollektivs wurde. Scholz hatte die Chance zu promovieren wie viele andere am Institut, hat sie aber nicht genutzt – aus welchen Gründen auch immer.
Als Macher, wie man heute sagen würde, fühlte Schorsch sich bei den Auslandseinsätzen besonders wohl, ob es in Angola, Ungarn oder Portugal war. Die Wende überraschte die Janks in Lissabon. Was für eine Geschichte, die sie uns erzählten, als wir wenige Jahre später unseren Urlaub in Portugal mit den Beiden verbrachten. Die Diplomaten hatten sich wohl schon aus dem Staube gemacht, nur der Hausmeister und die beiden Sprachlektoren waren noch da und die mussten gewissermaßen als Letzte das Licht in der Botschaft ausmachen, konkreter formuliert: die DDR-Fahne einziehen. Wie oft haben wir gesagt, Mensch, Schorsch, schreib das doch auf! Wir haben immer angenommen, er führe sein Tagebuch.

Darin hätten bestimmt sein gesellschaftliches Wirken als Vorsitzender unserer Gewerkschaftsorganisation, das neben seiner fachlichen Arbeit und zeitlich begrenzt im Rahmen des Möglichen erfolgte, und sein Engagement als Leiter der kommerziellen Ausbildung am Herder-Institut bestimmt Eingang gefunden. Letzteres eine schwierige Aufgabe. Auf der einen Seite sollte mit der sprachlichen und fachlichen Vorbereitung ausländischer Studenten und Studentinnen Geld, was schreibe ich da, Valuta sollten verdient werden. Sie kamen zuhauf, stellten ihre Forderungen, wollten für ihre ‚Dollars‘ entsprechend gute Lebensbedingungen haben, die in der DDR nicht in jedem Fall auf Anhieb geboten werden konnten. Es war nicht der Unterricht, der sie gelegentlich protestieren ließ, sondern eben die ‚äußeren Umstände‘. Doch Dr. Hans Georg Jank stürzte sich geradezu auf die neue Herausforderung, kniete sich in die für alle am Institut neue Aufgabe, verlor auch bei den lybischen Studierenden nicht seinen Optimismus, sein positives Denken und meisterte die brisante Leitungsaufgabe nicht zuletzt dank seiner Leitungserfahrungen im In- und Ausland und auch als Gewerkschaftsboss mit Bravour.

Wir waren, wir sind Dr. Hans-Georg Jank für immer, was in unserem Fall heißt: bis zu unserem Tode verbunden.

Apropos Weltfrieden

2017 3. Januar
von Martin Löschmann

voelkischer-beobachterEs muss in einer Sendung des Deutschlandfunks an irgendeinem Morgen im Dezember 2016 gewesen sein. Die normalen morgendlichen Routine-Handlungen verhindern konzentriertes Hinhören. Doch das da eine weibliche Stimme, womöglich eine Dichterin, aus der DDR kommend und sich 88 in Westberlin niederlassend, das Wort vom WELTFRIEDEN fallen lässt, das sie viel zu selten bis gar nicht höre, ließ mich aufhorchen.

Mein Gott, die Frau, Irina Liebmann (Google macht’s möglich!) hat Recht. Auch wenn man nichts von ihr weiß, wird klar, sie muss an einem Ort gelebt haben, wo das anders war, womöglich in einem Land, wo das Wort Weltfrieden in aller Munde war. Zwar offiziell zerredet, letztlich zur Phrase verkommen, es gab dennoch genügend Leute, die dieses Ideal, das ja beileibe keine Erfindung des Marxismus oder gar der sozialistischen Länder nach dem II: Weltkrieg ist, ernst nahmen und sich nicht schämten, es individuell unverbraucht in den Mund zu nehmen. Ich jedenfalls gehörte zu ihnen.
Gewiss erinnere ich mich durchaus an einzelne Stimmen, die das Ideal vom Weltfrieden, seltener des Philosophen Kants Schrift „Zum ewigen Frieden“ heraufbeschworen. Die amerikanische Schauspielerin Sandra Bullock z.B. muss in Miss Undercover gesagt haben: „Ich wünsche mir den Weltfrieden und eine gute Gesinnung für jedermann.“ Und ich will nicht unerwähnt lassen, dass mir Michael Wolffsohns, Historiker und Publizist, aufschlussreiches, zum Handeln aufforderndes Buch Zum Weltfrieden (dtv 2015) ein Jahr zuvor unter die Augen kam. „Wann fängt wer an, richtig zu denken und richtig zu handeln? Solange das nicht geschieht, ist der Weg zum Weltfrieden nicht einmal in Sicht.“

Allein im gefühlten öffentlichen Bewusstsein der letzten Jahre bei Weltfrieden eher Fehlanzeige. Selbst in Verlautbarungen der UNO scheint das Ideal eine Fehlstelle zu markieren. Frieden selbstverständlich kommt vor. Die Friedens-Botschaft des neuen Generalsekretärs Antonio Guterres an seinem ersten Arbeitstag lässt aufhorchen. Ich schaue die Weihnachts- und Neujahrspost durch, zum Teil über die landläufigen Medien gesendet, und was muss ich feststellen: In all den guten Wünschen kommen Weltfrieden und Frieden nicht vor. „Möge 2017 endlich im Nahen Osten Friede einziehen.“ „Möge endlich in Syrien, in der Ukraine der Friedensschluss durchgesetzt werden.“ Nichts dergleichen in der Post. Oh Schreck, oh Weh‘, auch ich habe das Wort Frieden nicht auf das Weihnachts- und Neujahrspapier gebracht. Das war mal anders oder etwa nicht?

In meinen Unerhörten Erinnerungen eines Sonstigen, vor nunmehr schon zwei Jahren im Engelsdorfer Verlag erschienen, deutet sich die eigene Ohnmacht gegenüber dem Friedensgedanken an, wenn es im letzten Kapitel, das eigentlich erst nach meinem Tode gelesen werden sollte und sich in Form einer, des Verfassers Bestattungsrede präsentiert, heißt es: „Indes, die alte-neue Welt hat für ihn den Frieden nicht näher gebracht, um es dem Ort angepasst versöhnlich auszudrücken. Sobald Nachrichten über Kriege im wohlbehüteten Haus eintrafen, in dem sie es sich gut gehen ließen, waren immer die Leiden der Kinder, die Opfer unter ihnen, zuerst in seinem Blick, riefen eigene Kriegserlebnisse hervor und zerstörten jedes Mal aufs Neue seine kindlich-romantische Vision vom Frieden auf der Welt. Vom Endpunkt wie vom hohen jugendlich geprägten Anspruch her betrachtet, hat sich somit sein Leben nicht erfüllt. Was ein professioneller Redner sicher nicht derart direkt ausgesprochen hätte.“

Angesichts der Kriege in der Welt, allen voran des nun mehr schon 4 Jahre dauernden Bürgerkrieges in Syrien scheinen wir uns, scheint sich die Welt an die furchtbaren Zerstörungen und Vernichtungen von Menschenleben gewöhnt zu haben und sich bestenfalls mit Waffenruhe, mit brüchigen Waffenstillstands-Bemühungen zufriedenzugeben. „Möge der ‚kleine‘ Waffenstillstand in Syrien halten“ (gemeint ist die am 30.12.2016 zwischen Russland, der Türkei und dem Iran ausgehandelte Waffenruhe für Syrien) – ein frommer Neujahrswunsch? Ja, vor den so dringend erforderlichen Friedensverhandlungen muss es einen Waffenstillstand geben, aber das Problem lässt sich mit der Frage umreißen: Sind wir vielleicht schon mit einer Waffenruhe zufrieden?

Sollten wir uns womöglich auf einen dreißigjährigen syrischen Krieg einstellen? Nein, so geht das doch nicht! Es muss endlich Schluss gemacht werden mit dem Krieg in Syrien und den Kriegen anderswo. Die betroffenen Völker und alle Völker, deren Regierungen nach außen vorgeben, den Frieden anzustreben, sich als erfolgreiche Krisenmanager und -managerin feiern lassen, sollten sich erheben, auf die Straße gehen, ihre Regierungen zwingen, in Syrien einen Friedenschluss herbeizuführen, wissend, ohne Kompromisse auf beiden, hier besser: auf allen am Krieg beteiligten Seiten wird es keinen Frieden geben. Ich weiß, das ist plakativ. Aber wie bringen wir es fertig, Jahr aus Jahr ein unzählige Kriegsopfer in der Welt hinzunehmen? Wieso lassen wir alle zu, dass der scheidende USA-Präsident, der weithin sichtbar gescheiterte Friedensnobelpreisträger, bis zum Ende seiner Amtszeit den Konflikt mit einer nicht zu unterschätzenden Kriegspartei unverantwortlich schürt, Russland als Hauptschuldigen für den Syrienkrieg ausmacht, Russland als Regionalmacht verspottet, geradezu verhöhnt, sich so über Russland mit reinen Händen stellend, als ob es z.B. Libyen nicht gäbe. Ein Land, das einst wie auch immer prosperierte und einzig und allein mit USA-Hilfe für sogenannte Oppositionsgruppierungen, vermeintliche Demokratievertreter, ganz ohne Russland, ins ‚Chaos‘ gestürzt wurde. Ein heute abgewetztes journalistisches Wort, das ich normalerweise nicht verwende, doch hier drängt es sich auf, weil das Elend, der Verfall dieses Landes hier nicht im Einzelnen beschrieben werden kann und auch nicht muss. Auch nicht die Ausweisung der 35 russischen Diplomaten aus den USA kurz vor Toresschluss, weil angeblich Hackerangriffe aus Russland erfolgten. Nur gut, dass Putin Obamas kläglichen Versuch, Russland in einen neuen kalten Krieg zu ziehen, ins Leere laufen ließ, und auf den erwarteten Gegenzug, die Ausweisung von USA-Diplomaten, verzichtete.

Meine Güte, wen willst du mit diesem nachweihnachtlichen Text erreichen? Und dann: Völker sollen sich erheben, auf die Straße gehen, um den Frieden in Syrien, Libyen, Gaza, im Irak und nicht zuletzt in der Ukraine ohne Anwendung von Gewalt zu erzwingen. Wo lebst du denn?!
Ich weiß, ich weiß, es wird nicht sein, aber als Gedankenexperiment für mich persönlich bedeutsam. Der Text wurde überdies durch das Bild Völkischer Beobachter von der österreichischen Künstlerin Doris Kraushaar angeregt. Es verarbeitet das Motiv der Taube auf eine überraschende Weise. Nicht Picassos Friedenstaube, sondern Magrittes Taube, die für die Künstlerin „Freiheit, Hoffnung und Zuversicht symbolisiert“. Gesehen habe ich es zwischen den Jahren in einer kleinen Ausstellung im Restaurant Der dritte Mann, gleich um die Ecke in der Kollwitzstraße im Prenzlauer Berg, wo wir wohnen.