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Schon an zwei Details könnt ihr sie erkennen

2019 7. April
von Martin Löschmann

Ich gestehe, auf das Dokudrama, den Zweiteiler über Brecht Die Liebe dauert oder dauert nicht und Das Einfache, das schwer zu machen ist, von Heinrich Breloer erst durch die Rezension in Spiegel Online aufmerksam geworden zu sein. Allein schon die deftig formulierte Überschrift: Misslungener Brecht-Zweiteiler Dichter, Denker, Schwein von Wolfgang Höbel (21.03.2019) musste einen, der sich im Studium intensiv mit Brecht beschäftigt hatte und der ihn seither nicht mehr losließ, stutzig machen.

Das letzte Wort im Dreierklang – Schwein – initiierte, ohne die Rezension überhaupt gelesen zu haben, eine bestimmte Assoziation. Wie oft habe ich nicht in meinem Leben gehört: Goethe ein großer Dichter gewiss, wer wollte das bestreiten, aber als Mensch – ein Schwein. Ich dächte, ich hätte auch in meinen Unerhörte Erinnerungen eines Sonstigen (2016) über diese Erfahrung geschrieben. Doch Fehlanzeige. Assoziationen stellen sich weiter unkontrolliert ein, durch bestimmte Reizwörter, bestimmte Kommunikationssituationen. Nach Goethe kommt Heinrich Heine – gewiss ein großer Dichter, nicht zu vergleichen mit Goethe natürlich, aber dennoch auch ein Dichter und Schwein, das an seiner Syphilis elendig – selber schuld – zugrunde ging. Um keine üble Kolportage zu betreiben: Die bösartige Nachrede hält ernsthafter Nachforschung nicht stand, ganz abgesehen davon ist sie in meinem Zusammenhang auch unwichtig, will ich doch einfach nur schreiben, wohin mich die Überschrift der zitierten Rezension treibt:
Mit Breloers Dokudrama scheint das deutsche Dichter-Schwein des 20. Jahrhunderts Bertolt Brecht ausgemacht zu sein. Nachdem ich die beiden Teile gesehen habe, erhärtet sich der über die bloße Kritik gewonnene Eindruck. Der Dichter, der Stückeschreiber, der Regisseur kommen in Breloers Werken eindeutig zu kurz, man könnte fast sagen: so gut wie kaum/nur äußerst fragmentarisch vor. Während indes solche und ähnliche despektierliche Äußerungen von Vertretern des Bildungsbürgertums auf ihre Weise das dichterische Werk anerkennen, gelingt es Heinrich Breloer über weite Strecken nicht, Brechts dichterische und sein Theater prägenden Leistungen ins Bild zu setzen oder sollte ich besser schreiben: in seinem Dokudrama umzusetzen. So gut wie nichts vom epischen Theater, von Verfremdung, dem Aufräumen mit dem Illusionstheater seinen neuen Wegen des Theaterspielens, der internationalen Ausstrahlungskraft, die sich ja keineswegs auf die Gastspiele in Paris und London beschränkte, nichts von der kreativen Diskurskultur bei der Regiearbeit, aber auch nichts von der Spezifik seiner Dichtung, die sich ja durchaus nicht in der ‚Liebeslyrik‘ erschöpft. Dass Brechts neues revolutionierendes Theater nicht plausibel gemacht werden kann, mag auch an der Fehlbesetzung mit Burghart Klaußner als Brecht nach seiner Rückkehr aus der Emigration liegen. Er vermag weder die Persönlichkeit Brechts mit ihrer hohen Strahlkraft, den gewitzten, verschmitzten, anregenden, durchaus widerspruchsvollen, aber immer auch humorvollen vielschichtigen kreativen Menschen Brecht zu verkörpern, schon gar nicht seine offensichtlich magische Anziehungskraft auf Frauen, die sich ihm – wohl mehr oder minder allesamt – zur Mitarbeit anboten und im Umfeld des Theaters ihr Geld und – auch das mehr oder minder – in einem gewissen Maße Respekt verdienten, auf keinen Fall hat er auch nur eine von ihnen vergewaltigt! Helene Weigel dagegen wird von Frau Adele Neuhauser in bestechender Weise verkörpert.

Man merkt schnell, dass es dem Regisseur eigentlich nicht darum ging, Brechts dichterische Erfindungen, Entdeckungen, kreative Schöpfungen, seine intellektuelle Durchsetzungskraft zu erfassen und angemessen darzustellen, darstellen zu lassen, sondern er sich wohl eher im niederen Niveau bestimmter Bildungsbürger und im heutigen Mainstream wohlfühlt. Brecht wird nachträglich der „Me-too-Bewegung“ ausgeliefert. So wie Breloer die für Brechts Leben und Werk nicht unwesentliche Emigrationszeit so gut wie kaum der Berücksichtigung für wert erachtet, sowenig gelingt es ihm, Brechts Frauengeschichten ausgewogen differenziert und vorurteilsfrei zu erzählen. Wozu eigentlich braucht Breloer den ganzen oder fast den ganzen Reigen? Zumal er ja mit den von ihm inszenierten Frauengeschichten nichts Neues ans Licht bringt, sondern sich eher der landläufigen, ätzenden Klischees bedient.

Aber ich will hier keine Rezension schreiben, denn sie könnte auf keinen Fall die von Wolfgang Höbel übertreffen. Die trifft für mich in der Tat den Nagel auf den Kopf, weil er aufzeigt, dass und auch wie Brechts Wirken (vor allem in der DDR-Zeit) kleingemacht und er sogar, nicht zuletzt durch die Konzentration auf seine Liebesgeschichten, aber auch durch die Art, wie sein sicher an bestimmten Punkten diskussionswürdiges Verhalten in der DDR in Szene gesetzt ist, kompromittiert wird. Wie die Inszenierung des Stückes Katzgraben (1953) von Erwin Strittmatter, die sicherlich nicht zu Brechts großen Taten gerechnet werden kann, elegant heruntergezerrt wird, macht das z.B. deutlich. Mag sein, dass der große Brechtschüler Peter Palitzsch die Regie dieses Stücks ablehnte, weil das Werk nicht seinen Ansprüchen genügte, doch Helmut Baierls Frau Flinz, ebenfalls ein Gegenwartsstück, inszenierte er als Co-Regisseur ein paar Jahre später zusammen mit Manfred Wekwerth. Wozu also die Verunglimpfung von Brechts Arbeit an einer womöglichen Schwachstelle, ohne sie näher zu charakterisieren. Ein Schüler Brechts – zugegebenermaßen ein bedeutender – wird als Zeuge für ein unzumutbares Brecht’sches Unterfangen aufgerufen. Er wird allein schon durch die Tatsache legimitiert, dass er 1961 die DDR verließ. Nichts gegen eine kritische Betrachtung, aber sie muss die Kirche im Dorf lassen, Strittmatters Katzgraben, im Blankvers geschrieben, ins Schaffen Brechts einordnen. Auch bei Brecht reiften nicht alle Blütenträume.

Letztlich lässt sich Breloers tendenziöses Walten und Schalten schon an den zwei schlagartig erhellenden Details zeigen, die mich bei seinem Zweiteiler und der begleitenden Dokumentation Brecht und das Berliner Ensemble – Erinnerung an einen Traum jenseits der erwähnten Kritik ansprangen. Bezeichnenderweise erfasst die Dokumentation auch nicht die Emigrationszeit, was ja Sinn machen würde, da sie im Dokudrama kaum vorkommt, sondern die Zweitspanne von 1948 bis 1956. Ganz abgesehen davon, wozu bedarf es einer Dokumentation, wenn der Zweiteiler schon ein Dokudrama ist. Eine Dokumentation der Dokumentation? Gut, diese Spitzfindigkeit lassen wir mal beiseite. Und Geld verdienen will jeder und Breloer offensichtlich viel.

Sowohl im Dokudrama als auch in der Dokumentation wird die unglaubliche Mär verbreitet, das Theater am Schiffbauerdamm habe Brecht nur deshalb erhalten, weil die SED-Führung dem unbequemen Brecht gewissermaßen in dem Sinne ein Bein stellen wollte, dass sich seine neue Art, Theater zu spielen, in einem derart großen Haus totlaufen würde. Die wenigen Zuschauer und Zuschauerinnen würden sich einfach in dem riesigen Gebäude verlieren, so dass Brecht schon einsehen werde, dass sein Theater keine Zukunft hat. Nichts vom Haus in diesem Zusammenhang, in dem Brecht mit der Dreigroschenoper 1928 seinen ersten großen Erfolg gefeiert hatte, nichts von Brechts vermutlichen Ambitionen bei der Bestimmung des Theaters. Ein räumlich großes Theater wäre doch auch die wiederaufgebaute Volksbühne gewesen. Warum wurde die nicht Brecht und seiner Frau Helene Weigel zugewiesen? So aber musste der Intendant Fritz Wisten aus dem Haus am Schiffbauer Damm aus- und in das am Rosa-Luxemburg-Platz einziehen. Was also wird hier dokumentiert?
Auf keinen Fall der tatsächliche Vorgang, aufgezeichnet von Werner Hecht, der im Breloer’schen Werk als Brechtchronist aufgerufen wird. Danach gab es 1953 einen Beschluss des Zentralkomitees der SED, wonach das Theater am Schiffbauer Damm dem Ensemble der Kasernierten Volkspolizei, dem späteren Erich-Weinert-Ensemble, übergeben werden sollte. Brecht erfuhr davon und legte bei Otto Grotewohl, dem damaligen Ministerpräsidenten, Einspruch ein. Dem wurde, wie wir wissen, stattgegeben. (Vgl. Werner Hecht: Brecht-Chronik 1898–1956, Ergänzungen. Suhrkamp, Frankfurt/M 2007, ISBN 3-518-41858-0, S. 118)

Das zweite für mich aufschlussreiche Detail ist persönlicher Art. Da wird in der Dokumentation der Name Professor Kuckhoff, Professor der Theaterwissenschaft, zitiert, ohne näher auf ihn einzugehen, aber unterstellt, dass er Studenten zum Praktikum ans Berliner Ensemble mit dem Ziel geschickt hätte, Brechts-Theater auszuspionieren. Hätte man es nicht selber gehört und gesehen, man würde nicht glauben, dass ein so renommierter Mann wie Breloer auf so plumpe Art und Weise arbeiten würde.
Ich war Student bei Professor Mayer an der Leipziger Universität, der Brecht für so bedeutend hielt, dass er ihm eine ganze Vorlesungsreihe noch zu dessen Lebzeiten widmete, und kam im 2. Studienjahr in den Genuss, ein Praktikum am Berliner Ensemble absolvieren zu dürfen. Auch wenn man hätte etwas
ausspionieren wollen, es gab dazu gar keine Möglichkeiten, alles war bis ins Einzelne geregelt: Das Archiv war nicht zugänglich, man konnte Wünsche äußern, aber Verschlusssachen waren nicht zu haben. Beobachtung von Proben nur von ganz oben – weit weg und lautlos. Man konnte nachlesen, was eigentlich bekannt war. Dennoch, für einen Studenten gab es genug zu entdecken, und man konnte schon das Theater, das aufregende und anregende Fluidum und Brecht mit seinen Jüngern erleben – es wurde wohl Galilei geprobt, einfach großartig, ein prägendes authentisches Erlebnis. In meinen „Unerhörte Erinnerungen eines Sonstigen“ stellt sich mein Praktikum so dar:

„Ich fühlte mich auserkoren und erhoben, als ich am weltberühmten Theater ein Praktikum absolvieren durfte. Etwa ein Jahr zuvor hatte sich eine kleine Gruppe Diplomgermanisten, begeisterte Brecht-Anhänger, dem Meister genähert und sich als Mayer-Schüler empfohlen. Brecht fühlte den Studenten auf den Zahn und stellte offenbar seine Hohlheit fest, denn sie erwiesen sich weder als bibel- noch als antikefest. Der Stückeschreiber hatte offensichtlich nichts Besseres zu tun, telefonierte mit Mayer und beklagte sich bitter über die Unzulänglichkeit der humanistischen Bildung seiner Studenten. Beiden zu unterstellen, sie hätten die Studenten nicht wegen fachlicher Fehlstellen, sondern wegen ‚ideologischer Schieflage‘ behelligt, ist schlichtweg unlauter. Kann es wirklich jemanden verwundern, dass Professor Mayer, der großen Wert auf gesellschaftliche Hintergründe, geistig-kulturelle Zusammenhänge, Einflüsse der Antike, auch der Bibel auf die deutsche Literatur legte, aufgebracht war. Er bestellte die betreffenden Studenten nächsten Tages zu sich, putzte sie runter und verdonnerte sie zu einem Extrakolleg. Wie dieses Warnbeispiel, das Mayer genüsslich ausweidete, jemanden dazu führen konnte, seine Verdienste um Brecht zu schmälern, ja wegzuwischen, kann nur Gerhard Kluge selbst erklären, ihm war durch den Vorfall „mitsamt Mayer“ auch „Brecht verleidet“. Ganz gleich, wie man die Episode erinnert, sie kann kaum herhalten, sich Brecht verleiden zu lassen, schon gar nicht, wenn man sich einen Namen als Literaturwissenschaftler machen will und gemacht hat.
… Das Praktikum hatte für mich weitergehende Konsequenzen: Prof. Mayer hatte ein verdammt schwieriges, nichtsdestoweniger interessantes Diplom-Thema für mich vorgesehen: Brechts Stellung zur deutschen Klassik. Zu dem Thema, das Ausmaße für eine Dissertation hatte, gab es kaum Sekundärliteratur. Eine Konsultation beim Meister war über alle Maßen kurz, es blieb keine Zeit, mehr als eine Frage zu stellen. Vielleicht auch hatte ich meine Frage falsch gesetzt, eingeschüchtert war man Mayer gegenüber ohnehin. Und Armin-Gerd Kuckhoff hatte kein Ohr für meine Sorgen mit Brechts Beziehung zur deutschen Klassik, ein damals für ihn völlig abwegiges Thema.“
Armin-Gerd Kuckhoff war in der Tat ein Stanislawki-Anhänger, über den in meinen Erinnerungen geschrieben steht:
„Armin-Gerd hatte sich mit Beginn seiner theaterwissenschaftlichen Laufbahn dem psychologisch-naturalistischen Illusionstheater von Konstantin Serge-jewitsch Stanislawski verschrieben, genauer gesagt: der Stanislawski-Methode, die fraglos den europäischen und auch amerikanischen Aufführungsstil nach dem New Yorker Gastspiel Stanislawskis mit dem Moskauer Künstlertheater 1923 nachhaltig beeinflusste. Uns Studenten und Studentinnen schien diese Methode zu stark ideologisch motiviert, jedenfalls in der Form, wie sie in der DDR damals gehandhabt wurde. Später öffnete sich auch die Leipziger Theaterhochschule dem großen Theatermann Brecht. Er war, gerade weil er sich vom Illusionstheater abwandte, unser Mann, das Berliner Ensemble ein Wallfahrtsort, eine Kultstätte, um ein abgegriffenes Wort unserer Gegenwartssprache zu gebrauchen.“
So ging es auch vielen Theaterstudenten und -studentinnen, die u.a. bei Kuckhoff studierten. Da gab es für sie nichts auszuspionieren. Keine Frage, sie werden Beobachtungsaufgaben zur neuen Art des Theatermachens gestellt bekommen haben, vielleicht sogar die Aufforderung, Unterschiede im Vergleich zur Methode des russischen Regisseurs und Theatertheoretikers Konstantin S. Stanislawski, die vor allem auf völlige Identifikation des Schauspielers/der Schauspielerin mit der Rolle beruhte, herauszufinden. Ich weiß natürlich nicht, welche Aufgaben die Studierenden von der Theaterschule im Reisegepäck hatten, aber eines weiß ich ganz gewiss, Prof. Dr. Armin-Gerd Kuckhoff hat keine Spione ins Berliner Ensemble geschickt, mag er in der fraglichen Zeit noch so sehr an einem Stanislawski-Katechismus gehangen haben. Und es bleibt dabei, was in meinen unerhörten Erinnerungen geschrieben steht. Nicht zuletzt unter dem Einfluss von Prof. Mayer, bei dem er später promovierte, fand Armin-Gerd auch zu Brecht, wenn auch kritisch.

Herr Breloer, ich gebe zu, die ausgewählten zwei Details, die mir besonders aufgefallen sind, mögen für Sie vielleicht Lappalien sein. Für mich nicht, weil sie sich einreihen in die befangenen Darstellungen von DDR-Wirklichkeiten. Ich weiß nicht, ob Sie das „große Porträt eines großen Intellektuellen“ anstrebten, wie es Wolfgang Höbel mutmaßt, „herausgekommen ist“, um noch einmal Höbel zu zitieren, in der Tat ein „wackliges TV-Stück über einen eitlen Geck und ewiggeilen Dichterfürsten“, der sich – und das sind jetzt meine Worte – in der DDR zu seinem kreativen Nachteil hat verbiegen lassen.

Ja, Ostdeutschland findet mal wieder statt

2019 24. März
von Helmut König

Vorbemerkung von Martin Löschmann:
Der diesem Blog bekannte Beiträger Helmut König hat vor Kurzem einen Kommentar zu Löschmanns Beitrag „Nachtigall, ich hör dir trapsen“ geschrieben. Da Königs Kommentar grundlegende Ausführungen zu der von ihm aufgeworfenen Problematik enthält, wird er in den Rang eines selbständigen Beitrags gehoben.

… Ich beziehe mich auf die von dir erwähnte Studien „Wer beherrscht den Osten“, vom MDR an die Leipziger Uni in Auftrag gegeben. Sie liegt mir vor. Ich habe sie auch durchgelesen. Große Neuigkeiten waren nicht zu erwarten, da wir ja mit diesem Blog eigentlich immer wieder auf die Problematik verwiesen haben. Jetzt so zu tun, als wäre die ostdeutsche „Elite“ nicht verfügbar, wie es auch andere Veröffentlichungen immer wieder zum Thema gemacht haben, ist schon bemerkenswert scheinheilig. Wenn dieser Umstand aber auch noch Verwunderung hervorruft, fehlen einem die Worte.
Du hast den Elitenwechsel und die Verdrängungsstrategie der ostdeutschen “ Elite“ durch westdeutsche „Helfer“ erwähnt, und wir haben dies alles hautnah erleben dürfen. Es ergibt sich die Frage, warum dieses Dilemma immer noch besteht, und wenn man der Studie glauben schenken darf, hat sich dieses ‚Manko’in einigen Bereichen sogar weiter vertieft. Auch das bezeugt die Studie, wenn sie die Jahre 2004 und 2015 vergleicht. Es ist kaum ein wesentlicher Erfolg hinsichtlich einer umfangreicheren Beteiligung ostdt. Eliten an der Gestaltung und Führung wesentlicher gesellschaftlicher Prozesse erreicht worden.
Meiner Meinung nach gibt es dafür mehrere Gründe:
Einer liegt darin, dass man vor allem Anfang der neunziger Jahre ostdeutschen Intellektuellen bzw. ostdeutschen “ Eliten“ politisch eliminieren wollte, weil sie eben zu lange loyal zur DDR stand.
Die in den Universitäten und Hochschulen z.d.Z. stattgefundenen Evaluierungsvorgänge waren ein Mittel, Führungspersonal auszutauschen.
Das war in erster Linie von der Politik genauso gewollt, wobei sogenannte „rote Listen“ bereits vorher „evaluierten“, wer auf keinen Fall weiter zu beschäftigen ist. Da spielten fachliche Eignungen eine zumindest untergeordnete Rolle. Auch das war gewollt, dass bestehende westdt. System des Hochschulwesens der ehemaligen DDR überzustülpen, ohne zu überlegen, wie man vielleicht auch neue Wege hätte gehen können.
Die Studie bescheinigt, dass es darüber „keinen gesellschaftlichen Diskurs“ gab.
Wie dieser Elitentausch stattfand, hat ein Beteiligter ziemlich selbstkritisch in der „Zeit“ vom 7. April 95 unter dem Titel „Verschleudert und verschludert. Ein Mittäter zieht selbstkritisch Bilanz“ dargelegt, wenn er von den „Minderbemittelten, Fußkranken und Bedächtigen, die am Wegesrand lagern, den müden Wiederkäuern und Uninspirierten“ spricht.. „Sie alle haben mit der Wende die große Chance erhalten. Häufig war sie zu groß für die geringe Fassungskraft der Begünstigten. …Unhabilitierte Sitzenbleiber eigneten sich von heute auf morgen den Habitus des Großordinarius von vorgestern an. …Ausgebrannte Heimwerker kostümierten sich als Fackelträger der Freiheit und berechneten den Ossis die Kosten“. Dieses Zitat von Prof. Dieter Simon, von 89 bis 92 Vorsitzender des Wissenschaftsrates, der maßgeblich an der Evaluierung ostdt. Hochschulen beteiligt war, trifft ziemlich genau das Problem, wenn auch etwas drastisch, aber er muss es ja wissen.
Wenn auch viele Osdt. geglaubt haben, dass eine Durchmischung von Personal stattfindet, wobei Ideen und Konzepte entwickelt werden, die die Gesellschaft voranbringen und in allen Teilbereichen „blühende Landschaften“ gemeinsam schaffen, so machte sich Mitte der neunziger Jahre immer mehr Resignation in der Bevölkerung breit, weil jetzt deutlich wurde, dass es eine Durchmischung unter dem Vorzeichen der Gemeinsamkeit nicht gab. Das führte u.a. dazu, dass die Ostdt. die Deutungshoheit über die weitere eigene Entwicklung verloren und sie sich fremdbestimmt fühlen. Was nicht zu weit hergeholt ist, wenn man in den neunziger Jahren durchaus von einer „Ostkolonisierung“ in Westdtl. sprach. Jürgen Agelow geht in seinem Büchlein „Entsorgt und ausgeblendet“ davon aus, dass „ca. 60% des Personals der ostdt. Hochschulen und ebensoviel der außeruniversitären Akademieforschung …sowie durch das Wirken der Treuhandanstalt- etwa 85% der Industrieforschung abgebaut“ wurden. (S.105)
Wenn die o.g.Studie feststellt: „Eine adäquate Repräsentanz der ostdt. Wohnbevölkerung in den ostdt. Eliten findet sich nirgends. Nur etwa 23% beträgt der Anteil Ostdt. innerhalb der ostdt. Elite – bei 87% Bevölkerungsanteil.“
Die Feststellung, dass man bundesweit nur 1,7% ostdt. Führungspersonal bei 17% Bevölkerungsanteil bundesweit findet, ist dann natürlich wenig überraschend.
Wenn man die gesamte mediale Veränderung im osdt. Einflussgebiet näher betrachtet, erkennt man klar, dass ein eigenständiger neuer medialer Aufbruch gar nicht zur Debatte stand. Was die betroffenen Ostdt. dachten und fühlten, wurde nur über die „westliche Brille“ vermittelt. So konnte beim besten Willen kein Miteinander – übrigens bis heute nicht – entstehen. Dazu Angelow: „Zwar hatte es im Herbst 89 Versuche gegeben, aus der Konkursmasse der DDR…eine eigenständige ostdt. Medienkultur mit eigenen Deutungsangeboten zu etablieren, doch diese Ansätze wurden von den westdt. Medienkonzernen postwendend unterbunden.“(S.119) Damit verloren die Ostdt. die Chance, einen adäquaten „professionellen Gegendiskurs“ (Angelow S.119) zu entwickeln.
Ohne auf die massive Deindustrialisierung durch die Treuhand im Osten näher einzugehen, ist zu fragen, was noch übrigblieb? Angelow präzisiert dies mit dem Hinweis, dass „parallel zur fast vollständigen Umverteilung der materiellen Güter, Liegenschaften und Vermögen sich ein ebenso massiver sozialer Enteignungsprozess der Ostdt. vollzog.“ Es nimmt also nicht Wunder, dass so viele Biografien ehemaliger Entscheidungsträger und ostdt. Intellekueller jäh
unterbrochen und sie so in vielen Fällen um ihre Lebensleistung betrogen wurden. Auch deshalb, weil sie keinen Einstieg mehr in den „ersten Arbeitsmarkt“ fanden. Die durch die wesdt. „Helfer“ besetzten Stellen waren für Ostdt. auf lange Zeit verloren und sollten es bis heute bleiben. Die „Helfer“ bildeten natürlich im Laufe der Jahre selbst Netzwerke, die für Ossis nur selten zu durchdringen waren und sind. Das trifft auch auf den ostdt. Nachwuchs zu, der im Zweifelsfall der westdt. Konkurrenz hintenangestellt wird. Auch in der besagten Studie geht man davon aus, dass dieser Prozess noch viele Jahre Bestand haben wird. Das heißt nichts anderes, als dass die Meinungsführerschaft in allen gesellschaftlich relevanten Fragen von Westdt. beansprucht wird. Die Ostdt. werden so marginalisiert und die Westdt. bleiben unter sich, eine Integration findet kaum statt. Da darf man sich nicht wundern, dass die Zustimmung der Ostdt. zu den Fragen, die die „Meinungsführer“ in den Medien und den politischen Institutionen anregen und beschließen, nicht euphorisch ausfällt. Der Graben wird so nur noch vertieft! Das ist das Ergebnis nach 30 Jahren des gesellschaftlichen Umbruchs auf dem Gebiet der ehemaligen DDR.

Nicht zuletzt wurde dieser Prozess durch die politische und moralische Überheblichkeit der westdt. Politik bzw. der Medien nach der Vereinigung begleitet, indem man den Ostdeutschen bescheinigte, nicht die anstehenden Veränderungen mit gestalten zu können, ihnen fachliche Kompetenz absprach und unterstellt, es mangele ihnen an Entscheidungskraft. Ich erinnere hier an unseren gemeinsamen, kürzlich verstorbenen „Freund“ Arnulf Baring, der sich über die „Verzwergung“ und „Verhunzung“ der Ostdeutschen in seinem Buch „Deutschland was nun“ breit ausließ. Mit seinem Zitat: „Ob sich heute einer dort Jurist nennt oder Ökonom, Pädagoge, Psychologe, Soziologe, selbst Arzt oder Ingenieur, das ist völlig egal. Sein Wissen ist auf weite Strecken völlig unbrauchbar“(S.59) hat er sich ein zweifelhaftes Denkmal gesetzt. Einen Aufschrei gegen dieses Elaborat jedoch, habe ich nirgendwo vernommen. A.a.O. lässt Baring Jobst Siedler folgende Aussage machen: „Mein Vergleich (gemeint war die DDR) läuft darauf hinaus, dass man nach 1945 im Westen nur Hitler und seine Herrschaftsinstrumente, die Spitzen der Partei und der SS beiseite räumen musste, und hinter all den Zerstörungen des Krieges kam eine wesentlich intakte Gesellschaft zum Vorschein.“ (S. 57) Im Umkehrschluss heißt das, dass es im Osten dagegen gar keine intakte Gesellschaft gab. Die musste man erst durch westdt. Helfer aufbauen, so der Tenor. Das geschah dann mit dem Beitritt der DDR nach Artikel 23 GG. Einen Gestaltungsspielraum für diesen Umbruch gab es für die Ostdt. damit nicht mehr, da die Rahmenbedingungen des Einigungsvertrages dies auch gar nicht vorsahen. Wie sagte Schäuble so treffend: „Aber hier findet nicht die Vereinigung zweier gleicher Staaten statt. Wir fangen nicht ganz von vorn bei gleichberechtigten Ausgangspositionen an.“

Auch Angelow geht in seinen Buch auf den Umgang mit den NS-Eliten in beiden dt. Staaten ein, in dem er schreibt: „In der Bundesrepublik war der Grad der Verquickung der alten NS-Eliten mit dem neuen System viel größer. …Viele der ehemaligen Nazis haben die Gesellschaft der BRD mit ihrer antikommunistischen Grundstimmung verseucht, …dass sie bis heute in der Gesellschaft nachwirkt, sodass man auf dem „rechten Auge“ oft etwas blinder ist als auf dem linken“ (S.63). Dies hat zweifellos das Misstrauen gegenüber den Ostdt. und ihrer Eliten verstärkt.
Inwieweit sich solche Ressentiments durch die wesdt. „Helfer“ in den östlichen Bereich auswirken, ist nicht quantifizierbar, aber wahrnehmbar schon. Dass eine DDR-Sozialisation per se jedoch dazu führt, rechtem Gedankengut zu verfallen, ist für mich nicht nachvollziehbar. Ohne Pegida oder AfD zu unterschätzen, meine ich, dass viele ihrer Anhänger enttäuscht von der 30jährigen „Erfolgsgeschichte“ des Einigungsprozesses sind. Und vergessen wir nicht, dass die Spitzenleute der AfD im Bundestag ebenfalls Westimporte sind.

Nachtigall, ick hör dir trapsen

2019 5. Februar
von Martin Löschmann

Nein, ich fange nicht an zu berlinern. Aber diese, auf ein altes, heute kaum noch bekanntes Volkslied „Frau Nachtigall“ zurückgehende Wendung (wie mich Wikipedia belehrt), drängte sich irgendwie auf. Immerhin soll es in Berlin 1500 Nachtigall-Reviere mit rund 3000 Exemplaren geben. „Das sind mehr als in ganz Bayern.“ (Morgenpost)

Ist Ihnen auch aufgefallen, der Osten, der Osten Deutschlands, die neuen Bundesländer, die Neufünfländer, Ostdeutschland, die östlichen Länder finden mal wieder in der offiziellen Politik und damit in den Medien größere Aufmerksamkeit als normalerweise?

Wie sich das zeigt?

Auf einmal – wie aus heiterem Himmel – wird festgestellt: „von aktuell 14 Unterabteilungen (in der Bundesverwaltung) werde lediglich eine von einem Ostdeutschen geleitet. (Klar zudem: ein Mann – ML). Außerdem kamen dem Sprecher zufolge seinerzeit von insgesamt 101 Referats-, Fachbereichs- und Sekretariatsleiterinnen und -leitern nur vier aus Ostdeutschland.“ *

Oh Schreck und kein Weh, die Präsidenten der obersten Ostgerichte sind sogar zu 100 Prozent Westdeutsche. Immer noch! Klar: Nur Männer.
Es gäbe noch -zig Beispiele, aber wozu sich um Details kümmern, wenn man doch weiß, zwei Drittel der Spitzenpositionen in Politik, Verwaltung, Justiz und Wirtschaft in Ostdeutschland werden von Westdeutschen besetzt. (Nach einer Untersuchung, die die Leipziger Universität im Jahr 2015 im Auftrag des Mitteldeutschen Rundfunks durchführte.*)

Das aber soll nun, ab jetzt, ab 2019 anders werden:
– Die Grünen fordern, mehr Bundesbehörden und Forschungseinrichtungen nach Ostdeutschland. Bravo – nach 30 Jahren endlich. Was Besseres ist Ihnen nicht eingefallen. Gegenrede: Besser als gar nichts!
– Die SPD will für die Ostdeutschen mehr soziale Gerechtigkeit durchsetzen. Oh, das klingt gut, mehr soziale Gerechtigkeit, aha, denn „Grundgerechtigkeit“ ist ja schon da. Herz, was willst du mehr, nur noch ein Luxusproblem: mehr, mehr, mehr Gerechtigkeit – und das schon nach 30 Jahren!
– Die Linke will die Ungerechtigkeit im Osten nicht hinnehmen. Klingt schon besser. Man kann von der Linken sagen, was man will, sie hat sich von Anfang an gegen den Kahlschlag ostdeutscher Eliten gewehrt. In dem Buch Gregor Gysi, Ausstieg Links* lässt sich Gregor Gysi fragen, was in der Geschichte von ihm eines Tages geblieben sein wird. Stolz hebt er seinen Anteil an der Überführung der Eliten aus der DDR in die Bundesrepublik Deutschland hervor. Wie wahr: „Es gab keine andere Partei, die sich dieser Aufgabe stellte. Übrigens zunächst auch kein Medium. Das war äußerst schwierig, und ich glaube, dass es einigermaßen gelungen ist.“ Nur Letzteres est dubitandum.

Sie fragen mich doch bestimmt nicht, warum in diesem Jahr solch auffällige Geschäftigkeit gen Osten?

Die Antwort liegt zu offensichtlich auf der Hand: Es ist nicht Showtime, das auch, im Herbst 2019 wählen Sachsen, Brandenburger und Thüringer neue Landtage.
Es ist geradezu unabdingbar, man muss sich in Position bringen, anders geht es nicht. Aber ob man durch solche ad hoc-Enthüllungen, Forderungen und Versprechungen punkten kann, ob man auf diese Weise die Wähler zuhauf gewinnt und etliche von der AfD zurückholt, möchte ich bezweifeln. Nicht zuletzt deshalb, weil die westdeutsche Fremdbestimmung, die Nichtanerkennung in der DDR entstandener Biografien, die sich jenseits der verhältnismäßig kleinen Opposition, die nicht genug gewürdigt werden kann, entwickelten, haben tiefe Spuren hinterlassen. Und die können nicht allein durch vermeintlich gute Forderungen 30 Jahre später beseitigt werden. Schon gar nicht, wenn man sich nicht ehrlich damit beschäftigt, wie sich das Wahlverhalten in den ostdeutschen Ländereien und warum es sich so entwickelt hat. Solange man hinter vorgehaltener Hand DDR mit „der dumme Rest“ identifiziert, wird sich die ‚Flüchtlingsbewegung‘ nicht nur weiter in Richtung Westdeutschland bewegen, sondern auch hin zur AfD.
Es muss einfach zu denken geben und es gibt inzwischen, wenn auch offensichtlich nicht genügend Menschen, die sich fragen, warum die westdeutsche Elitendominanz nach 30 Jahren immer noch herrscht. Darüber lässt sich freilich trefflich streiten. Einer der Gründe scheint mir plausibel der folgende zu sein:
Der zum Teil staatlich sanktionierte unlautere Verdrängungskampf im Prozess der Wende, der bekanntermaßen dazu führte, dass sogar international anerkannter Vertreter und Vertreterinnen der DDR-Elite ausgeschaltet, an die Peripherie gedrängt wurden oder sich gezwungen sahen, neue, andere Wege zu beschreiten. Die, die sich im Osten mit rabiater Gewalt und kräftigem Ellenbogen durchsetzten, besser: festsetzten, waren dabei mit Verlaub häufig nicht gerade die Besten. Sie sicherten ihre Pfründe mit aller Macht und allen Raffinessen. Bei Ausschreibungen z.B., die unverzichtbar sind, lassen sich die Vergaben unter der Hand oft nicht nachweisen. Ein westdeutscher Intelligenzler macht doch keinem ostdeutschen Platz, den hat er ja womöglich vor Jahr und Tag höchstpersönlich in die Wüste gejagt.
Überdies: Der Vergleich mit Kolonialherren hinkt, hinkt sehr, aber zu einem Teil dann wiederum auch nicht: Die sich aus der bewussten, mit viel Geringschätzung, auch Diffamierung ostdeutscher Eliten verbundene bewusste Etablierung westdeutscher Eliten zweiter Klasse ohne Ansehen der Person im Geläuft der Wende erneuert sich aus sich selbst.
In diese Vorgänge muss man hineinleuchten, ohne Besinnung auf die historischen Vorgänge, die zu Enttäuschung, Verzweiflung, Negierung der Verbesserung der Lebensbedingungen im Osten führten, wird es kaum gehen. Fehlersuche allein hilft da noch nicht weiter, denn es handelte sich um die klar erkennbare Strategie der CDU/CSU zur Verteuflung der DDR-Eliten, die leider von der SPD mitgetragen wurde.

Wie sie sich im Falle des Herder-Instituts in Leipzig auswirkte, kann man in diesem bescheidenen Blog nachlesen, Sie liegen nicht falsch, wenn mein letzter Satz noch einmal die Nachtigall aufruft, und Sie sie trapsen hören.

Nachtrag:
Und wie passt mein Kommentar vom 4. Februar 2019 zu den obigen Ausführungen?

Ich gebe zu, das Thema Plagiate ist für mich abgehakt, wohlwissend, die Vorwürfe und Aberkennungen von Doktorgraden werden vorerst nimmer aufhören. Doch das Spiel mit der Raterei, wer ist der nächste Kandidat, ist aus, aus, aus.
Indes: Spiegel online überfliegend, stoße ich am 4. Februar auf die Meldung und kann es nicht lassen, sie in den Blog zu transformieren:
FU Berlin entzieht dem durchaus bekannten Berliner CDU-Politiker Frank Steffel wegen Plagiate den Doktortitel.
Es sind vor allem Politiker und Politikerinnen aus dem Westen, die es trifft. Doch mal eine erfreuliche Nachricht.
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*http://www.ostsee-zeitung.de/Nachrichten/Politik/Neue-Abteilungsleiter-der-Bundestagsverwaltung-sind-ausschliesslich-Westdeutsche)
*http://www.ostsee-zeitung.de/Nachrichten/Politik/Neue-Abteilungsleiter-der-Bundestagsverwaltung-sind-ausschliesslich-Westdeutsche
*Gegor Gysi, Ausstieg Links? Eine Bilanz. Nachgefragt und aufgezeichnet von Stephan Hebel. Frankfurt/Main: Westend 2015, Ebook Edition, S. 31f.

Die Suche geht weiter – Jetzt geht es um die Zweigstelle Radebeul

2018 18. September
von Martin Löschmann

sehr geehrte damen und herren,

ich lebe in radebeul und lernte hier durch zufall herrn ali showkat
(ehemals bangladesch, jetzt kanada) kennen, der im rahmen einer
rundreise durch europa auch das ehemalige herder-institut radebeul
aufsuchte, an dem er 1976 drei monate lang deutsch gelernt hatte. er
wollte bei dieser gelegenheit auch frau ingrid und herrn günter
(günther? gunter? gunther?) rosenkranz besuchen, die damals in diesem
radebeuler instutut gearbeitet und auch in der hiesigen borstraße
gewohnt haben. leider konnte keiner der heutigen nachbarn sich an diese
familie erinnern. herr showkat bat mich inständig, die suche fortzusetzen.

nun stieß ich auf ihren blog und hoffe, dass sich jemand an herrn
und/oder frau rosenkranz erinnert und einen hinweis geben kann, wo die
beiden heute wohnen (bzw. ob sie noch leben).

für ihre unterstützung bedanke ich mich in herrn showkats namen ganz
herzlich im voraus.

kerstin zimmermann

Wer kann helfen?

2018 7. September
von Martin Löschmann

Sehr geehrter Prof. Löschmann,

ich bin so glücklich, diesen Blog (http://herderblog.net) zu finden und Sie zu kontaktieren.
Mein Name ist CHANG und werde in naher Zukunft eine Doktoratsstudie in Berlin an der FU Universität beginnen.
Mein Dissertationsthema bezieht sich auf das „Herder-Institut, Ausländerstudium (1952 ~ 1962)“ in der DDR-Zeit und
besonders über „Nordkoreaner“ unter den Ausländern, die zu dieser Zeit in der Universität Leipzig studiert haben.

Zurzeit suche ich nach damaligen Dozenten in der Karl-Marx-Uni, Leipzig oder den Leuten,
die mit nordkoreanischen Studenten etwas zu tun haben (1952 ~ 1962).
Auch sammle ich zu dieser Zeit die Daten über nordkoreanischen Studenten.

Vielleicht kennen Sie die Leute, die mir in dieser Hinsicht helfen können?
oder haben Sie irgendwelche Informationen, die Sie mir geben können?
Als Referenz wohne ich im Moment in Berlin.

Vielen Dank!
Ich warte auf Ihre Antwort.

Mit freundlichen Grüßen

NamJu

Löws zweite große Niederlage

2018 25. Juli
von Martin Löschmann

Nun endlich hat sich Özil geäußert und das gleich gut strukturiert, dreimal an einem Tage, am für Christen heiligen Sonntag. Die letzte Wortgruppe meines Auftaktsatzes könnte in diesen Tagen schon als Ausgrenzung gelesen werden: Die Rede ist von einem Moslem, der unseren Sonntag für seinen Auftritt missbraucht. Doch nicht desgleichen ist gemeint, einfach eine leicht ironische Wendung, die womöglich im Falle von Özil jetzt und hier auch nicht angebracht ist.
Solche Skrupel hat der grobschlächtige Hoeneß, seines Zeichens Chef der besten Fußballmannschaft Deutschlands, nicht: Er nennt Özil einen „Alibi-Kicker, der seit Jahren Dreck spielt“. Das ist AFD-Jargon der übelsten Sorte und verdeckte Wahlhilfe für die CSU obendrein. Özil zum Abschuss freigegeben, Özil nunmehr ein verlorener Sohn der Integration, Özil ein Unangepasster, Özil einer mit zwei Herzen, das eine für die Türkei, das andere für Deutschland, Özil ein Instrumentalisierter, ein Ankläger. Ein Aufräumer vielleicht, leider noch nicht, auf jeden Fall aber wird sein Auszug aus der Nationalmannschaft Fol-gen haben, auch personelle im Fußballverband hoffentlich. Das gehört doch zum Spiel des Systems, in dem es zu solchen Eklats kommen kann. Ölzis Botschaften treffen den deutschen Profisport und damit pars pro toto die deutsche Gesellschaft, die beherzte, mitten ins Herz.

Ich will Ölzis Einspruch und Widerspruch nicht im Einzelnen kommentieren, zumal ich den Eindruck habe, seine Äußerungen sind Ausdruck einer ins Mark gehenden Instrumentalisierung seiner Person, die sich fraglos auf ihn diskriminierende Gegebenheiten stützen kann. Da ist ein gezielter Schlag ausgeteilt worden, der sorgfältig vorbereitet worden ist. Der Vater hatte ja schon vor Tagen empfohlen, der Nationalmannschaft Ade zu sagen. Und Herr Joachim Löw will wie Mackie Messer von all dem nichts gewusst haben.

Der Schlag hat gesessen. Der internationale Image-Schaden ist immens, noch wird er kleingeredet, um Schadensbegrenzung bemüht. Doch er ist bereits sichtbar und wird nachhaltig sein. Es ist einfach zu offensichtlich, dass Özil zum Sündenbock gemacht werden soll. Was war denn geschehen?
Gut, dieses Foto mit dem Präsidenten der Türkei ist durchaus problematisch, meinetwegen auch kritikwürdig. Deswegen jedoch ein solches Fass aufzumachen. Kann/muss ich von jedem Mitglied der Nationalmannschaft erwarten, dass es politisch ist. Dass Özil vielleicht unüberlegt gehandelt hat, dass er den Kodex des Verhaltens während eines Wahlkampfes nicht beachtet hat, u.U. auch nicht kennen wollte? Bitte, die Türkei ist immer noch Mitglied der NATO. Reicht das zur Legitimation von Özil nicht?

Mir kommt die ganze Özil-Geschichte bekannt vor: ein Sündenbock muss her. Bierhoff und Grindel sind dafür beredte Beispiele. So wie die Weltmeisterschaft für Deutschland gelaufen war, konnte die Herausnahme seines Führungsspielers durch Löw beim zweiten Spiel gegen Schweden als Verstärker der Sündenbock-Zuweisung verstanden werden. Allein, die Herausnahme könnte auch sportlich begründet gewesen sein. Dass der Trainer, der ja auf jeden Fall auch Pädagoge und Psychologe sein sollte, nicht in der Lage war, seinen Lieblings-Spieler, seinen Führungsspieler, seinen Schlüsselspieler davor zu bewahren, sich derart zu verrennen und missbrauchen zu lassen, ist für mich ein weiteres Indiz dafür, dass Löw auf der ganzen Linie gescheitert ist. Es ist seine zweite schwere Niederlage, die keinen Revanche-Kampf zulässt.

Verdiente Häme?

2018 28. Juni
von Martin Löschmann

Von all den WhatsApp-Sprüchen, die mich unmittelbar nach dem schmählichen Ausscheiden der deutschen Fußballmannschaft aus dem Kampf um den Weltmeistertitel 2018 erreichten, stimmten mich die folgenden zwei nachdenklich
In Russland nicht weiterkommen.
Deutsche Tradition seit 1943.

Putin: Keine Sorge, Deutschland hat noch nie in Russland gewonnen.

Eines steht fest, nach einer solchen Niederlage muss der Chef seinen Hut nehmen.
Dass er es nicht unmittelbar nach dem Ausscheiden getan hat, zeigt nur, dass er schon länger nicht mehr der richtige Trainer war.
Sich vor der Weltmeisterschaft sein stattliches Salär bis 2022 zu sichern, war ein Fingerzeig dafür, dass er sich seiner Sache nicht ganz sicher war.
Ob das der Mannschaft aufgefallen ist?

3.Juli 2018:
Die Nachricht des Tages:Joachim Löw macht weiter. Ich auch.
Er ein Spiegel dieser Gesellschaft. Ich eher einer, der – offensichtlich im Gegensatz zu ihm – nicht behaupten kann, noch Land zu sehen.

Mein Unmut muss sich hier Luft schaffen:
Den letzten Platz in der Vorrunde, was es noch nie in der deutschen Fußballgeschichte gegeben hat.
Und der Trainer, der dieses Debakel zu verantworten hat, soll es nun wieder richten, weil er und sein Verband es so wollen, und er natürlich auch.
Lässt da eine bestimmte Art von Korruption grüßen?

Ein Mann, der die Mannschaft Selbstgefälligkeit und Hochmut gelehrt und vorgelebt hat, was bekanntlich zum Fall führt.
Ein Mann, der gewiss seine Verdienste hat, sie aber im letzten Jahr fraglos verwirkt hat.
Ein Mann, der dem Kommerz erlegen und selbst in der ‚heißen‘ Vorbereitungszeit der Werbung zur Verfügung stand (und sicher gern weiter zu Diensten sein wird).
Ein Mann, der mit den Nationalspielern Gündogan und Özil über den gleichen Berater verbandelt ist.
Ein Mann, der einen hochbegabten und in England erfolgreichen Spieler nicht mitnimmt, offensichtlich,weil der nicht in das in die Jahre gekommene Spielsystem „Ballbesitz first“ passt.
Ein Mann, der stolz auf seine Fußballphilosophie ist, die nach allen Regeln der Kunst in Russland zerpflückt wurde, hat die Stirn,den Karren weiterziehen zu wollen.
Ein Mann, der das Fan-Volk schon über ein Jahr zum Narren hielt, einen Großteil der Medien auch und folgten dem Schellengeläute.
Die Mehrheit dieser Fangemeinde will seinen Rücktritt – doch er kehrt eigentlich satt zu den Futtertrögen zurück.
Weiter so: WIR SCHAFFEN ES!

Er, der Löw, wird es aber sicher auf die Dauer – und das heißt hier erst einmal nur bis zur Europameisterschaft – nicht mehr schaffen.
Zu Tief der Fall der Mannschaft. Sein Abtauchen wird ihn nicht retten, so hoffe ich jedenfalls.

21.07.2018
Haben sich schon alle Vertreter der Fußball-Oberschicht zum Fall der Nationalmannschaft geäußert?
Sicherlich nicht, aber die sich bisher zu Wort gemeldet haben, darunter die Bayern-Fürsten, eiern so um den Löw herum,
dass einem die Tränen kommen. Einem der Fürsten ist jetzt das Wort Dankbarkeit eingefallen: Man müsse ihm, dem Löw, dankbar sein für die
erzielten Erfolge. Wer meinen Text oben liest, wird feststellen, die Erfolge bleiben ihm unbenommen. Dafür können ihm die in München ein Denkmal setzen,
aber nach dem Reinfall kann es mit einem der Verursacher des Desasters keinen Neuanfang geben. Wahrscheinlich haben die gemeinten Herren kein Maß für die Fallhöhe und sind nicht mehr in der Lage, das Leistungsmaß zu sehen. Halt ältere Männer, allerdings noch keine alten Männer wie ich einer bin.

Ein Schelm, wer Arges dabei denkt

2018 3. Mai
von Martin Löschmann

Ich weiß, der authentische Spruch ersetzt Arges durch Böses.
„Honi soit qui mal y pense.«, heißt er bei Google. Nur bei mir hat sich halt Arges festgesetzt.

Wer hätte das gedacht, eine wirklich abgewetzte Wendung, die mir wieder einmal einfiel, als ich davon hörte, dass China der Geburtsstadt von Karl Marx, zu dessen 200. Geburtstag am 5. Mai eine über 5 Meter hohe Karl-Marx-Statue schenkt, schon geschenkt hat, denn sie ist am 1. Mai, an dem diese kargen Zeilen geschrieben werden, schon am Bestimmungsort. So richtig witzig fand ich dabei, der Künstler Weishan Wu wird befragt, ob der nachdenkliche Marx im Gehrock auf einem runden oder eckigen Sockel stehen soll. Der Künstler antwortete, ohne zu zögern: ein runder Sockel. Ich selbst hätte traditionsgemäß für einen eckigen plädiert, aber ich werde die Entscheidung des Künstlers respektieren, schließlich hat sich der Trier Stadtrat mehrheitlich für das Monument ausgesprochen, das unweit der Porta Nigra mit dem runden Sockel als Eigenleistung aufgestellt werden soll.

Karl-Marx-Denkmäler gibt es in Deutschland wie auch anderswo, aber von einem Chinesen konzipiert nur in der Porta-Nigra-Stadt.
Ich erinnere mich noch gut an die Wende, da wurde Marx zum Unrat erklärt. Man durfte den Namen nicht in den Mund nehmen. Marx ein Anlass zur Stigmatisierung. Das musste auch Sahra Wagenknecht erfahren, die sich zu dieser Zeit an der Uni mit Marx wissenschaftlich beschäftigte und ihre Abschlussarbeit über Hegel und Marx am Ende des Studiums nicht an der Humboldt-Universität verteidigen durfte. Die Reichsuniversität in Groningen indes machte es möglich. Übri-gens, haben Sie das gewusst? Frau Wagenknecht durfte in der DDR nicht studieren. (Einen Tag später bietet Spiegel Online ein Quiz anlässlich des Geburtstages von Marx an: Kennen Sie Ihren Marx?. Ich beantworte alle 16 Fragen richtig und bekomme einen mitteilenswerten, weil humorvollen Kommentar, wonach man gar nicht erwartet habe, dass sich Frau Wagenknecht diesem Quiz unterziehen würde.)

Jahrzehnte bin ich am Bronze-Relief „Aufbruch“, in das Karl Marx integriert ist vorbeigegangen, -gelaufen, -gehastet, -gerannt, -geschlichen. Es gab eigentlich keinen triftigen Grund gerade die Leipziger Universität mit dem Namen dieses Philosophen zu beschweren. Ich hätte schon Verständnis gezeigt, wenn das Kunstwerk in irgendeinem Archiv verschwunden wäre. Doch nein, seit 2008 kann man es mit einem Erläuterungstext am Campus Jahnallee beachten, besichtigen, betrachten, bewundern, bestaunen, beurgrunzen – beschmieren, besudeln. Also noch einmal: Wer hätte das gleich nach der Wende gedacht.

Karl Marx lässt sich nicht vom Sockel stoßen, zum toten Inventar in Archiven totschweigen. Braucht es noch weiterer Belege? Vielleicht doch:
die mit Sockel über 13 Meter hohe Plastik (‚Nischel‘) in Chemnitz mit dem bekannten Text aus dem „Kommunistischen Manifest“ Proletarier aller Länder vereinigt euch!, das Kuriosum in Fürstenwalde: erst Bismarck, dann Marx, die Gedenktafel wird gestohlen, was tun? – zurück zu Bismarck? Nein, seit 2003 ist wieder Marx zu sehen.

Wie viele Male mag ich inzwischen am Marx-Engels Denkmal mit dem Fahrrad, heutzutage mit einem Faltrad, vorbeigefahren sein. Gut, das interessiert keinen, aber vielleicht, dass es 2010 versetzt wurde und seither schauen MARX und ENGLS gen Westen, nicht wie noch zu DDR-Zeiten nach Osten.
Man kann Arges dabei denken, muss es aber nicht.

Zweiter Schluss. Marx und Engels schauen in Berlin nunmehr gen Westen und verkünden mit Elmar Altvaters Arbeit: „Das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen“*.

* Verstarb im Jahr des 200. Geburtstages von Marx

Verspätete und notdürftige Anmerkungen zu einem langen Interview

2018 25. Januar
von Martin Löschmann

Freunde haben mich auf dieses Interview vom 20. Dezember des vergangenen Jahres aufmerksam gemacht: Du interessierst dich doch dafür, was so zum Hochschulwesen der DDR gesagt oder geschrieben wird. Hier spricht einer, dessen Wissenschaftskarriere in der DDR begann und der mit seiner Heirat 1998 als Wissenschaftler-Ehemann der Bundeskanzlerin ins Rampenlicht der Öffentlichkeit geriet.

Warum nicht? Bevor ich das Interview überfliege, stutze ich erst einmal: Dies soll ein großes Interview sein? Ungewöhnlich lang ist es auf jeden Fall, geht es doch über eine ganze Zeitungsseite. Worin aber das Große dieses Interviews besteht, erschließt sich mir beim Überfliegen nur bedingt. Also genauer lesen.

Zwei Argumentationsebenen bieten sich an. Groß, weil ein großer Wissenschaftler zu Worte kommt, nämlich der 68-jährige Quantenchemiker Prof. Dr. Joachim Sauer, der ganz offensichtlich Beachtliches an wissenschaftlichen Leistungen hervorgebracht hat und diese Leistungen, nicht ganz uneitel, ins richtige Bild rückt. Seine Auszeichnungen – Respekt einflößend. Das geht gelegentlich so weit, dass man den Eindruck gewinnen könnte, dieser verdienstvolle Wissenschaftler sei bisher nur kurz am Nobelpreis vorbeigeschrammt. Jedenfalls beschäftigt er sich mit einem Gebiet, auf dem der Berliner Forscher Gerhard Ertl einen Nobelpreis erhielt. „Während Ertl sich mit Metallen befasste, geht es bei meiner Forschung – gemeinsam mit zahlreichen Berliner Kolleginnen und Kollegen – um Metalloxide, die auch katalytisch aktiv sind.“ Klar, dass auf diesem Feld womöglich kein weiterer Nobelpreisträger folgen kann, weshalb uns Prof. Sauer auch erklärt, Nobelpreisträger sind nicht die einzigen „tollen Wissenschaftler“. Traun für wahr, wer wäre auch so vermessen, große, verdienstvolle Wissenschaftler erst beim Nobelpreis anzusetzen.
Die zweite Ebene wäre die Privatsphäre. Groß, weil er seit 1998 verheiratet ist mit der Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel und sich als Interviewpartner bisher rargemacht hat:
„Der 68-jährige Quantenchemiker steht nicht gern im Rampenlicht, schon gar nicht in der politischen Öffentlichkeit. Denn, und darauf legt er größten Wert, er ist Wissenschaftler … Abgesprochen ist, dass es um seine Forschung und seine Karriere gehen soll.“ Liest man das Interview, erkennt man problemlos, dass er sich nur zu hochschulpolitischen, also nur zu i.w.S. politischen Fragen äußert. An einer Stelle, wo es um die DDR-Zeit geht, verlässt er schon den hochschulpolitischen Raum; immerhin spricht er von einem „politisch Gleichgesinnten“, nämlich dem späteren tschechischen Akademiepräsidenten Rudolf Zahradnik.

Ist das Interview vielleicht deshalb in den Augen der beiden Interviewer, Juliane Meissner und Torsten Harmsen, so groß, weil man Herrn Sauer aus der Reserve gelockt hat. Klar, zur aktuellen Politik seiner Frau äußert er sich auch hier nicht. Wäre ja auch noch schöner, die eigene Frau in der Öffentlichkeit womöglich in Erklärungsnöte zu bringen. Da wird sie wohl ein Wörtchen mitgeredet haben, dass sie außen vor bleibt. Ich würde jedoch nicht so weit gehen, dass sie sein Interview vor der Freigabe gelesen oder gar hat prüfen lassen. Wäre das geschehen, dann wären die zahlreichen Ungereimtheiten zweifelsohne beseitigt worden. Zum Beispiel die ganz harmlose: Ein Professor in Berlin müsse neun Semesterstunden pro Woche lehren, das bedeutet aber m.E. mitnichten, „dass man jeden Tag eine zweistündige Vorlesung hat.“ Krasser wird es schon, wenn es um seine wissenschaftliche Laufbahn in der DDR geht.

Also, Herr Sauer geht zur Vorbereitung seiner Abschiedsvorlesung und auch wegen eines persönlichen Jubiläums ins Archiv der Humboldt-Universität, um sich „noch einmal … die Unterlagen der Immatrikulationsfeier von 1967“ anzuschauen, um danach die umwerfende Schreckensmeldung in die Welt hinausposaunen zu können: „Ich habe sie (gemeint ist seine Immatrikulationsfeier – ML) nie vergessen, weil man uns damals in Angst und Schrecken versetzte. Es wurde einem als jungem Studenten klargemacht, dass man in diesem Land kein Bein auf die Erde bekommen würde, wenn man nicht an die Partei und das System glaube und dafür eintrete.“

Sehr geehrter Herr Sauer, darf ich Ihnen unbekannterweise schreiben, dass ich auch mal jung war und kaum glauben kann, dass Sie als junger Mensch, der immerhin eine DDR-Oberschule besucht hatte „Angst und Schrecken“ verspürt haben wollten, ich hätte eher eine Haltung erwartet: Das lassen wir über uns ergehen./Das können die sich sparen./Wieder dieser rote Mist. Oder so etwas Ähnliches, aber Angst und Schrecken? Gut, Sie mögen so ein ängstlicher vorausschauender Typ gewesen sein, aber ist es nicht anmaßend von Ihnen, hier das ICH durch ein WIR zu ersetzen, ohne es näher zu bestimmen?
Die Interviewer müssen gespürt haben, hier lässt einer womöglich zu viel gewollten politischen Dampf ab und sie fragen: „Sie waren schon mit 25 Jahren Doktor. Wie haben Sie das geschafft?“ Man ist geneigt zu ergänzen – trotz aller Angst und allen Schreckens.

Als Antwort fällt dem Herrn Professor nur ein, dass er Glück gehabt habe. Dass dieses Glück nicht nur er hatte, sondern eine ganz beachtliche Gruppe von ausgezeichneten Studenten und Studentinnen, verschweigt er: „Abitur mit Facharbeiterbrief und eine Hochschulreform“ in seinem Immatrikulationsjahr. Richtig: In der DDR wurde damals ein Forschungsstudium eingeführt, in dem man „sofort nach vier Jahren Studium und Ablegen der Hauptprüfungen in die Promotion einsteigen konnte.“ Ein Novum, das sich im Laufe der Zeit bewährt hat. Doch dazu kein Wort: halt nur ein Glücksfall. Oder soll ich die Passage so lesen: Das Forschungsstudium ein Glücksfall in der DDR?
Gewiss, eine Schwalbe macht bekanntlich noch keinen Sommer, aber in diesem Blog hier kommt eine ehemalige Forschungsstudentin zu Wort. Sie hat ein solches Forschungsstudium, das ja vergleichsweise gut bezahlt wurde, auch als Glücksfall empfunden, aber kann es im Gegensatz zu Prof. Sauer unvoreingenommen gesellschaftlich verorten. Es war halt ein Ergebnis der III. Hochschulreform, und kam nicht nur SED-Mitgliedern zugute und natürlich auch solchen Studierenden, die sich nur loyal verhalten haben. Ich denke mal, dass Herr Sauer ein solches Verhalten gezeigt hat. Dieses Verhalten aber mit dem des Schauspielers,Regisseurs und Intendanten Gustaf Gründgens, wie es in István Szabós Verfilmung von Mephisto (Roman von Klaus Mann) gestaltet ist, zu vergleichen, ist für mich schon problematisch, weil die DDR kein faschistischer Staat war. „Der Protagonist war ein deutscher Schauspieler, und er wollte es auch bleiben. So war es auch bei mir: Man ist Wissenschaftler und steht vor der Frage, wie viel man tun muss, um Professor an der Universität oder Abteilungsleiter in der Akademie zu werden. Ich muss nicht unbedingt Personalverantwortung haben – das ist mir eher unangenehm. Aber ich wollte auch niemanden haben, dem ich Rechenschaft schulde in den nicht-formalen Dingen.“ (https://www.berliner-zeitung.de/29338036 ©2018) Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Ein Abteilungsleiter an der Akademie der DDR soll in „nicht-formalen Dingen“ nicht mehr zu Rechenschaft gezogen worden sein. Schön wär’s gewesen!
Wer sich mit der Entwicklung (Abwicklung?) im Hochschulbereich in den Zeiten der Wende eine wenig befasst hat, weiß natürlich, dass sich einige Professoren neben den tatsächlich Oppositionellen inszenierten. Ich will Herrn Sauer nicht unterstellen, dass er sich nicht oppositionell betätigt hat, aber zu behaupten, er habe einen „Hammer“, wenn auch „kleinen“, heraushängen lassen und dann nicht mal mehr zu wissen, worin dieser konkret bestand, finde ich schon kläglich.
Ja, es war furchtbar, wenn Wissenschaftler nach einem SED-Parteitag aufgefordert wurden, zustimmende ‚Jubelkommentare’ abzugeben. Ich fühle das heute noch nach. Selbst wenn man davon absieht, dass man sich da auch mit viel Geschick gelegentlich herauswinden konnte, bleibt dieses Ansinnen einfach hirnrissig. Prof. Sauer beugte sich dem Zwang, baute aber einmal eben einen „kleinen Hammer“ ein. Ehre, wem Ehre gebührt, nur wenn sogar das emotionale Gedächtnis ihn verlässt, können sich beim Leser schon Zweifel einstellen:
„Wissen Sie noch, was dieser ‚Hammer‘ war? fragen die Interviewer. „Ich habe den Text leider nicht mehr, ich habe ihn schon oft gesucht.“ Keine Frage, je älter man wird, desto mehr sucht man, obwohl man normalerweise kein Suchender mehr ist. Seine Erinnerungsstücke bleiben ohne den authentischen Text vage und nur bedingt verdächtig, weil er die Brisanz seines „Hammers“ nicht mal andeutungsweise in seiner Erzählung einsichtig machen kann. Überhaupt fragt man sich, für welche Öffentlichkeit ist dieses Interview eigentlich gedacht.

Auch die Andeutungen über seine Begegnungen mit der Stasi bleiben vage, bestenfalls kafkaesk, aber gut, die Stasi war eine undurchschaubare Übermacht, wer wollte dies in Frage stellen. Nicht in Frage stellen möchte ich indes den Verdacht, dass es selbstredend Bestrebungen ausländischer Geheimdienste gab, den BND eingeschlossen, herausragende Wissenschaftler aus der DDR abzuwerben. Durchaus denkbar, dass man den großen Wissenschaftler Sauer auf dem Schirm von Geheimdiensten hatte. Überhaupt werden bestimmte Problematiken sehr oberflächlich, aber im Trend liegend angerissen. Eine unselige Praxis war die Qualifizierung als Reisekader, der Schreiber kann davon auch ein schlimmes Lied singen, aber er hat in diesem Blog einzelne Strophen dazu veröffentlicht. Wie sollen heutige Lesende den Begriff Reisekader verstehen. Selbst mir als Eingeweihtem bleibt einiges im Falle von Herrn Sauer unklar. Offensichtlich durfte der Interviewte ins sogenannte sozialistische Ausland reisen, aber nicht ins nichtsozialistische, sprich in den Westen, allerdings ab September 1988 schon. Wie denn nun? Wir, die Leser, erfahren nicht, warum diese Erhebung in den Adelsstand eines Westreisenden auf einmal erfolgte. Jedenfalls so viel ist unumstritten: Wer in der Opposition in der DDR war, bekam diesen Reiseadelstitel bis zum Ende der DDR nicht.

Wie es auch sei, es kann nur zu Ihrem Nutz und Frommen sein, Herr Prof. Sauer, wenn Sie sich mit Ihrem Freundkollegen Rudolf Zahradnik einig waren, „dass dieses System untergehen muss.“ Ehrlicherweise geben Sie zu, Sie hätten nicht zu hoffen gewagt, dass es zu Ihren Lebzeiten passieren könnte. Ich übrigens auch nicht, Kanzler Kohl und viele andere ebenso nicht. Da waren Sie beide beileibe nicht die einzigen, die solche Gedanken hegten. Aber ist es nicht eigentlich anerkanntes Ideengut: Alles fließt, nichts ist ewig. Oder auf ein Gebiet bezogen, auf dem ich gearbeitet habe:“Eine Kultur, die sich nicht länger verändert, ist tot.“ (François Jullien, französischer Philosoph)
Jedes gesellschaftliche System geht irgendwann zu Ende, indem es sich verändert – wie auch immer, auch das gegenwärtige hat keinen Ewigkeitsbestand, wenngleich uns die Volksparteien mit ihren Journalisten dies suggerieren wollen. Wenn man den führenden Zeitschriften glauben darf, erleben wir gegenwärtig den Niedergang des „Merkel-Systems“, was immer man darunter verstehen mag. „Selbst wenn Merkel sich jetzt noch einmal in eine schwarz-rote Regierung rettet: Ihre Zeit neigt sich unweigerlich dem Ende zu. So wie vor 30 Jahren die Zeit des Kommunismus. Und knapp zehn Jahre später die von Kohl.“ (Ludwig Greven, ZEIT ONLINE 14. Jan. 2018). Aber das nur nebenbei.
Freilich für den Untergang des gesellschaftlichen Systems der DDR gab es natürlich ganz andere und weitaus zwingendere Argumente. Sie, Herr Sauer, hatten und haben gute Gründe dafür, dass das Hochschul-, das Wissenschaftssystem der DDR untergehen musste. Das ist Ihr gutes Recht, aber dass Sie im Gegensatz zu vielen Intellektuellen aus Ost und West die Säuberungsaktionen nach der Wende mit keinem Wort für erwähnenswert halten, geschweige denn problematisieren, überhaupt jedwede kritische Stimme zum Vorgehen bei der „Wiedervereinigung der Wissenschaft nach dem Mauerfall“ ignorieren, zeigt nur, dass Sie sich politisch eindeutig einseitig positioniert haben. Das geht so weit, dass Sie Ihre Akademiezeit indirekt schlechtreden. „Erst nach der deutschen Einheit konnte ich an die Humboldt-Universität zurückkehren, wo ich 1993 zum Professor berufen wurde.“ Die Akademie der DDR als Hinderungsgrund für eine universitäre Karriere, das habe ich trotz meines relativ langen Lebens noch nicht gehört. Ich kenne einige Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, die ihre Berufung in die Akademie der Wissenschaften als Wertschätzung auffassten – eigentlich will mir so gar niemand einfallen, der es nicht so sah – und nicht selten froh waren, dass sie sich dort weniger mit Studierenden ‚herumplagen‘ mussten und sich mehr mit ihren wissenschaftlichen Arbeiten befassen konnten. Sie mögen gezwungen worden sein, Mitglied der Akademie zu werden, aber das wäre ein Ausnahmefall. Selbstredend hätte man der Öffentlichkeit nur mitteilen können: Die Akademie der DDR wurde abgewickelt und einige Mitarbeitenden der Akademie fanden an der Humboldt-Universität ihre neue Wirkungsstätte. Basta.
Ach, rufen Sie doch einfach z.B. das Buch von Bednarz auf, das in diesem Blog vorgestellt ist, dann werden Sie verstehen, was ich meine. Zugleich kann ich den beiden Interviewern nicht den Vorwurf ersparen, dass sie nicht nachfragten, vor Ehrfurcht erstarrt vielleicht.

Dabei will ich nicht übersehen, dass Prof. Sauer das bundesrepublikanische Hochschul- und Wissenschaftssystem durchaus kritisch betrachtet und so z.B. „ein klares Bekenntnis zum Leistungsprinzip“ vermisst, ohne freilich aufzeigen zu können, woran es liegt. An Nachwirkungen des SED-Regimes wird er wohl weniger gedacht haben, mal davon abgesehen davon, so richtig ausgehebelt war das Leistungsprinzip in der DDR ja auch nicht. Dafür sind Sie selbst ein hervorragender lebender Beweis.

Das trifft auch für Ihre ‚populistische‘ Kritik an der Bologna-Reform zu. So reizvoll Ihre Charakterisierung – sie sei „zu einem Hexen-Einmaleins geworden“ – sein mag, sie geht einfach am Kern vorbei, wenngleich ich die Fehlentwicklungen dabei sehe. Gern bin ich bereit, Ihnen zu erklären: warum. An dieser Stelle jedoch fehlt der Platz, meine Anmerkungen überschreiten vielleicht schon das gegebene Formatmaß: Anmerkungen.
Spätestens hier also: ENDE

Hier hat schon einer früher gegraben, als Volker Braun vermutet

2017 12. November
von Martin Löschmann

Bei Volker Braun, Prosaist, Essayist, Lyriker und Theaterautor, ist im Arbeitsjournal zu lesen, dass „in 50 jahren die archäologen nach uns graben“ werden. Mag mal dahingestellt sein, wer mit dem UNS im einzelnen angesprochen ist. Auf jeden Fall doch wohl DDR-Bürger und dabei natürlich DDR-Intellektuelle. Ohne Frage hat ihn der Theaterwissenschaftler Gottfried Fischborn „Vorkommen. Vor kommen. Ein Jahr Lebenszeit“ so verstanden und das Zitat über seine Memoiren gestellt.
Dan Bednarz, Assistant-Professor für Soziologie am Bristol Community College Fall River, Massachusetts, USA (nahe Boston) hat nicht als Ärchäologe gegraben, sondern als Soziologe, wie wir aus der im Blog angekündigten Veranstaltung bereits entnehmen konnten.

Vom Titel her ist es verständlich, wenn Bednarz sein Buch „East German Intellectuals and the Unification of Germany: An Ethnographic View“ im Institut für Ethnographie der Humboldt-Universität vorstellt. Schließlich steht da, dass ein “ethnographic review” präsentiert wird. Schaut man genauer hin, fragt man sich schon, worin denn der ethnographische Ansatz eigentlich besteht. Doch ehe ich mich im Vortragsort verliere, hole ich mich zurück und denke so vor mich hin: Das Buch verdient Leser und Hörer allerorten, da soll man vielleicht nicht beckmesserisch mit Zuordnungs- bzw. Einordnungsfragen daherkommen. Allerdings hätte man sich von dem Einführenden dazu schon ein paar erhellende Worte gewünscht.

Die Veranstaltung (siehe ihre Ankündigung im herderblog)) war gut besucht, darunter recht viele Studierende, die den englischsprachigen Vortrag zugleich als Pflichtveranstaltung mit entsprechender Aufgabenstellung zu bewältigen hatten. Womöglich haben sie sie davon abgehalten, Fragen zu stellen. Es könnte aber auch sein, dass derjenige, der den Autor des Buches einführte und nach dem Vortrag gleich beflissen seine kritischen Fragen – leicht abgehoben – stellte, sie eingeschüchtert hat. Fragen gab es dennoch genug, u.a. zur Begriffsbestimmung Intellektuelle, zu Auswahlkriterien, zur Interviewtechnik, zur Berücksichtigung der Genderproblematik.
Doch hatte ich irgendwie den Eindruck, dass die großartige Leistung, die geniale und moralisch starke Entscheidung des Soziologen Bednarz, des Amerikaners Bednarz nicht genügend gewürdigt wurde, obwohl der Autor seinen Ausgangspunkt im Vortrag deutlich und anschaulich markierte. Aber die “Zeit der Evaluierungen und Abwicklungen ostdeutscher Institutionen und Wissenschaftsbiographien”, nicht vergessen der Integritätsüberprüfungen war den meisten Zuhörern wohl doch schon zu weit entrückt und – um noch einmal mit Braun zu argumentieren – die Zeit vielleicht noch nicht weit genug vorangeschritten.

Die aufregende Erzählung geht so: Im Sommer 1990 weilte der Vortragende zu einem Studienaufenthalt am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. Offensichtlich war er vom Wendegeschehen so fasziniert, dass er sich entschloss, sein geplantes, gut vorbereitetes Forschungsvorhaben aufzugeben und ein völlig anderes forscherisches Unternehmen zu beginnen und zu einem Buchabschluss zu bringen, nämlich Schicksalen von DDR-Intellektuellen kurz nach der Wende nachzuspüren. Seine Empathie für die „Verlierer des kalten Krieges“, für die Opfer, die Ausgestoßenen, die Verlierer, die Verdächtigten, die Entwurzelten, die Diskriminierten, die Beschimpften, die Denunzierten, die als „staatsnah Stigmatisierten“, die auf Schwarze Listen Gesetzten, die glimpflich Davongekommenen und die wenigen, die ins westdeutsche Hochschulsystem Eingepassten muss ein entscheidender Beweggrund gewesen sein. Anerkennung verdienen auch seine Förderer, die ihm den Wechsel ermöglichten. Sosehr indes das Unterfangen von Bednarz uneingeschränkte Anerkennung verdient, sowenig kann allerdings übersehen werden, dass womöglich nicht genügend Zeit zur Fundierung und wissenschaftlichen Absicherung seines methodologischen Vorgehens blieb. Von heute auf morgen stampft man keinen mehr oder weniger gesicherten Untersuchungsgang zu einem absolut anders gearteten Untersuchungsgegenstand aus dem Boden.

Man muss sich die Wende-Situation mal wieder vor Augen (bloß nicht an Jubiläumsfeiern!) führen. Da wird eine Elite mit unlauteren, ja undemokratischen Mitteln weitgehend ausgetauscht, die damit verbundenen inhumanen Vorgänge werden von der Presse kaum reflektiert. Wenn schon, dann werden negative Fälle berichtet: Stasi-Verstrickung, SED-Vergangenheit, Benachteiligung u.a.m. Nicht, dass es nicht solche Fälle gegeben hat, sie kommen bei Bednarz auch vor, aber insgesamt betrachtet, zeigen seine 106 interviewten DDR-Intellektuellen aus verschiedensten Bereichen: Gesellschafts- und Naturwissenschaften der Akademie der Wissenschaften und der Humboldt-Universität, aus Kunst und Kultur ein anderes und differenziertes Bild. Die ausführlichen Darstellungen von rund 40 Befragten macht den Hauptteil des Buches aus: Ehrenwerte Wissenschaftler, Lehrende, Künstler werden in Unehren entlassen, gestandene und in der Welt anerkannte Forscher und Forscherinnen müssen sich von westdeutschen Intellektuellen im Schnellverfahren evaluieren lassen. Dass die Evaluierer apriori als die Besseren, die Überlegenen, die ‚Besser-Wessis‘ gesetzt sind, erinnert einige der Interviewten, deren Anonymität geschützt wird, an koloniales Gebaren und lässt sie von Okkupation sprechen. Was Bednarz durch seine Gespräche und Interviews zutage fördert, deckt sich zum großen Teil mit den Erfahrungen, die der Berichtende in Leipzig machen musste: schlechte Vorbereitung der Evaluierungskommission, fragwürdige Zusammensetzung, Vorherrschen vorgefasster Meinungen, einfach durchsetzen, was im Voraus beschlossen war u.a.m. Auch wenn es im Vortrag nicht verbalisiert wurde, eine ganze Schicht unter Generalverdacht zu stellen, die würdelose Verjagung von DDR-Intellektuellen aus Ämtern, Positionen, Leitungen, aus den Laboren, aus Lehre und Forschung trägt den Makel von Menschenrechtsverletzungen.

Die bewunderungswürdige Dokumentationsleistung in einer schwierigen Übergangszeit mag Prof. Herbert Hörz bewogen haben, eine aufschlussreiche Rezension zu schreiben. Der Philosoph, einer der prominenten Befragten, war bis 1989 Leiter des Bereiches Philosophische Fragen der Wissenschaftsentwicklung am Zentralinstitut für Philosophie der Akademie der Wissenschaften. Nach der „Abwicklung“ der Akademie der DDR führte er mit Akademiemitgliedern die Arbeit als „Mitglieder und Freunde der Leibniz-Akademie“ weiter, die ab 1993 im privatrechtlichen Verein Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin fortgesetzt wurde.

Für den Interviewer Bednarz stellt sich die Frage nach der Definition von Intellektuellen nicht. Er wählt eine pragmatische Bestimmung: geistig und künstlerische Tätige in den angegebenen Institutionen der DDR. Aus der Beschreibung der Interviewten ist unmissverständlich abzuleiten, um welchen Personenkreis es sich hier handelt. Das waren zunächst Teilnehmende an Englisch-Kursen an der Akademie der Wissenschaften, die Bednarz als „native speaker“ mitgestaltete. Seine Kerngespräche führten ihn zu weiteren Personen, die bereit waren, dem Fremden aus den USA Rede und Antwort zu stehen.

Den Mut musste man erst einmal haben, sich gewissermaßen im Triumph des Sieges des Westens, der Bundesrepublik auf die Seite der Geschlagenen zu stellen und ein solidarisches Signal auszusenden, das zu dieser Zeit kaum jemand hören und sehen will. Ihm gelingt es, die von der Wende benachteiligten Intellektuellen von der Redlichkeit seiner Befragung zu überzeugen, auch dadurch, dass er nicht den Recorder aufstellt und sich auf sein Gedächtnis und seine Notizen verlässt. Dass damit die Nachprüfbarkeit und eine bestimmte Objektivität in Frage gestellt werden, nimmt er in Kauf wie auch die Zufälligkeit seiner Auswahlkriterien. Bei dem geringen Abstand zu dem Wende-Geschehen ist Bednarz‘ Vorgehen durchaus verständlich, auch seine Scheu vor einem geeichten Fragebogen. Sein Hinweis auf den Roman „Der Fragebogen“ von Ernst von Salomon (1951), in dem Fragebögen kritisch bewertet werden, hat da wenig Beweiskraft.
Dennoch findet sich in den Gesprächen ein Fragegerüst, so Fragen zur Befindlichkeit, zur Tätigkeit, zur Rolle in der jeweiligen Institution, zur Parteikontrolle der Forschung und das Eingreifen des MfS in wissenschaftlichen Einrichtungen u.a.m. Interessant auf jeden Fall auch die Erfassung der Wege, die die ‚Ausgegliederten‘ nach der Wende gingen: Annahme von Stellen im Ausland, Gründung von Firmen, Arbeit in Beratungsfirmen oder im Versicherungswesen, Taxifahrer. Das Thema der Suizide allerdings wurde im Vortrag relativiert. Man mag die „dramatisch gestiegene Zahl von Selbsttötungen“, die der letzte DDR-Regierungschef Hans Modrow bereits im Januar 1990 beklagte, anzweifeln, allein nach Udo Grashoff steht fest, dass „kurzzeitig im Jahr 1991 bei Männern im Alter von 45 bis 65 Jahren“ die Rate der Selbsttötungen stieg. Dem Berichtenden sind mehrere Fälle bekannt, auch der des Dr. Rudolf Mucke in Berlin.

Sosehr Bednarz‘ Vorgehen nach der Wende verständlich ist, sowenig kann seine nach mehr als 20 Jahren, genau 2014, erneut durchgeführte Befragung befriedigen. Sie wird im Teil II seines Buches resümiert. Die 28 Interviewpartner und -partnerinnen von damals, die er wiederfand, vermögen nicht für die Gesamtbefindlichkeit ehemaliger DDR-Intellektueller stehen, weil rein zufällig ‚aufgestöbert‘, wer gerade in Berlin noch anzutreffen war. Dabei sind seine dort gestellten Fragen zielführend und könnten durchaus in einer übergreifenden Studie, die noch aussteht, aufgegriffen werden, besonders die nach der Veränderung des Verständnisses, ein Deutscher zu sein, nach der zerstörerischen Wirkung der Abwicklungen und nach den Vorteilen und Nachteilen des Kapitalismus. Doch ist auch dieser zweite Teil durchaus lesenswert, nur sein wissenschaftlicher Gehalt ist halt problematisch.
Spätestens zu dem Zeitpunkt hätte sich der Autor umsehen müssen, was denn in der Zwischenzeit zu seinem Thema publiziert worden ist, besonders die vielen biografischen Arbeiten von DDR-Intellektuellen, die in Staßfurt der Tierarzt, Dr. Rolf Funda, hobbymäßig, ehrenamtlich sammelt. Vor nicht allzu langer Zeit ist sie vom Bundesarchiv übernommen worden. Bednarz‘ Arbeit gehört zweifelsohne in diese Bibliothek. Vielleicht wird sie hier erst einmal dem Dornröschenschlaf anheimfallen, aber der Prinz in Gestalt eines Historikers kommt bestimmt. Auch die Einbeziehung wissenschaftlicher Untersuchungen wie der von Peer Pasternak: Demokratische Erneuerung. Eine universitätsgeschichtliche Untersuchung des ostdeutschen Hochschulumbaus 1989-1995. Mit zwei Fallstudien: Universität Leipzig und Humboldt-Universität zu Berlin, 1999, hätten der Veröffentlichung gut zu Gesicht gestan-den, wie auch: J. Gross, Wendezeit an der Charité. Eine Dokumentation zum sogenannten Elitenaustausch. Berlin: Verlag am Park, 2016, worin der langjährige Direktor des medizinisch-diagnostischen Instituts die Machenschaften während der Wendezeit aufdeckt.

Ungeachtet aller Mängel (aus heutiger Sicht) bleibt die Arbeit von Bednarz für mich ein aufschlussreiches Zeitdokument mit hohem Material- und Quellenwert. Im Grunde genommen handelt es sich um typische Fallstudien, die die Wende auf der DDR-Seite zuhauf er-möglichte. Wenn nach 50 Jahren nach uns gegraben wird, ist da schon etwas ans erhellende Tageslicht gebracht worden. 25 Jahre hat es gedauert, bis sich ein Verlag bereitgefunden hat, die soziologischen Studien von Anfang der 90er Jahre zu publizieren: Palgrave/Macmillan verlegte sie erst 2017. Die Tatsache, dass sich 12 Verlage nach fast einem Vierteljahrhundert um die Herausgabe des Buches von Bednarz bewarben, könnte darauf hindeuten, dass Braun mit seinem Zeitraum 50 Jahre Recht haben könnte.
Auch für diese Hartnäckigkeit muss man dem Autor danken. Wenn man von einer Sache überzeugt ist, muss man sie auch bis zum Ende verfolgen. Es bleibt zu wünschen, dass sich Soziologen, Juristen, Psychologen durch das verdienstvolle Buch von Dan Bednarz anregen lassen, die aufgeworfenen Fragen und deren Beantwortung weiterführend zu untersuchen, auch unter Einbeziehung der Evauluierer und Richtenden, der Moralapostel. Allerdings viel Zeit bleibt nicht, die etwas älteren durch die Wende Betroffenen zu interviewen.