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Geleitwort zum 11. Band der Reihe Deutsch als Fremdsprache in der Diskussion

2020 13. April
von Martin Löschmann

Endlich ist er da: der 11. Band der Reihe Deutsch als Fremdsprache in der Diskussion. Wie es dazu kam, zeigt das folgende Geleitwort. Die unten stehende Rezension von Michael Thormann informiert über den Inhalt der Arbeit.

Im Sport ist es gang und gäbe, von einem Comeback zu sprechen. Kehrt eine Person zurück, die – aus welchen Gründen auch immer – den öffentlichen Raum verlassen hat, ist es auch ein üblicher Ausdruck im Neuhochdeutschen. In einem gewissen Sinne gilt das für die Wiedereröffnung der Reihe Deutsch als Fremdsprache in der Diskussion mit dem Sammelband „DaZ-Unterricht an Schulen. Didaktische Grundlagen und methodische Zugänge“ ein solcher Vorgang. Mit dem 10. Band „Humor im Fremdsprachenunterricht“ war für den Herausgeber, der in die Jahre gekommen ist, ein heiterer Abschluss der nach der Wende initiierten erfolgreichen Reihe Deutsch als Fremdsprache in der Diskussion gegeben. Zudem ist die 10 doch schon eine stattliche, wenn auch nicht prachtvolle Zahl. Da sich der Herausgeber jedoch nicht völlig aus dem Arbeitsleben herausgezogen hat und sich als Vorstand des IIK e.V. Berlin nunmehr mit Integrationsunterricht einerseits sowie der Qualifizierung von Lehrkräften für die verschiedenen Integrationskurse und berufsorienten Kursen andererseits beschäftigt, mobilisierten den Herausgeber die Themen des vorliegenden Bandes in einem solchen Maße, dass er sich entschloss, die Reihe noch einmal zu öffnen, vielleicht auch auf diese Weise womöglich jemanden zu animieren, sich der Reihe anzunehmen und sie in der einen oder anderen Weise fortzuführen oder auch völlig umzukrempeln. Wer mit dem Zweitspracherwerb, sei es in Gestalt des Integrationsunterrichts oder in den Förderklassen in Schulen tagtäglich befasst ist, weiß, dass es große Defizite bei der wissenschaftlichen Fundierung dieser Unterrichte gibt. Gewiss liegt es nicht allein am Fundierungsmangel, wenn z.B. „mehr als die Hälfte aller Zuwanderer am Ende der Integrationskurse das höhere Level B1 beim Deutschtest“ (Welt Digital Zeitung, 29.04.2018) nicht erreicht. Es erklärt sich auch daraus, dass nicht in jedem Fall voll ausgebildete DaZ-Lehrende zur Verfügung stehen. Quereinsteiger in allen Ehren, aber nur dann, wenn sie Zeit und Muße haben, sich in das für sie neue Metier einzulesen, einzuhören, einzuarbeiten und ihnen dabei eine entsprechende praxisorientierte Literaturbasis zur Seite steht. Der vorliegende Band stellt sich das Ziel, den Lehrenden in Förderklassen theoretisch und praktisch Rüstzeug zu präsentieren, das dazu angetan ist, den Deutschunterricht in Förderklassen zu qualifizieren. Da es sich dabei letztlich um DaZ-Unterricht handelt, ist er zugleich hilfreich für Lehrkräfte in Integrationskursen. Das heißt, die relevanten Ergebnisse dieses Bandes sind durchaus verallgemeinerungswürdig für den Integrationsunterricht. Das machen bereits solche Themen sichtbar wie „Mehrsprachigkeit als Ressource“, „Binnendifferenzierung“, „Einsatz Neuer Medien“ etc. und erst recht die grundlegende Einführung in diesen Band. Sofern man an Lehrende sowohl in Schulen als auch in den Integrationskursen im Erwachsenenbereich denkt, werden besonders die sechs praxisrelevanten Beiträge Aufmerksamkeit erregen. Als Beispiele seien genannt: „Alphabetisierung: Förderung der Buchstabenkenntnis und Erarbeitung der Graphem-Phonem-Korrespondenzen des Deutschen“ und „Fachsensibler Sprachunterricht“. Die Reihe hat bisher den Unterschied zwischen theoretischen und praktischen Beiträgen in Sammelbänden nicht explizit gemacht, weil davon ausgegangen wurde, dass die eher theoretisch angelegten Beiträge selbstredend den klaren Praxisbezug und umgekehrt auch die praktisch orientierten Arbeiten einen Theoriebezug haben sollten. Für eine zügige, den Interessen der jeweiligen Zielgruppen entsprechende Handhabe, wurde im vorliegenden Band von dieser Konvention Abstand genommen. Die wechselseitigen Bezüge zwischen Theorie und Praxis bleiben dabei jedoch selbstredend erhalten.
Möge der Band die ins Auge gefasste theoretisch wie auch praktisch orientierte DaF- und DaZ-Klientel erreichen. Er hat es verdient.

11. Band der Reihe Deutsch als Fremdsprache in der Diskussion

2020 13. April
von Michael Thormann

Janek Scholz / Marvin Wassermann / Johanna Zahn (Hrsg.): DaZ-Unterricht an Schulen. Didaktische Grundlagen und methodische Zugriffe. Peter Lang GmbH, Internationaler Verlag der Wissenschaften, Berlin 2020. 394 Seiten (= Deutsch als Fremdsprache in der Diskussion. Hrsg. von Martin Löschmann, Bd.11)


Der Sammelband bündelt theoretische Ergebnisse und praktische Erfahrungen im Bereich DaZ-Unterricht an Schulen, die an der RWTH Aachen University und an anderen Universitäten und schulischen DaZ-Klassen gesammelt wurden. Nach einer Einführung, die die spezifischen Bedingungen des DaZ-Unterrichts skizziert und einen Überblick über die Beiträge des Bandes gibt, informiert ein weiterer Beitrag von Nina Breuer, Janek Scholz und Marvin Wassermann (RWTH Aachen University) über die widersprüchliche Entwicklung der DaZ-Klassen im deutschen Bildungssystem vor dem Hintergrund einer halbherzigen Zuwandererpolitik. Die anschließenden 15 Fachbeiträge sind in 5 inhaltliche Sektionen – einen theoretischen Teil (Sektion 1-3) und einen praktischen (Sektion 4-5) – gegliedert und bedienen folgende Themengebiete: 1. Heterogenität und Binnendifferenzierung, 2. Alphabetisierung und Aussprache, 3. Literatur als Ressource, 4. Methodische Impulse und 5. Übergänge in den Regelunterricht. Ein Vorzug des Bandes ist, dass er nicht in zwei Teile zerfällt, weil auch der ‚Theorie-Block‘ einen deutlichen Praxisbezug (Anwendungsbeispiele, didaktisch-methodische Kommentare oder Unterrichtsentwürfe u.a.) aufweist und somit alle Beiträge von der interessierten DaZ/DaF-Lehrkraft mit Gewinn für die tägliche Unterrichtsarbeit gelesen werden können. Welche Impulse für die praktische Unterrichtsarbeit bieten nun die einzelnen Sektionen? Das kann im Folgenden aus Platzgründen nur exemplarisch vorgestellt werden.

In der ersten Sektion beschreiben Klaudia Hilgers und Hans-Joachim Jürgens (RWTH Aachen University) in ihrem Beitrag über Binnendifferenzierung und kooperative Lehr- und Lernformen fünf verschiedene Beschulungsmodelle für DaZ-Lernende und begründen vor dem Hintergrund des Heterogenitätsparadigmas die Notwendigkeit von „schülerzentrierten Lehr- und Lernformen“, um der inneren Differenzierung der DaZ-Klassen gerecht zu werden. Am Beispiel von Internationalen Förderklassen stellen die Autoren dar, wie kooperative Lehr- und Lernformen einen binnendifferenzierten Unterricht ermöglichen. Nach der begrifflichen Unterscheidung von individualisiertem Unterricht und Binnendifferenzierung werden verschiedene Konzepte für einen binnendifferenzierten Unterricht ausführlich diskutiert und anschließend an zwei konkreten Beispielen detailliert vorgeführt. Die anhand der gängigen Themen „Einkaufen“ und „Freizeitgestaltung“ vorgestellten Unterrichtsentwürfe zeigen, wie eine tief gestaffelte Binnendifferenzierung im Zusammenspiel mit kooperativen Lernformen (Think-Pair-Share, Placemat, Lerntempo-Duett, World-Café, Gallery Walk, Schreibgespräch u.a.) aussieht und individuelles Lernen unterstützen kann. Für eine praktische Umsetzung dieser Ideen sind allerdings vielfach (vor allem in privaten Sprachschulen) zu kleine Räume und die Bestuhlung für 25 TN eine Herausforderung, weil nur frei im Raum aufgestellte Tische einen problemlosen „Tischwechsel“ ermöglichen. Das sollte zumindest bedacht werden.


In der zweiten Sektion widmet sich Anja Böttinger (IIK Berlin) dem Thema Alphabetisierung und Zweitschrifterwerb und legt ihrem Beitrag im Interesse einer angemessenen Diagnostik des Förderbedarfs ein ausdifferenziertes Verständnis der Begriffe „Analphabetismus“ und „Zweitschriftlernende“ zugrunde. Diese begriffliche Differenzierung und die sich daran anschließende Schrifttypologie begründen zum einen die besondere Bedeutung der Phonem-Graphem-Korrespondenz in der lateinischen Schrift für beide Lerngruppen und zum anderen den parallel verlaufenden Zweitsprach- und Schriftspracherwerb als doppeltes Lernziel. Besonderes Augenmerk richtet die Autorin auf die Ausbildung einer phonologischen Bewusstheit als unabdingbare Voraussetzung für die mündliche Kommunikation und als genetischer Vorausbereich des Schriftspracherwerbs. Da das Lautinventar der Erstsprache häufig für Interferenzfehler in der Zielsprache verantwortlich sei, wird eine Beschäftigung mit den Herkunftssprachen der Lernenden angeregt, außerdem werden gezielte Übungen vorgestellt. Böttinger versteht auch den Lese- und Schreiberwerb als ganzheitlichen Prozess und veranschaulicht die wechselseitige Beeinflussung von Lesen und Schreiben in einem Phasenmodell, woraus sie auch hier eine systematische Übungsabfolge in ihren praktischen Methodentipps ableitet. Der abschließende Überblick über klassische und neuere Methoden der Alphabetisierung stützt ihr Plädoyer für einen Methoden-Mix, der die Erstsprache der Lernenden ebenso berücksichtigt wie ihre Schulerfahrung, und dient als Anregung für einen abwechslungsreichen Unterricht.

In einem ambitionierten Beitrag zum Thema Literarizität und literarisches Lernen in Vorbereitungsklassen spricht sich Janek Scholz (RWTH Aachen University) in der dritten Sektion für eine frühzeitige Einbeziehung von Literatur in den DaZ-Unterricht aus und diskutiert die besonderen Potenzen des literarischen Lernens für den Zweitsprachenerwerb, da literarisches Lernen stets auch sprachliches Lernen sei, wodurch „Sprachreflexion, kreatives Spielen mit der Sprache und eine machtkritische Haltung“ gefördert würden. Als Hilfestellung für die Lehrkraft werden Kriterien für die Textauswahl und Unterrichtsanregungen für die Arbeit mit Gedichten von Ernst Jandl vorgestellt. Dass heutzutage bei der Arbeit mit Literatur „traditionell-hermeneutische Lektürekonzepte“ keine Rolle mehr spielen und von einer prinzipiellen „Unabschließbarkeit des Sinnfindungsprozesses“ ausgegangen wird, sollte für ausgebildete DaZ/DaF-Lehrkräfte selbstverständlich sein. Bereits bei Dietrich Krusche / Rüdiger Krechel: Anspiel. Konkrete Poesie im Unterricht Deutsch als Fremdsprache wird der Akzent auf einen „spielerischen Umgang“ mit solchen Texten gelegt, wobei es „nicht um ‚richtig‘ oder ‚falsch‘, sondern um ein Mehr-oder-Weniger an Spielerfolg“ gehe (S.74).


Im praktischen Teil der vierten Sektion, die sich auch den Neuen Medien und der Sexuellen Bildung widmet, liefert Ute Hermanns (Leopold-Ullstein-Schule OSZ für Wirtschaft, Berlin) konkrete Fallbeispiele für eine Nutzung von visuellen und audiovisuellen Medien an außerschulischen Lernorten. Für eine inklusive Schule sieht sie besondere Chancen im Projektunterricht, der heterogenen Lerngruppen vielfältige Möglichkeiten der Mitwirkung bietet und die Sprach- und Schreibkompetenz fördert, vor allem wenn an die Erfahrungswelt der Lernenden angeknüpft wird. An ausgewählten Projekten wird vorgeführt, wie eine Begegnung mit Kunst, Fotografie und Film organisiert und für eine kreative Beschäftigung genutzt werden kann. Besonders das ausführlich vorgestellte Projekt eines gemeinsamen Besuchs des Films „Fortuna“ im Rahmen des ‚Berlinale Schulprojekts‘ bietet didaktisch-methodische Vorüberlegungen und eine konkrete Verlaufsplanung über mehrere UE mit anschließenden Hinweisen zur Nachbereitung, die von Wortschatzarbeit und Filmanalyse über Tagebuch- und Briefproduktion bis hin zur Herstellung eines Mobiles aus Origami-Tieren und der Textredaktion im Computerraum reichen – ein Projekt also, das wertvolle Impulse für die eigene Unterrichtsarbeit gibt.

Weitere Einblicke in die Praxis finden sich in der fünften Sektion. Angelika Zeevaert (Berufskolleg Alsdorf) zeigt in ihrem Beitrag, wie Binnendifferenzierter Sprachförderunterricht in heterogenen Lerngruppen am Berufskolleg hilft, Lernende beim Übergang in den Regelunterricht individuell zu begleiten. Für einen erfolgreichen Übergang empfiehlt sie, zunächst einige hemmende Faktoren zu beseitigen, d.h. Probleme beim Verstehen des Arbeitsauftrages, beim Umgang mit Leistungs- und Lernaufgaben und einem selbstgesteuerten Lernprozess. Am Beispiel des Themas ‚Beschreibung‘ werden dann Aufgaben mit steigender Komplexität zu verschiedenen Beschreibungstypen vorgestellt und der gezielte Einsatz binnendifferenzierter Arbeitsblätter erläutert. Ein detaillierter Unterrichtsentwurf und der Abdruck sämtlicher Arbeitsblätter machen den abgestuften Lernprozess in dieser Unterrichtsreihe leicht nachvollziehbar und können den eigenen Unterricht stimulieren.


Insgesamt eröffnet der vorliegende Band einen komplexen Zugang zur Theorie und Praxis des DaZ-Unterrichts. Vorausgesetzt wird dabei die Vertrautheit mit kooperativen Lernmethoden des offenen Unterrichts, der individualisiertes, lernerzentriertes und binnendifferenziertes Lernen fördert, zugleich aber „zeitintensiv“ und teils „schwierig zu realisieren“ ist und einen „hohen organisatorischen Aufwand“ erfordert (S.50). Somit lässt der Band keinen Zweifel daran, dass die Umsetzung der angebotenen Unterrichtskonzepte auf der Basis der Heterogenitätsorientierung mit hohen Anforderungen an eine ausgefeilte didaktische und soziale Kompetenz der (sprach-, kultur-, differenz- und fachsensiblen) Lehrkraft verbunden ist. Dass jedoch viele DaZ/DaF-Lehrkräfte selbst Seiteneinsteiger sind, sollte dabei ebenso im Blick bleiben wie die Tatsache, dass die konkreten Unterrichtsbedingungen mindestens so heterogen sind wie die Lerngruppen selbst. Ungeachtet dessen sei dieser Band jeder interessierten DaZ/DaF-Lehrkraft ans Herz gelegt.
Michael Thormann

Die heitere Seite der Linguistik

2020 26. März
von Michael Thormann

Band 10 der von Martin Löschmann herausgegebenen Reihe „Deutsch als Fremsprache in der Diskussion“ beschäftigt sich ausführlich mit der Rolle des Humors im Fremdsprachenunterricht. Er trage zur Schaffung einer heiteren Lernatmosphäre bei, die eine wesentliche Voraussetzung für ein effizientes Lernen sei. Ähnliches dachte sich wohl auch der Verfasser eines Buches zur Geschichte der Sprachwissenschaft, in dem ebenfalls der „Sprache als Quelle von Humor“ besondere Aufmerksamkeit geschenkt wird.

Alwin Frank Fill: Linguistische Promenade – eine vergnügliche Wanderung durch die Sprachwissenschaft von Platon zu Chomsky. Wien 2013

Es gehört vermutlich nicht zum Allgemeinwissen, dass der Marathonlauf als olympische Disziplin einem Sprachwissenschaftler zu verdanken ist. Diese Idee hatte Michel Bréal, der als Mitglied des französischen olympischen Komitees von 1896 nicht nur den Silberpokal dafür stiftete, sondern als Begründer der Semantik auch ein bedeutender Linguist war. Ebenso wenig liegt auf der Hand, warum in einer Gesprächsrunde die Frage: „Wie geht’s deiner Frau?“ freundliches Interesse, für andere aber auch eine Warnung bedeuten kann. Näheres darüber bietet das vorliegende Buch und man nimmt es dem Autor von Beginn an ab, dass er für seinen Gegenstand brennt und versucht, den Kreis der Interessenten über die Fachwelt hinaus zu erweitern, indem er die unterhaltsame Seite seines Faches aufblättert und dem Leser einen lockeren Zugang zur Themenvielfalt der Sprachwissenschaft eröffnet. Wie notwendig das sei, zeige sich darin, dass beim Wort ‚Sprachwissenschaft‘ meist nur an zwei Themen gedacht werde: „Fremdsprachenunterricht und korrekter Sprachgebrauch“. Das will Alwin Frank Fill ändern und bietet mit seiner Darstellung einen kurzweiligen Einblick in die Geschichte der Sprachwissenschaft, stellt ihre wichtigsten Theorien und Vertreter vor, diskutiert die Wirkung von Sprache in der menschlichen Kommunikation und schließt mit einem Kapitel über die Tierkommunikation.

Wenn er mit Platon beginnt, dann u.a. wohl auch deshalb, weil dessen Gedanken über die manipulatorische Kraft der Sprache hochaktuell sind und in der Sprachkritik eines Ernst Cassirer und Fritz Mauthner (nicht Konrad sic!) fortwirkten. Grundlegend dafür waren auch die Erkenntnisse der englischen Empiristen (F.Bacon, J.Locke u.a.), die vor einem unkritischen Sprachgebrauch und der Illusion warnten, immer verstanden zu werden, weil die Wörter durch ihre Mehrdeutigkeit täuschen können.
Die von F.Bacon entwickelte induktive Methode als Basis jeder wissenschaftlichen Erkenntnis wurde auch von der Sprachwissenschaft aufgegriffen und ebnete bahnbrechenden Entdeckungen den Weg, z.B. der Entdeckung von Sprachfamilien mit einer gemeinsamen Ursprache durch William Johns, deren wissenschaftliche Bedeutung neben die Entdeckungen von Galilei oder Darwin gestellt wird. Johns Entdeckung von 1786 markierte nach Fill eine „neue Ära der Sprachwissenschaft“ (F.Schlegel, F.Bopp, A.Schleicher), in der durch den Vergleich der europäischen Sprachen nach gemeinsamen Vorfahren gesucht wurde. Leider fehlt an dieser Stelle ein Hinweis darauf, wie problematisch das war, denn – so schreibt Victor Klemperer – „die Konstruktion des arischen Menschen wurzelt in der Philologie und nicht in der Naturwissenschaft.“
Wie Sprache die jeweilige Kultur und die Weltsicht der sie Sprechenden prägt, geht auf Überlegungen W.v.Humboldts zurück und beeinflusste im 19. Jh. die Entstehung der Völkerpsychologie durch H.Steinthal wie auch der amerikanischen Ethnolinguistik. Es ist spannend zu verfolgen, wie differenziert ihre Vertreter (F.Boas, E.Sapir, B.Whorf) die Frage nach dem Verhältnis von Sprache und Wirklichkeit beantworten, also was primär und was sekundär ist. Am Ende stand die extreme Position des Whorf’schen Sprachdeterminismus, der davon ausgeht, dass sich jede Sprache mit ihren Kategorien ihre eigene Wirklichkeit schafft. Das heißt, unser Denken ist eine Folge der Grammatik und Lexik unserer Muttersprache, teils mit verheerenden Folgen. Auch wenn Whorfs Theorie heute höchstens noch als ‚light-Version‘ vertreten werde, so deutet sich hier an, wie der Sprache später, etwa im Dekonstruktivismus oder Postmodernismus, wieder eine zentrale Bedeutung zugeschrieben wird, die Steven Pinker als „extrem übersteigert“ bewertet.
Zunächst wurde das Denken über Sprache im 20. Jh. jedoch durch F. de Saussure und L.Wittgenstein geprägt. Fill übernimmt von Saussure die Erklärung des Begriffs Strukturalismus anhand eines Vergleichs mit dem Schachspiel und zieht dann die Linien der folgenreichen Wirkung von Saussures Ansatz, die vom Prager Strukturalismus, der Textlinguistik, dem dänischen und amerikanischen Strukturalismus bis hin zur französischen Denkschule eines Barthes, Foucault, Lacan und Derrida reichen. Dabei widmet Fill dem amerikanischen Strukturalismus (Bloomfield) ein eigenes Kapitel und betont, wie wichtig der sich daraus ableitende Behaviorismus (Skinner) für die Entwicklung des Fremdsprachenunterrichts war. Während für beide Theoretiker die Bedeutung der Wörter höchstens eine untergeordnete Rolle spielte, wurde in anderen Theorien ein Aufschwung der Semantik sichtbar, etwa in der Wortfeldtheorie von J.Trier, der Prototypensemantik von E.Rosch und im Konstruktivismus (P.Watzlawick u.a.). Wie der Behaviorismus hatten diese Ansätze eine enorme Bedeutung für die Fremdsprachendidaktik und finden teils heute noch ihren Niederschlag in modernen Lehrwerken. Das gilt ebenso für die Pragmatik, u.a. die Sprechakttheorie (J.Austin, J.Searle), deren Einfluss auf das mündliche Prüfungsformat von Fremdsprachenprüfungen mit den Händen zu greifen ist.
Fill widmet sich zudem auch der feministischen Sprachkritik und lässt dabei einem ihrer Vorläufer, Otto Jespersen, Gerechtigkeit widerfahren. So amüsant aus heutiger Sicht die von Fill angeführten Zitate auch sind, so modern war sowohl Jespersens Beschäftigung mit Geschlechterstereotypen zu seiner Zeit als auch die grundlegende Frage: angeboren oder nicht? Weiterführende Studien (D.Cameron, L.F.Pusch u.a.) bauten darauf auf. Inzwischen gilt die Annahme, dass geschlechtsspezifische Unterschiede in der Kommunikation von Frauen und Männern, wie sie auch von Deborah Tannen beschrieben wurden, mit einer unterschiedlichen Vernetzung beider Gehirnhälften zusammenhängt, als wissenschaftlich überholt. Den Untersuchungsergebnissen des Neurobiologen Lutz Jäncke zufolge gibt es kein typisches Männer- und Frauengehirn.
Nach einem weiteren Kapitel über den Sprachgebrauch im Kontext von Liebe und Sexualität stellt Fill den Beitrag von Noam Chomsky für die Sprachwissenschaft vor. Seine Universalgrammatik richtete sich nicht nur gegen den Behaviorismus, sondern auch gegen den Konstruktivismus eines J. Piaget und gehört immer noch zu den wichtigsten Paradigmen der Gegenwart. Chomskys revolutionäre These war, dass relevante grammatische Strukturen angeboren sind, was Kindern einen schnellen Spracherwerb ermöglicht, während Piaget davon ausging, dass die Grammatik in der Auseinandersetzung mit der Umwelt ‚konstruiert‘ werde. Inzwischen ist auch hier die Wissenschaft weiter. Die neuere Hirnforschung (Angela Friederici, Language in Our Brain, Cambridge, Mass., 2017) scheint nun erstmals Chomskys Theorie, dass Sprache keine soziale Fertigkeit, sondern eine angeborene kognitive Fähigkeit ist, empirisch zu bestätigen. Friederici fand heraus, dass ein Bündel Nervenfasern die Kooperation zwischen dem Broca-Areal (zuständig für die Grammatik) und dem Wernicke-Areal (zuständig für die Lexik) in unserem Gehirn steuert, wodurch erst eine Entschlüsselung komplexer syntaktischer Strukturen möglich wird. Bei Affen sei dieses Faserbündel nur sehr schwach vorhanden und auch bei neugeborenen Kindern noch nicht voll funktionsfähig. Es reife in dem Maße, wie Kinder ihre Fähigkeit ausbilden, grammatisch komplexe Sätze zu verarbeiten. Damit sei mit diesem Faserbündel ein Schaltkreis gefunden, der biologisch festgelegt sei und mit dessen Hilfe lange, komplexe Sätze gebildet werden können. Chomskys Theorie wird damit bestätigt. Die Diskussion um die Universalgrammatik bleibt also spannend.

Was macht Fills Buch nun vergnüglich? Kurz: Stil, Themen und Layout. In einer unakademischen Sprache führt er in die verschiedenen Kapitel ein und verzichtet auf einen Anmerkungsapparat. Dabei präsentiert er die wissenschaftlichen Erkenntnisse in  einer situativen oder anekdotischen Umrahmung anhand von anschaulichen Beispielen, Abbildungen und Textsorten (Zitate, Dialoge, Gedichte). Je nach Leser sorgen sicher auch bestimmte Themen, wie ‚Sprache als Quelle von Humor‘ und ‚Sprache als Aphrodisiakum‘ für besondere Erheiterung. Schließlich unterstützt ein attraktives Layout mit eigens angefertigten Porträtzeichnungen vieler Wissenschaftler und durch Fettdruck hervorgehobenen Schlüsselwörtern die leichte Lesbarkeit des Buches.

Bücher zur Geschichte der Linguistik sind nicht gerade dicht gesät, und solche, die das auf eine möglichst unterhaltsame Weise versuchen, gibt es kaum. Wen das Thema interessiert, der findet hier eine Fülle von Informationen (nebst Glossar) und Zugängen (nebst Bibliographie), die zur individuellen Vertiefung einladen.

Gut zu wissen, was man sagt

2019 6. Dezember
von Michael Thormann

Elisabeth Wehling: Politisches Framing. Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht. Köln 2016

Ich bin in der Buchhandlung eher zufällig auf das Buch gestoßen, weil mich das Thema interessierte und ich mich durch die Empfehlung im Einband angesprochen fühlte, dass diese Einführung „für interessierte Laien und die Forschung gleichermaßen relevant“ sei (Prof. Dr. Irene Mittelberg). Erst nach Erscheinen dieses Buches geriet die Autorin vor allem in den sozialen Medien massiv in die Kritik, als bekannt wurde, dass sie 2017 im Auftrag der ARD unter dem Titel „Framing Manual“ ein Gutachten erstellte, das in Teilen der Öffentlichkeit in Verdacht stand, eine Kommunikationsstrategie zur Manipulierung der öffentlichen Meinung zu beschreiben. Der Hintergrund des Gutachtens war ursprünglich eine interne Verständigung der Landesrundfunkanstalten über einen bewussteren Umgang mit der Sprache. Dabei ging es zum einen darum, mit welcher Sprache die ARD öffentlich über sich selbst kommunizieren sollte, zum andern darum, wie mit Begriffen umzugehen sei, die in der Öffentlichkeit als politische Kampfbegriffe flottieren, z.B. „Lügenpresse“ oder„Abschiebeindustrie“. In jedem Fall sei es von Vorteil, so Wehlings Empfehlung, stärker auf Framing zu achten.

Im Einführungsteil beschreibt Wehling anhand der Begriffe ‚Frame‘, ‚kognitive Simulation‘ und ‚konzeptuelle Metapher‘ wesentliche Erkenntnisse der Neuro- und Kognitionsforschung und verweist auf Studien und weiterführende Fachliteratur. Tatsächlich ist das Frame-Konzept als Paradigma schon länger bekannt und wird überall dort aufgegriffen, wo ein analytischer Zugang zu Sinnstrukturen gesucht wird, u.a. in der Kommunikationswissenschaft, der Soziologie und Kognitiven Linguistik. Grundlegend dafür waren die Arbeiten von Marvin Minsky, dessen Ansatz von Charles Fillmore, George Lakoff u.a. für die Linguistik weiterentwickelt wurde. Zugrunde liegt die Annahme, dass unser durch Sozialisation erworbenes Weltwissen vom Gehirn organisiert und in Form von Frames abgespeichert wird. Sie werden immer dann abgerufen, wenn es gilt, bestimmte Wörter, konkrete Handlungen oder Situationen richtig zu verstehen. Dazu stellen die Frames jenes Kontextwissen bereit, mit dem das Ereignis interpretiert, bewertet und in das vorhandene Wissen eingeordnet werden kann. Entscheidend ist dabei jedoch, dass Wörter oder Fakten je nach Kommunikationsziel unterschiedlich ‚geframed‘ werden. Wehling betont, dass Framing immer selektiv und mit Komplexitätsreduktion verbunden ist und somit unser Denken mehr oder weniger unbewusst lenkt. Die Aktivierung eines Frames enthält nicht nur damit verbundene Bilder und Gefühle, sondern auch programmierte Handlungsabläufe, die als Teil der Wortbedeutung simuliert werden. Die Idee, dass wir gedanklich nachvollziehen, was wir sehen, aber auch nur hören, wird als kognitive Simulation (auch körperliche Mimesis) bezeichnet und spielt auch eine Rolle in der Psychologie bei der Erklärung von Resonanzphänomenen und Intuition durch Spiegelneuronen. Schließlich funktioniert politisches Framing, indem abstrakte Sachverhalte an körperliche Erfahrungen gebunden werden, um den Verstehensprozess zu erleichtern. Dazu benutzt die politische Sprache konzeptuelle Metaphern, die seit der Kindheit im Gehirn gespeichert sind und meist unbewusst Frames stimulieren, die zwischen unserem Weltwissen und abstrakten Ideen vermitteln. Als Beispiel für eine konzeptuelle Metapher verweist die Autorin darauf, Steuern (nur) als Last zu verstehen, wobei ausgeblendet werde, dass Steuern notwendig für ein funktionierendes Gemeinwesen sind.

Im zweiten Teil beschreibt Wehling nun an Beispielen aus der aktuellen Politikdebatte, wie politisches Framing funktioniert, und hier liegt der eigentliche Gebrauchswert des Buches. Es macht nämlich nicht nur bewusst, dass Sprache nicht zufällig verwendet wird, sondern Ideologie, Werte und handfeste politische Interessen transportiert, sondern es liefert anhand von Modellanalysen zugleich das Instrumentarium mit, sodass jeder, dem die Auswahl des Sprachmaterials nicht passt, eigene Beispiele analysieren kann. Wehling zeigt exemplarisch, wie einzelne Elemente des Frames ‚Steuern zahlen‘ negativ perspektiviert werden, indem Steuern als Last, Bürde oder Strafe bezeichnet werden, die Zahler selbst als „Melkkuh“ und als „Gans“, die man rupfen kann, um nur einige Beispiele zu nennen. Damit korrespondieren verniedlichende Bezeichnungen, die Verständnis für diejenigen ausdrücken, die ein „Steuerschlupfloch“ oder eine „Steueroase“ suchen, um nicht oder weniger zu zahlen. Die sind dann auch keine Kriminellen, sondern lediglich „Steuersünder“, womit suggeriert wird, dass es sich nicht um eine Straftat, sondern höchstens um eine moralische Verfehlung handelt.

Um nichts anderes geht es auch – um mal ein eigenes Beispiel zu nennen – wenn Journalisten im Zusammenhang mit dem VW-Dieselskandal verharmlosend von „Schummelsoftware“ reden, weil mit ’schummeln‘ der Frame „Spiel“ aufgerufen wird, wo mit Tricks versucht wird, einen Vorteil zu bekommen, während das eigentlich angebrachte Verb ‚betrügen‘ den Frame „Straftat“ aktivieren würde, also jemanden bewusst zu täuschen, um Geld zu bekommen. Nach dem Lesen dieses Buches kann man vielleicht noch besser nachvollziehen, wie die Entscheidungen der Jury für das „Unwort des Jahres“ zustande kommen, indem man den Frame analysiert, den ‚Preisträger‘ wie „ethnische Säuberungen“, „Rentnerschwemme“, „notleidende Banken“ u.a. aktivieren.

Ein Buch wie das vorliegende kann davor schützen, anderen sprachlich auf den Leim zu gehen. Es schärft das Sprachbewusstsein und schult die Aufmerksamkeit für eine intendierte Lenkung öffentlicher Debatten durch gezieltes politisches Framing.

Vaterbilder

2019 16. November
von Michael Thormann

Der 30. Jahrestag des Mauerfalls war Anlass zu vielfältiger Bilanzierung der deutschen Einheit. Kaum jemand bestreitet, dass viel Positives erreicht wurde, dennoch war überall von zunehmenden ostdeutschen Abwehrreflexen zu lesen. „Die hohen Zustimmungswerte für die AfD und die beträchtliche Anhängerschaft für die Linkspartei […] demonstrieren, wie sehr sich die nostalgische Sehnsucht nach Überschaubarkeit und festen eigenen Rollenbildern in den ostdeutschen Ländern ausbreitet.“ (FAZ, 29.7.19) Erklärungsversuche nehmen verstärkt das Verhältnis der Generationen in den Blick. So fragt nicht nur die jüngere Generation nach der Rolle ihrer Eltern in der DDR (Johannes Nichelmann, Nachwendekinder: Die DDR, unsere Eltern und das große Schweigen, 2019). Sondern auch die ältere Generation blickt zurück auf ihre Kindheit in den 50er Jahren, die oft mit Bindungsdefiziten verbunden war, weil der Vater entweder gar nicht oder psychisch beschädigt aus dem Krieg heimkehrte. Nach Herbert Renz-Polster sind seelische Nöte in der Kindheit der ideale Nährboden für autoritäres Denken (Erziehung prägt Gesinnung. Wie der weltweite Rechtsruck entstehen konnte – und wie wir ihn aufhalten können, 2019) Wenn es stimmt, dass die aktuellen politischen Entwicklungen in Deutschland ohne den Blick in die Kindheiten der jeweiligen Generationen kaum zu verstehen sind (Vgl. Spiegel, 13/2019, S.44-45), dann leistet auch das folgende Buch einen Beitrag dazu.

Sabine Bode: Nachkriegskinder. Die 1950er Jahrgänge und ihre Soldatenväter

Umtausch leider nicht möglich

Der Vater war an der Westfront, wurde aber wegen Krankheit noch vor Kriegsende nach Hause geschickt. Dort lag er meistens auf der Couch, rauchte filterlose Zigaretten und glotzte in den Fernseher, am liebsten Sport, obwohl er alles andere als sportlich war. Die Bierflasche war immer dabei. Er war lange der ‚Ernährer‘ der fünfköpfigen Familie, nahm aber von seinem Gehalt fast die Hälfte für sich. Mit Arbeit im Haushalt gab er sich nicht ab, aber beim Essen bekam er die besten Stücke. Den wenigen Spargel aus dem Garten aß er ganz allein, seine Familie schaute zu. Am liebsten war er im Garten und werkelte ein bisschen. Hier konnte er auch die Schnapsflasche besser verstecken. Seine Kinder mussten immer Bier holen, 20 Flaschen für das Wochenende. Weil sie sich dafür schämten, kauften sie es in verschiedenen Läden. Er kümmerte sich normalerweise nicht um die Schule. Wenn er aber doch mal Hausaufgaben mit seinen Söhnen machte, schlug er zu, wenn die Kinder etwas nicht sofort verstanden. Unter ihren Stühlen bildete sich eine Pfütze. Als die Mutter einmal im Krankenhaus war, musste er die Lehrerin empfangen. Während des Gesprächs im Wohnzimmer saß er in lumpigen Sachen im Sessel, neben sich eine Batterie Bierflaschen, rauchte und wischte sich schniefend mit dem Handrücken die Nase. Den Kindern war es peinlich, denn nun wusste auch die Lehrerin, dass ihr Vater keine Manieren hatte. An zärtliche Gesten zwischen den Eltern können sich die Kinder nicht erinnern, wohl aber an das verweinte Gesicht ihrer Mutter. Als sie nach seinem Tod sah, dass nicht nur das Konto leer war, sondern auch sämtliche Ersparnisse fehlten, waren keine Tränen mehr übrig. In seinem Nachlass fand sich eine eidesstattliche Erklärung eines Arbeitskollegen, dass der Vater den Hitlergruß wiederholt verweigert habe und deshalb verwarnt worden sei. Den ihm unterstellten Fremdarbeitern soll er mehr Essen als erlaubt gegeben haben. Man rechnete ihn deshalb insgeheim zum Widerstand. – Den Respekt seiner Familie hatte er lange vorher verspielt.

„Schade, dass man so einen Vater nicht zurückgeben kann“, meinte Hagen Blankensiefen über seinen Kriegsvater, dem er Depressionen und ein Leben als Einzelgänger zu verdanken hatte. Sabine Bode hat – bis auf eine Ausnahme – ähnlich bittere Berichte von Nachkriegskindern über ihre Kriegsväter in acht Kapiteln ausgebreitet, kommentiert und fünf davon ausführliche Interviews von Zeitzeugen oder Wissenschaftlern – am interessantesten das mit dem Historiker Sören Neitzel – zugeordnet. Ziel war es, die zerstörerische Kraft des Krieges zu zeigen, noch lange, nachdem der letzte Schuss gefallen war. Psychische Schädigungen unterschiedlicher Art gab es in beiden Generationen. Weil die Kriegsteilnehmer als Väter versagt haben, konnten auch die Kinder oft kein normales Leben führen.

Was die Ostdeutschen betrifft, so gab und gibt es nicht „Die DDR-Variante“ (Kapitel 6). Die zwei vorgestellten Fälle sind Varianten unter anderen. Leider wird auch in diesem Buch das Klischee von den einfältigen Ostdeutschen kolportiert, die angeblich geglaubt haben, alle Nazis seien nach 1945 in den Westen gegangen. (Birthler / Hülsemann). Die DDR war eine mehrfach gespaltene Gesellschaft, sodass sich allein deshalb generalisierende Aussagen verbieten. Es wird immer gern betont, dass viele Ostdeutsche nach dem Prager Frühling, spätestens aber nach der Biermann-Affäre eine wachsende innere Distanz zum SED-Staat entwickelten und sich in Nischen zurückzogen, was letztlich den Boden für die innere Oppositionsbewegung (Umweltaktivisten, Ausreise-Anträge, Montagsgebete, Proteste beim Luxemburg-Gedenken und in Schulen u.ä.) bereitete. Diese innere Errosion der DDR macht die unterstellte Identifikation der Ostdeutschen mit der offiziellen Geschichtspropaganda unglaubwürdig. Wie repräsentativ waren denn jene „Gleichaltrigen“, die die Autorin „verblüfft“ haben, weil sie keine Probleme mit ihrer Nationalität gehabt und sich auch „wegen der NS-Verbrechen nicht schuldig“ und „als Erben des antifaschistischen Widerstandes“ gefühlt hätten? (S. 30f) Man erfährt leider nichts über den biografischen Hintergrund dieser Leute, der allerdings für eine genauere Bewertung ihrer Aussagen aufschlussreich wäre. Im Übrigen ist diese Haltung inzwischen weit verbreitet, denn 77 % der Deutschen lehnen heute Schuldgefühle wegen des Holocausts ab – so die Ergebnisse einer neuen Studie von Zick / Rees.

Zwar war der ‚verordnete Antifaschismus‘ (Ralph Giordano) Teil der offiziellen Geschichtspropaganda, aber das bedeutet nicht automatisch, dass der Einzelne ihn in den privaten Bereich übernommen hat. Mit anderen Worten: viele wussten, dass ihre Eltern Teil des NS-Systems waren, dass der Vater in der Regel in der HJ und danach Soldat und die Mutter im BDM waren.

Wer es wissen wollte, las das damals mutige Buch „Kindheitsmuster“ von Christa Wolf, in dem die individuelle Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit, die nicht an „die anderen“ delegierbar war, thematisiert wird. Die mit autobiografischen Zügen ausgestattete Figur der Nelly Jordan wächst mit der NS-Ideologie auf und verfällt ihr: „Der Führer war ein süßer Druck in der Magengegend und ein süßer Klumpen in der Kehle.“ Völlig verblendet und führertreu bis zum Schluss erlebt sie die Flucht aus der Heimat und das Ende des NS-Regimes. Dieses Buch – das auch die Entstehung von Fremdenfeindlichkeit beschreibt – hat das Gespräch über den gewöhnlichen Faschismus befördert und damit den ‚verordneten Antifaschismus‘ unterlaufen.

Wenn es heißt, dass Nachkriegskinder ihre Eltern inzwischen im ‚milderen‘ Licht sehen (Bode, S.31), dann ist auch hier der ostdeutsche Blick aufgrund der gemeinsamen Erfahrung eines Lebens in der Diktatur ein spezifischer. Weil sie die politischen Zwänge, die begrenzten Spielräume menschlichen Verhaltens und die weitreichenden Konsequenzen einer Verweigerung am eigenen Leib erfahren haben, beurteilen sie das Tun und Lassen der Eltern immer vor der Folie des eigenen Lebens. Wenn ein Wehrmachtssoldat den Befehl erhielt, Teil eines Erschießungskommandos zu sein, und für sich entscheiden musste, zu töten oder vorbeizuschießen und die Konsequenzen zu tragen, dann gleicht das der Erfahrung von Tausenden NVA-Grenzsoldaten, die beim Postengang fast täglich vor der Gewissensfrage standen, ob sie von der Schusswaffe Gebrauch machen, wenn ihr Begleiter versuchen sollte, ‚Republikflucht‘ zu begehen. Das sind Gewissensqualen, wie sie auch Sebastian Haffner beschrieben hat, als er 1933 in einem Wehrsportlager Uniform und Hakenkreuzbinde trug und sich die Frage stellte, was er im Falle eines Kriegsausbruchs tun würde: „Würdest du dein Gewehr wegschmeißen und überlaufen? Oder auf deinen Nebenmann schießen? Der dir gestern beim Gewehrputzen geholfen hat? Nun? Nun??“ Der Vergleich des elterlichen mit dem eigenen Leben geschieht in dem Bewusstsein, dass jeder Mensch nur ein Leben hat und sich in einer historisch-konkreten Situation für einen Weg entscheiden muss, der Leben ermöglicht. Natürlich bedeutet ein ‚wissendes Verstehen‘ keineswegs, alles zu entschuldigen. Sondern es bedeutet vor allem, dass ostdeutsche Nachkriegskinder ihre Eltern weniger von oben herab sehen und mit moralischer Entrüstung weit vorsichtiger sind als Menschen, die mit ihren Eltern keinen gemeinsamen strukturellen Erfahrungsraum teilen.

Von daher rührt auch das Misstrauen vieler Ostdeutscher, wenn sie mit westdeutscher Überheblichkeit konfrontiert werden, nach dem Motto: Wie konntet ihr 45 Jahre eine Diktatur ertragen? Dazu Margarete Mitscherlich gegenüber einer Ostdeutschen: „Ich habe das Gefühl, die Westdeutschen verlangen von Ihnen, was sie von sich selbst nie verlangt haben – Sie sollen die DDR aufarbeiten und die Nazis, für die Wessis gleich mit. Die haben gar kein Recht, Ihnen Schuldgefühle zu machen.“ (Interview, 3./4.4.1993) Formen der Selbsterhöhung von Leuten, die ohne persönliches Verdienst auf der vermeintlich besseren Seite gelebt haben, stoßen vor allem auch deswegen auf ein müdes Lächeln, weil sie jeden Beweis dafür, dass sie sich in der DDR anders verhalten hätten, schuldig bleiben müssen. Ein Blick in die Geschichte lehrt jedoch, dass es unter den gemeinsamen politischen Bedingungen im Dritten Reich keine signifikanten Verhaltensunterschiede unter allen Deutschen gegeben hat, denn sie waren flächendeckend, von Ausnahmen abgesehen, ‚Hitlers willige Vollstrecker‘ (Daniel Goldhagen) und haben auf vielfältige Art und Weise vom ‚System‘ profitiert (Vgl. Bode, S.291ff).

Beim Lesen der Berichte fällt außerdem auf, dass die eigene Erinnerung von den Berichtenden nicht problematisiert wird. Erst im Interview mit dem Psychotherapeuten Müller-Hohenhagen (S.259ff) wird an einem Beispiel verdeutlicht, wie Erinnerungen bewusst verfälscht werden, teils um die Zuhörer, teils aber auch um sich selbst zu schonen. Es gibt aber auch noch eine unbewusste Seite der Erinnerung, die mit der Arbeitsweise unseres Gedächtnisses zusammenhängt. Es erinnert sich vor allem an emotional bedeutsame Erlebnisse, was aber bedeutsam ist, ist individuell. Hinzu kommt, dass das Erinnerte selbst nicht konstant bleibt. „Jedes Mal, wenn wir eine Erinnerung hochholen, werden wir sie neu bewerten und sie wird sich verändern“, meint die Gedächtnisforscherin Hannah Monyer. Erinnerungen sind demnach höchst unzuverlässig. „Wir alle erfinden unsere Vergangenheit neu, aber wir tun es nicht mit Absicht“, schreibt Siri Hustvedt, wir tun es im Dienst der „emotionalen Wahrheit“ und die ist entscheidend. Auch daran sollte man denken, wenn man die Berichte über Kriegserfahrungen und ihre transgenerationalen Folgen liest.

Das obige Zitat von Hagen Blankensiefen findet man auf S. 258, den eingangs beschriebenen Vater allerdings nicht. Das war meiner.

Nachbetrachtungen zum „Tag der Einheit“

2019 10. November
von Martin Löschmann

Nüchtern betrachtet beging die geeinte Republik am 3. Oktober ihren 29. Jahrestag. Die nächste runde Jubelzahl wird schon im kommenden Jahr erreicht. Wer bereits in diesem Jahr eine runde 30 brauchte, bediente sich des Mauerfalls. Inzwischen weiß man, wie es geht: Welch Glanz in meiner Hütte! Es gibt aber auch die, die meinen, so abgehoben von der Realität dürfe man diese Feiern nicht begehen. Spiegel Online titelt Die bisherige Erzählung der Einheit ist fragwürdig und lässt den Historiker Marcus Böick zu Wort kommen, der „einen neuen Blick auf die Wende – auch auf ihre Makel“ fordert (Samstag 02.11.2019).
Als wenn es sich dabei um ‚Makel‘ handelte – aber immerhin. Der Soziologe Steffen Mau * nennt Neues in Bezug auf die Aufarbeitung der DDR. Diese und andere Autoren lesend, frage ich mich, ob nicht schon jetzt die Ausgrabungen begonnen haben, von denen Volker Braun vermutet, dass die Archäologen in 50 Jahren damit beginnen werden, „nach uns zu graben“.

Es ist eine Freude beobachten zu können, wie zum Zwecke der Wahrheitsfindung, einer komplexen Betrachtung des Wende- und Nachwende-Geschehens auf- und eingerüstet wird, Werkzeuge zur Neubewertung von Wende-Vorgängen zur Verfügung gestellt, Fundorte geortet, erste Probegrabungen, aber immer auch Scheingrabungen vorgenommen werden.

Eine E-Mail von einem Freund M. Th., die mich am 22. Oktober erreichte, weist ebenfalls auf eine solche Ausgrabung hin, wenn der Schreiber nicht umhinkann, nach denjenigen zu fragen, die „für das inhumane Handeln im Zuge der Wiedervereinigung“ verantwortlich sind:

 „… der dir auch bekannte Nachwende-Rektor der Uni Leipzig, Prof. Cornelius Weiss, hat sich laut einem LVZ-Artikel vom 21.10.19 kritisch über den ‚schäbigen‘ Umgang mit ostdeutschen Wissenschaftlern nach der Revolution geäußert. Er kritisierte überstürzte Entlassungen und verteidigte die ‚international respektierte Forschung‘, u.a. auch in der Sprachwissenschaft. Das empöre ihn bis heute. Mit mehr Einfühlungsvermögen hätte die Einheit „humaner“ ablaufen können, d.h., dass es auch inhumanes Handeln im Zuge der Wiedervereinigung gab. Wer evaluiert eigentlich die dafür Verantwortlichen?“

Für den ehemaligen Rektor der Leipziger Universität ist das keine späte, Erkenntnis wie bei etlichen „Aufarbeitern“ der Wendezeit, die das gegenwärtige Glockengeläut zu hinterfragen beginnen, sondern er hat sich schon während seiner Amtszeit kritisch zum Umgang mit Angehörigen seiner Universität geäußert. In meinen „Unerhörten Erinnerungen eines Sonstigen“ und auch in diesem Blog kommt er zu Wort als einer, der das Maß nicht verloren hatte und seine Universität dem Westen nicht ungefragt überlassen wollte. In seinem Interview geht er allerdings sehr viel weiter, indem er eine „bittere Bilanz“ zieht. „Und es empört mich bis heute, dass Deutschland nach der Sternstunde seiner friedlichen Wiedervereinigung so schäbig mit seinen neuen Bürgern umging.“ „Die Leipziger Universität musste sich von fast 7000 Mitarbeitern trennen.“ Das bedeutete vielfach Bruch im Berufs- und damit auch im persönlichen Leben von unbescholtenen Menschen, die sich nicht selten jahrzehntelang unter schwierigen Bedingungen um Lehre und Forschung verdient gemacht hatten.“
(Einer von diesen 7000 Entlassenen war der Schreiber dieses Beitrages, wovon man sich in diesem Blog leicht überzeugen kann.)

Eigentlich habe ich nicht daran gezweifelt, dass sich eine eher angemessene Betrachtung des Wendegeschehens, das zum Beitritt der DDR zur Bundesrepublik führte, einstellen wird. Wer diesen Blog durchblättert, wird sich darüber schnell informieren können, dass hier von Anfang an versucht wurde, die Nebelwand zu lichten.

Die DDR war bankrott, überschuldet, ein einziger Schrotthaufen, marode*², geschichtslos, die DDR-Bürger und -bürgerinnen, fehlgeleitet und fehlentwickelt, nicht in der Lage, an der Umgestaltung teilzunehmen – schon gar nicht führend. Wie ‚trefflich‘ formulierte es einst Prof. Arnulf Baring? „Das Regime hat fast ein halbes Jahrhundert die Menschen verzwergt, ihre Erziehung, die Ausbildung verhunzt … Ob sich heute einer dort Jurist nennt oder Ökonom, Pädagoge, Psychologe, Soziologe, selbst Arzt oder Ingenieur, das ist völlig egal. Sein Wissen ist auf weite Strecken unbrauchbar.“ 

Soweit die Auslassung des bekannten, inzwischen verstorbenen Politikwissenschaftlers, Juristen und Publizisten aus dem Jahr 1991. Er war ein gern gesehener Gast in Talkshows.

Steffen Mau spricht in seinem Buch Lütten Klein. Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft von einer „relativen sozialen Deklassierung“*², die es ja in der Tat auch war. Die Ostdeutschen „wanderten in eine wohlhabendere und statusmäßig höher gestellte Gesellschaft ein.“ Um sie untertan, mundtot, unsicher machen zu können, wurden in vielen Fällen ihre Biographien in Frage gestellt, ihre Arbeitsbiographien zerstört, grundlos sogar in Eunzelfällen kriminalisiert, ihnen mit dem Zaunpfahl gedroht und erklärt, alles, was bisher von ihnen gelebt und geschaffen wurde, sei null und nichtig. Eine schnelle Lernfähigkeit wurde einem großen Teil von ihnen abgesprochen, schlimmer noch: unbescholtene Menschen aus fadenscheinigen Gründen aussortiert und kaltgestellt.

Allmählich jedoch lichtete sich die Nebelwand und ‚die Ossis‘ begannen zu begreifen, was sie sich hatten gefallen lassen (müssen). Dass die AfD, so schändlich reaktionär ihr Vorgehen ist, bei der Niederreißung eine Rolle spielt, steht außer Frage. Man wird nicht umhinkommen, die gefährliche Verlockung eines Teils des Ostwahlvolkes durch die AfD genau und ohne Scheuklappen zu analysieren, um diesen AfD-Rattenfängern das Handwerk legen zu können. Der bereits zitierte Historiker Marcus Böick, der sich mit der Treuhand beschäftigt, bringt es in seinem Interview (Spiegel Online Samstag, 02.11.2019   22:37 Uhr) auf den Punkt:

„Ich bin vor einigen Jahren gefragt worden: Trägt die Treuhand Mitschuld am Aufstieg der AfD? Ich habe das intuitiv erstmal verneint, aber inzwischen sehe ich das differenzierter. Wir reden hier über die langfristigen Erfahrungen der Nachwendegeneration – natürlich in Kombination mit der DDR-Erfahrung – und ich glaube: Gerade in dieser Kombination liegt vielleicht eine Erklärung. Die Treuhand ist schließlich ein zentraler Baustein dieser schockartigen Nachwendeerfahrungen. Die Menschen im Osten haben das Wirken der Treuhand oft als Herabsetzung empfunden. Es kamen Menschen aus Westdeutschland und nahmen im Osten das Heft in die Hand. Da reiste plötzlich einer aus Düsseldorf an und sagte: ‚Euer Betrieb ist nichts mehr wert.‘ Das bleibt hängen.“

Man kann es drehen und wenden, wie man will, die AfD stellt Fragen, die im Osten gären, weil sie vom Establishment jahrelang unter den Teppich gekehrt worden sind. Es genügt wahrscheinlich nicht nur eine Fehleranalyse der etablierten Parteien mit der CDU an der Spitze und die SPD unbedingt eingeschlossen. Wären nur hie und da Fehler gemacht worden, hätte man sie im Laufe der 30 Jahre längst korrigieren können. Wie aber die durchaus aktuellen kritischen Analysen des Zusammenwachsens von Ost und West zeigen, ist zwar einiges im Osten geworden, wer wollte es in Abrede stellen, aber die Ungleichbehandlung nach 30 Jahren liegt auf der Hand: Immer noch wird im Osten weniger verdient, die Machtstrukturen vom Westen dominiert, die Kulturinstitutionen, die Leitungsgremien der Universitäten von Westdeutschen besetzt – drei Viertel der Elite im Osten sind Westdeutsche (Mau, S. 3), sind die Großkonzerne weitgehend im Westen geblieben.

Wie schwerwiegend, lebenszerstörerisch die Wende für viele Ostdeutsche war, macht der Rückgang der Geburtenzahlen im Wendegefolge deutlich. „Nicht einmal zu Kriegszeiten oder nach 1945 sind die Geburtenzahlen so eingestürzt wie ab 90. Die Geburtenrate sank auf statistisch 0,77 Kinder pro Frau, ein extrem niedriger Wert.“ (Mau, S. 3) Die Verunsicherung eines beachtlichen Teils der Ostdeutschen hängt zweifelsohne mit der unbegründeten Infragestellung ihrer Bildung zusammen. Gewiss gab es diese unselige Ideologisierung, aber sie verhinderte keineswegs solide Bildung und natürlich auch Forschung. Viele der Arbeiter- und Bauernkinder, denen die DDR ihren Bildungsweg geebnet hatte, konnten und wollten sich nicht damit abfinden, dass ihr Bildungsbemühen vergebens gewesen sein sollte. Mau spricht in diesem Zusammenhang von einer „Aufsteigergesellschaft“, „Menschen aus einfachsten Schichten machten Abitur und kamen an die Hochschule“. Wenn man nicht mit dem Begriff Arbeiter- und Bauernkindern operieren will, kann man die Herkunft meinetwegen mit der mehr als schwammigen Kategorie „einfachste Schichten“ umschreiben, d.h. hier: diskriminieren. Dass die Förderung der Arbeiter- und Bauernkinder in den 80er Jahren zunehmend unterlaufen wurde, indem die sogenannte sozialistische Intelligenz bestrebt war, sich selbst zu reproduzieren, ist unbestreitbar, hier aber nicht das Thema.

Traun fürwahr: hätte nicht gedacht, dass sich derart viel bewegt im Rahmen der durchaus berechtigten Gedenk- und Feiertage. Diese gemütsaufhellende Feststellung treffend, erreicht mich die folgende Nachricht:

„Das aus 70 000 bunten Glasfliesen zusammengesetzte DDR-Wandmosaik «Die Beziehung des Menschen zu Natur und Technik» ist zurück an seinem früheren Standort. Mit einem Kran und vor einem Publikum aus Anwohnern wurde die letzte Platte von Josep Renaus Kunstwerk am Moskauer Platz in Erfurt angebracht. «Ein Stück Zeitgeschichte kehrt an den Moskauer Platz zurück. Viele Kunst aus der DDR sei inzwischen verschwunden, sagte Knoblich. «Zum Teil übereilt, zum Teil aber auch berechtigt.» Für die Stadt sei es ein tolles kulturpolitisches Zeichen, dass sie sich qualifiziert und differenziert mit DDR-Kunst auseinandersetze», sagte der Kulturbeigeordnete der Stadt Erfurt, Tobias Knoblich, am Dienstag.“ (dem 29. Okt. 2019) (https://www.msn.com/de-de/nachrichten/other/«stück-zeitgeschichte»-ddr-wandbild-in-erfurt-hängt-wieder/ar-AAJwqZs?ocid=spartandhp)
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* Interview mit Steffen Mau, Es hat sich im Osten eine Schiefstellung entwickelt. In: Berliner Zeitung v. 7./8. September 2019, S. 2.

*² Wer sich für die ökonomische Seite der aufgebauten Nebelwand näher interessiert, lese z.B. K. Blessing/W. Siegert: Wie sich Richard Schröder arm rechnet. Eine Erwiderung auf einen   Artikel von R. Schröder, der in der Zeitung „Die Welt“ erschien, nachdem „Die Welt“ ihn abgelehnt hatte.  In: Berliner Zeitung v. 10. September 2019, S. 6.

Das hat Büchner nicht verdient

2019 29. Oktober
von Martin Löschmann

Gewiss, aktuelle Adaptionen von literarischen Werken vergangener Jahrhunderte sind oft problematisch, man sollte Transformationen in die Gegenwart deshalb aber nicht von vornherein in Frage stellen, aber man wünschte sich schon, dass sie irgendwie angemessen, plausibel, redlich in die Neuzeit, zeitgemäß transformiert werden, was immer man darunter verstehen will oder kann.

Mir will scheinen, dass die Neuverfilmung von Büchners „Woyzeck“ aus dem Jahre 2013 im hohen Grade misslungen ist, auch wenn das Feuilleton es weitgehend anders sieht. Ich schreibe vom Woyzeck-Film des Regisseurs Nuran David Calis, den ich allerdings erst vor gut einer Woche bei 3sat (also am 19. Oktober 2019) gesehen habe. Gewissermaßen Schnee von gestern, der in unserer schnelllebigen Welt längst aufgetaut ist und sich verflüchtigt hat.

Indes, offensichtlich hatte sich meine Enttäuschung über die Verfilmung von Wedekinds „Frühlingserwachen“ (2009), die ich vor Jahr und Tag zur rechten Zeit gesehen hatte, nicht ein für alle Mal – mich lähmend – über den Namen des Regisseurs gelegt.

In dem so oft gespielten fragmentarischen revolutionären Theaterstück geht es bekanntlich um den geschundenen armen Soldaten Franz Woyzeck, der – einer der Ärmsten unter den Armen – von seinem Hauptmann, dem er als Laufbursche dient, und erst recht vom schneidigen Tambourmajor, der seine Marie verführt, bis ins Mark gedemütigt und erschüttert wird. Von Wahnvorstellungen, Peinigungen und von der Enge seines kasernierten Lebens getrieben, bringt er, im höchsten Grade verzweifelt, seine Marie um. Sein bedauerlicher Gemütszustand rührt von den wissenschaftlichen Untersuchungen her, denen er sich in seiner Not als Versuchsobjekt unterwirft und die dazu dienen herauszufinden, ob und welche unerwünschten Nebenwirkungen eine Ernährung ausschließlich mit Erbsen hat.

Wenn nun diese Figur – erstmalig in der deutschen Literatur – ins Berliner, genauer ins vermeintlich heutige Wedding-Milieu versetzt wird und seine große Not durch den Verlust seiner Gaststätte entsteht, die er Moslems überlassen musste, gerät die Handlung zwangsläufig in eine mehr als zweifelhafte Schieflage. Die wird durch den Ersatz des feschen Tambourmajors durch einen Gangleader mit mäßigem Hollywood-Zuschnitt verstärkt. Gerade durch ihn ist Woyzeck seinen Besitz losgeworden und musste erleben, wie ein muslimischer Zuwanderer nebst Clique sein ehemaliges Restaurant als eine arabische gastronomische Einrichtung betreibt. Woyzeck will sein Schicksal nicht hinnehmen, sich zurückarbeiten und seiner Marie mit ihrem gemeinsamen Kinde finanzielle Sicherheit geben und vor allem ein Häuschen für sie erwerben. Dafür schuftet er unter Tage als Müllarbeiter, Gleisreiniger und schluckt überdies undefinierbare Pillen für eine zweifelhafte Studie, die ihn vorübergehend impotent und schlaflos machen, muss sich zudem noch in seiner einstigen Gaststätte verdingen und scheitert letztendlich trotz all seiner redlichen Bemühungen.

Bei solcher Gemengelage kann man sich über weite Strecken nicht des Gedankens erwehren: Es sind die bösen Moslems, die Migranten, eine Migrantenoberschicht, die sich ein gutes Stück von Berlin erobert und die Woyzeck ins Elend gestützt haben und denen er, einer mit Nicht-Migrationshintergrund, letztlich schmerzlich unterliegt. Man ist entfernt an Houellebecqs „Unterwerfung“ erinnert, aber nur sehr weit entfernt. Kein Vergleich! „Mich interessieren ethnische und religiöse Konflikte. Ich brauchte einen Menschen, der eine Minderheit in einer Minderheit darstellt“, sagt der Regisseur. Mag sein, aber Büchners Theaterfragment „Woyzeck“ ist dafür völlig ungeeignet. „Man würde dem Film Woyzeck sicher nicht gerecht, wenn man ihm unterstellen würde, Fremdenfeindlichkeit zu provozieren“, heißt es in einem  „Pädagogischen Begleitmaterial zum Film WOYZECK“: (http://www.materialserver.filmwerk.de/arbeitshilfen/Begleitmaterial-Woyzeck_v2.pdf). Aber genau diese Provokation bricht sich in der Theaterverfilmung von Herrn Nuran David Calis Bahn.

Ich weiß nicht, ob sich jemand von der AfD zu dieser Verfilmung geäußert hat, würde es aber gerne wissen, denn eines ist sicher, der Film ist eine Vorlage, wenn nicht so abgegriffen, hätte ich geschrieben: Steilvorlage, für diese rechtsradikale Partei. Der arme deutsche junge Mann wird aus seinem ihm angestammten Bereich von Migranten, die zu Kriminellen, Kleinkriminellen geworden sind, vertrieben, ins Elend getrieben.

Sag ich doch, sagen wir doch. Schaut, so kann es jetzt schon gehen. Das darf doch nicht sein. Das kann doch nicht sein. Das muss doch nicht sein. Das wird so sein, wenn nicht …

Der letzte Prominente ist tot.

2019 15. August
von Martin Löschmann

Er starb am Sonntag, dem 25. Juli, mit 92 Jahren und hinterlässt ein Werk, das in rund 20 Sprachen übersetzt und durch etliche Preise gewürdigt worden ist; darunter der Heinrich-Mann-Preis (1969), der Kunstpreis der Stadt Leipzig (1970), der Alex-Wedding-Preis 1988, das Bundesverdienstkreuz am Band (1999).

In nicht wenigen Nachrufen, die ich einsehen konnte (11), nicht im Wikipedia-Eintrag wird erwähnt, dass Werner Heiduczek als „Dozent am Herder-Institut“ gearbeitet habe. Das ist in diesem Fall völlig korrekt, denn zu jener Zeit wurden die Sprach- und Fachlehrer als Dozenten bzw. Dozentinnen am Herder-Institut der Karl-Marx-Universität bezeichnet. Mir will es indes so scheinen, als hätte er selbst auf seine Zeit am Herder-Institut wenig Wert gelegt. Und dafür mag es verschiedene Gründe gegeben haben:

Ein schlichter Grund könnte sein, dass er ja nur eine kurze Zeit am Institut verweilte. Wenn ich mich recht erinnere, kam er 1961 zusammen mit seiner Dorle, wie sie auch von vielen am Institut genannt wurde, nach einem Einsatz als Deutschlehrer am Fremdspracheninstitut in Burgas (Bulgarien) zu uns. Frau Heiduczek wurde hier heimisch und machte sich u.a. als Bereichsleiterin verdient. Über sie, die durch kritisches Auftreten auffiel, erhielt sich ein lockerer Kontakt zu dem sich ab Mitte der 60er Jahre etablierenden freien Schriftsteller Werner Heiduczek. Als „unter Mitarbeit von Dorothea Heiduczek“ 1982 „Die schönsten Sagen aus Firdausis Königsbuch neu erzählt“ im Kinderbuchverlag erschienen, wurde hier und da vermutet, sie würde irgendwie in die Fußstapfen ihres Mannes treten.

Ein weiterer Grund mag die Anfang der 60er Jahre noch relativ starke Verschulung des Sprachunterrichts Deutsch als Fremdsprache gewesen sein. Es gab zu seiner Zeit noch keine Forschungsabteilung, keine wissenschaftlich begründete Landeskunde und noch keine gezielte sprachliche und fachliche Vorbereitung ausländischer Studierender auf ein Hochschulstudium in der DDR. Doch, was schreibe ich da. Um es salopp zu formulieren, schon mit der Schule, der Volksbildung hatte er letztlich wenig am Hute, obwohl er in den 50er Jahren nach einer Qualifizierung als Neulehrer, nach einem Studium der Pädagogik und Germanistik schnell Karriere machte: zwei Monate Dorfschullehrer, Lehrer für Latein und Geschichte an einer Oberschule, wo er bereits nach einem Jahr stellvertretender Direktor wurde, Referent für Oberschulen im Ministerium für Volksbildung des Landes Sachsen-Anhalt mit 24 Jahren, 1952 Kreisschulrat in Merseburg, danach (1953/54) noch einmal ein Erweiterungsstudium für Germanistik in Potsdam. Bevor er 1961 als Deutschlehrer nach Burgas an die Fremdsprachenschule ging, hatte er an der Kinder- und Jugendsportschule Friedrich Engels in Halle vier Jahre als Lehrer für Geschichte und Deutsch gewirkt. Alles in allem: beste Empfehlungen fürs Herder-Institut. Ein nicht geringer Teil der Lehrkräfte kam aus der Volksbildung ans Institut, der Schreiber übrigens auch.

Der entscheidende Grund für seine kurze Stippvisite 1962 bis 65 am Herder-Institut jedoch liegt auf der Hand: Er wollte unbedingt Schriftsteller werden, hatte bis dahin dies und jenes versucht, schon als Student „wie ein Besessener“ geschrieben und brauchte gerade noch die kurze Zeit am Herder-Institut, um sich klar darüber zu werden, ob er den Sprung ins freie Schriftstellerdasein wagen sollte bzw. konnte. Er hat ihn gewagt und sich zu einem beachteten und geachteten Schriftsteller entwickelt, der gelegentlich schon mal bei uns aus seinen Werken las, z.B. im Rahmen von Hochschulferienkursen für Deutschlehrer und Germanisten aus aller Welt im Sommer. 1972 zog Familie Heiduczek von Halle nach Leipzig, also an den Ort, wo seine Frau erfolgreich wirkte und Geld verdiente. Auch wenn er immer wieder als Grund angab, dem „ungeliebten Lehrerberuf entfliehen“ zu wollen, sein unerschütterliche Antrieb war unübersehbar der Schreibwille. Noch 2016 äußerte er sich ganz in diesem Sinne: „Ich hatte von diesem ganzen Lehrerkram, von dem Funktionärsdasein die Nase voll. Ich wollte da raus, ich wollte schreiben.“ Seine penetrante Abneigung dem Lehrerberuf gegenüber sei ihm verziehen.

So richtig bekannt machte ihn der Roman Tod am Meer, der 1977 erschien und in der DDR verboten wurde, weil der damalige Botschafter der UdSSR Pjotr Andrejewitsch Abrassimov stur und steif die angeblich antisowjetische Darstellung in einige Passagen beanstandet hatte. Es ging dabei vor allem um den Tabubruch: die Vergewaltigung durch Angehörige der sowjetischen Armee beim Einmarsch in Deutschland. „Habt ihr vergewaltigt?“, wird im Roman gefragt, die treffende Antwort des sowjetischen Offiziers:

„Ob Griechen oder Römer, Osmanen oder Chinesen, Amerikaner oder Russen, schick sie in den Krieg, und es wird Mord geben, Raub, Plünderung und Vergewaltigung. Ich finde es dumm, den Menschen in den Zustand des Tieres zu versetzen und dann über seine Unmoral zu meditieren.“

In meinen Unerhörten ‚Erinnerungen eines Sonstigen schreibe ich zu dieser heiklen Problematik, die mich mit zehn Jahren als Augenzeuge einwob: „Kein Geringerer als der bekannte sowjetische Schriftsteller Ilja Ehrenburg (1891-1967) hatte es in seinem Tagebuch bereits bestätigt. Gut ein Jahr vor Heiduczek hatte Christa Wolf in ihrem Roman Kindheitsmuster das Tabu-Thema gewissermaßen gestreift, indem sie von einem jungen russischen Offizier erzählt, den Flüchtlingsfrauen über ein eigens installiertes Alarmsystem regelmäßig gegen zudringliche Rotarmisten zu Hilfe rufen. Heiner Müller gab dem Thema in seinem letzten dramatischen Text Germania 3 Gespenster am toten Mann zudem eine neue Perspektive:

„Schlafzimmer mit Doppelbett. Ein russischer Soldat vergewaltigt eine deutsche Frau. Auftritt ein Mann in der gestreiften Uniform des Konzentrationslagers mit dem roten Winkel des politischen Häftlings. Er sieht eine Weile zu, dann erschlägt er den Soldaten. Hier beginnt die Befreiung, der Frieden mit einem Mord.“ Christa Wolfs Kindheitsmuster, durchaus kritisch aufgenommen, wurde nicht aus dem Verkehr gezogen, Heiduczeks Roman, als nach einem Jahr die 2. Auflage anstand. Das Verdikt trug natürlich nicht unwesentlich zum Bekanntwerden seines herausragenden Werkes bei. Rund 10 Jahre später durfte es zwar wieder erscheinen, was allerdings nur in einem der Nachrufe erwähnt wird. Freilich die dogmatische Kulturpolitik war damit nicht ungeschehen zu machen, sie signalisierte indes aber Aufweichungen ideologischer Tatbestände, Bewertungsveränderungen, Bewegungen zum Aufbruch.

Duplizität der Fälle: In Tod am Meer erleidet der Leipziger Schriftsteller Jablonski, der wie Heiduczek aus Oberschlesien  stammt, in Leipzig lebt, während einer Vortragsreise in Bulgarien einen Schlaganfall und stirbt Wochen später an den Folgen – wie viele Jahre danach Heiduczek selbst. Im Bezirkskrankenhaus in Burgas überschaut er sein bisheriges Leben und muss sich eingestehen, dass er als Künstler versagt hat, weil er zu einem Auftragsschriftsteller geworden ist, zu sehr fremdbestimmt geschrieben hat und so der Wahrheit gelegentlich ins Gesicht schlug. Seine erschütternde, zu Herzen gehende Beichte gegenüber einem Mitpatienten verbindet sich zugleich mit einer kritischen Auseinandersetzung mit seiner Partei, deren Fehlentwicklungen er an den Pranger stellt – ganz im Sinne von Heinrich Mann, der in seinem Essay Geist und Tat feststellt: „Ein Intellektueller, der sich an die Herrenkaste heranmacht, begeht Verrat am Geist.“

Ich muss gestehen, ich bin bei diesem und einem zweiten Werk, nämlich Abschied von den Engeln (1968), stehengeblieben, das bei weitem noch nicht das Niveau des hier kurz umrissenen Romans erreicht. Als ich von dem Tod des ehemaligen Mitarbeiters des Herder-Instituts hörte, stellte sich sofort ein Lesezwang ein, was kann dem verstorbenen Schriftsteller Besseres passieren: Bei meinen Lesenotizen, die immer weiter steigen, findet sich schnell Heiduczeks Lebenserinnerungen Im Schatten meiner Toten (2005), seine letzte große Arbeit. Hoffentlich komme ich noch dazu, sie nun endlich zu lesen.

Auf zum Dorotheenstädtischen Friedhof – ein zweites und letztes Mal

2019 2. August
von Martin Löschmann

Bei Aufräumarbeiten – sie nehmen kein Ende! – fallen mir Memoiren-Entwürfe von H.Z. in buchstäblich in meine Hände, die vor vielen Jahren ins Haus geflattert waren. Auf einer Seite ist von mir vermerkt: Prof. Hans Mayer zum Vergleich. Die Notiz samt der Beschreibung meines geschätzten Lehrers, der in den „Unerhörten Erinnerungen eines Sonstigen“ an verschiedenen Stellen zu Wort kommt, kann ich doch nicht unreflektiert entsorgen. Im gegebenen Fall hätten dies die Zurückgelassenen tun müssen.

 
Hier der Auszug von H.Z., der von 1957 bis 1962 in Leipzig Slawistik und Germanistik studierte und in den 80er Jahren ans Herder-Institut kam, und wie andere Studierende zu Mayers Zeit nicht umhinkonnte, dessen Vorlesungen zu besuchen. In seinen Memoirenentwürfen findet sich die Begeisterung, die allenthalben schon an anderen Stellen kundgetan wurde, aber eben nicht in der individuellen Ausprägung. Solche Erinnerungen können helfen Prof. Hans Mayer ins rechte Licht zu rücken, denn was hat man nicht alles unternommen, ihn zu denunzieren, mundtot zu machen, ihn zu verleumden (vgl. auch Christioph Hein).

„ … Die Vorlesungen von Hans Mayer im berühmten Hörsaal 40 im alten Universitätsgebäude, vor dessen Hintereingang damals das heute an der Moritzbastei aufgestellte Leibnizdenkmal stand, waren Kult. Von allen Fakultäten kamen Studenten herbeigeströmt: Mediziner, Physiker, Chemiker, man musste sehr zeitig kommen, um noch einen Platz zu ergattern, die Studenten saßen z.T. auf dem Fußboden vor dem Katheder oder auf den Treppenstufen. Auch der unter dem Hörsaal 40 befindliche Senatssaal mit dem schönen Blick auf das steile Dach der Universitätskirche war überfüllt. Mayers Vorlesung wurde in den Senatssaal übertragen. Mayer war sehr temperamentvoll, mit Schwung kam er in den Hörsaal, begrüßt vom hundertfüßigen Getrampel der Studenten, knallte seine Tasche oder Mappe auf den Tisch und begann frei zu sprechen, rhetorisch hervorragend, mit geschliffenen Formulierungen, interessant, druckreif, mit Witz und Ironie, Hintersinn und Sprachgewalt auf hohem wissenschaftlichen Niveau. Ich habe nie wieder jemanden in dieser beeindruckenden Weise fast zwei Stunden frei, sehr lebendig, sprechen, eine lange Vorlesung, einen Vortrag halten hören. Er ging vor dem Pult auf und ab, unterstrich seine Ausführungen mit lebhafter Körpersprache.
Um Mayer kreisten verschiedene Anekdoten, er war ein gefürchteter Prüfer, ein ‚sehr gut’ bei ihm war fast ein Ding der Unmöglichkeit, ein ‚Gut‘ ein Ritterschlag, eine Erhebung in den literaturwissenschaftlichen, germanistischen Adelsstand. Als ein Student ihm mal ein Thema für die Diplomarbeit vorschlug, soll er gesagt haben: „Sie wollen wohl ein Pol.Ök.-Arbeit bei mir schreiben?“ und als ein Student in der mündlichen Prüfung bei ihm eine ‚Vier‘ bekam und der nächste Prüfling auf Mayers Frage, wie er sich den vorbereitet habe, antwortete dieser, er habe sich gemeinsam mit dem Vorgänger auf die Prüfung vorbereitet, soll Mayer gesagt haben: „Sie können gehen. Sie haben auch eine ‚Vier‘…

Es mag schon etwas dran sein, denn ich fühle mich durch H.Z. geadelt. Wer meine Erinnerungen gelesen hat, wird mitbekommen haben, dass mich meine ‚Zwei plus‘ für die Examensarbeit „Brechts Stellung zur deutschen Klassik“ schon gewurmt haben. In meinem Text heißt es: „Mayer bewertete die Arbeit mit einer ZWEI plus Sternchen. Doch das Sternchen wurde nicht auf der Urkunde abgebildet.“

Beim Lesen dieser Notiz beschleicht mich noch ein ganz anderer Gedanke. Mensch du wolltest doch deinen Professor auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof besuchen. Du bist zwar kein Friedhofsgänger, aber im Falle von Prof. Hans Mayer und bei dem Ruf, den dieser Friedhof genießt, wird es höchste Zeit. Eine Art Selbstverpflichtung, seit wir in Berlin leben, will endlich erfüllt werden. Gerichtsnotorisch ist meine Verpflichtung indes nicht. In meinen „Unerhörten Erinnerungen eines Sonstigen“ ist sie nicht zu finden. Dort heißt es nur lapidar: „Von seiner Bedeutung überzeugt, ließ sich der große Mayer auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof zur letzten Ruhe betten, neben Fichte und Hegel, Johannes R. Becher, Bertolt Brecht, Helene Weigel, Günter Gaus, Hans Eisler, John Heartfield, Herbert Marcuse, Heiner Müller, Anna Seghers, Christa Wolf und vielen anderen Persönlichkeiten.“

Mit meinem Klapprad auf dem Wege und es als Stütze während des Friedhofs benutzend, frage ich mich, was meinen Professor Hans Mayer bewogen haben mag, sich auf dem berühmten Dorotheenstädtischen Friedhof bestatten zu lassen? Berlin war ja alles andere als seine Wirkungsstätte, sieht man mal von seinem Studium 1926/27 und seiner Flucht zum zweiten Staatsexamen nach Berlin ab. 

Obwohl er schon daran gearbeitet hat, dass ihm die Nachwelt Kränze flicht. Eine Benennung einer Straße in Hannover ein Jahr nach seinem Tod wäre ihm womöglich zu wenig gewesen, wennschon sich der Hans-Mayer-Weg unweit von der Universität befindet.

Der Lehrstuhl in Hannover, von dessen Vergabe der Verfassungsschutz nachdrücklich abgeraten hatte, war nicht sein Zielort, eher schon Tübingen, genauer die Eberhard-Karls-Universität Tübingen, die sich heute als Universität mit Exzellenzstatus immer noch bestens empfiehlt. Nicht ohne Grund zog es ihn als Emeritus und Honorarprofessor dorthin. Doch Tübingen war ihm offensichtlich – ganz im Gegensatz zu Ernst Bloch, dem weltbekannten Philosophen aus Leipzig –, nicht Ort genug, sich dort zur letzten Ruhe betten zu lassen. Sein Freund Ernst Bloch wählte den Bergfriedhof in Tübingen – nahe der Universität gelegen, an der er seit seinem Weggang aus Leipzig 1961 gelehrt hatte.

Dagegen nimmt sich Mayers Allerwelts-Grabstein auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof konventionell, irgendwie angepasst, eingerahmt aus. Hans Mayer muss man bis in alle Ewigkeit kennen, ist es das? Auf jeden Fall wollte er zugeordnet werden. So findet man seine Gedenkstätte nicht weit von Hegels Grab, auch nicht weit entfernt von Bertolt Brecht. Mayer soll irgendwann am Ende seines Lebens, fast erblindet, gesagt haben, dass er sich auf ein Wiedersehen mit Brecht freue.

Irgendeine Führung, von denen es etliche gibt, endet am Grab von Christa Wolf und Hans Mayer. Er scheint hier angekommen und integriert zu sein.

Eine geborgte Zusammenfassung über das Ende der Welt

2019 17. Juli
von Martin Löschmann

Vor ein paar Tagen ereignete sich wie aus heiterem Himmel ein Gespräch mit einem jungen Mann über die allerorten heraufbeschworene Klimakatastrophe und das mögliche Ende der Welt. Ich wehre ab und höre mich sagen: „Sie sind zu jung, um so pessimistisch zu sein. Alte Leute dürfen sich schon mal in Endzeitgedanken verlieren, aber Sie doch nicht.“ Und ich hole zwei, drei Gedanken hervor, die begründen sollen, warum alte Leute ihr absehbares bevorstehendes Ende mit dem unserer Welt verbinden.

Zu Hause angekommen, lese ich das letzte Kapitel aus Carlos Rovellis „Sieben kurze Lektionen über Physik“ und finde ganz am Ende – welch ein Zufall! – eine aufschlussreiche, klar formulierte, bewunderungswürdige bündige Zusammenfassung unserer kurzen, dahingestolperten Gedankengänge

Um Missverständnissen vorzubeugen, in diesem Buch geht es nicht vordergründig um diese heiter-düstere Perspektive, sondern eher um die großen Entdeckungen der modernen Physik des 20. Jahrhunderts: die Relativitätstheorie von Einstein,die Quantenmechanik von Max Planck, die weiterführenden Einsichten in die Entstehung des Universums, die Elementarteilchen-Theorie, die Loop-Theorie (Schleifen-Quantengravitation), des Autors Kernbeackerungsfeld.

„Ich denke, unsere Spezies wird nicht lange überleben. Sie scheint aus anderem Stoff gemacht als die Schildkröten, die immer gleichbleibend über Hunderte Millionen von Jahren fortexistiert haben, Hunderte Male länger als wir. Wir gehören einer eher kurzlebigen Spezies an. Unsere Vettern sind bereits alle ausgestorben. Und wir richten Schaden an. Die Klima- und Umweltveränderungen, die wir ausgelöst haben, sind brutal und werden uns schwerlich verschonen. Für die Erde wird es nur ein belangloser kurzer Augenblick sein, wir aber werden die Folgen wohl nicht unbeschadet überstehen; zumal die öffentliche Meinung und die Politik es vorziehen, die drohenden Gefahren zu ignorieren und den Kopf in den Sand zu stecken. Vielleicht sind wir die einzige Spezies auf der Erde, die sich der Unausweichlichkeit ihres individuellen Todes bewusst ist. Ich fürchte, wir werden bald auch die Spezies sein, die bewusst ihr eigenes Ende kommen sieht oder doch zumindest das Ende ihrer Zivilisation.

So wie wir uns mehr oder weniger gut unserem eigenen Tod stellen, so werden wir auch dem Zusammenbruch unserer Zivilisation begegnen. Da gibt es keinen großen Unterschied. Und es ist ja auch nicht die erste Zivilisation, die zusammenbricht. Schon die Maya und die Kreter haben das durchgemacht. Wir werden geboren und sterben, ebenso wie die Sterne geboren werden und sterben, sowohl individuell als auch kollektiv. Das ist unsere Realität. Gerade wegen seiner Vergänglichkeit ist uns das Leben kostbar. Denn, wie Lukrez sagt:

«… immer gleicher Durst nach Leben beherrscht uns, ständig steht uns der Mund begehrend offen.» (De rerum natura, III, 1084)

Aber in dieser Natur, die uns geschaffen hat und uns erhält, sind wir keine unbehausten Wesen, die zwischen zwei Welten hängen, nur teilweise Teil der Natur mit der Sehnsucht nach etwas anderem. Nein. Wir sind zu Hause.

Die Natur ist unser Zuhause, und in der Natur sind wir zu Hause. Diese sonderbare, bunte, erstaunliche Welt, die wir erforschen, wo der Raum zerbröselt, die Zeit nicht existiert und die Dinge zuweilen nirgends sind, ist nichts, was uns von uns selbst entfernt. Es ist nur das, was unsere natürliche Neugier uns von unserem Zuhause zeigt, von dem Stoff, aus dem auch wir gemacht sind. Wir bestehen aus dem gleichen Sternenstaub wie alle Dinge, und ob wir in Schmerz versinken oder lachen und vor Freude strahlen, wir sind immer nur das, was wir einzig und allein sein können: ein Teil unserer Welt.

Lukrez sagt es in wunderbaren Worten:

«Letztlich sind wir doch alle himmlischen Samen entsprossen, alle haben wir den gleichen Vater, von ihm empfängt die gütige Mutter die feuchten Tropfen des Regens, sie nimmt die Erde auf und bringt aufblühend schimmernde Früchte hervor, üppige Bäume, auch der Menschen Geschlecht, gibt Lebenskraft den wilden Tieren aller Arten, stillt, für Nahrung sorgend und für Futter, den Hunger aller, lässt sie ein wohl ausgestattetes Leben führen und ihren Nachwuchs aufziehen …» (II, 991–997)

Von Natur aus lieben wir und sind ehrlich und anständig. Von Natur aus wollen wir immer mehr wissen und immer weiter lernen. Unser Wissen über die Welt wächst. Uns treibt der Drang nach Erkenntnis, und lernend stoßen wir an Grenzen. In den tiefsten Tiefen des Raumgewebes, im Ursprung des Kosmos, im Wesen der Zeit, im Schicksal der Schwarzen Löcher und im Funktionieren unseres eigenen Denkens.

Hier, an den Grenzen unseres Wissens, wo sich das Meer unseres Nichtwissens vor uns auftut, leuchten das Geheimnis der Welt, die Schönheit der Welt, und es verschlägt uns den Atem.“

(Die italienische Originalausgabe erschien 2014 unter dem Titel «Sette brevi lezioni di fisica» bei Adelphi Edizioni, Mailand.), in Deutschland veröffentlicht in deutscher Sprache im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, September 2015)