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Verspätete und notdürftige Anmerkungen zu einem langen Interview

2018 25. Januar
von Martin Löschmann

Freunde haben mich auf dieses Interview vom 20. Dezember des vergangenen Jahres aufmerksam gemacht: Du interessierst dich doch dafür, was so zum Hochschulwesen der DDR gesagt oder geschrieben wird. Hier spricht einer, dessen Wissenschaftskarriere in der DDR begann und der mit seiner Heirat 1998 als Wissenschaftler-Ehemann der Bundeskanzlerin ins Rampenlicht der Öffentlichkeit geriet.

Warum nicht? Bevor ich das Interview überfliege, stutze ich erst einmal: Dies soll ein großes Interview sein? Ungewöhnlich lang ist es auf jeden Fall, geht es doch über eine ganze Zeitungsseite. Worin aber das Große dieses Interviews besteht, erschließt sich mir beim Überfliegen nur bedingt. Also genauer lesen.

Zwei Argumentationsebenen bieten sich an. Groß, weil ein großer Wissenschaftler zu Worte kommt, nämlich der 68-jährige Quantenchemiker Prof. Dr. Joachim Sauer, der ganz offensichtlich Beachtliches an wissenschaftlichen Leistungen hervorgebracht hat und diese Leistungen, nicht ganz uneitel, ins richtige Bild rückt. Seine Auszeichnungen – Respekt einflößend. Das geht gelegentlich so weit, dass man den Eindruck gewinnen könnte, dieser verdienstvolle Wissenschaftlicher sei bisher nur kurz am Nobelpreis vorbeigeschrammt. Jedenfalls beschäftigt er sich mit einem Gebiet, auf dem der Berliner Forscher Gerhard Ertl einen Nobelpreis erhielt. „Während Ertl sich mit Metallen befasste, geht es bei meiner Forschung – gemeinsam mit zahlreichen Berliner Kolleginnen und Kollegen – um Metalloxide, die auch katalytisch aktiv sind.“ Klar, dass auf diesem Feld womöglich kein weiterer Nobelpreisträger folgen kann, weshalb uns Prof. Sauer auch erklärt, Nobelpreisträger sind nicht die einzigen „tollen Wissenschaftler“. Traun für wahr, wer wäre auch so vermessen, große, verdienstvolle Wissenschaftler erst beim Nobelpreis anzusetzen.
Die zweite Ebene wäre die Privatsphäre. Groß, weil er seit 1998 verheiratet ist mit der Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel und sich als Interviewpartner bisher rargemacht hat:
„Der 68-jährige Quantenchemiker steht nicht gern im Rampenlicht, schon gar nicht in der politischen Öffentlichkeit. Denn, und darauf legt er größten Wert, er ist Wissenschaftler … Abgesprochen ist, dass es um seine Forschung und seine Karriere gehen soll.“ Liest man das Interview, erkennt man problemlos, dass er sich nur zu hochschulpolitischen, also nur zu i.w.S. politischen Fragen äußert. An einer Stelle, wo es um die DDR-Zeit geht, verlässt er schon den hochschulpolitischen Raum; immerhin spricht er von einem „politisch Gleichgesinnten“, nämlich dem späteren tschechischen Akademiepräsidenten Rudolf Zahradnik.

Ist das Interview vielleicht deshalb in den Augen der beiden Interviewer, Juliane Meissner und Torsten Harmsen, so groß, weil man Herrn Sauer aus der Reserve gelockt hat. Klar, zur aktuellen Politik seiner Frau äußert er sich auch hier nicht. Wäre ja auch noch schöner, die eigene Frau in der Öffentlichkeit womöglich in Erklärungsnöte zu bringen. Da wird sie wohl ein Wörtchen mitgeredet haben, dass sie außen vor bleibt. Ich würde jedoch nicht so weit gehen, dass sie sein Interview vor der Freigabe gelesen oder gar hat prüfen lassen. Wäre das geschehen, dann wären die zahlreichen Ungereimtheiten zweifelsohne beseitigt worden. Zum Beispiel die ganz harmlose: Ein Professor in Berlin müsse neun Semesterstunden pro Woche lehren, das bedeutet aber m.E. mitnichten, „dass man jeden Tag eine zweistündige Vorlesung hat.“ Krasser wird es schon, wenn es um seine wissenschaftliche Laufbahn in der DDR geht.

Also, Herr Sauer geht zur Vorbereitung seiner Abschiedsvorlesung und auch wegen eines persönlichen Jubiläums ins Archiv der Humboldt-Universität, um sich „noch einmal … die Unterlagen der Immatrikulationsfeier von 1967“ anzuschauen, um danach die umwerfende Schreckensmeldung in die Welt hinausposaunen zu können: „Ich habe sie (gemeint ist seine Immatrikulationsfeier – ML) nie vergessen, weil man uns damals in Angst und Schrecken versetzte. Es wurde einem als jungem Studenten klargemacht, dass man in diesem Land kein Bein auf die Erde bekommen würde, wenn man nicht an die Partei und das System glaube und dafür eintrete.“ Sehr geehrter Herr Sauer, darf ich Ihnen unbekannterweise schreiben, dass ich auch mal jung war und kaum glauben kann, dass Sie als junger Mensch, der immerhin eine DDR-Oberschule besucht hatte „Angst und Schrecken“ verspürt haben wollten, ich hätte eher eine Haltung erwartet: Das lassen wir über uns erge-hen./Das können die sich sparen./Wieder dieser rote Mist. Oder so etwas Ähnliches, aber Angst und Schrecken? Gut, Sie mögen so ein ängstlicher vorausschauender Typ gewesen sein, aber ist es nicht anmaßend von Ihnen, hier das ICH durch ein WIR zu ersetzen, ohne es näher zu bestimmen?
Die Interviewer müssen gespürt haben, hier lässt einer womöglich zu viel gewollten politischen Dampf ab und sie fragen: „Sie waren schon mit 25 Jahren Doktor. Wie haben Sie das geschafft?“ Man ist geneigt zu ergänzen – trotz aller Angst und allen Schreckens.

Als Antwort fällt dem Herrn Professor nur ein, dass er Glück gehabt habe. Dass dieses Glück nicht nur er hatte, sondern eine ganz beachtliche Gruppe von ausgezeichneten Studenten und Studentinnen, verschweigt er: „Abitur mit Facharbeiterbrief und eine Hochschulreform“ in seinem Immatrikulationsjahr. Richtig: In der DDR wurde damals ein Forschungsstudium eingeführt, in dem man „sofort nach vier Jahren Studium und Ablegen der Hauptprüfungen in die Promotion einsteigen konnte.“ Ein Novum, das sich im Laufe der Zeit bewährt hat. Doch dazu kein Wort: halt nur ein Glücksfall. Oder soll ich die Passage so lesen: Das Forschungsstudium ein Glücksfall in der DDR?
Gewiss, eine Schwalbe macht bekanntlich noch keinen Sommer, aber in diesem Blog hier kommt eine ehemalige Forschungsstudentin zu Wort. Sie hat ein solches Forschungsstudium, das ja vergleichsweise gut bezahlt wurde, auch als Glücksfall empfunden, aber kann es im Gegensatz zu Prof. Sauer unvoreingenommen gesellschaftlich verorten. Es war halt ein Ergebnis der III. Hochschulreform, und kam nicht nur SED-Mitgliedern zugute und natürlich auch solchen Studierenden, die sich nur loyal verhalten haben. Ich denke mal, dass Herr Sauer ein solches Verhalten gezeigt hat. Dieses Verhalten aber mit dem des Schauspielers,Regisseurs und Intendanten Gustaf Gründgens, wie es in István Szabós Verfilmung von Mephisto (Roman von Klaus Mann) gestaltet ist, zu vergleichen, ist für mich schon problematisch, weil die DDR kein faschistischer Staat war. „Der Protagonist war ein deutscher Schauspieler, und er wollte es auch bleiben. So war es auch bei mir: Man ist Wissenschaftler und steht vor der Frage, wie viel man tun muss, um Professor an der Universität oder Abteilungsleiter in der Akademie zu werden. Ich muss nicht unbedingt Personalverantwortung haben – das ist mir eher unangenehm. Aber ich wollte auch niemanden haben, dem ich Rechenschaft schulde in den nicht-formalen Dingen.“ (https://www.berliner-zeitung.de/29338036 ©2018) Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Ein Abteilungsleiter an der Akademie der DDR soll in „nicht-formalen Dingen“ nicht mehr zu Rechenschaft gezogen worden sein. Schön wär’s gewesen!
Wer sich mit der Entwicklung (Abwicklung?) im Hochschulbereich in den Zeiten der Wende eine wenig befasst hat, weiß natürlich, dass sich einige Professoren neben den tatsächlich Oppositionellen inszenierten. Ich will Herrn Sauer nicht unterstellen, dass er sich nicht oppositionell betätigt hat, aber zu behaupten, er habe einen „Hammer“, wenn auch „kleinen“, heraushängen lassen und dann nicht mal mehr zu wissen, worin dieser konkret bestand, finde ich schon kläglich.
Ja, es war furchtbar, wenn Wissenschaftler nach einem SED-Parteitag aufgefordert wurden, zustimmende ‚Jubelkommentare’ abzugeben. Ich fühle das heute noch nach. Selbst wenn man davon absieht, dass man sich da auch mit viel Geschick gelegentlich herauswinden konnte, bleibt dieses Ansinnen einfach hirnrissig. Prof. Sauer beugte sich dem Zwang, baute aber einmal eben einen „kleinen Hammer“ ein. Ehre, wem Ehre gebührt, nur wenn sogar das emotionale Gedächtnis ihn verlässt, können sich beim Leser schon Zweifel einstellen:
„Wissen Sie noch, was dieser ‚Hammer‘ war? fragen die Interviewer. „Ich habe den Text leider nicht mehr, ich habe ihn schon oft gesucht.“ Keine Frage, je älter man wird, desto mehr sucht man, obwohl man normalerweise kein Suchender mehr ist. Seine Erinnerungsstücke bleiben ohne den authentischen Text vage und nur bedingt verdächtig, weil er die Brisanz seines „Hammers“ nicht mal andeutungsweise in seiner Erzählung einsichtig machen kann. Überhaupt fragt man sich, für welche Öffentlichkeit ist dieses Interview eigentlich gedacht.

Auch die Andeutungen über seine Begegnungen mit der Stasi bleiben vage, bestenfalls kafkaesk, aber gut, die Stasi war eine undurchschaubare Übermacht, wer wollte dies in Frage stellen. Nicht in Frage stellen möchte ich indes den Verdacht, dass es selbstredend Bestrebungen ausländischer Geheimdienste gab, den BND eingeschlossen, herausragende Wissenschaftler aus der DDR abzuwerben. Durchaus denkbar, dass man den großen Wissenschaftler Sauer auf dem Schirm von Geheimdiensten hatte. Überhaupt werden bestimmte Problematiken sehr oberflächlich, aber im Trend liegend angerissen. Eine unselige Praxis war die Qualifizierung als Reisekader, der Schreiber kann davon auch ein schlimmes Lied singen, aber er hat in diesem Blog einzelne Strophen dazu veröffentlicht. Wie sollen heutige Lesende den Begriff Reisekader verstehen. Selbst mir als Eingeweihtem bleibt einiges im Falle von Herrn Sauer unklar. Offensichtlich durfte der Interviewte ins sogenannte sozialistische Ausland reisen, aber nicht ins nichtsozialistische, sprich in den Westen, allerdings ab September 1988 schon. Wie denn nun? Wir, die Leser, erfahren nicht, warum diese Erhebung in den Adelsstand eines Westreisenden auf einmal erfolgte. Jedenfalls so viel ist unumstritten: Wer in der Opposition in der DDR war, bekam diesen Reiseadelstitel bis zum Ende der DDR nicht.

Wie es auch sei, es kann nur zu Ihrem Nutz und Frommen sein, Herr Prof. Sauer, wenn Sie sich mit Ihrem Freundkollegen Rudolf Zahradnik einig waren, „dass dieses System untergehen muss.“ Ehrlicherweise geben Sie zu, Sie hätten nicht zu hoffen gewagt, dass es zu Ihren Lebzeiten passieren könnte. Ich übrigens auch nicht, Kanzler Kohl und viele andere ebenso nicht. Da waren Sie beide beileibe nicht die einzigen, die solche Gedanken hegten. Aber ist es nicht eigentlich anerkanntes Ideengut: Alles fließt, nichts ist ewig. Oder auf ein Gebiet bezogen, auf dem ich gearbeitet habe:“Eine Kultur, die sich nicht länger verändert, ist tot.“ (François Jullien, französischer Philosoph)
Jedes gesellschaftliche System geht irgendwann zu Ende, indem es sich verändert – wie auch immer, auch das gegenwärtige hat keinen Ewigkeitsbestand, wenngleich uns die Volksparteien mit ihren Journalisten dies suggerieren wollen. Wenn man den führenden Zeitschriften glauben darf, erleben wir gegenwärtig den Niedergang des „Merkel-Systems“, was immer man darunter verstehen mag. „Selbst wenn Merkel sich jetzt noch einmal in eine schwarz-rote Regierung rettet: Ihre Zeit neigt sich unweigerlich dem Ende zu. So wie vor 30 Jahren die Zeit des Kommunismus. Und knapp zehn Jahre später die von Kohl.“ (Ludwig Greven, ZEIT ONLINE 14. Jan. 2018). Aber das nur nebenbei.
Freilich für den Untergang des gesellschaftlichen Systems der DDR gab es natürlich ganz andere und weitaus zwingendere Argumente. Sie, Herr Sauer, hatten und haben gute Gründe dafür, dass das Hochschul-, das Wissenschaftssystem der DDR untergehen musste. Das ist Ihr gutes Recht, aber dass Sie im Gegensatz zu vielen Intellektuellen aus Ost und West die Säuberungsaktionen nach der Wende mit keinem Wort für erwähnenswert halten, geschweige denn problematisieren, überhaupt jedwede kritische Stimme zum Vorgehen bei der „Wiedervereinigung der Wissenschaft nach dem Mauerfall“ ignorieren, zeigt nur, dass Sie sich politisch eindeutig einseitig positioniert haben. Das geht so weit, dass Sie Ihre Akademiezeit indirekt schlechtreden. „Erst nach der deutschen Einheit konnte ich an die Humboldt-Universität zurückkehren, wo ich 1993 zum Professor berufen wurde.“ Die Akademie der DDR als Hinderungsgrund für eine universitäre Karriere, das habe ich trotz meines relativ langen Lebens noch nicht gehört. Ich kenne einige Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, die ihre Berufung in die Akademie der Wissenschaften als Wertschätzung auffassten – eigentlich will mir so gar niemand einfallen, der es nicht so sah – und nicht selten froh waren, dass sie sich dort weniger mit Studierenden ‚herumplagen‘ mussten und sich mehr mit ihren wissenschaftlichen Arbeiten befassen konnten. Sie mögen gezwungen worden sein, Mitglied der Akademie zu werden, aber das wäre ein Ausnahmefall. Selbstredend hätte man der Öffentlichkeit nur mitteilen können: Die Akademie der DDR wurde abgewickelt und einige Mitarbeitenden der Akademie fanden an der Humboldt-Universität ihre neue Wirkungsstätte. Basta.
Ach, rufen Sie doch einfach z.B. das Buch von Bednarz auf, das in diesem Blog vorgestellt ist, dann werden Sie verstehen, was ich meine. Zugleich kann ich den beiden Interviewern nicht den Vorwurf ersparen, dass sie nicht nachfragten, vor Ehrfurcht erstarrt vielleicht.

Dabei will ich nicht übersehen, dass Prof. Sauer das bundesrepublikanische Hochschul- und Wissenschaftssystem durchaus kritisch betrachtet und so z.B. „ein klares Bekenntnis zum Leistungsprinzip“ vermisst, ohne freilich aufzeigen zu können, woran es liegt. An Nachwirkungen des SED-Regimes wird er wohl weniger gedacht haben, mal davon abgesehen davon, so richtig ausgehebelt war das Leistungsprinzip in der DDR ja auch nicht. Dafür sind Sie selbst ein hervorragender lebender Beweis.
Das trifft auch für Ihre ‚populistische‘ Kritik an der Bologna-Reform zu. So reizvoll Ihre Charakterisierung – sie sei „zu einem Hexen-Einmaleins geworden“ – sein mag, sie geht einfach am Kern vorbei, wenngleich ich die Fehlentwicklungen dabei sehe. Gern bin ich bereit, Ihnen zu erklären: warum. An dieser Stelle jedoch fehlt der Platz, meine Anmerkungen überschreiten vielleicht schon das gegebene Formatmaß: Anmerkungen.
Spätestens hier also: ENDE

Hier hat schon einer früher gegraben, als Volker Braun vermutet

2017 12. November
von Martin Löschmann

Bei Volker Braun, Prosaist, Essayist, Lyriker und Theaterautor, ist im Arbeitsjournal zu lesen, dass „in 50 jahren die archäologen nach uns graben“ werden. Mag mal dahingestellt sein, wer mit dem UNS im einzelnen angesprochen ist. Auf jeden Fall doch wohl DDR-Bürger und dabei natürlich DDR-Intellektuelle. Ohne Frage hat ihn der Theaterwissenschaftler Gottfried Fischborn „Vorkommen. Vor kommen. Ein Jahr Lebenszeit“ so verstanden und das Zitat über seine Memoiren gestellt.
Dan Bednarz, Assistant-Professor für Soziologie am Bristol Community College Fall River, Massachusetts, USA (nahe Boston) hat nicht als Ärchäologe gegraben, sondern als Soziologe, wie wir aus der im Blog angekündigten Veranstaltung bereits entnehmen konnten.

Vom Titel her ist es verständlich, wenn Bednarz sein Buch „East German Intellectuals and the Unification of Germany: An Ethnographic View“ im Institut für Ethnographie der Humboldt-Universität vorstellt. Schließlich steht da, dass ein “ethnographic review” präsentiert wird. Schaut man genauer hin, fragt man sich schon, worin denn der ethnographische Ansatz eigentlich besteht. Doch ehe ich mich im Vortragsort verliere, hole ich mich zurück und denke so vor mich hin: Das Buch verdient Leser und Hörer allerorten, da soll man vielleicht nicht beckmesserisch mit Zuordnungs- bzw. Einordnungsfragen daherkommen. Allerdings hätte man sich von dem Einführenden dazu schon ein paar erhellende Worte gewünscht.

Die Veranstaltung (siehe ihre Ankündigung im herderblog)) war gut besucht, darunter recht viele Studierende, die den englischsprachigen Vortrag zugleich als Pflichtveranstaltung mit entsprechender Aufgabenstellung zu bewältigen hatten. Womöglich haben sie sie davon abgehalten, Fragen zu stellen. Es könnte aber auch sein, dass derjenige, der den Autor des Buches einführte und nach dem Vortrag gleich beflissen seine kritischen Fragen – leicht abgehoben – stellte, sie eingeschüchtert hat. Fragen gab es dennoch genug, u.a. zur Begriffsbestimmung Intellektuelle, zu Auswahlkriterien, zur Interviewtechnik, zur Berücksichtigung der Genderproblematik.
Doch hatte ich irgendwie den Eindruck, dass die großartige Leistung, die geniale und moralisch starke Entscheidung des Soziologen Bednarz, des Amerikaners Bednarz nicht genügend gewürdigt wurde, obwohl der Autor seinen Ausgangspunkt im Vortrag deutlich und anschaulich markierte. Aber die “Zeit der Evaluierungen und Abwicklungen ostdeutscher Institutionen und Wissenschaftsbiographien”, nicht vergessen der Integritätsüberprüfungen war den meisten Zuhörern wohl doch schon zu weit entrückt und – um noch einmal mit Braun zu argumentieren – die Zeit vielleicht noch nicht weit genug vorangeschritten.

Die aufregende Erzählung geht so: Im Sommer 1990 weilte der Vortragende zu einem Studienaufenthalt am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. Offensichtlich war er vom Wendegeschehen so fasziniert, dass er sich entschloss, sein geplantes, gut vorbereitetes Forschungsvorhaben aufzugeben und ein völlig anderes forscherisches Unternehmen zu beginnen und zu einem Buchabschluss zu bringen, nämlich Schicksalen von DDR-Intellektuellen kurz nach der Wende nachzuspüren. Seine Empathie für die „Verlierer des kalten Krieges“, für die Opfer, die Ausgestoßenen, die Verlierer, die Verdächtigten, die Entwurzelten, die Diskriminierten, die Beschimpften, die Denunzierten, die als „staatsnah Stigmatisierten“, die auf Schwarze Listen Gesetzten, die glimpflich Davongekommenen und die wenigen, die ins westdeutsche Hochschulsystem Eingepassten muss ein entscheidender Beweggrund gewesen sein. Anerkennung verdienen auch seine Förderer, die ihm den Wechsel ermöglichten. Sosehr indes das Unterfangen von Bednarz uneingeschränkte Anerkennung verdient, sowenig kann allerdings übersehen werden, dass womöglich nicht genügend Zeit zur Fundierung und wissenschaftlichen Absicherung seines methodologischen Vorgehens blieb. Von heute auf morgen stampft man keinen mehr oder weniger gesicherten Untersuchungsgang zu einem absolut anders gearteten Untersuchungsgegenstand aus dem Boden.

Man muss sich die Wende-Situation mal wieder vor Augen (bloß nicht an Jubiläumsfeiern!) führen. Da wird eine Elite mit unlauteren, ja undemokratischen Mitteln weitgehend ausgetauscht, die damit verbundenen inhumanen Vorgänge werden von der Presse kaum reflektiert. Wenn schon, dann werden negative Fälle berichtet: Stasi-Verstrickung, SED-Vergangenheit, Benachteiligung u.a.m. Nicht, dass es nicht solche Fälle gegeben hat, sie kommen bei Bednarz auch vor, aber insgesamt betrachtet, zeigen seine 106 interviewten DDR-Intellektuellen aus verschiedensten Bereichen: Gesellschafts- und Naturwissenschaften der Akademie der Wissenschaften und der Humboldt-Universität, aus Kunst und Kultur ein anderes und differenziertes Bild. Die ausführlichen Darstellungen von rund 40 Befragten macht den Hauptteil des Buches aus: Ehrenwerte Wissenschaftler, Lehrende, Künstler werden in Unehren entlassen, gestandene und in der Welt anerkannte Forscher und Forscherinnen müssen sich von westdeutschen Intellektuellen im Schnellverfahren evaluieren lassen. Dass die Evaluierer apriori als die Besseren, die Überlegenen, die ‚Besser-Wessis‘ gesetzt sind, erinnert einige der Interviewten, deren Anonymität geschützt wird, an koloniales Gebaren und lässt sie von Okkupation sprechen. Was Bednarz durch seine Gespräche und Interviews zutage fördert, deckt sich zum großen Teil mit den Erfahrungen, die der Berichtende in Leipzig machen musste: schlechte Vorbereitung der Evaluierungskommission, fragwürdige Zusammensetzung, Vorherrschen vorgefasster Meinungen, einfach durchsetzen, was im Voraus beschlossen war u.a.m. Auch wenn es im Vortrag nicht verbalisiert wurde, eine ganze Schicht unter Generalverdacht zu stellen, die würdelose Verjagung von DDR-Intellektuellen aus Ämtern, Positionen, Leitungen, aus den Laboren, aus Lehre und Forschung trägt den Makel von Menschenrechtsverletzungen.

Die bewunderungswürdige Dokumentationsleistung in einer schwierigen Übergangszeit mag Prof. Herbert Hörz bewogen haben, eine aufschlussreiche Rezension zu schreiben. Der Philosoph, einer der prominenten Befragten, war bis 1989 Leiter des Bereiches Philosophische Fragen der Wissenschaftsentwicklung am Zentralinstitut für Philosophie der Akademie der Wissenschaften. Nach der „Abwicklung“ der Akademie der DDR führte er mit Akademiemitgliedern die Arbeit als „Mitglieder und Freunde der Leibniz-Akademie“ weiter, die ab 1993 im privatrechtlichen Verein Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin fortgesetzt wurde.

Für den Interviewer Bednarz stellt sich die Frage nach der Definition von Intellektuellen nicht. Er wählt eine pragmatische Bestimmung: geistig und künstlerische Tätige in den angegebenen Institutionen der DDR. Aus der Beschreibung der Interviewten ist unmissverständlich abzuleiten, um welchen Personenkreis es sich hier handelt. Das waren zunächst Teilnehmende an Englisch-Kursen an der Akademie der Wissenschaften, die Bednarz als „native speaker“ mitgestaltete. Seine Kerngespräche führten ihn zu weiteren Personen, die bereit waren, dem Fremden aus den USA Rede und Antwort zu stehen.

Den Mut musste man erst einmal haben, sich gewissermaßen im Triumph des Sieges des Westens, der Bundesrepublik auf die Seite der Geschlagenen zu stellen und ein solidarisches Signal auszusenden, das zu dieser Zeit kaum jemand hören und sehen will. Ihm gelingt es, die von der Wende benachteiligten Intellektuellen von der Redlichkeit seiner Befragung zu überzeugen, auch dadurch, dass er nicht den Recorder aufstellt und sich auf sein Gedächtnis und seine Notizen verlässt. Dass damit die Nachprüfbarkeit und eine bestimmte Objektivität in Frage gestellt werden, nimmt er in Kauf wie auch die Zufälligkeit seiner Auswahlkriterien. Bei dem geringen Abstand zu dem Wende-Geschehen ist Bednarz‘ Vorgehen durchaus verständlich, auch seine Scheu vor einem geeichten Fragebogen. Sein Hinweis auf den Roman „Der Fragebogen“ von Ernst von Salomon (1951), in dem Fragebögen kritisch bewertet werden, hat da wenig Beweiskraft.
Dennoch findet sich in den Gesprächen ein Fragegerüst, so Fragen zur Befindlichkeit, zur Tätigkeit, zur Rolle in der jeweiligen Institution, zur Parteikontrolle der Forschung und das Eingreifen des MfS in wissenschaftlichen Einrichtungen u.a.m. Interessant auf jeden Fall auch die Erfassung der Wege, die die ‚Ausgegliederten‘ nach der Wende gingen: Annahme von Stellen im Ausland, Gründung von Firmen, Arbeit in Beratungsfirmen oder im Versicherungswesen, Taxifahrer. Das Thema der Suizide allerdings wurde im Vortrag relativiert. Man mag die „dramatisch gestiegene Zahl von Selbsttötungen“, die der letzte DDR-Regierungschef Hans Modrow bereits im Januar 1990 beklagte, anzweifeln, allein nach Udo Grashoff steht fest, dass „kurzzeitig im Jahr 1991 bei Männern im Alter von 45 bis 65 Jahren“ die Rate der Selbsttötungen stieg. Dem Berichtenden sind mehrere Fälle bekannt, auch der des Dr. Rudolf Mucke in Berlin.

Sosehr Bednarz‘ Vorgehen nach der Wende verständlich ist, sowenig kann seine nach mehr als 20 Jahren, genau 2014, erneut durchgeführte Befragung befriedigen. Sie wird im Teil II seines Buches resümiert. Die 28 Interviewpartner und -partnerinnen von damals, die er wiederfand, vermögen nicht für die Gesamtbefindlichkeit ehemaliger DDR-Intellektueller stehen, weil rein zufällig ‚aufgestöbert‘, wer gerade in Berlin noch anzutreffen war. Dabei sind seine dort gestellten Fragen zielführend und könnten durchaus in einer übergreifenden Studie, die noch aussteht, aufgegriffen werden, besonders die nach der Veränderung des Verständnisses, ein Deutscher zu sein, nach der zerstörerischen Wirkung der Abwicklungen und nach den Vorteilen und Nachteilen des Kapitalismus. Doch ist auch dieser zweite Teil durchaus lesenswert, nur sein wissenschaftlicher Gehalt ist halt problematisch.
Spätestens zu dem Zeitpunkt hätte sich der Autor umsehen müssen, was denn in der Zwischenzeit zu seinem Thema publiziert worden ist, besonders die vielen biografischen Arbeiten von DDR-Intellektuellen, die in Staßfurt der Tierarzt, Dr. Rolf Funda, hobbymäßig, ehrenamtlich sammelt. Vor nicht allzu langer Zeit ist sie vom Bundesarchiv übernommen worden. Bednarz‘ Arbeit gehört zweifelsohne in diese Bibliothek. Vielleicht wird sie hier erst einmal dem Dornröschenschlaf anheimfallen, aber der Prinz in Gestalt eines Historikers kommt bestimmt. Auch die Einbeziehung wissenschaftlicher Untersuchungen wie der von Peer Pasternak: Demokratische Erneuerung. Eine universitätsgeschichtliche Untersuchung des ostdeutschen Hochschulumbaus 1989-1995. Mit zwei Fallstudien: Universität Leipzig und Humboldt-Universität zu Berlin, 1999, hätten der Veröffentlichung gut zu Gesicht gestan-den, wie auch: J. Gross, Wendezeit an der Charité. Eine Dokumentation zum sogenannten Elitenaustausch. Berlin: Verlag am Park, 2016, worin der langjährige Direktor des medizinisch-diagnostischen Instituts die Machenschaften während der Wendezeit aufdeckt.

Ungeachtet aller Mängel (aus heutiger Sicht) bleibt die Arbeit von Bednarz für mich ein aufschlussreiches Zeitdokument mit hohem Material- und Quellenwert. Im Grunde genommen handelt es sich um typische Fallstudien, die die Wende auf der DDR-Seite zuhauf er-möglichte. Wenn nach 50 Jahren nach uns gegraben wird, ist da schon etwas ans erhellende Tageslicht gebracht worden. 25 Jahre hat es gedauert, bis sich ein Verlag bereitgefunden hat, die soziologischen Studien von Anfang der 90er Jahre zu publizieren: Palgrave/Macmillan verlegte sie erst 2017. Die Tatsache, dass sich 12 Verlage nach fast einem Vierteljahrhundert um die Herausgabe des Buches von Bednarz bewarben, könnte darauf hindeuten, dass Braun mit seinem Zeitraum 50 Jahre Recht haben könnte.
Auch für diese Hartnäckigkeit muss man dem Autor danken. Wenn man von einer Sache überzeugt ist, muss man sie auch bis zum Ende verfolgen. Es bleibt zu wünschen, dass sich Soziologen, Juristen, Psychologen durch das verdienstvolle Buch von Dan Bednarz anregen lassen, die aufgeworfenen Fragen und deren Beantwortung weiterführend zu untersuchen, auch unter Einbeziehung der Evauluierer und Richtenden, der Moralapostel. Allerdings viel Zeit bleibt nicht, die etwas älteren durch die Wende Betroffenen zu interviewen.

Ein Amerikaner in Berlin, der ein Buch über DDR- Intellektuelle nach der Wende geschrieben hat

2017 18. Oktober
von Martin Löschmann

Beinahe wären mir diese zwei Veranstaltungen entgangen. Sie befassen sich mit Vorgängen,
die in diesem Blog ausführlich behandelt werden. Das Thema der DDR-Intellektuellen nach der Wende
ist keinesfalls ausgereizt. Das beweist Dan Bednarz mit seinem Buch.
Im Folgenden kopiere ich die Einladung für eine Veranstaltung in Potsdam.

Wir werden die Lesung am 24. 10.2017, 16.00 bis 18.00 Uhr in Berlin besuchen.
Sie findet statt im Institut für Ethnologie, Mohrenstraße 40/41, Raum 311

Über die Lesung werde ich natürlich berichten.

Einladung
Am Sonntag, den 22. Oktober 2017 wird von 15.00 bis 18.00 Uhr Dan Bednarz
im Fraenger-Haus, Tschaikowskiweg 4, 14480 Potsdam-Babelsberg, sein kürzlich erschienenes Buch

DDR-Intellektuelle und die Vereinigung Deutschlands:
Eine ethnographische Aufnahme

vorstellen.

Dan Bednarz ist Assistant-Professor für Soziologie am Bristol Community College Fall River, Massachusetts, USA (nahe Boston). Im Sommer 1990 weilte er zu einem Studienaufenthalt am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, um an einem Projekt über soziologische Aspekte, die sich für Organisationen durch die (damals erstmals massenweise) Einführung von Computern ergeben, zu arbeiten.

Sein Interesse für das Schicksal Intellektueller in der DDR in der Wendezeit war aber stärker, und so überzeugte er seinen Auftraggeber, sein Studienobjekt ändern zu dürfen. Er führte bis zum Sommer 1991 Interviews mit 106 Intellektuellen aus verschiedensten Bereichen: Gesellschafts- und Naturwissenschaft der Akademie der Wissenschaften und der Humboldt-Universität, aus Kunst und Kultur.
Niemand seiner Landsleute hat sich sonst mit den Verlierern des Kalten Krieges auf diesem Niveau befasst. Es fehlte nicht nur Interesse, sondern es gab auch kaum Soziologen, die die für vertrauensvolle Interviews nötige Empathie mit den häufig pauschal als staatsnah Stigmatisierten aufbrachten.

Dan Bednarz ist dies in der Zeit der Evaluierungen und Abwicklungen ostdeutscher Institutionen und Wissenschaftsbiographien auf eindrucksvolle Weise gelungen. Es interessierte sich allerdings damals in den USA kein Verlag dafür – die Ergebnisse dieser soziologischen Studien blieben unveröffentlicht.

Im Jahre 2014 war Dan Bednarz wieder in Deutschland. 28 Interviewpartner von damals konnte er wiederfinden. Er hat sie fast 25 Jahre nach der Wende erneut interviewt. Das Ergebnis stieß auf Interesse von 12 Verlagen in den USA.

Veröffentlicht wurde es schließlich von Palgrave/Macmillan 2017 (ISBN 978-3-319-42950-9, 269 Seiten) mit dem Titel East German Intellectuals and the Unification of Germany: An Ethnographic View.

Einer der zweimal Interviewten, der marxistische Philosoph und Wissenschaftshistoriker Prof. Herbert Hörz, schrieb in der Zeitschrift der Leibniz-Sozietät e.V. eine mehrseitige Rezension zum Buch:

https://leibnizsozietaet.de/wp-content/uploads/2017/03/Hoerz.pdf

Hörenswert ist die Vorlesung von Dan Bednarz über sein Buch, die er an seinem College in Massachusetts hielt:

Was fang‘ ich an mit der Liste der 1000 reichsten Deutschen?

2017 11. Oktober
von Martin Löschmann

In Anlehnung an Theodor Storm:
Was fang ich an mit sechsundfünfzig Katzen?

Seit Wochen liegt auf meinem Schreibtisch „Das deutsche Wirtschaftsmagazin Bilanz“ vom September 17. Eine sicherlich reich betuchte Dame, mit einem womöglich mit Diamanten bestückten schwarzen Halsband hoch dekoriert, lächelt mich an. Ihr mich süffisant anmutendes Lächeln interpretiere ich als Aufforderung, das Magazin aufzuschlagen und mir die Reichen und Schönen Deutschlands näher anzusehen. Ohne eine Schönheit auf dem Titelblatt geht es wohl mehr. Doch auf den betreffenden Seiten 10 bis 79 findet sich in der Auflistung der 1000 Reichsten kein vergleichbares „Objekt der Begierde“. Die wenigen Fotos Hausmannskost, vorwiegend langweilige Familienfotos, die natürlich aufgewertet werden durch das enorme Kapital, das hinter ihnen steckt. Doch das sieht man nicht, obwohl die Zahlen eine deutliche Sprache sprechen. (Wie heißt es bei Brecht so treffend: „Doch die Zähne sieht man nicht“!)

Klaus Boldt, der Autor der mühevollen Recherchen in Registern, in Archiven, Dokumentensammlungen, bei Vermögensverwaltern, Finanzexperten und Ökonomen hat das Werk vollbracht. Ich zweifele nicht daran, dass die vorgenommenen Schätzungen des jeweiligen Vermögens der Realität zumindest nahe kommen. In verschiedensten Zusammenhängen sind die Vermögensbestände einzelner Personen in den letzten Jahren immer wieder exponiert worden, so dass mein Bedarf an solcherart Informationen eigentlich gedeckt sein müsste. Aber ich habe das Magazin auch nicht sofort weggetan. Warum bloß nicht? Willst du im Papiermüll ersticken, fragt meine innere Stimme.
Nein, nein, das ist es nicht, jeden Tag trage ich genügend Papier, natürlich vor allem Werbung, zum Container. Was also hält dich ab, dich auch von diesem Magazin zu befreien. Die Frage stellt sich umso dringlicher, als ich partout nicht weiß, wie dieses Magazin ins Haus gekommen ist. Ich hab’s nicht bestellt, gekauft, aus dem Briefkasten genommen. Da fällt mir ein, vor Jahr und Tag, nicht doch: genau am 11. Juli 2017 hat mein Freund G. mich so nebenbei überraschen wollen mit der Nachricht: In Deutschland gibt es 123 Milliardäre, vielleicht will ich ihn übertrumpfen mit den 1000 Milliardären und Millionären. Doch er wüsste mit denen auch nichts anzufangen und will das Magazin nicht haben. Und wenn ich ihm gar mit dem Stern käme und ihm verriete: „Eine Analyse der Superreichen zeigt, dass ein Großteil dieser Gruppe sich den Reichtum nicht selbst erarbeitet hat und dass Deutschlands Geldadel nicht in Ostdeutschland leben will“, hätte er auch nur Lächeln für mich. Denn wer hätte schon gedacht, man käme durch eigene redliche Arbeit zu solchem Reichtum. Das passiert schon, aber wie oft? Wer so etwas schreibt und eine solche Erkenntnis auf seine Fahne schreibt, will doch nur verbrämen oder gar vertuschen, in was für einer Gesellschaft wir leben. Oder will jemand diese Liste zu einem Transparenz versprühenden Text deklarieren? Die Millionäre und Milliardäre gehören zur kapitalistischen Gesellschaft wie gebratener Speck zum Rührei, wie Donner zum Blitz, wie das Ei zum Huhn, wie Demut zur Vollkommenheit (Kant).

Martin, wenn du alles schon weißt, wieso lächelt dich die Frau auf der Titelseite rechts neben dir immer noch an? Warum bloß? Es könnte sich ja eine Situation ergeben, wo man sich aus unerfindlichen Gründen fragt, wieviel hat denn der oder die zusammengescharrt, -gerafft, -getragen, natürlich auch einfach nur geerbt oder ehrlich angehäuft. Was werd‘ ich die alle in einen Topf werfen und womöglich für ihre Abschaffung plädieren. Die Liste im Sinne einer Handlungsaufforderung interpretieren, sie zu enteignen oder nur ansatzweise auszutrocknen durch entsprechende Besteuerung, sie in ihrer kapitalen Macht zu begrenzen durch die sich entfaltenden Commens zum Beispiel? Ist das die Intention solcher Veröffentlichungen? Wohl kaum, man müsste sie da erst einmal sortieren, denn es sind ja nicht nur solide Unternehmer, Fabrikanten, Händler, Aktionäre, Manager, Verleger, Rüstungsgewinnler, anderweitig Beteiligte, Spekulanten u.a.m. dabei, sondern auch Künstler wie der Maler und Bildhauer Anselm Kiefer (0,10 Mrd.) oder wie Neo Rauch, der Maler aus Leipzig (0,15 Mrd.).

Als Nachschlagewerk kann die Auflistung erst einmal nicht benutzt werden, denn sie ist nicht alphabetisch geordnet, sondern nach dem Prinzip: reich, reicher, am reichsten. Also mir reicht’s. Es frustet immer wieder lesen und hören zu müssen: die Besten, die zehn Besten, das Beste, wo gibt, der Beste, die Beste, die Allerbesten. Und nun endlich die 1000 Reichsten, nach der Devise: immer größer, höher, stärker. Die Reichsten waren lange Zeit Theodor und Karl Albrecht, Besitzer der Aldimärkte, jetzt ist es Dieter Schwarz, Besitzer von Lidl und Kaufland. Wer wird es morgen, übermorgen sein? Allein muss ich das wissen, wenn ich einkaufen gehe. Verdirbt es einem die Laune, wenn man bei Aldi oder Lidl wieder einmal seine Schnäppchen gemacht hat. Reich geworden trotz der vielen Angebote. Sind die Angebote, die Schnäppchen Teilhabe an deren Reichtum? So naiv kann niemand sein, und doch werden Reiche in unserem Leben oft als Wohltäter, Unentbehrliche, Helfer, als Ermöglicher für alles Mögliche wirksam. Brauch ich, um mir solche Gedanken zu machen, die Auflistung? Und genügen diese 1000 überhaupt? In der Einführung zur Auflistung lese ich: „Den Superreichen geht es nicht nur gut – dies liegt in der Natur der Sache –, es geht ihnen besser und besser“ – nicht am besten oder doch? – „Das vergangene Jahr gestaltete sich erfreulich, dies zeigt ein Blick auf die Vermögensentwicklung der führenden 750 Vertreter in der Bilanz“ (S. 10) Wer wollte das bezweifeln. Richtig, hier sind es nur 750 Vermögende. 1000 klingt besser.

Also fort mit der Liste, wenn da nicht das Berufsgedächtnis anklopfte. Man könnte doch einzelne Millionäre und Milliardäre in den Integrationskursen vorstellen. Müsste man nicht einige der reichsten Bürger dieses Landes kennen und will man sich immer nur auf Vertreter der Mittelschicht in den Deutschlehrbüchern beschränken? Eine adaptierte Liste für unsere Lernenden. Von den Namen her gäbe es keine Schwierigkeiten. Man fände unter den 1000 Namen schon einfache authentische deutsche: Kohl, Meyer, Otto, Wagner, Wolf u.a. Was sollen die Flüchtlinge, die in den Sprachkursen sitzen, nicht alles lernen, um sich integrieren zu können. Ist man genügend vorbereitet für den Einstieg in die neue Gesellschaft, wenn man nicht wenigsten zehn der Reichsten von den Reichen kennt, wenigstens vom Papier her? Sie spielen doch in unserer Gesellschaft als Bestimmer, Lobbyisten, Experten, Berater, als Vorbilder, als Stifter, als Hersteller und Verkäufer von Rüstungsgütern eine wichtige Rolle. Kann man sich diese Republik ohne diese 1000 Reichsten vorstellen?

Oder könnte einen das Wort Stifter uns nicht auf den Gedanken bringen, für unseren gemeinnützigen Verein IIK Berlin Spenden einzutreiben, damit dies und das noch besser gemacht vor allem die soziale Betreuung der Flüchtlinge verbessert werden kann. Mal abgesehen davon, dass andere auf diesen Gedanken längst gekommen wären und es sich herumgesprochen hätte, enthält die Liste keine Anhaltspunkte für solche Bittstellerei. Stiftungen dieser Reichen gibt es noch und nöcher, aber unspektakuläre Spenden an kleine Vereine, da wäre ich eher skeptisch. So mir nichts dir nichts an eine reiche Familie herantreten und sie gewissermaßen um einen finanziellen Beitrag zu bitten, nein, das geht so nicht. Da könnte ja jeder kommen. Ich werde nicht vergessen, wie der bekannte Fachsprachenforscher aus Leipzig Prof. Dr. habil. Lothar Hoffmann, dessen Standardwerk Kommunikationsmittel Fachsprache mein Bücherregal noch heute ziert, nach der Wende mit Entsetzen das Ansinnen von sich wies, Drittmittel bei den Reichen einzubetteln, womöglich gar noch bei Rüstungsgewinnlern. Mit ihm sei das nicht zu machen, zudem sei er auch zu alt dafür.
Dabei kann und will ich durchaus nicht verhehlen, dass mir genügend Beispiele bekannt sind, die gar nicht mal so wenige Reiche im Glanze segensreicher Stiftungen und humanitärer Hilfeleistungen erstrahlen lassen.
Allerdings lässt sich nicht zugleich der Verdacht unterdrücken, dass in vielen Fällen die humanen Taten den angereicherten Besitz, das Vermögen irgendwie rechtfertigen sollen.

Sei es wie es sei, wie soll man sich erklären, dass die Kluft zwischen Arm und Reich immer tiefer wird? Vielleicht ist der überzeugendste Beitrag zu dieser ‚allgemein interessierenden‘ Frage in letzter Zeit im Buch des französischen Ökonomen Thomas Piketty Das Kapital im 21. Jahrhundert zu finden. „Gerade in jüngster Zeit konnten die Reichen ihre Vorzugsstellung noch einmal kräftig ausbauen: Der Oberschicht, den reichsten 10 Prozent in Deutschland, gehören laut dem Global Wealth Databook der Schweizer Großbank Credit Suisse inzwischen fast zwei Drittel des gesamten Privatvermögens. Vor sechs Jahren waren es noch keine 50 Prozent. Die untere Hälfte der Bevölkerung hingegen geht nahezu leer aus, die ärmsten 10 Prozent haben nur Schulden“ (Herz: In der Wohlstandsfalle/in: Cicero, April 2017, S. 33) Diese Entwicklung scheint unaufhaltsam. Sie würde nur gebremst, wenn die Reichen sich bequemten, z.B. mehr in die Bildung zu investieren. Die 10, 100, 10000, 10000 Reichsten sorgen fraglos dafür, dass Ihresgleichen und ihre Nachkommen höchste Bildung erwerben können, und die Kinder von Eltern mit geringem Bildungsabschluss und niedrigem Verdienst eben gerade in Deutschland eher nicht. Glück oder Pech gehabt bei der Wahl seiner Eltern.
Je länger ich so über die Liste nachdenke, umso mehr wird mir klar, ich kann auf derartige Listen verzichten und befördere das Magazin nun endlich in den Müllcontainer, wohl wissend, andere werden es anders sehen und die Transparenz, die Beschreibung eines gegebenen gesellschaftlichen Zustands rühmen, die Befriedigung von Neugier exponieren, das Lostreten von vielleicht neuen Diskursen loben. Wie viel Reiche verträgt dieses Land? Gibt es vielleicht eine Obergrenze für den Reichtum einzelner? Ab welchem Reichtum wird der ungleich verteilte Wohlstand zum gesamtgesellschaftlichen Ärgernis, um nicht zu schreiben zur sozialen Sprengkraft? Wer muss wie besteuert werden?

Oh Gott, die Wahrheit ist konkret lesen wir bei Brecht, und wir wissen, der Teufel steckt im Detail. Ich hole das Magazin aus dem Container zurück. Man kann ja nie wissen.

Hat die Erde Brot für alle?

2017 11. Juli
von Martin Löschmann

Raum für alle hat die Erde, behauptet der Berggeist in Schillers Gedicht „Der Alpenjäger“,
doch ist es so?

Bei der Bewertung von ECL-Arbeiten aus Ungarn (Niveau C1) mit wachem Interesse lesend, was vorwiegend junge Leute aus Ungarn zu dem Thema Überbevölkerung so schreiben, fällt mir mein Diskussionsbuch „Wir diskutieren“ ein, das in diesem Blog bereits gelegentlich erwähnt worden ist. In meiner Erinnerung spielte darin auch dieses für den DaF-Unterricht der 80er Jahren ewig aktuelle Thema eine Rolle. Pustekuchen, das Durchblättern des Lehrbuches ergab schnell eine Fehlanzeige. Wie konnte es sein, dass wir ein solches brisantes Diskussionsthema nicht aufgenommen hatten?

Die Erinnerungen kreisen und kreisen, und eines Morgens ist es dann soweit: Er fördert ein Zusatzlehr- und -lernmaterial mit dieser Fragestellung zutage, deren Beantwortung die landläufig geradezu kanonisierte Auffassung in der DDR relativierte. Bereits am Titel „Brot für alle hat die Erde“ von Horst Grienig, (Staatsverlag 1985) stakte die generalisierte Antwort heraus. Sie konnte sich auf Marx gründen, der davon ausging, dass nach Beseitigung des Kapitalismus jedermann auf Erden Arbeit und damit sein Auskommen haben werde. Im Grunde genommen stände der Beseitigung des Hungers auf der Welt nur die Unvollkommenheit von Weltpolitik und Weltwirtschaft im Wege. Es sei eigentlich kein Problem, die Produktion von Wirtschaftsgütern im gleichen Tempo zu steigern, wie die Bevölkerung sich vermehrt, und jederzeit jedem lebenden Menschen seinen angemessenen Anteil daran zu gewähren.

Obgleich die gebetsmühlenartig immer wieder vorgetragene Meinung vorherrschend in der DDR war, von der bis heute z.B. auch Gregor Gysi neben anderen nicht lassen kann, gab es schon vereinzelt Bedenkenträger. Einer davon: der prominente Max Steenbeck (1904-81), deutscher Physiker, Gasentladungsphysik, maßgeblich am Aufbau von Kernforschung und Kerntechnik in der DDR beteiligt, Vorsitzender des Forschungsrates der DDR, um nur einige seiner Aufgabengebiete zu nennen. Er fragte sich in einem Beitrag, der meines Erachtens im „ND“ der 80er Jahre zu finden sein müsste, wo steht denn geschrieben, dass sich die Menschheit so rasch vermehren wird, wie es allerorten zu hören und zu lesen war und ist. Mit seiner Frage durchbrach er ein Dogma und wünschte sich, dass man doch Bitteschön bei dem gängigen Optimismus, den er ja prinzipiell durchaus teile, nicht übersehen möge, dass es bei allen wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Bemühungen und womöglich sozialen Veränderungen nicht gelingen kann, den Hunger auf der Welt zu beseitigen, wenn sich die Bevölkerung derart rasant reproduziert. Er sah im Bewusstmachen der Notwendigkeit, das exponentielle Wachstum der Menschheit einzuschränken, einen entscheidenden Schritt zur nachhaltigen Beseitigung des Elends in der Welt, nicht durch Krieg, nicht durch inhumane Maßnahmen wie Zwangssterilisierung etc., sondern durch Aufklärung, bewusste Familienplanung, Bereitstellung von Verhütungsmitteln und zugleich durch Schaffung von Verhältnissen, die nicht dazu führen, dass es einer bestimmten Anzahl von Kindern bedarf, um den Lebensabend von Eltern zu sichern.

Wie es auch sei, inzwischen mehren sich die Stimmen, die mit denen von Steenbeck korrespondieren. Als Bestätigung will ich hier nur eine viel zu wenig bekannte Veröffentlichung aus dem Jahre 2014 nennen, die schon lange Zeit auf meinem Tisch liegt:
Hartmut Köppen, Tipping Point. Der Weg in eine bessere Welt. Darin werden für mich überzeugend geradezu kompendiumartig Wege aufgezeigt, die in unserer Gesellschaft gegangen werden könnten und gar müssen. Zumindest verdienen sie, dass wir uns mit ihnen auseinandersetzen.
Keine Frage, dass in diesem Buch für eine „Beendigung des exponentiellen Wachstums der Menschheit“ (S. 247) plädiert wird. Köppen zeigt auf, wie der Mensch im Laufe seiner Geschichte „die Regeln der Evolution ausgehebelt“ und das Gleichgewicht in der Natur zerstört hat und dadurch bereits ein Zustand erreicht worden ist, der es nicht mehr erlaubt, „alle Menschen nachhaltig zu versorgen. In einer begrenzten Welt ist es letztendlich nur eine Frage der Zeit, wie lange eine Grenze überschritten werden kann, bis es aufgrund von Umwelteinflüssen und Überdünung zu einer verzögerten Reaktion und einem Einbrechen der Nahrungsmittelkette kommt. Da die Menschheit danach strebt, die Sterblichkeit zu senken, bleibt nur die Möglichkeit, das Wachstum zu bremsen.“ (S. 248f.)

Wenn sich heute besonders Menschen aus Afrika auf den gefahrvollen Weg nach Europa machen, so hängt das auf jeden Fall mit dem rasanten Bevölkerungswachstum auf dem afrikanischen Kontinent, besonders südlich der Sahara zusammen. Da hilft kein Verweis auf frühere Zeiten, in dem heutige Industrieländer mit einer hohen Fertilitätsrate vor ähnlichen Problemen standen. Auch in diesem Fall hinkt der Vergleich, denn damals lockte Amerika. Im 19. Jahrhundert fanden jedes Jahr Millionen Europäer in der Neuen Welt ihr Zuhause, wie man weiß oder nicht weiß. Heute lockt kein Kontinent, kein Land mehr, die Migrationsräume sind weitgehend geschlossen. Ein gewaltiger Unterschied zur damaligen gesellschaftlichen Situation. Das Tauziehen in der EU um die Aufnahme von Flüchtlingen spricht da Bände, Trumps Mauer an der mexikanisch-amerikanischen Grenze nicht weniger.

Man muss kein Prophet sein, aber wenn in den armen Ländern mit hohem Bevölkerungszuwachs, der nicht hinreichend durch ein entsprechendes Wirtschaftswachstum abgedeckt wird, nichts passiert, was das Leben sichtbar und erlebbar verändert, werden sich immer mehr auf den Weg machen und sie werden immer neue Wege finden. Und keine nachhaltige Förderung gerade der ärmsten Länder in Sicht. Das gerade absolvierte G20-Treffen in Hamburg, das sich auch dieser Problematik grundsätzlich annehmen wollte, fand kaum einen Erfolg versprechenden Lösungsansatz. Die armen und ärmsten Ländern jedoch im Glauben zu lassen, sie hätten eine Chance, sich ohne Rückgang der Geburtenrate aus dem Elend zu befreien, ist unverantwortlich. Wirtschaftlicher und sozialer Aufstieg sind auch an eine Begrenzung des Bevölkerungswachstums gebunden.

Als wir in China waren, konnten wir die Folgen der Ein-Kind-Politik studieren und miterleben, wie schmerzlich sie im Einzelnen empfunden wurde. Eines aber steht fest: Ohne die entsprechenden Maßnahmen wäre der wirtschaftliche Aufstieg des Landes nicht möglich gewesen, wobei zu ergänzen ist, dass diese Ein-Kind-Politik aufgrund bestimmter einschränkender Maßnahmen in keiner Phase zu einem Negativ-Wachstum geführt hat, im Gegenteil: die chinesische Bevölkerung wuchs bis in die Gegenwart stetig, nur eben verlangsamt.
Oder nehmen wir Südkorea, nach dem 2. Weltkrieg ein zurückgebliebenes Land mit einer Geburtenrate auf Augenhöhe mit afrikanischen Staaten von heute. Durch gezielte Familienplanung gelang es, die hohe Fertilitätsrate zu senken und damit eine notwendige Voraussetzung zu schaffen für die erstaunliche Entwicklung des Landes.
Oder man denke an Singapur: Der Stadtstaat zählt heute 4,8 Millionen Menschen und hat sich damit in seiner Einwohnerzahl seit Anfang der 50er Jahre beinahe verfünffacht. Das Reproduktionsniveau verringerte sich in 20 Jahren von 6,4 auf 2,1 Kinder je Frau. Der Rückgang der Geburtenrate wurde vor allem durch Familienplanungsprogramme der Regierung einerseits und einer erfolgreichen Bildungspolitik andererseits erreicht. So muss man sich nicht wundern, wenn man Singapur bei den Pisa-Studien immer unter den ersten zehn Ländern findet.

Und nun noch das negative Beispiel für alle diejenigen, die noch immer der These huldigen: Die Erde hat Brot für alle. Gegenwärtig ist Nigeria mit 174 Millionen das siebtgrößte Land, für 2050 wird damit gerechnet, dass es mehr Einwohner haben wird als die USA und dies bei einer Fläche, die etwa der Größe von Deutschland und Frankreich entspricht (vgl. ZeitOnline, 29. Juli 2015: „Weltbevölkerung wächst schneller als angenommen“). Es liegt auf der Hand: Nigeria wird trotz seines Ölreichtums ein Land mit großer Armut, Bildungsarmut eingeschlossen, bleiben, wenn das Bevölkerungswachstum nicht eingedämmt wird.

Freilich, wenn es um das Heute geht, dann könnte die gegenwärtige Weltproduktion bei entsprechender Koordinierung der internationalen Landwirtschaft und gerechter Verteilung der Nahrungsgüter alle Menschen auf Erden ernähren – natürlich idealiter gedacht. (Vgl. Köppen, S. 243) Das könnte uns Hoffnung geben, wären da nicht die 795 Millionen Menschen, die heute Hunger leiden müssen.

Ein Mirakel nach fast 30 Jahren

2017 3. Juni
von Astrid Zeven

Erinnern Sie sich, worauf sich dieser Bericht bezieht?
Ja richtig, auf die in diesem Blog angekündigte Lesung von der Autorin Zeven
 

Es war schon ein eigenartiges Gefühl: Vertraut und zugleich fremd. Vertraut, da  junge, ausländische Studenten mit erwartungsvollen Augen mein Publikum waren.

Fremd, weil  sich fast 30 Jahre, die seit meiner Tätigkeit am alten Herder-Institut vergangen sind, nicht einfach ignorieren lassen.

Ich kam nicht mit leeren Händen – unter dem Arm mein Erstling „Die Mitläuferin – Ein Leben in zwei Deutschländern“.

Organisiert hatte die Lesung in der Lumumbastr 4 am 18.05.2017 ein Geschichtslehrer des heutigen Studienkollegs Sachsen der Universität Leipzig.

Anwesend waren ca. 60 ausländische Studenten und rund  20 deutsche Gäste.

Die Lesung dauerte 40 Minuten und  war, wie mir bestätigt wurde,  lebendig, gut strukturiert  und für ausländische Studenten verständlich vorgetragen.

Interessante Fragen gab es eine Menge in den sich anschließenden 50 Minuten, z.B. über die Spezifik einer Meinungsfreiheit in der DDR,  reale Lebensumstände , aber auch über Ost-West Verhältnisse (so z.B. Vorbehalte zwischen Ost und West). Auch über  die Besonderheiten eines Lehrauftrags am Goethe-Institut wurden Fragen gestellt sowie über  das  Schulsystem in der DDR (z.B. Abitur mit Berufsausbildung). Herausgehoben war die Veranstaltung durch das hohe Maß an Sachlichkeit und Neugier.

So war es interessant, dass weder die „Stasikeule“ geschwungen  noch der „Unrechtsstaat DDR“ beschworen wurde. Das interessiert offenbar  wohl  nur die Deutschen,  im besonderen Maße – jene, welche als Indikatoren des Zeitgeistes gelten.

Die dezidierte Frage eines Mitarbeiters des Studienkollegs nach dem Titel „Mitläuferin“,  als auch der von Martin Löschmann in seinem letzten Kommentar zitierte Fischborn („Ich komme nicht vor….“) war Anlass, mich noch einmal mit dem Begriff „Mitläufer“ zu beschäftigen. Dabei fiel mir „Die Schuld der Mitläufer“ von Roman Grafe in die Hände, wo genau den von Fischborn zitierten Menschen suggeriert wird, sie hätten sich alle  schuldig gemacht, dass die DDR 40 Jahre existieren konnte. Als hätte es nie die Frage „Wie weiter mit Deutschland?“ nach dem Faschismus gegeben.                      

Dem lässt sich ein Satz von Martin Buber entgegensetzen, der 1953 gesagt hat: „Mein der Schwäche des Menschen kundiges Herz  weigert sich, meinen Nächsten zu verdammen, weil er es nicht über sich vermocht hat, Märtyrer  zu werden“.

Wenn man von gewissen technischen  Schwierigkeiten absieht, sicher  eine gelungene Veranstaltung, für die man den Initiatoren nur danken kann.

 

In fünfzig Jahren werden die Archäologen nach uns graben

2017 22. Mai
von Martin Löschmann

Schon seit Wochen, ja Monaten liegt das autobiografische Werk von Gottfried Fischborn „Vorkommen. Vor kommen. Ein Jahr Lebenszeit“, erschienen im Schkeuditzer Buchverlag, 2016, auf meinem Schreibtisch. Ausgelesen, mit Gewinn gelesen, erlesene Erinnerungen und Sprache. Reflexionen zu Politik, Zeitgeschehen, Kunst, Literatur, die eigene Erinnerungsschübe bewirken, die belebend sind und zur weiterführenden Denkarbeit anregen. Es gäbe viele produktive Anknüpfungspunkte, letztlich blieb für den Blog gewissermaßen die Einleitung übrig, die das Erinnerungsbuch auf den Punkt bringt, der auch einen Großteil der Blogtexte in eine bewegende Perspektive führt.

Fischborn (geb. 1936, also ein Jahr jünger als der Schreiber/Blogbetreiber) war Theaterwissenschaftler an der Leipziger Theaterhochschule „Hans Otto“, an der mein Schwiegervater, Prof. Dr. Armin-Gerd Kuckhoff, von 1961 bis 1969 Rektor war. Er spielt in Fischborns Erinnerungen allerdings kaum eine Rolle.
Wie dem auch sei, hier kommt der aus meiner Sicht relevante Auszug, der auch auf der Rückseite des Bandes nur leicht verändert nachzulesen wäre. Der zitierte Text findet sich unter dem Datum: 20. Mai 2014

Vorkommen. Vor kommen „Ich komme nicht vor. Ich finde mich nirgendwo wieder“. So die Aussage einer engen Freundin. Sie meint: Unseresgleichen erkennt sich nirgendwo in der Literatur, im Film, in allen Fernseh-Dokumentationen und Talkshows, in den Zeitungen, im öffentlichen Diskurs insgesamt. Wir, unseresgleichen: Das ist eine große, mit Sicherheit ins Millionenfache gehende Zahl ehemaliger DDR-Bewohner der heute mittleren und älteren Generationen, Menschen, die das Land aus Überzeugung mit auf- und ausgebaut haben, die sich der sozialistischen Idee verpflichtet fühlten (und zumeist noch heute verpflichtet fühlen) und lange daran glaubten, zumindest „im Prinzip“ werde sie in der DDR verwirklicht. Die versuchten, trotzdem keine Dogmatiker zu sein, vielmehr – in der Regel trotz zunehmender Irritationen und Zweifel – sich als kritische Patrioten zu verstehen, die auch die unkritisch-hemmungslose Hingabe ihrer Jugendjahre hinterfragten. Gregor Gysi oder Lothar Bisky, Hans Modrow oder Markus Wolf, Christa Wolf, Heiner Müller und Volker Braun, Werner Tübke und Bernhard Heisig, Frank Beyer und Konrad Wolf, Werner Mittenzwei und Rudolf Münz waren und wurden solche kritische Patrioten auf der politischen und kulturellen „Königsebene“, doch es gab sie in allen Schichten. Wirklich, wir finden uns nicht wieder so, wie wir dachten und fühlten und heute denken und fühlen, da wir viel dazugelernt und das Urteil der Geschichte gründlich bedacht und dann auch angenommen haben.
„in fünfzig jahren werden die archäologen nach uns graben‘, schrieb Volker Braun am 26. September 2007 in sein Arbeitsbuch.

Noch einmal: Die Mitläuferin

2017 7. Mai
von Martin Löschmann

Wie der geneigte Leser und die geneigte Leserin wissen, wurde der autobiografische Roman „Die Mitläuferin“ in diesem Blog besprochen, weil darin das Herder-Institut eine Rolle spielt. Vgl. http://herderblog.net/2016/02/02/die-mitlaeuferin/

Wie aus unterrichteten Kreisen bekannt wurde, wird Frau Astrid Zeven als ehemalige Dozentin des Herder-Instituts Leipzig am

* 18. Mai 2017 am Studienkolleg Sachsen der Universität Leipzig, Lumumbastr. 4, 14.00 Uhr bis 15.30 Uhr

eine Lesung zu diesem autobiografischen Roman „Die Mitläuferin – Ein Leben in zwei Deutschländern“ durchführen.

Die Lesung, obwohl ursprünglich für Studierende und Lehrende gedacht, ist aber beileibe keine geschlossene Veranstaltung, sondern Interessenten ans Nah und Fern, ob jung oder alt, Mann oder Frau, erst recht diesen Blog Lesende, sind herzlich eingeladen.

Es kann hier verraten werden, dass die Autorin auf jeden Fall Passagen über ihre Leipziger
Zeit vortragen wird. Bekanntlich (wer die Rezension gelesen hat!) war ja Astrid Zeven viele Jahre als Deutschdozentin des Herder-Instituts tätig und hat ihre Erlebnisse und Erfahrungen in der DDR verarbeitet, die letztlich dazu führten, dass sie 1989 flüchtete und im ‚Westen‘ ankam.

Man darf ganz gewiss gespannt sein und der Ankündiger dieser Lesung verhehlt nicht den Hintergedanken, dass er sich über Stimmen, Berichte, Stimmungsbilder, Kritiken … freuen würde. Und sei es: Just for fun.

Ein weiterer Beitrag zum Ungeist beim Umgang mit DDR- Intellektuellen

2017 16. April
von Martin Löschmann

Man muss kein Prophet sein, wenn man verkündet, das zum Himmel schreiende Unrecht, das vielen Intellektuellen an Akademien, Hochschulen und Universitäten der DDR angetan wurde, wird lange noch nicht aus dem Rand des gesellschaftlichen Diskurses in der Bundesrepublik verschwinden. So schreibt der Historiker Götz Aly in der Berliner Zeitung vom 30. März 2017: Wie „DDR-Universitäten, von westdeutschen Beutemachern heimgesucht wurden, darunter viele emsig netzwerkende Trantüten, die dort ihre letzte Karrieregelegenheit witterten.“

So war ich nicht überrascht, als mich ein guter Freund über eine Rezension im Neuen Deutschland zu Joachim Jahns: Die Kirschs oder Die Sicht der Dinge. Dingsda-Verlag (225 S., 24,90 Euro) aufmerksam machte. Es findet sich auch eine Besprechung in der Jungen Welt (März 2017). War ich also auch nicht sonderlich überrascht, so hat mich das Buch doch insofern sehr betroffen, als darin das Schicksal des Ehemanns einer von mir erfolgreich betreuten Promovendin nachgezeichnet wird, nämlich das des Professors für Latinistik und Direktors der Sektion Orient- und Altertumswissenschaften der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Dr. habil. Wolfgang Kirsch.

Ich kann mich noch gut an unsere letzte Begegnung anlässlich der Beerdigung seiner Frau, Dr. Erika Kirsch, wenige Jahre nach der Wende erinnern. Man kann, so man will, die Passage über die Begegnung in meinen Memoiren Unerhörte Erinnerungen eines Sonstigen nachlesen. Unfassbar für ihn der Tod seiner Frau, doch selbst an einem solchen Trauertag konnte er das nachwendische Geschehen nicht ausblenden, das für ihn durch seine missliche Evaluierung über eine der berüchtigten Personalkommissionen, die Infragestellung seiner Person, seiner Professur, seines Amtes zerstörerisch bestimmt worden war. Er konnte es einfach nicht fassen, dass man seine Integrität derart beleidigte. Man war nicht davor zurückgeschreckt, ihn als „Offizier der Stasi“ zu verdächtigen, streute vorsätzlich entsprechende Gerüchte an passender und unpassender Stelle aus. Ich halte es nicht für übertrieben, wenn seine zweite Frau Gertraude Clemenz-Kirsch, Picasso-Forscherin und Leiterin der inzwischen geschlossenen Saalkreis-Bücherei, schreibt, er habe noch auf dem Totenbett „von diesen für ihn so schlimmen Vorgängen phantasiert.“ Sie war es auch, die 2011 an den Autor und Verleger Jahns herantrat mit der Bitte, über ihren ein Jahr vorher verstorbenen Mann (72), den international und auch in der BRD anerkannten Altphilologen Wolfgang Kirsch, zu schreiben, um die Vertreibung aus Amt und Würden ans öffentliche Licht zu bringen. Erforderliche Aufzeichnungen und Dokumente, besonders über seine Entlassung aus dem Hochschuldienst, vom Verstorbenen mit der Überschrift Evaluierung versehen, stellte sie dem Verfasser zur Verfügung. Der Brief an Jahns ist in dem Buch gewissermaßen als Einleitung abgedruckt.

Auch wenn sich die Verleumdungskampagnen, die rechtsstaatlich mehr als fragwürdigen Evaluierungsprozesse, die Machenschaften ostdeutscher Helfershelfer mit individuellem Gesicht vollzogen, kommt ein Selbstbetroffener nicht umhin, allgemeingültige Strukturen zu erkennen, die die Vertreibung der DDR-Elite offensichtlich kennzeichnen: Bestellung von Evaluierungskommissionen, die im Westen undemokratisch zusammengestellt wurden. Um ihre Legitimation zu erhöhen, werden Hel-fershelfer aus der DDR integriert, denen angeblich Unrecht geschehen ist. Nicht, dass es solche Benachteiligten nicht gegeben hätte, doch nur zu oft schoben sich Leute in den Vordergrund, die es verstanden, Hochschulkräfte zu diffamieren und sich selbst über solche Schmutzarbeit in gewünschte Positionen zu rücken. Sie werden im Buch mit Namen und Adresse genannt und es wird aufgezeigt, wie sie ihre Biografien zurechtbogen. So behauptete ein Mehlig, er habe in der DDR 10 Jahre nicht publizieren dürfen. Jahns kann jedoch problemlos nachweisen, dass eben dieser Mehlig in dieser Zeit gar wohl publiziert hatte, beispielsweise in der universitätseigenen Zeitschrift. Seine frühere SED-Mitgliedschaft verschwieg die intrigante Person geflissentlich. Im herderblog.net sind derartige Vorteilsnehmer auch benannt und charakterisiert. Solche und andere Leute mögen das Mitglied der Evaluierungskommission des Wissenschaftsrates Manfred Fuhrman bewogen haben, in der Frankfurter All-gemeine zu schreiben: „Im Westen glaubt man manchmal mehr zu wissen als den unmittelbar Beteiligten bekannt ist.“
Wenn man nicht selbst bundesrepublikanische Schlamperei schwarz auf weiß dokumentiert hätte, würde man womöglich gar nicht glauben, dass in Kirschs Abberufungsurkunde vom 16. Oktober 92 seine Professur nicht einmal korrekt bezeichnet ist. Er, der noch ein Jahr vorher vom Bildungsminister Sachsen-Anhalts ein Dankesschreiben für konzeptionelle Erneuerungen des Lateinunterrichts erhalten hatte, musste von einem Tag zum anderen gehen. Mir bescheinigte der DAAD vor meiner Entlassung gelungene Projektarbeit.

Zwei 2 Jahre nach dem Rauswurf wurde Prof. Kirsch im Dienstzeugnis eine „internationale Anerkennung“ attestiert, auch, dass er sich „in außerordentlichem Maße für Belange des Instituts eingesetzt“ habe.“
Wie in meinem Fall gab es im Umkreis von Wolfgang Kirsch Solidaritätsbekundigungen aus dem Westen. Bei mir war es z.B. Prof. Hans-Eberhard Piepho, hier wird u.a. der bekannte Tacitus-Forscher Reinhard Häußler von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf genannt.

Es ist nachvollziehbar, dass der Autor den Kreis um Wolfgang Kirsch weiter zieht und andere Familienmitglieder einbezieht. Das sind einmal der Bruder, der Dichter Rainer Kirsch und dessen Frau, die Lyrikerin Sarah Kirsch. Sicherlich können solche berühmten Namen das Leseinteresse erhöhen, aber so recht stimmig ist das letztlich im gegebenen Zusammenhang nicht, weil die Verbindungsglieder wie existenzielle Zuspitzungen und Brüche, Berufsverbote, oppositionelles Verhalten nicht ausreichen, die Arbeit zusammenzuhalten.

Sosehr man das Verdienst des Verfassers der sachorientierten biografischen Dokumentation würdigen muss, sowenig kann ich verhehlen, dass ich mir wünschte, Wolfgang hätte sich selbst der subjektiven Authentizität wegen aufgerafft, die schmerzlich durcherlebten Vertreibungsvorgänge aufzuschreiben. Offensichtlich hatte die existenzielle Krise, in die ihn die Verleumdungskampagne stürzte, seine Kraft derart aufgezehrt, so dass ihm die Energie fehlte, sich durch Schreiben von dem erlittenen Trauma zu befreien. Einfach zu viel für einen, der sich in der DDR um die Pflege der Altertumswissenschaft, um den Fortbestand seines Fache bemüht hatte. Seine erschütternde Enttäuschung von unterlegenen Gegenspielern ließ ihn den Weg des Rückzugs wählen und nicht z.B. das Arbeitsgericht anrufen.

Diese persönliche Einschätzung soll auf keinen Fall die Bedeutung die akribische Arbeit des Autors herunterspielen. Zum einen sind die unrechtmäßigen Vertreibungen ostdeutscher Intellektuellen viel zu wenig bekannt, und zum anderen verlangen die entsprechenden ‚Vorkommnisse‘ eine wissenschaftliche Aufarbeitung, wozu solche biografisch bestimmten Arbeiten eine unabdingbare Quellenbasis bilden.
Überdies muss man neidlos anerkennen, dass Jahns gründlich recherchiertes Werk etwas bewirkt hat: Prof. Dr. habil. Wolfgang Kirsch ist rehabilitiert: Sein Porträt-Foto ist in die sogenannte Ahnengalerie der Martin-Luther-Universität aufgenommen worden. Leider erst nach seinem Tod – aber immerhin.

Vergleiche, die zum Himmel stinken II

2017 13. April
von Martin Löschmann

Ja, die Überschrift gibt es bereits in diesem Blog und muss doch noch einmal herhalten für einen aktuellen verantwortungs-, respekt- und würdelosen Vergleich. Im ersten Beitrag zu stinkenden Nazivergleichen – einem Neologismus der 80er Jahre – ging es um Hillary Clintons Gleichsetzung von Hitler mit Putin in einer ihrer Wahlreden. Mein Fazit dort: Kein Aufschrei der westlichen Welt, ist ja nur Putin, mit dem man es machen kann. Keinen Respekt vor einem Land und seinem Repräsentanten, obwohl es ganz wesentlich dazu beitragen hat, das Nazi-Regime unter Millionen von Opfern zu zerschlagen. Welch ein Zynismus der mit Recht untergegangenen Wahlkämpferin! Zu welchem Preis ist natürlich eine ganz andere Frage.
Nun kommt der Erdogan daher und übersät Deutschland mit eben solchen Vergleichen, die nicht weniger zum Himmel stinken. Mit Recht wehrt sich die sogenannte westliche Welt gegen seine Nazi-Vergleiche, seien sie auf Deutschland oder Holland bezogen. Fraglos, Erdogan betreibt mit seinen Nazivorwürfen ein schmutziges würdeloses Geschäft. Extrem, äußerst extrem, was sich dieser türkische Präsident – sich selbst entlarvend – erlaubt. Da gibt es kein Wenn und Aber, das darf man einfach nicht hinnehmen.
Offensichtlich ist das auch die Meinung des F.A.Z. Artikels vom 7. März 2017 „Erdogans Nazi-Vergleich ‚absurd‘ und ‚deplatziert‘“. Ich gestehe, dass ich selten die Frankfurter Allgemeine lese. Aber am 22. 03. 2017 stoße ich mehr oder weniger zufällig auf eine Leserzuschrift von Hans-Jürgen Georgi, Berlin: „In den Spiegel schauen“, in dem er – offensichtlich eine generelle Einordnung derartiger Vergleiche vermissend – schreibt: „Es hat viel Heuchlerisches, wenn sich unisono die deutschen Politiker und die ganze Presse darüber erregen, dass der türkische Präsident das adaptiert, was in Deutschland tagtäglich passiert: die politisch Unliebsamen als Nazis zu bezeichnen.“
Diese Leserzuschrift wurde mir erneut zum Schreibanlass in dieser Sache, spät, aber sicherlich nicht zu spät, denn man kann getrost davon ausgehen, dass diese Vergleiche in absehbarer Zeit nicht aufhören werden. Sie sind über die Jahrzehnte einfach in der Politik, aber auch in vorwiegend rechts orientierte historische Betrachtungen gekommen und derart eingeschliffen, dass, wenn womöglich nichts mehr zieht, zu dieser scheinbar probaten Keule gegriffen wird, um den politischen Gegner zu diffamieren. Nazivergleich schaffen immer Aufmerksamkeit, ganz gleich, wo immer die Nazi-Karte gespielt wird.
Neo-Nazis, die sich zum faschistischen System bekennen, müssen selbstverständlich als solche bezeichnet und bekämpft werden. Das versteht sich.

Meine Güte, wie oft habe ich nicht von bundesrepublikanischen Größen beleidigende Nazi-Vergleiche in Bezug auf die DDR lesen müssen. Im Kalten Krieg war die Gleichsetzungen des „real-existierenden Sozialismus“ mit dem NS-Staat ein weit verbreitetes antikommunistisches Propagandamittel der politischen Rechten in der westlichen Welt, gewissermaßen ein entscheidendes Totschlagargument gegen die DDR. Umgekehrt scheute sich die DDR nicht, sich gegenüber der Bundesrepublik dieser propagandistischen Keule ebenfalls zu bedienen. Man müsse sich gegen den Faschismus durch eine Mauer schützen und einen antifaschistischen Wall errichten. Was für eine plumpe Verdrehung der wahren Gründe. Ich gebe zu, dieser unseligen DDR-Propaganda erst kurz vor der Wende öffentlich energisch entgegengetreten zu sein, obwohl ich seit meiner Oberschulzeit vehement gegen derartige Vergleiche, in welcher Form sie sich auch zeigten, aufgetreten bin. Mein Antrieb dabei: Man darf dieses verbrecherische System der Nazis nicht relativieren und damit enthistorisieren, ihm das Merkmal des verbrecherisch Einmaligen nehmen. Deshalb hilft es überhaupt nicht weiter, wenn man sich durch Erdogan provozieren lässt, ihn nunmehr selbst mit Hitler und seinem Ermächtigungsgesetz in Verbindung bringt.
Überdies weisen Erdogans abwegige abstruse Schmähungen auf eine Gefahr der Gewöhnung an solche Nazi-Vergleiche hin – nach dem Motto: Man gewöhnt sich an allem, auch an den Dativ. Was dieser erste Mann der Türkei von sich gibt, ist so abwegig, dass es wirkungslos bleibt. Muss uns also nicht sonderlich interessieren. Doch es wäre verheerend, wenn dergestalt die Misse-, Schand-, Gräueltaten, die Verbrechen der Nazis obendrein noch verharmlost würden.